Heute in den Feuilletons "Abend in Erhabenheit und Würde"

Die Kritik ist soweit beeindruckt von Stefan Herheims Bayreuther Parsifal-Inszenierung. Andrea Breths Salzburger Dostojewski-Inszenierung löst dagegen widersprüchliche Reaktionen aus. Die "taz" setzt sich weiter mit 1968 und den Folgen auseinander.


Berliner Zeitung, 28.07.2008

Wolfgang Fuhrmann ist beeindruckt von Stefan Herheims Bayreuther "Parsifal"-Inszenierung, die die Geschichte der Festspiele gewissermaßen mit ins Spiel bringt: "Die Villa Wahnfried, Wagners Wohnstatt, ist auf der Bühne zu sehen, die efeuumrankte Grabplatte des deutschen Meisters liegt über dem Souffleurkasten, darunter wird der Gral gefunden." Aber hier lauert auch Gefahr, meint Fuhrmann: "Schon in Katharina Wagners 'Meistersinger'-Inszenierung vom Vorjahr wurde das Bayreuther Publikum dargestellt. Nun auch bei Herheim. Landen die Bayreuther Festspiele jetzt in der Reform- und Reflexionsfalle? Werden sie ihres eigentlichen Gegenstands nur noch in der Selbstbespiegelung habhaft?"

Aus den Blogs, 28.07.2008

Vor knapp einer Woche hat das Tabloid National Enquirer um 2.40 Uhr morgens den verheirateten demokratischen Senator - und möglichen Kandidaten für die Vizepräsidentschaft - John Edwards durch eine Tiefgarage eines Hotels gejagt, in dem er seine mutmaßliche Geliebte und ihr gemeinsames Kind besucht hatte. Edwards stritt die Beziehung wenig später ab: "Die Geschichte ist falsch, vollkommen unwahr und albern." Keine der großen Tageszeitungen, nicht die Washington Post, nicht die New York Times, berichteten über diese Affäre, weil, wie Post-Kolumnistin Roxanne Roberts bekannte: "Ich brauche mehr Informationen, bevor ich ein Urteil fälle." Gawkers Ryan Tate findet das absurd: "Urteile fällen ist das letzte, was ein Reporter tun sollte. Aber wenn eine Geschichte plötzlich interessant wird, weil sie etwa mit einem Tabu über sexuelle Untreue bricht oder mit dem Tabu bricht, dass man die Regierung in Kriegszeiten nicht kritisieren darf (um mal ein ganz anderes Beispiel aufzugreifen), braucht man plötzlich eine moralische Rechtfertigung für die Publikation. Zeitungen wie die Times oder die Post kontrollieren immer noch, welche Informationen wir, die isolierte, kindliche, lesende Öffentlichkeit vorgesetzt bekommen! ... Über Edwards Ehe darf man in diesem verschwurbelten Kalkül von Medienrelevanz berichten, denn Edwards hat seine Ehefrau agressiv im Dienst seiner Kampagne eingesetzt. Tatsächlich ist die Berichterstattung über den Skandal ein moralischer Imperativ, denn ähnliche Skandale von Republikanern waren in der Vergangenheit Aufmacher in der Presse. Sehen Sie, wie glitschig die Dinge werden, wenn Nachrichtenredakteure versuchen, Neuigkeiten moralisch zu bewerten?"

Auch andere haben diese Zurückhaltung der Printmedien kritisiert. Mehr bei Portfolio.

Neue Zürcher Zeitung, 28.07.2008

Euphorisch berichtet Barbara Villiger Heilig von Andrea Breths "Verbrechen und Strafe"-Inszenierung bei den Festspielen in Salzburg: "Mit Dostojewski kommt die Theaterregisseurin nach schwerer psychischer Erkrankung in voller Wucht und spröder Größe auf die Schauspielbühne zurück. Und es ist, als vibrierte die Krankheit in dem epischen Stoff nach, der sich während fünf Stunden, durch zwei Pausen geteilt, als Triptychon entfaltet. Nach dem ersten Teil taumelt man gebeutelt, nach dem zweiten etwas gelangweilt an die frische Luft vor dem Salzburger Landestheater; doch im dritten Teil weicht die Ratlosigkeit wachsender Spannung: Die Aufführung gerinnt zur Einheit, deren drei Blöcke sich retrospektiv zum metaphysischen Thriller fügen."

Der Philosoph Carlos Fraenkel denkt in einem Beitrag darüber nach, warum in Indonesien, dem Land mit der zahlenstärksten muslimischen Bevölkerung, der Islam nicht Staatsreligion ist: "Demnach muss man als indonesischer Staatsbürger kein Muslim sein, Monotheist allerdings schon. Zugleich interpretieren viele indonesische Muslime diesen Grundsatz als Minimaldefinition des Islams. In diesem Sinn sind dann alle Indonesier Muslime. Das ist weniger Paternalismus als vielmehr ein eindrucksvoller Versuch, das Bekenntnis zum Islam mit religiösem Pluralismus zu vereinbaren, und zeugt von hermeneutischer Flexibilität sowie Friedensliebe."

Marianne Zelger-Vogt befindet nach Stefan Herheims "Parsifal"-Inszinierung in Bayreuth, dass Wolfgang Wagner wieder einmal sein Entdeckertalent bewiesen habe. Kristina Bergmann erinnert an den ägyptischen Filmregisseurs Yussef Chahine, der am Sonntag im Alter von 82 Jahren verstorben ist. Stefan Hentz würdigt den ebenfalls verstorbenen Jazzsaxofonisten Johnny Griffin.

Besprochen werden die Aufführung von Ernst Kreneks Oper "Karl V." bei den Bregenzer Festspielen sowie das Buch von Nasr Hamid Abu Zaid und Hilal Sezgin "Mohammed und die Zeichen Gottes" (mehr ab 14 Uhr in der Bücherschau).

Die Welt, 28.07.2008

Als "großartig verspielt, gleichwohl unbequem" hat Manuel Brug Stefan Herheims "Parsifal" in Bayreuth erlebt: "Stefan Herheim entfesselt zunächst einen altmodisch anspielungsreichen, nie stillstehenden, barock anmutenden Bilderzauber der Wandlung und Anverwandlung, wie man ihn heute nur noch selten auf den ach so kargen deutschen Trashbühnen zu sehen bekommt. Der sich in den Folgeakten mehr und mehr entschleunigt, sich auf die Hauptpersonen einlässt und konzentriert, ja fast zum Stillstand kommt; so wie der Bayreuth-Debütant Daniele Gatti. Der italienische Maestro sucht die Langsamkeit neu zu entdecken, bei einer Stunde und 56 Minuten erst kommt sein Auftaktakt zum Ende. Das hat wunderschöne, stark strahlende Momente, aber auch gar nicht himmlische Längen."

Weiteres: In Salzburg sah Matthias Heine Dostojewskis "Verbrechen und Strafe" in der Version von Andrea Breth als verdunkeltes Mysterienspiel mit leichtem Hang zum "orthodoxen Sakralkitsch". Rainer Haubrich katalpultiert uns in der Randspalte ins Zeitalter des Public Listenings. Thomas Lindemann war beim Jazzfestival in Wolfsburg mit Liza Minelli und Herbie Hancock. Christina Bylow schreibt den Nachruf auf den ägyptischen Regisseur Youssef Chahine. Jens Anker unterhält sich mit dem Anwalt Ferdinand von Schirach, der die Attacke auf den Wachs-Hitler als Reaktion auf das Schwinden von NS-Tabus interpretiert: "Der Attentäter heilt den Frevel, indem er Hitler den Kopf abreißt."

Auf der DVD-Seite kann Manuel Brug wärmstens eine DVD-Box mit Filmen empfehlen, die Hollywood 1934 wegen Anrüchigkeit aus dem Repertoire verbannte.

Die Tageszeitung, 28.07.2008

Gabriele Goettle lässt sich von Dorothea Ridders Ehemann, einem ehemaligen RAF-Mitglied, erzählen, wie er seine Frau kennenlernte und heiratete: "Also ich hatte den Anzug an und sie irgendwas Indisches. Ich habe sogar ein Foto. Und vorher haben wir auch noch, in letzter Sekunde, mit einem Notar eine Regelung getroffen wegen Gütertrennung. Sie war ja praktizierende Ärztin, also das war schon besser so. Und anschließend gab es eine Feier mit Kaffee und Kuchen und Kinkerlitzchen, alles von Hubert organisiert. In seinem Pfarrbüro im Knast. Zu der Zeit war ich 38, hatte 13 Jahre abgesessen und vielleicht noch weitere 12 bis 15 Jahre vor mir. Das wusste ja kein Mensch. Dass es dann anders kam, war für uns ganz überraschend."

Weiteres: Leonard Cohen gab ein Konzert in Lörrach, Rene Zipperlein "erlebte einen Abend in Erhabenheit und Würde". Bert Rebhandl schreibt zum Tod des ägyptischen Filmregisseurs Youssef Chahine. In tazzwei wundert sich Kirsten Reinhardt über die "auffallend kleinen Dinger" von griechischen Göttern und Hulk.

Schließlich Tom.

Frankfurter Rundschau, 28.07.2008

Restlos begeistert ist Hans-Jürgen Linke von Stefan Herheims "brillant intelligenten" Bayreuther "Parsifal": "Am Ende besetzt die SS die Welt, der Zweite Weltkrieg beginnt wie eine Götterdämmerung. Aber die Geschichte beginnt in Trümmern wieder von vorn, die verlassene Gralsburg ist diesmal der Bundestag, endlich könnte eine Erlösung gelingen. Und damit niemand auf die Idee kommt, dass Parsifal allein es schon richten wird, lässt Herheim einen riesigen Spiegel über der Bühne aufgehen, der dem Publikum das Subjekt und Objekt der Erlösung zeigt. Die Frage, warum Bayreuth schon wieder einen neuen "Parsifal" brauchte, beantwortet diese Inszenierung sehr überzeugend aus sich selbst."

Sehr viel müden Weltekel hat Peter Michalzik in Andrea Breths Salzburger Dostojewski-Inszenierung von "Verbrechen und Strafe" über sich ergehen lassen müssen: "Vor allem mit dem Schauspieler Jens Harzer, der diesen Raskolnikow spielt, erzählt Breth von dem müden Ekel. Da ist kein Fieber, kein Dostojewskij-Wahn. Harzer sitzt oder steht in sich gekrümmt, Hände in den Taschen, erschlafft bis zur Selbstauflösung."

Auf der Medienseite berichtet Daniel Bouhs, wie Peking nach einem kritischen Bericht zum Doping chinesischer Sportler gegen die ARD wettert.

Besprochen werden Paul Simons Konzert in der Mainzer Zitadelle, Wolfgang Hilbigs gesammelte Gedichte und die Erzählung "Der große Ausbruch aus Folsom Prison" des Gewohnheitsverbrechers Jack Black (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.07.2008

Recht zufrieden berichtet Julia Spinola von der Bayreuther "Parsifal"-Premiere in der Regie Stefan Herheims, an deren Ende - entgegen den Gewohnheiten bei diesem Bühnenweihfestspiel in Bayreuth - offensichtlich sogar applaudiert wurde. Eleonore Büning äußerte sich in der Sonntags-FAZ ein bisschen geheimnisvoller: "Und nun dies: ein 'Parsifal', der die Zustimmung aller, der Jung- und der Altwagnerianer auf sich zieht schon beim ersten Mal. Sehr verdächtig! Der kein einziges Buh provoziert bei der Premiere, zu Recht. Der witzig und schlüssig drei Geschichten gleichzeitig erzählt, ohne auch nur einmal den Faden zu verlieren. Der dabei dicht an der Partitur bleibt und keine Sekunde schulmeistert oder langweilt. Legt man aber am Ende all diese Fäden zusammen, dann kann daraus der Strick gedreht werden, an dem das Unternehmen Bayreuth sich vielleicht eines Tages selbst aufhängt."

Weitere Artikel: Dirk Schümer kommentiert den Umstand, dass die Lega Nord ihre im Mittelalter spielenden Gründungslegenden ausgerechnet in Rumänien verfilmt, von wo doch die bösen Roma kommen. Lorenz Jäger ist zwar ganz einverstanden damit, dass die Behandlung des Nationalsozialismnus im bayrischen Schulunterricht auf sieben Stunden in der Oberstufe begenzt, nicht aber damit, dass die unmittelbare Vorgeschichte nur in Perspektive auf das Kommende durchgenommen wird, also Versailles zum Beispiel nur als "Diffamierungsparole". Peter Kemper schreibt zum Tod des Jazz- und Bluessaxofonisten Johnny Griffin. Franzsika Seng studiert einen unbekannten Text und ein wieder aufgefundenes Foto aus Brechts Jugendzeit. Andreas Kilb schreibt zum Tod des ägyptischen Regisseurs Youssef Chahine. Jürg Altwegg liest französische Zeitschriften. Eduard Beaucamp gratuliert dem Kunstkritiker Robert Hughes zum Siebzigsten.

Auf der Medienseite berichtet Michael Hanfeld, dass der Gesundheitsonkel der Morgenmagazine, Hademar Bankhofer, bestreitet, Schleichwerbung für "Klosterfrau Melissengeist" oder andere Produkte gemacht zu haben. Hanfeld kommentiert auch den Geschäftsführerwechsel beim Spiegel.

Auf der letzten Seite stellt Andrea Jeska ein Projekt am Hamburger Ernst-Deutsch-Theater vor, das Jung und Alt gemeinsam auf die Bühne bringt. Jürg Altwegg porträtiert den französischen Karikaturisten Sine, der jetzt wegen eines angeblich antisemitischen Satzes über den Sohn von Sarkozy gefeuert wurde. Und Kerstin Holm berichtet dass die "unsrige" Putinistenjugend sich jetzt der Frage zuwendet, ob und wie die Russen wissenschaftliche Innovationskraft erlangen könnten.

Besprochen werden eine Dramatisierung von Dostojewskis "Verbrechen und Strafe" unter Andrea Breth in Salzburg, ein Konzert Leonard Cohens in Lörrach und Sachbücher, darunter ein Band mit philosophischen Texten des Reporters Ryszard Kapuscinski.

Süddeutsche Zeitung, 28.07.2008

Beeindruckt, aber nicht überzeugt kommt Christopher Schmidt aus Andrea Breths Salzburger Inszenierung von Dostojewskis "Verbrechen und Strafe": "Andrea Breth entrümpelt den Stoff, indem sie das überdeterminierte Motivgeflecht wegschneidet. Sie nimmt das Verbrechen als Setzung, als acte gratuit, um sich ganz auf die Subjektivität des Schmerzes zu konzentrieren. Das ist nachvollziehbar, aber hat zur Folge, dass ihre Inszenierung sich über die glänzend geführte Handlungslogik dieser philosophisch überhöhten Kriminalgeschichte hinwegsetzt. Ohne dieses tragende Gerüst zerfällt der Abend wie ein entkernter Altbau in lauter Spolien, surreale Bilder ohne Zusammenhang, die in ihrer morbiden Opulenz anmuten, als habe die Regisseurin die Lesefrüchte einer sehr privaten Lektüre in Aspik eingelegt."

Die Sänger werden in Stefan Herheimers Bayreuther "Parsifal"-Inszenierung ziemlich allein gelassen, findet Reinhard J. Brembeck. Dirigent Daniele Gatti - "einer der langsamsten 'Parsifal'-Dirigenten, die es in Bayreuth je gegeben hat" - interessiert sich nur fürs Orchester, und der Regisseur nur fürs Bühnenbild: "Vielleicht haben diese Vernachlässigung und die Übermacht der Bilder die Sänger so eingeschüchtert, dass kaum einer sich gegen die Bühne singend zu profilieren sucht. Fast immer wirkt er in der Erscheinung prägnanter als in seinem Gesang, der sich zudem gern in den Bühnenbildwänden verliert."

Weitere Artikel: Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, erläutert auf einer ganzen Seite Sinn und Zweck - oder besser "Vision" - des Humboldt-Forums in Berlin: "Das Humboldt-Forum wird das Centre Pompidou des 21. Jahrhunderts und zugleich mehr als das." Lars Weisbrod schickt Nachrichten aus dem Netz. Der Politikwissenschaftler Steffen Hagemann warnt vor einem "Milieu gewaltbereiter Siedler" in Israel. Fritz Göttler schreibt zum Tod des ägyptischen Filmemachers Youssef Chahine.

Besprochen werden eine Ausstellung von Richard Avedons Porträtfotografien in der Pariser Galerie nationale du Jeu de Paume, DVDs von Hitchcock und Bergmann, Christoph Marthalers "Tristan und Isolde" bei den Bayreuther Festspielen und Bücher, darunter Mariusz Szczygiels Reportagen aus "Gottland" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).



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