Heute in den Feuilletons: "Darf man Stalins Terrorregime als Komödie erzählen?"

"Die Zeit" sieht in den Umbauplänen für das Berliner Pergamonmuseum ein "Desaster ersten Ranges". Die "FAZ" setzt die Debatte um Sarrazins Indienstnahme von Goethe fort. In der "SZ" verteidigt Günter Rohrbach den neuen Leander-Haußmann-Film "Hotel Lux"


Die Tageszeitung, 13.01.2011

Ariane Heimbach unterhält sich mit dem Regisseur Rudolf Thome über die Liebe und seinen neuen Film "Das rote Zimmer" über einen Kussforscher. Er erklärt: "Ich mag gern starke Frauen. Ich war immer begeistert von den Filmen des Regisseurs Howard Hawks - und von seinen Filmfrauen: Katherine Hepburn, Lauren Bacall. Seine Filmmänner sind meinen übrigens ziemlich ähnlich: Sie können zwar schießen und wilde Tiere jagen. Oder todesmutige Rennfahrer sein. Aber in dem Moment, in dem sie mit einer Frau konfrontiert werden, sind sie vollkommen hilflos." Ekkehard Knörer bespricht den Film.

Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Tokyo Compression" des Fotografen Michael Wolf, der in der Tokioter U-Bahn ein- und abfahrende Züge fotografierte, im Forum für Fotografie Köln und die DVD von Julian Hernandez Film "Raging Sun, Raging Sky".

Die gestrige Doppelseite zu Weißrussland haben wir leider übersehen. Barbara Oertel berichtete über das brutale Vorgehen des Regimes Lukaschenko gegen die Opposition. Einzeln vorgestellt werden die 25 Vertreter, die seit den Protesten zu Weihnachten noch immer in Haft sind. Im Interview mit Ingo Petz sagt die Historikerin Iryna Vidanava, künftig werde es keine Mitte mehr geben: "Man wird nicht in der Opposition sein und gleichzeitig mit dem Regime kooperieren können. Die Fassade der 'Liberalisierung' wurde zerstört und das Bild ist nun schwarz-weiß. Du bist entweder für oder gegen das Regime."

Und Tom.

Aus den Blogs, 13.01.2011

Literaturcafe bespricht ausführlich das erste "Libroid", ein besonderes Ebook-Format, das Jürgen Neffe für Tabloid-Computer entwickelt hat. Neffes eigene Darwin-Biografie zeigt, was man elektronisch alles machen kann: "Da gibt es Neffes Beschreibung, aber da gibt es auch Darwins Bericht, der wie eine Schicht darunter liegt. Und da gibt es unzählige Fotos und Zusatzinformationen zu jeder Station der Reise. Allein schon aus ökonomischen Erwägungen heraus kann so etwas gar nicht alles in einem Buch aufgenommen werden." Mehr auch hier.

Frankfurter Rundschau, 13.01.2011

H.L. schreibt zum Tod Klauspeter Seibels, ehemaliger Generalmusikdirektor an der Oper Frankfurt. Roland Diry vom Ensemble Modern erklärt im Interview, wie schwierig es heute ist, Musikprojekte zu finanzieren.

Besprochen werden Nigel Coles Film "We want Sex" (total irreführender Titel, Gewerkschaftsfilm), Michel Gondrys Actionfilm "The Green Hornet" und Edward St. Aubyns Roman "Ausweg" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Die Zeit, 13.01.2011

Ein "Denkmalpflege-Desaster ersten Ranges" sieht Nikolaus Bernau in den Umbauplänen für das Berliner Pergamonmuseum, das für den Massentourismus hergerichtet werden und einen vierten Flügel bekommen soll, der die Sicht auf den monumentalen Ehrenhof verstellen würde: "Offiziell werden nun 384 Millionen Euro verplant, intern wird von weit über 400 Millionen Euro gesprochen. Fest steht alleine: Es wird der teuerste und längste Museumsumbau, den es je gab. Und in jedem Fall der unsinnigste."

Weiteres: Gero van Randow betont, dass ein Erfolgsgrund für Stephane Hessels Protestschrift "Indignez-vous!" durchaus auch zweifelhafte Bemerkungen zu Israel und der Hamas sind. Claus Spahn meldet, dass Wim Wenders in Bayreuth den "Ring" zum zweihundertsten Jubiläum inszenieren wird. Christof Siemes trifft Udo Lindenberg vor der Premiere seines Musicals "Hinterm Horizont". Peter Kümmel macht uns mit der neuen Witzkultur bekannt, deren Zentralfigur die hässliche, dicke Mutter ist. Nina May porträtiert die junge Theatermacherin Jorinde Dröse, die unter anderem gerade am Berliner Maxim-Gorki-Theater die "Nora" inszeniert. Auf der Glaubensseite besucht Julia Gerlach in den ägyptischen Bergen am Roten Meer das koptische Kloster Sankt Paul, eines der ältesten des Christentums.

Besprochen werden das neue Album "Content" der Postpunkband Gang of Four, die CD "Nur fort" der Sängerin Lisa Bassenge, die DVD "Loriot und die Musik", Ausstellungen zu Jonas Burger in der Kunsthalle Tübingen und Gregory Crewdson und Duane Hanson im Frieder Burda Museum Baden-Baden. Und viele Bücher, darunter Joseph Vogls Studie "Das Gespenst des Kapitals" sowie der Briefwechsel zwischen Helmuth James und Freya von Moltke (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Neue Zürcher Zeitung, 13.01.2011

Sergiusz Michalski rühmt die Graue Passion von Hans Holbein dem Älteren, die in der Staatsgalerie Stuttgart gerade in einer sehr schönen Ausstellung gezeigt werde und auf geradezu "theatralische Weise" den Betrachter fessele: "Die Unterscheidung von Wesentlichem und Unwesentlichem wird streng beachtet."

Weiteres: Marcus Stäbler preist Helsinkis vielfältige Musiklandschaft. Auf der Filmseite resümiert Marisa Buovolo die bisherige Karriere der Isabella Rosselini, die in diesem Jahr Jurypräsidentin der Berlinale ist.

Besprochen werden eine Bühnenfassung von Michael Morpurgos Erfolgskinderbuch 'War Horse' in London, Felix Mühlhölzer Studie zu Wittgensteins Interventionen "Braucht die Mathematik eine Grundlegung?" und Greg Ames' Debüt "Der bisher beste Tag meines Lebens" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Die Welt, 13.01.2011

Stefanie Peter besucht den ehemaligen Berliner Baustadtrat Hans Stimmann, der nach wie vor zu seiner Politik einschläfernd gerasterter Innenstadtfassaden steht, mit der er Berlin nach der Wende prägte. Cornelius Tittel beschuldigt Berliner Galeristen in der Jury der Art Basel des Intrigantentums, weil sie einem Kollegen, Judy Lybke, von der Galerie Eigen + Art den Zugang zur wichtigen Kunstmesse verwehrten. Tim Ackermann unterhält sich mit dem Regisseur Joachim Levy, der dem Grafitti-Künstler Banksy und seinem Film "Exit through the Gift Shop" Plagiat vorwirft. Marcus Hammerschmitt legt einen kleinen Essay über den Kampf der Giganten Apple und Google und die Abwesenheit des großen Dritten Microsoft vor. Johnny Erling berichtet über die Aufstellung eines Konfuzius-Denkmals auf dem Platz des Himmlischen Friedens, das sogar die Mao-Statue um einiges überragt.

Besprochen wird Bettina Ehrhardts Dokumentarfilm über Kent Nagano und das Montreal Symphony Orchestra (mehr hier).

Der Freitag, 13.01.2011

Ach, seufzt Jakob Augstein, "die Franzosen haben Stephane Hessel und wir Thilo Sarrazin. Die Franzosen machen ein Buch der Hoffnung zum Bestseller. Die Deutschen ein Buch der Niedertracht." Aber wir haben doch auch Gesine Lötzsch!

Willi Winkler schreibt ein historisches Porträt des Schweizer Bankiers Francois Genoud, einer grauen Eminenz des Antisemitismus, die eine kontinuierliche Linie vom Terror der Nazis, zum linken, dem palästinensischen und dem islamistischen Terrorismus zieht. Sein Geld hat er unter anderem mit Urheberrechten gemacht - zum Beispiel mit der Verwaltung der Rechte auf die Goebbels-Tagebücher, auf die er sich mit den Nachkommen einigte: "Der Hitler-Verehrer bietet einen Handel an: Wenn man ihm die Hälfte an dem Erlös aus den Urheberrechten überließe, würde er sich um alles kümmern und der Familie die Goebbels-Tantiemen erstreiten. Für die Angehörigen bietet Genoud einen Vorteil: Als Ausländer ist er neutral und damit bei den deutschen Behörden unverdächtig."

Im Kulturteil antwortet Albrecht von Lucke auf die Intellektuellenschelte Hans Ulrich Gumbrechts aus dem Freitag der letzten Woche.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.01.2011

Die Aufstände in Tunesien überraschen die Führung des Landes, ebenso den Rest der Welt. Joseph Hanimann versucht die Hintergründe zu klären, etwa im Gespräch mit dem in Paris lebenden tunesischen Schriftsteller Abdelwahab Meddeb, der die Forderungen der Jugendlichen nach "Freiheit, Arbeit, Würde" fast beschämt als Ausdruck politischer Reife lobt: "Die Ereignisse seien von mindestens ebenso großer Bedeutung wie die Proteste unlängst nach den Wahlen in Iran, sagt ... Meddeb im Gespräch; er selbst habe sich von dieser Bewegung überraschen lassen. Auch er sei ein Opfer jenes 'achselzuckenden universellen Schweigens' geworden, gesteht er, dass er mit der Widerstandskraft jenes Volks nicht mehr gerechnet habe. 'Das Regime hat es geschafft, mein eigenes tunesisches Selbstvertrauen in mir abzutöten.'"

Der Literaturwissenschaftler Jürgen Link mischt sich in die Debatte um Goethes Haltung zum Islam und Sarrazins Indienstnahme von Goethe, er verweist auf ein vom Dichter Hadayatullah Hübsch in seinem postum veröffentlichten Brief an die FAZ philoislamisches Goethe-Zitat und dann staunt er: "Was tut Sarrazin? Er kennt den Beleg gar nicht. Was tut Necla Kelek? Sie muss ihn bei Hübsch gelesen haben: Sie unterdrückt ihn also einfach."

Weitere Artikel: Eine Gruppe chinesischer Architekten mit dem Internationalen aufgeschlossener, aber genuin nationaltypischer Handschrift stellt Julia von Mende vor. In der Glosse erklärt Daniel Haas, dass unter dem für die Literatur vielleicht nicht so tragischen Verbot der Bücher Paulo Coelhos im Iran vor allem dessen aus dem Land getriebener Verleger zu leiden hat. Gerhard Rohde schreibt zum Tod des Dirigenten Klauspeter Seibel. Ein weiterer Nachruf gilt dem britischen Literaturkritiker John Gross. Auf der Kinoseite berichtet Marco Schmidt vom Filmfestival in Marrakesch. Im politischen Teil führt Rainer Blasius noch einmal en detail aus, was er an der Studie der Historikerkommission zum Auswärtigen Amt auszusetzen hat.

Besprochen werden ein Berliner Konzert, bei dem Andras Schiff Bachs "Wohltemperiertes Clavier" zum besten gab (Jan Brachmann findet, dass Schiffs Vortrag etwas "Studienrätliches oder Stiftsdamenhaftes" hat), eine Mondrian-Retrospektive im Pariser Centre Pompidou, eine Ausstellung mit Fotografien von Roger Ballen im Münchner Stadtmuseum, die neue Console-CD "Herself", Sophie Heldmans Alzheimer-Film "Satte Farben vor Schwarz" mit Senta Berger und Bruno Ganz, die gesammelten Erzählungen Ibn Battutas "Die Wunder des Morgenlandes" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Süddeutsche Zeitung, 13.01.2011

Die Vergewaltigungsvorwürfen gegen Julian Assange zeigen keineswegs, dass das schwedische Recht besonders scharf ist, meint Andreas Zielcke. Die Orientierung an ausgeübter Gewalt sei eher rückwärtsgewandt. Einschlägiger findet er den Bezug auf den freien Willen: "Wo seine freie Ausübung endet und Täuschung, List, Bedrängung, Erzwingung oder Ausnutzung psychischer Not anfangen, kann auch ein Gesetzgeber nur schwer bestimmen. Aber er kann sich, wie es das Vereinigte Königreich und seine Ex-Kolonie in Australien tun, an die eine Schranke halten - wenn das Opfer Nein sagt."

Weitere Artikel: Scharf geht Catrin Lorch mit der in ihrer Tendenz nicht alleinstehenden Entscheidung des Wallraf-Richartz-Museum in Köln ins Gericht, die Ausstellung mit den Werken des reaktionären Salonmalers Alexandre Cabanel vom Modemacher Christian Lacroix gestalten zu lassen. Henrik Bork berichtet kurz, dass der chinesische Künstler Ai Weiwei dem Abriss seines Ateliers in Shanghai tatenlos zusehen musste. Jörg Häntzschel meint, dass der Attentäter von Arizona - so verrückt er auch immer sein mag - nicht zu Unrecht als Menetekel für die Radikalisierung der amerikanischen Rechten betrachtet wird. Über die Suche nach einem Pavarotti-Nachfolger denkt Reinhard J. Brembeck nach.

Auf der Filmseite darf Günter Rohrbach den vom ihm co-produzierten, von Regisseur Leander Haußmann gerade abgedrehten Film "Hotel Lux" schon mal vorwärtsverteidigen: "Darf man das Terrorregime Stalins als Komödie erzählen?" (Und auch noch mit Bully Herbig? Klar darf man. Findet - jetzt nicht so überraschenderweise - Rohrbach.)

Besprochen werden die Ausstellung "Jungsteinzeit im Umbruch" im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe, neu anlaufende Filme, darunter Rudolf Thomes "Das rote Zimmer" (Fritz Göttler ist ganz betört von der "spielerischen Leichtigkeit" des Regisseurs), die von Michel Gondry verfilmte Superhelden-Erzählung vom "Green Hornet" und Sophie Heldmans Alzheimer-Geschichte "Satte Farben vor schwarz" und Bücher, darunter Niklas Holzbergs Studie zu "Aristophanes" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr)

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