Heute in den Feuilletons "Das hat er nicht bei mir oder Thilo Sarrazin gelernt"

Henryk M. Broder wird zwar im Manifest des norwegischen Attentäters zitiert, schreibt sich aber in der "Welt" von aller Schuld frei. Die "taz" ruft dazu auf, sich von der "bedrohlich mittig gewordenen Islamophobie" zu distanzieren. Die "FR" druckt die ungehaltene Salzburger Rede von Jean Ziegler.



nachtkritik, 26.07.2011

Den ersten Bericht zu Sebastian Baumgartens Bayreuther "Tannhäuser"-Inszenierung gibt's in der Nachtkritik: Eine "grandios durchgefallene" Premiere kann Wolfgang Behrens melden, dieser Flop dürfte als Biogas-Tannhäuser in die Wagner-Geschichte eingehen: "Der Venusberg, der aus dem Keller der Biogasanlage emporwächst, stellt sich bei Baumgarten und van Lieshout als ein Käfig mit bizarr wucherndem Wurzelwerk dar, organischem Urschleim sozusagen, dem überaus blöde sich gerierende, auf- und abhüpfende Affen-Statisten entspringen und im Übrigen noch ein paar menschengroße, ziemlich lächerliche Gummi-Kaulquappen. Es hilft nichts: Bei aller hochmögenden Intention sieht das nach schlechtem Stadttheater aus."

Aus den Blogs, 26.07.2011

In seinem lawblog spießt Udo Vetter die Forderung des CDU-Abgeordneten Hans-Peter Uhl auf, nach dem Massaker in Norwegen müsse jetzt ganz schnell die Vorratsdatenspeicherung in Deutschland kommen, um solche Taten hier zu verhindern (mehr hier). Aber Verdächtige können bereits abgehört werden, informiert ihn Vetter. "Konsequenterweise müsste Uhl also die Präventivüberwachung an sich Unverdächtiger fordern. Und zwar in der Form, dass die Polizei sich ohne konkreten Anlass mal einfach so in Gespräche reinschalten darf, in geschlossenen Chats mitliest oder über eine Schnittstelle zu deinem und meinem E-Mail-Postfach verfügt. Das wäre Prävention im Uhlschen Sinne, damit könnte sich vielleicht auch was im Kampf gegen verquere Einzeltäter ausrichten lassen. Warum ist Uhl dann nicht ehrlich und verlangt gleich die Möglichkeit der anlasslosen Totalüberwachung jedes Bürgers (Bundestagsabgeordnete selbstverständlich ausgenommen)?"

(Via Lizas Welt) Unter dem "neuen Rechten" schlummert der alte Nazi. Trotz aller Verteidigung Israels in Breiviks Manifest pulsieren darin auch antisemitische Leidenschaften, ganz besonders im Begriff der "Kulturmarxisten". Der Rechtsextremismusexperte Chip Berlet schreibt auf der religionskritischen Seite Talk to Action: "In his online posts, Breivik considered himself a cultural conservative and condemned 'Cultural Marxism'. The idea of 'Cultural Marxism' on the political right is an antisemitic conspiracy theory claiming that a small group of Marxist Jews formed the Frankfurt School and set out to destroy Western Culture through a conspiracy to promote multiculturalism and collectivist economic theories."

Die Welt, 26.07.2011

Der norwegische Autor Lars Saabye Christensen versucht seines Entsetzens Herr zu werden und erzählt, dass es sich bei Utoya um einen zentralen symbolischen Ort der norwegischen Soazialdemokratie handelt. Seit fünfzig Jahren gehört die Insel der Jugendorganisation der Partei, ihre gesamte Elite verbindet damit Jugenderinnerungen: "Allein in dieser Woche waren die ehemalige Ministerpräsidentin Brundlandt und der Außenminister Stoere zu Besuch und der jetzige Ministerpräsident Jens Stoltenberg war auf dem Weg dorthin. Der Terrorist hat seine Wahl äußerst sorgfältig getroffen. Er greift dort an, wo es am tiefsten trifft und am meisten blutet."

Anders Behring Breivik hat 76 Menschen umgebracht, und manche finden jetzt, dass Henryk Broder mit dran schuld ist. In der Welt antwortet Broder: "Breivik wusste, dass er seine Tat 'rational' begründen muss. Und das hat er nicht bei mir und Thilo Sarrazin gelernt, sondern bei Mohammed Atta und Osama Bin Laden, bei den Attentätern von Madrid, London, Mumbai, Bali; bei Carlos, dem Schakal, und den 'Märtyrern', die ein Video aufnehmen, bevor sie ins Paradies aufbrechen."

Andreas Rosenfelder liest das "seltsame Machwerk", das Anders Breivik zur Rechtfertigung seiner Mordlust kompiliert hat und an dem man nachvollziehen könne, "wie das paranoide Systemdenken des Internetzeitalters" aussieht. Dankwart Guratzsch besucht eine Ausstellung mit Entwürfen zu einem der prestigeträchtigsten Architekturwettbewerbe der Weimarer Zeit - den Plan für ein (nie verwirklichtes) Kulturzentrum in Halle (mehr hier).

Besprochen werden Petros Markaris' Krimi "Faule Kredite" (mehr hier), Inszenierungen in Avignon und der Animationsfilm "Cars 2" (mehr hier).

Neue Zürcher Zeitung, 26.07.2011

Susanne Schanda hat den libyschen Schriftsteller Hisham Matar getroffen, der seit 25 Jahren in London lebt, über sein Schreiben, sein Exil und den Aufstand gegen Gaddafi: "Das wichtigste Werkzeug, das dem Ghadhafi-Regime so lange geholfen hat zu überleben, war der Abbau der Bürgergesellschaft. Jede zivile Regung, und sei es nur die Produktion eines Strickheftes, wurde unterdrückt. Dies ist ein großes Problem. Denn durch diese kleinen zivilen Projekte und Handlungen, die wir als selbstverständlich ansehen, schaffen wir das feine soziale Netz, in dem Menschen sprechen, arbeiten und sich organisieren. Das braucht es, wenn man etwas Großes wie einen Staat aufbauen will. Das fehlt in Libyen. Ich mache mir auch Sorgen darüber, wie stark die so lange Zeit erlebte Gewalt weiterhin wirkt und den Neuanfang vergiftet."

Marcus Bensmann erzählt die Geschichte des usbekischen Dichters Jussuf Dschuma, der nach drei jahren im berüchtigten Lager Jaslyk in der Wüste nahe des Aralsees in die USA ausgewiesen wurde: "Jaslyk ist der usbekische Vorhof zur Hölle. Von giftigen Salzen durchsetzte Sandstürme durchwehen die glühende Hitze im Sommer gleichermassen wie die klirrende Kälte im Winter. Dschuma selbst erfuhr dort Folter und Demütigungen. Drei Jahre war es ihm untersagt, Stift und Papier zu berühren."

Besprochen werden die Schau "Explosion der Bilderwelt" in der Wiener Albertina und Sjons Roman "Das Gleißen der Nacht" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

FR / Berliner Zeitung, 26.07.2011

Die FR druckt die nicht gehaltene Salzburger Rede des Gaddafi-Preisträgers Jean Ziegler (mehr hier, Ziegler war wegen seiner Beziehungen zu Gaddafi wieder ausgeladen worden). Ziegler macht vor allem die Hedgefonds und Spekulanten verantwortlich für den Hunger auf der Welt: "Mit Termingeschäften, Futures, etc. treiben sie die Grundnahrungsmittelpreise in astronomische Höhen. Die Tonne Getreide kostet heute auf dem Weltmarkt 270 Euro. Ihr Preis lag im Jahr zuvor genau bei der Hälfte. Reis ist um 110 Prozent gestiegen. Mais um 63 Prozent. ... Viele der Schönen und der Reichen, der Großbankiers und der Konzern-Mogule dieser Welt kommen in Salzburg zusammen. Sie sind die Verursacher und die Herren dieser kannibalischen Weltordnung."

In einem Kommentar distanziert sich Peter Michalzik (in der FR, nicht in der Berliner Zeitung) von der Rede: "Das Problem Zieglers und verwandter Geister ist das Schwarz-Weiß-Bild, hier der teuflische 'neoliberale Profitwahn', dort die moralische Gewissheit des großen Mahners. Er hat nicht Recht, wenn er hier das Böse und Gute so eindeutig trennt und er selbst dabei so strahlend auf der Seite des Guten steht."

Besprochen werden eine Ausstellung der Malerin Tomma Abts in der Düsseldorfer Kunsthalle, die neue CD von Samy Deluxe und Paul Valerys "Cahiers" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Die Tageszeitung, 26.07.2011

Detlef Kuhlbrodt resümiert das Elaborat, das Anders Behring Breivik als seine "Declaration of Independence" ausgegeben hat: "Man spürt, da schreibt jemand, der als Intellektueller wahrgenommen werden will, selber keine Primärtexte gelesen hat und das auch nicht als Mangel empfindet. Man liest die Passagen über Autoren und Themen, die man selber studiert hat, über die Frankfurter Schule, Dekonstruktivismus, Derrida und fühlt sich dabei unsittlich berührt. Länger als eine Stunde hielt ich es nicht aus, darin zu lesen."

Ines Kappert möchte die These vom Einzeltäter nicht gelten lassen und kommentiert auf der Seite eins: "So zynisch das klingt: Angesichts dieser Katastrophe kristallisiert sich die Möglichkeit heraus, sich endlich von der bedrohlich mittig gewordenen Islamophobie zu distanzieren. Nichts weniger sind wir den Opfern und ihren Angehörigen schuldig."

Außerdem in der Kultur: Jürgen Berger berichtet vom Theaterfestival Avignon, das sich zu seiner Freude von einer französischen Angelegenheit in eine Art gesamteuropäisches Stadttheater verwandelt hat. Kerstin Carlstedt informiert über die kruden Theorien des amerikanischen Exwrestlers und Expolitiker Jesse Ventura, der ganz Neues zu den Morden an Abraham Lincoln, John F. Kennedy und Martin Luther King herausgefunden haben will

Besprochen werden eine Wilhelm-Wagenfeld-Retrospektive im Bauhaus Dessau und Andreas Gehrkes Fotoband "Topographie" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und Tom.

Weitere Medien, 26.07.2011

(via Bookslut) Pornoverleger Larry Flynt möchte in der Washington Post klarstellen, dass er mit seinen Magazinen die Pressefreiheit ausweitet, während Rupert Murdoch sie missbraucht: "No matter how offensive or distasteful some people may find Hustler magazine and my other publications, no one has appeared unwillingly in their pages. I do not create sensationalism at the expense of people living private lives. Yes, I have offered money to those willing to expose hypocritical politicians - one of those offers, in 1998, resulted in the resignation of Bob Livingston, a Republican congressman from Louisiana who voted to impeach President Bill Clinton despite his own extramarital affairs. I focus not on those who are innocent, but rather on those who practice the opposite of what they very publicly preach."

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.07.2011

Nach der Lektüre von Anders Breiviks Manifest versucht sich Hans Hütt an einem Psychogramm dieses Täters und erklärt, warum einem dessen Wahn durchaus vertraut vorkommen kann: "Sein Produkt ist der auf 1516 Seiten niedergelegte innere Monolog aus der gesellschaftlichen Mitte, ein Echo der endlosen Tiraden gegen die Welt, wie sie ist, ein Echo aus den Foren in den Weiten des Netzes. Aus seinem Text spricht der Chor der Erniedrigten und Beleidigten, die im Ausdruck ihres Hasses auf alle und alles zu grandioser Form finden. Er ist ein gut erzogenes Kind aus der Mitte der Gesellschaft, der den Stolz der arabischen Straßenkämpfer bewundert, ihn sich zu eigen macht, um sie zu schlagen."

Joseph Croitoru stellt fest, dass nicht nur in Breiviks Fall der Antiislamismus aus Rechtsextremen Israelfreunde macht. (Hier kann man allerdings lernen, dass Breiviks "Konzept" des "kulturellen Marxismus" sehr wohl antisemitische Wurzeln hat.)

Weitere Artikel: Katja Gelinsky geht - ohne zu einem ganz eindeutigen Ergebnis zu kommen - der Frage nach, wie sehr am amerikanischen Supreme Court bei den Urteilen die Geschlechterverteilung unter den RichterInnen ins Gewicht fällt. In Moskau wird vielerorts der Asphalt der Bürgersteige in einer so aufwendigen wie probleamtischen Aktion durch Fliesen ersetzt - es profitiert, wie Kerstin Holm in der Glosse erläutert, vor allem das Umfeld von Bürgermeister Sergej Sobjanin. Vom Theaterfestival in Avignon berichtet Sandra Kegel. Mark Siemons meldet, dass die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua den Murdoch-Skandal als typischen Ausdruck der "falschen Natur der Konzepte von Freiheit, Ungeteiltheit und Menschenrechten" im Westen begreift. Rose-Maria Gropp freut sich, dass die Stuttgarter Landesbibliothek das Stammbuch mit einem Eintrag des noch ganz jungen Hölderlin angekauft hat. Andreas Kilb schreibt zum Tod des griechischen Regisseurs Michael Cacoyannis ("Alexis Sorbas").

Besprochen werden David Böschs Inszenierung von Mozarts "Mitridate"-Oper am Münchner Prinzregententheater, die Ausstellung "Appropriated Landscapes" in der Walther Collection in Burlafingen (Museumswebseite, aber Vorsicht, alles Flash!) und Bücher, darunter Sarah Waters' Schauerroman "Der Besucher" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Süddeutsche Zeitung, 26.07.2011

Thomas Steinfeld fühlt sich durch die Tat des Anders Behring Breivik an skandinavische Krimis mit ihrem Hang zu Verschwörungstheorien und extremer Gewalt erinnert: "Bislang erschienen viele skandinavische Kriminalromane, und gerade die bekanntesten, als heillose Überforderung einer ebenso harmlosen wie banalen Gegend durch eine erfundene Gewalt. Das ist jetzt nicht mehr so, im Gegenteil: Diesen Büchern eignet jetzt etwas geradezu Seherisches zu."

Gustav Seibt erinnert sich, aus Anlass eines gerade erschienenen Bands zum Thema an die Mutter aller Feuilletondebatten, den Historikerstreit vor 25 Jahren: "Die jüngeren Redakteure haben damals gelernt, dass es verkehrt ist, wenn Zeitungen sich in Lagerkriege hineinziehen lassen, bei denen ein Presseorgan mit einer Debattenposition identifiziert wird, wie damals die Zeit (Habermas) und die FAZ (Nolte). Nie mehr eine solche Verbiesterung!"

Weitere Artikel: Joseph Hanimann berichtet über die Ausbreitung neuer Slums - sogenannter "Bidonvilles" in Paris. Reinhard Brembeck bringt Bestätigung aus Bayreuth, dass tatsächlich mit Frank Castorf als Regisseur des Rings im Jahr 2013 verhandelt wird. Lutz Felbick, Autor einer Dissertation zum Thema, erinnert an den Philosophen Christoph Mizler, der vor 300 Jahren geboren wurde. Heiner Lünstedt besuchte die Comic Con (mehr hier), eine Comic-Messe in San Diego.

Eine ganze Seite ist dem beginnenden Festival von Salzburg gewidmet. Reinhard J. Brembeck besucht den Interimschef Markus Hinterhäuser. Alex Rühle durfte der Probe einer von Nicolas Stemann ausgerichteten kompletten "Faust 1 und 2"-Lesung zuhören (die Textverständlichkeit ließ noch zu wünschen übrig) Wolfgang Schreiber stellt den Dirigenten Robin Ticciati vor, der den "Figaro"  dirigieren wird

Besprochen wird die Ausstellung "Shanshui - Landschaft in der chinesischen Gegenwartskunst" im Kunstmuseum Luzern.

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