Heute in den Feuilletons "Auf die Knie, Europäer!"

Braucht Europa eine Trikolore, fragt die "SZ". Ein Gespenst geht um in Frankreich, weiß die "FR": le plombier polonais. In der "FAZ" rümpft Viktor Jerofejew die Nase nach dem französischen Furz. "Welt", "Tagesspiegel" und "taz" erinnern an Rainer Werner Fassbinder.


Frankfurter Rundschau, 31.05.2005

Martina Meister beobachtet ungläubig Reaktionen in Frankreich auf das gescheiterte Referendum. Entweder beschwören die Gegner der europäischen Verfassung das Gespenst des "plombier polonais", des polnisches Klempners, oder sie schmücken sich mit pompösen Parolen von Andre Malraux: "'Der Sklave sagt immer Ja; nur der freie Mensch weiß Nein zu sagen.' Solche Sätze sind perfekt für die politische Selbstinszenierung, die Frankreich jetzt nötiger hat denn je: das Nein als höchster Ausdruck politischer Freiheit. 'Auf die Knie, Europäer, vor unserem Nein!', ironisiert Serge July, Chefredakteur der Tageszeitung Liberation, der das Nein ansonsten als 'masochistisches Meisterwerk' bezeichnet. Andere Kommentatoren sprechen von einem 'kalten Aufstand'. Der Mai 2005 wird allen Ernstes verglichen mit dem Mai 1968."

"Wann, wenn nicht jetzt?", fragt Peter Michalzik, sei der Zeitpunkt zum großen politischen Umbruch: "Neben der großen, vielleicht übergroßen Erwartung der Wähler gibt es ein breites Verständnis dafür, dass etwas Grundlegendes geschehen muss. Auch für harte Schnitte dürfte es noch eine Art einsichtig-schuldbewusster Dankbarkeit geben ... Angela Merkel hat die äußeren Voraussetzungen, den Gordischen Knoten der Bundesrepublik zu zerschlagen. Dazu aber darf sie nicht mehr tun, was sie unter Helmut Kohl gelernt hat: Taktisch agieren."

Weiteres: Frank Hoffmanns Abkehr von der unkonventionellen Festivalleitung scheint sich zu rechnen, meint Stefan Keim: "Die Ruhrfestspiele zeigen Lessing statt Castorf und Mummenschanz statt Schlingensief." Und das Publikum ist wieder da. Für sehr geglückt hält Christoph Schröder das erste Hildesheimer Festival für junge Literatur "Prosanova". Auf die Beine gestellt haben es Studenten. Oliver Herwig wandelt durch die Frei-Otto-Retrospektive in der Münchner Pinakothek der Moderne und feiert den Architekten als jemanden, der "mit Leichtigkeit gegen Brutalität" baute. Besprochen werden Johannes Schaafs Inszenierung von Rimski-Korsakows "Zarenbraut" in Zürich und Politische Bücher (siehe unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).



Süddeutsche Zeitung, 31.05.2005

"Jacques Chirac, der glücklose Westentaschen-Bonapartist, hat sich ein weiteres Mal verrechnet." Gustav Seibt betont im Leitartikel, dass das "Non" der Franzosen zur EU-Verfassung aber nicht nur innenpolitisch motiviert ist. "Neben der Furcht vor dem Türkeibeitritt und den Vorbehalten gegen die 'Überdehnung' Europas nach Osten steht der Widerstand gegen die als marktradikal und bürokratisch zugleich geltende Brüsseler Wirtschaftspolitik. Beide Motive laufen freilich ebenfalls auf Kleinteiligkeit und den Rückzug in vertraute politische Räume hinaus. Solche Motive existierten auch im Deutschen Bund vor Bismarcks gewaltsamer kleindeutscher Lösung, und sie haben lange überlebt. Aber in Europa gibt es bisher nicht einmal ansatzweise das Widerlager einer übergreifenden populären Einheitsbewegung. Europa hat aus guten Gründen keine Trikolore. Was das bedeutet, muss jetzt neu überdacht werden."

Der Schriftsteller Jean Rouaud erklärt Axel Rühle dagegen, dass das Nein vor allem innerhalb Frankreichs von Bedeutung ist. Die Regionen werden weiter gestärkt. "Paris ist inzwischen eine schläfrige alte Dame. Lille, Bordeaux, Marseille, diese Städte pulsieren vor Energie. Sie wenden sich alle ab von Paris, die Dezentralisierung geht in unglaublich schnellen Schritten voran." Trotz dieser konstruktiven Facette gilt für Rouaud aber weiterhin: "Das ganze Land gehört dringend auf die Couch."

Harald Eggebrecht schreibt zum Tod des Schriftstellers und Mitbegründers der Grünen Carl Amery. Hermann Unterstöger nutzt die Zwischenzeit zu Betrachtungen über Afrika und mordende Verwandte. Fritz Göttler erinnert kurz an Sound of Music, den Welthit des Jahres 1965 mit der Trapp-Familie. Genervt von der "Betroffenheitspädagogik" spaziert Helmut Schödel durch Wien, als Teil von David Maayans Projekt "Der Familientisch" auf den Wiener Festwochen. Olaf B. Rader erfährt auf einer Tagung in Greifswald, wie Kriege im Mittelalter legitimiert wurden. Henning Klüver kolportiert, dass Händels Kantate "Il pianto di Maria" jetzt als Werk von Giovanni Domenico Ferrandini erkannt wurde.

Auf der Medienseite äußert sich Kurt Beck in seiner Funktion als Vorsitzender der Rundfunkkommission der Länder (mehr) zur Lage des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland. Beck stellt die Effizienz der Landesmedienanstalten in Frage. Und natürlich fordert er mehr Qualität und Neutralität. "Die Öffentlich-Rechtlichen wären gut beraten, wenn sie künftig mit weniger Werbezeit und Werbegeldern auskämen." Johannes Honsell berichtet, wie das ZDF sich mit juristischen Manövern gegen die Ansprüche des "greisen" Filmhändlers Erich Mehl wehrt.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken des jungen polnischen Malers Rafal Bujnowski im Düsseldorfer Kunstverein, der mit einem übermalten Pass die amerikanischen Zollbeamten gefoppt hat, Robert Luketic' Komödie Schwiegermonster, das Splatterstück "Theatre of Blood" der Theatergruppe "Improbable" im Londoner Theatre, in dem Kritiker auf literarisch inspirierte Weisen ermordet werden, die Uraufführung von Werner Fritschs "Nico - Sphinx aus Eis" als Oper in Dresden, Mauricio Kagels Dirigentenauftritt mit eigenen Werken, darunter die "spektakuläre" Uraufführung von "Fremde Töne und Widerhall", bei der Musica viva in München, und Bücher wie Jenny Erpenbecks "Wörterbuch" (aufgemacht wie eine altmodische Fibel, hat es bei aller artifiziellen Kindlichkeit etwas Frühvergreistes", beobachtet Kristina Maidt-Zinke), "Briefe und Dokumente aus den Jahren 1853 bis 1880" des Germanisten Wilhelm Scherer sowie Isabel Platthaus' Darstellung verschiedener "Höllenfahrten" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).



Der Tagesspiegel, 31.05.2005

"Allmählich gewöhnen sich die Berliner Franzosen an das Elend, das sie am Tag nach einer Abstimmung im Mutterland zu befallen pflegt: Gesenkten Hauptes bewegen wir uns durch unsere Adoptivstadt und hoffen, dass niemand uns erkennt. Wenn ein Nachbar uns zuruft: 'Ihr seid vielleicht eine Nationalistenbande!', möchten wir am liebsten im Boden versinken", gesteht Pascale Hugues im "Tagesspiegel" und versucht sich dann an einer Ehrenrettung ihrer Landsleute. "Man kann den Franzosen nicht vorwerfen, sie hätten sich von blindem, unreflektiertem Zorn hinreißen lassen. Die Wahlbeteiligung lag so hoch wie schon lange nicht mehr. Europa löste die Zungen und entfesselte hitzige Debatten. Ob in der Familie oder im Büro - die EU-Verfassung stand im Mittelpunkt der Gespräche. Vier trockene Sachbücher über die Verfassung führten die Bestsellerlisten an. Man könnte glauben, das europäische Verfassungsrecht sei über Monate hinweg die fixe Idee eines ganzen Volkes gewesen. Kein Vergleich zu der unterkühlten Bundestagssitzung, bei der der Verfassungsvertrag angenommen wurde."

Peter W. Jansen erinnert sich an Begegnungen mit Rainer Werner Fassbinder - zum Beispiel im Mai 1974 in Cannes: "Rainer Werner Fassbinder stand am Flipperapparat in der BarPetit Majestic, in einer kleinen Seitenstraße zwischen Croisette und Rue d'Antibes in Cannes, als wir über Curtiz sprachen. Vorn auf der Maschine lag seine brennende Zigarette, während er sich eine neue ansteckte. So erlebte ich ihn immer: pausenlos rauchend. Bei Fernsehsendungen mit ihm musste stets die Feuerwehr bestellt werden."



Die Tageszeitung, 31.05.2005

Seit den 90er-Jahren ehren Retrospektiven in New York, London, Paris und bald auch Tokio Rainer Werner Fassbinder. Nur in Deutschland bleibt es still, ein paar Geburtstagsartikel ausgenommen. Thomas Elsaesser schreibt zum 60. Geburtstag des 1982 gestorbenen Regisseurs: "Jean Luc Godard sagte einmal: 'Vielleicht stimmt es, dass alle seine Filme schlecht sind, aber trotzdem ist Fassbinder Deutschlands größter Filmemacher. Er war zur Stelle, als Deutschland Filme nötig hatte, um zu sich selbst zu finden. Er ist nur noch mit Rossellini zu vergleichen, denn selbst die Nouvelle vague hat es nicht geschafft, Frankreich so präsent zu machen, wie es das Nachkriegsdeutschland in Fassbinder ist.'"

Weitere Artikel: Christiane Tewinkel berichtet von einem Vortrag Paul Bermans, der in der American Academy in Berlin über die Wurzeln des Antiamerikanismus nachdachte. Gerrit Bartels berichtet über das Festival für junge Literatur "Prosanova" in Hildesheim. Jan Engelmann war dabei, als im Berliner Instituto Cervantes Intellektuelle und Politiker über Erinnerungskulturen in Spanien und Deutschland diskutierten.

Und Tom.



Neue Zürcher Zeitung, 31.05.2005

Der im November 2004 fertiggestellte Report der rumänischen Holocaust-Kommission sollte so schnell wie möglich öffentlich gemacht werden, meint Markus Bauer. Er zitiert den der Kommission angehörenden Schriftsteller und Publizisten William Totok, der die Wichtigkeit des Berichts betont: "Zum ersten Mal hat Rumänien offiziell in einer von der Regierung unabhängigen Institution Verantwortung für das Geschehene übernommen und anerkannt, dass Rumänien als zweites Land nach Deutschland den Holocaust mitzuverantworten hat." Dennoch, schreibt Bauer, sei "die gesellschaftliche Einsicht in die Bedeutung des Berichts noch gering ... Sie reicht nach Totoks kritischer Einschätzung über Lippenbekenntnisse nicht hinaus."

Uwe Justus Wenzel amüsiert sich auf dem Internationalen Hegel-Kongress in Stuttgart über "eine nicht nur 'symbolische' Marginalisierung". "Vorträge und Diskussionen hatten in räumlicher Enge stattzufinden, in einem Seminartrakt des Kultur- und Kongresszentrums Liederhalle. Die großzügigen Musiksäle standen, außer für zwei öffentliche Abendvorträge, nicht mehr zur Verfügung. Sinnigerweise war sogar der 'Hegel-Saal' anderweitig belegt und einem eher Hegel-fernen Zweck zugeführt worden ('Dentale Technologie e. V.')."

Weiteres: Tilman Urbach trauert um Carl Amery, der bereits am vorigen Dienstag 83-jährig in München verstarb. Das Architekturmuseum der Technischen Universität München gratuliert dem Architekten und Ingenieur Frei Otto zum 80. Geburtstag mit der ersten großen Retrospektive seines Werkes überhaupt, zu sehen bis zum 28. August in der Pinakothek der Moderne.

Besprochen werden außerdem die von Johannes Schaaf inszenierte "Zarenbraut" Rimski-Korsakows im Opernhaus Zürich, Harry Frankfurts Essay über "Gründe der Liebe", sowie drei Romane: Claude Simons "Das Gras", Luis Landeros "Zauberlehrling" und Uwe Tellkamps "Eisvogel" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).



Die Welt, 31.05.2005

Die niederländische Politikerin Ayaan Hirsi Ali spricht im Interview über Nutzen und Grenzen von Religionskritik: "Ich bin Politikerin geworden, um laut sagen zu können: Frauen im Islam werden unterdrückt. Und diese Frauen sind überall. Und in liberalen Gesellschaften ignorieren wir sie, anstatt ihnen zu helfen. Ich hätte nie gedacht, daß ich solche Reaktionen hervorrufen würde. Aber deshalb werde ich nicht aufhören. Ich lehne keine multikulturelle Gesellschaft ab, ich lehne ihre Theorie ab, die von der Gleichberechtigung aller Kulturen ausgeht. Eine Kultur, die Ehrenmorde und die Unterdrückung der Frau vorsieht, ist nicht gleichwertig mit einer Kultur, die die Freiheit des Individuums schützt."

Außerdem gibt es eine Reihe von Artikeln zu Rainer Werner Fassbinder, der heute gerade mal 60 Jahre alt geworden wäre. Produzent Günter Rohrbach schreibt zum Beispiel: "Ob Fassbinder der bedeutendste Filmemacher dieses Landes war, steht dahin. Wo wäre auch die Instanz, um das zu dekretieren? Ohne Zweifel war er aber das einzige wirkliche Genie der letzten 50 Jahre, dank dieser explosiven Mischung aus Begabung, Energie und Durchsetzungskraft. Zeit, das wissen wir spätestens seit Einstein, ist ein relativer Begriff. Fassbinder hatte zwar nur 37 Jahre, aber er lebte sie in dreifacher Geschwindigkeit. Er war also weit über die 60 hinaus, als er starb."

Kameramann Michael Ballhaus, der mit ihm zusammen etliche Filme gedreht hat, fragt, wie man sich Fassbinder heute wohl vorstellen müsste: "Ich bin sicher, dass er die neuen, hochauflösenden Videokameras als einer der ersten benutzt hätte, denn mit diesem Medium lässt sich billig und schnell produzieren. Und er hätte es mediengerecht benutzt, wie zum Beispiel die Macher von 'Mucksmäuschenstill'."



Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.05.2005

Das französische Nein treibt auch die FAZ um. Michael Jeismann findet es begrüßenswert: "Mit ihrem Votum gegen diese europäische Verfassung aber, das innenpolitische Motive sowie Ängste vor den neuen Mitgliedstaaten enthält, haben die Franzosen objektiv für ein besseres Europa, für ein Europa konkreter Hoffnung abgestimmt." Und Christian Geyer kann mit Europa schon gar nichts anfangen: "Europa - das ist für die Mehrzahl von uns Euro-Bürgern in der Tat nicht viel mehr als ein Märchen aus alten Zeiten, allein den paar Karlspreisträgern ging es nicht aus dem Sinn, wir aber fragen uns, wo sie denn zu hören ist, die wundersame, gewaltige Melodie."

Anders, nämlich einhellig entsetzt, klingen die Stimmen einiger Intellektueller, die die "FAZ" gesammelt hat: Es äußern sich unter anderen

Viktor Jerofejew: "Ungeachtet meiner Liebe zu Frankreich kommt es mir so vor, als habe das Land am Sonntag einen unanständigen Laut von sich gegeben und damit die Luft in Europa gründlich verdorben."

Adam Krzeminski: "Die Franzosen gelten als Partner, auf die man im Ernstfall nicht unbedingt zählen kann und die sich in der Stunde der Wahrheit der Verantwortung entziehen."

Michael Frayn: "Die Nachricht ist herzzerreißend."

Emmanuel Todd: "Nur Europa kann die Institutionen begründen, die im internationalen Konkurrenzkampf etwas taugen. Das Nein ist ein brillantes Eigentor der Gegner."

Weitere Artikel: In der Leitglosse hält die Journalistin Edo Reents daran fest, "dass das Maskulinum in den meisten Sprachen das primäre Geschlecht ist" und lehnt darum die direkte Ansprache von Bürgerinnen und Wählerinnen durch Politiker und Politikerinnen ab. Paul Ingendaay hat einem Berliner Gespräch zwischen deutschen und spanischen Autoren über die Vergangenheitsbewältigung in den beiden Ländern zugehört. Wolfgang Sandner schreibt zum Tod des Jazzsängers Oscar Brown Jr.. Andreas Rossmann schreibt zum Tod der Übersetzerin und Kritikerin Elisabeth Braem-Kaiser.

Auf der Medienseite schreibt Jürg Altwegg über einen Streik Pariser Zeitungskioske. Und Michael Hanfeld analysiert die zurzeit offensichtlich recht glücklose Programmpolitik bei RTL. Für die letzte Seite hat Heinrich Wefing den Architekten Frei Otto besucht, der heute achtzig Jahre alt wird. Wolfgang Sandner schreibt über Christina Weiss' Vorschlag einen "Rat der Kulturweisen" analog dem Rat der Wirtschaftsweisen zu gründen. Und Andreas Kilb stellt den Plan einer neuen monumentalen und von Jan Philipp Reemtsma getragenen Werkausgabe Walter Benjamins vor.

Besprochen werden die Ausstellung "Le Neo-impressionnisme" im Pariser Musee d'Orsay, eine ganz frühe Oper Emilio de Cavalieris in Köln und Lesungen jüngster Literatur beim Hildesheimer Prosanova-Festival.



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