Heute in den Feuilletons Der Tod wird euch finden

Die "SZ" huldigt den Kollegen Lawrence Wright, der sich als führender Islam-Experte etabliert hat. Die "FR" lugt mit Balthus in Köln unter Mädchenröcke. In der "NZZ" verteidigt Ralf Dahrendorf die Freiheit gegen die Sicherheitspolitiker. Und die "FAZ" schickt Daniel Richter auf die Straße.


Süddeutsche Zeitung, 18.08.2007

Als "Ereignis" preist Andrian Kreye das nun auf Deutsch erschienene Buch "Der Tod wird euch finden" des New-Yorker-Journalisten Lawrence Wright, in dem dieser die Geschichte des Islamismus als Vorgeschichte des 11. September erzählt: "Die Reportagen, die Wright in den nächsten Jahren im New Yorker veröffentlichte, bilden die Grundlage des Buches. Doch mit 'Der Tod wird euch finden' geht er viel weiter. Keiner hat die tödliche Konsequenz aus der Beziehung zwischen al-Zawahiri und Bin Laden, den bedrückenden Filz der amerikanischen Behörden und vor allem die spirituelle, ideologische und kulturelle Welt des Islamismus so präzise und souverän unideologisch beschrieben wie Wright. In den USA gilt er längst als der führende Experte zum Thema, sein Buch als Standardwerk."

Weitere Artikel: Holger Liebs hat ein Interview mit dem in Berlin lebenden Künstler Olafur Eliasson geführt, das nun eine ganze Seite füllt und in dem dieser dekretiert: "Damit die Kunst heute ihren Platz in der Welt findet, muss sie die Ideen von Exklusivität und Egoismus hinter sich lassen - sie muss inklusiv, also einschließend sein, Kausalitäten erkennen." Ijoma Mangold begutachtet Deutschland im Spiegel von Redewendungen, die heute passe sind - von "Da könnte ja jeder kommen" bis "Das gehört sich nicht". Susan Vahabzadeh gratuliert Robert Redford zum siebzigsten - eventuell auch zum 71. Geburtstag. Karl Lippegaus erinnert an den im Alter von 83 Jahren verstorbenen Jazz-Schlagzeuger Max Roach. Besprochen wird ein Rolf-Dieter-Brinkmann-Abend mit Martin Wuttke und Freunden.

Auf der Literaturseite finden sich Rezensionen unter anderem zu Roberto Savianos großer Erzählung über die neapolitanische "Camorra", die ihm Morddrohungen einbrachte, und zu Peter Wapnewskis nun als Hörbuch erschienener Version einer Goetheschen "Nausikaa".

Im Aufmacher der SZ am Wochenende erklärt Hans Leyendecker anlässlich des Korruptionsfalls Siemens, dass im amerikanischen Wirtschaftsleben andere, nämlich strengere Sitten herrschen - und dass das auch gut so ist. Jonathan Fischer hat in Los Angeles den Soul-Musiker Isaac Hayes getroffen. Auf der Historienseite geht es um den vor 300 Jahren hingerichteten livländischen "Patrioten und Raufbold" Johann Reinhold von Patkul. Vorabgedruckt wird ein Ausschnitt aus P.G. Wodehouses erstmals ins Deutsche übersetzter Autobiografie "Reiner Wein". Im Interview spricht der Tänzer und Staatsballett-Intendant Vladimir Malakhov über "Schmerz" und den Alltag eines alternden Tänzers: "Reizstrom, Lymphdrainage, Quarkpackungen, Physiotherapie."

Die Tageszeitung, 18.08.2007

Ulrich Gutmair hat fasziniert die Studie "Die Herren des Landes" der Historiker Idith Zertal und Akiva Eldar über die israelische Siedlerbewegung gelesen, die kritisch den Gründen für deren Erfolge nachgeht: "Die Führer des Gush Emunim machten 'raffinierten Gebrauch von den inhärenten Widersprüchen in der Struktur des israelischen Staats und seiner heiligsten Ideale', wie Zertal und Eldar schreiben. Das messianische Projekt der Siedlungen lesen die Autoren gewissermaßen als das postmodern-irrationale Verfallsprodukt des modernistischen Projekts des Arbeiterzionismus. Die Gründergeneration des Staats habe in einem Moment der Krise in den jungen Siedlern die Begeisterung und Hoffnung gesehen, die ihr selbst nach dem Desaster des Jom-Kippur-Kriegs abhanden gekommen sei. Trotz ihrer messianischen Agenda erschienen die asketischen, eifrigen jungen Leute auch alten Arbeiterzionisten in der Regierung als wahre Idealisten und Zionisten."

Weitere Artikel: Samir Grees berichtet, dass in Ägypten die säkularen Schriftsteller und Denker immer stärker ins Visier der Islamisten geraten. Sonja Eismann hat das weltgrößte Blechbläserfestival (Website) im serbischen Guca besucht. Einen kurzen Nachruf auf den Jazz-Schlagzeuger Max Roach hat Tobias Rapp verfasst. Besprochen werden Claude Berris Verfilmung des Anna-Gavalda-Romans "Zusammen ist man weniger allein" und Oliver Gross' Film "Fata Morgana". Auf der Meinungsseite spricht der Kultur- und Sozialgeograf Thomas Schmitt im Interview über den nciht gerade jungen Streit um Moscheebauten in Deutschland.

In der zweiten taz porträtiert Wolf Schmidt den chinesischen Restaurantbetreiber You Xie, der in Bamberg das einzige chinesischsprachige Nachrichtenmagazin Deutschlands produziert. Dieter Grönling kommentiert den Zusammenbruch des Skype-Netzes für Internet-Telefonie.

Das taz mag ist heute ein prak mag, wie Daniel von Fromberg erklärt, - denn "sieben taz-Praktikanten haben sich das taz.mag geschnappt " und "acht Seiten über den Selbstfindungstrip der Mittzwanziger von Sabotage bis Wäschefalten" verfasst. Es gibt unter anderem Artikel über die "höchsten Werte" einer Generation im Realitätstest und ein Gespräch mit dem Philosophieprofessor Gunter Gebauer. Auf der Literaturseite werden unter anderem Martin Prinz' Roman "Ein Paar" und neue Jugendbücher besprochen (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Neue Zürcher Zeitung, 18.08.2007

Ralf Dahrendorf sorgt sich um die Freiheit in Zeiten des Terrors und liest allen forschen Innenministern die liberalen Leviten. "Anarchie und Diktatur sind beide kein Boden, auf dem die Freiheit gedeiht. Es ist aber wichtig, genau zu sein in der Art, in der wir über Freiheit reden. Wer zuerst etwas anderes will, um dann zur Freiheit zu kommen, hat die Freiheit zum Luxusgut erklärt und wird sie vermutlich nie erreichen. Das gilt für diejenigen, die darauf bestehen, dass zuerst gewisse soziale Bedingungen gegeben sein müssen ('Freiheit durch Sozialismus'); es gilt ebenso für diejenigen, die ihr erstes Augenmerk auf die Sicherheit richten."

Weiteres: Der Berner Islamwissenschaftler Reinhard Schulze informiert über die kleine Glaubensgemeinschaft der Yezidi oder Jessiden, die zum Ziel der verheerendsten Bombenserie seit der amerikanischen Besetzung des Irak wurden. Ueli Bernays schreibt den Nachruf auf den Jazzschlagzeuger Max Roach. Thomas Binotto gratuliert Schauspieler und Regisseur Robert Redford zum Siebzigsten.

In der Beilage Literatur und Kunst erkundet Angela Schader mit Hilfe von Gerald Clarkes Biografie die vielen Seiten des Schriftsteller Truman Capote. Im Gespräch mit Thomas David erklärt sich der Biograf das erneute Interresse an seinem Schützling recht lakonisch. "Wenn ein berühmter Schriftsteller stirbt, geht es mit seinem Ansehen für ungefähr zwanzig Jahre bergab. Und wenn er Glück hat, geht es nach zwanzig Jahren wieder bergauf, weil er von einer neuen Generation entdeckt wird."

Außerdem beschreibt Manfred Koch, wie der Arzt und Dichter Justinus Kerner 1806 auf den wegen "manischer" Erregungszustände in die Tübinger Universitätsklinik eingelieferten Friedrich Hölderlin traf und von dessen Wahnsinn zu einem Roman inspiriert wurde. Die Autorin Elisabeth Binder beschäftigt sich mit der Frage der Schönheit bei Gottfried Keller. Kollege Ralph Dütli intepretiert Kellers Gedicht "Der Taugenichts".

Besprochen werden eine Schau mit Werken des jungen Gustav Klimt im Belvedere in Wien, und Bücher, darunter zwei Erzählbände von Haruki Murakami, ein Sammelband mit junger amerikanischer Lyrik sowie Robert Menasses Roman "Don Juan de la Mancha" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Die Welt, 18.08.2007

In der Literarischen Welt freut sich der Komparatist Hans Ulrich Gumbrecht über die Vielzahl neuer Klassiker-Übersetzungen, von Shakespeares Sonetten über Stendhals "Rot und Schwarz" und Dostojewskis "Idiot" bis zu Melvilles "Moby Dick": "Nur wenige dieser Bände passen in die Gesamtkunstwerk-Kultur der teuren Klassiker-Ausgaben auf kostbarem Papier, in prächtigen Einbänden und mit avantgardistischen Illustrationen. Eher sind sie auf schnell nachzuschiebende Paperback-Lieferungen ausgelegt, und ihre Covers heben unübersehbar hervor, dass es sich eben um 'Neu-Übersetzungen' handelt, was die Käufer früher einfach nicht interessiert hätte. Offenbar wird dieser Strom - und das ist doppelt erfreulich: als Anzeichen für die Lesermotivation wie als Belohnung für die Verlage - von wirtschaftlichem Erfolg getragen."

Außerdem zu lesen ist ein aus der New York Times übernommener Essay der amerikanischen Autorin Martha Southgate, die beklagt, dass bei aller kulturellen Vielfalt der Literaturszene schwarze Autoren, die sich schwarzen Themen beschäftigen, selten zu finden sind.

Im Feuilleton: Wolf Lepenies versteht gar nicht, warum es bisher kein Buch wie Misha Asters "Das Reichsorchester" gegeben hat, das die geradezu "symbiotische Beziehung" zwischen den Berliner Philharmonikern und dem NS-Regime nachzeichnet. Ursula Spuler-Stegemann liefert Hintergründiges zu den irakischen Jessiden. Am Rande gratuliert Eckhard Fuhr dem ZDF-Nachtstudio, das seit zehn Jahren auf Sendung ist, und zwar nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Claudia Lenssen gratuliert Robert Redford zum Siebzigsten. Volker Blech berichtet, dass das Bachhaus Eisenach ein neues Gemälde von Johann Christian Bach entdeckt hat, der als Frauenheld und Alkoholiker offenbar das Schwarze Schaf der Familie war.

Besprochen werden die große Balthus-Schau im Kölner Museum Ludwig und eine Ausstellung zu Charlotte Salomon im Jüdischen Museum Berlin.

Frankfurter Rundschau, 18.08.2007

Arno Widmann feiert die große Kölner Retrospektive des Malers Balthus alias Balthasar Klossowski: "Man kann Balthus als Antagonisten der Abstraktion sehen, als solcher ist er Jahrzehnte lang gefeiert worden. Aber er ist keiner, der sich darauf versteht, von denen zu profitieren, gegen die er antritt. Man weiß das, selbst wenn man ihn nur von Reproduktionen kennt. Aber wie stark seine Kunst ist, das wird einem erst hier vor den Originalen klar. Seine Erotik ist die der Suggestion. Es sind die Röcke der Mädchen, die etwas mehr von einem Bein zeigen als gewöhnlich oder, am raffiniertesten: Eine Seitenansicht, bei der man gar nichts sieht, die aber klar macht, dass man, stünde man hinter dem Mädchen, sehr tief blicken könnte. Wir haben es mit einer Kunst zu tun, die unter dem Vorwand, Alltagssituationen zu zeigen, unsere Begierden anstachelt. Eine Kunst also, die sich nicht scheut, Verlangen nicht nur zu zeigen, sondern auch zu wecken. Auch das macht Balthus zu einem Gegenspieler derer, die uns weismachen wollen, Kunst sei nichts als eine Technik, ein möglichst gekonntes Verfahren, mit Formen und Farbe umzugehen."

Weitere Artikel: Aureliana Sorrento unterhält sich mit dem Schriftsteller Roberto Saviano, der seiner "Camorra"-Darstellung wegen Morddrohungen erhielt und untertauchen musste. In ihrer Kolumne denkt Marcia Pally über deutsch-amerikanische Differenzen auf Gebieten wie "comfort food" und Staatsgläubigkeit nach. Hans-Klaus Jungheinrich porträtiert den Salzburger Konzertchef Markus Hinterhäuser. Den Nachruf auf den Jazz-Schlagzeuger Max Roach hat Hans-Jürgen Linke verfasst. In einem Times mager gedenkt Christian Schlüter des vor wenigen Wochen verstorbenen Philosophen Helmut Seidel, der sich und seine Studenten in der DDR für den jungen Marx und das "bürgerliche" Denken interessierte. Auf der Medienseite spricht Volker Panzer über zehn Jahre "Nachtstudio" und sieht die Kultur-Talkshow als Format mit Zukunft, denn: "Es bringt sehr viel, und es kostet sehr wenig."

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.08.2007

Der Maler Daniel Richter hat sich für zwei Tage in die Niederungen des künstlerischen Straßenkampfs vor dem Centre Pompidou und Porträts von Touristen gemalt. Niklas Maak beobachtet ihn dabei möglichst unauffällig und sinniert, wie viele Tausend Euro an Zeichnungen hier an völlig Ahnungslose verschleudert wurden. Der Künstler selbst erweist sich nicht unbedingt als Geschäftsmann. "Am späten Nachmittag kommt Daniel Richters Frau am Centre Pompidou vorbei. Richter hat zu diesem Zeitpunkt etwa fünfzig Euro eingenommen, Richters Frau nimmt das Geld und lässt sich vom Taiwanesen nebenan zeichnen. Das Porträt kostet fünfzig Euro, die Gesamteinnahmen für fast alle Richter-Zeichnungen, getauscht gegen ein gewischtes Straßenporträt."

Weiteres: Mark Siemons ist sich sicher, dass die Globalisierung des Verbraucherschutzes irgendwann auch das Blei aus chinesischem Spielzeug spült. Jürgen Dollase fühlt sich nach einer Verköstigungsrunde im gutbürgerlichen Aux Armes des Bruxelles sehr weit von der leichten Spitzenküche der Moderne entfernt. Peter Kemper schreibt zum Tod des amerikanischen Jazz-Schlagzeugers Max Roach. Thomas Poiss schreibt den Nachruf auf den Philosophen Michael Frede. Ingeborg Harms liest in Sinn und Form, der Neuen Rundschau und Sezession über Gershom Scholems Haltung zu Walter Benjamin und über den rumänischen Religionswissenschaftler Mirco Eliade. Verena Lueken gratuliert dem Schauspieler Robert Redford zum Siebzigsten. Vom 23. Weltkongress der Rechts- und Sozialphilosophen in Krakau berichtet Alexandra Kemmerer. Abgedruckt wird ein Vortrag des Bochumer Theologen Christian Link, in dem er die Bibel von jeglichem Kreationismusverdacht freispricht. Christian Geyer entscheidet sich nach langer Grübelei für ein Fahrrad mit gefederter Gabel. Auf der Medienseite überbringt Dieter Bartetzko Harald Schmidt Grüße zum Fünfzigsten.

Die Schallplatten- und Phonoseite präsentiert neue Alben von Emily Haines & the Soft Skeleton, Meg Baird, Donnie und eine Einspielung von Gustav Mahlers fünfter Symphonie unter der "beherzten" Fürhung von Gustavo Dudamel.

In der Wochenendbeilage beklagt Eleonore Büning das schnelle Geschäft mit den Stars in der klassischen Musik und macht die allgemeine musikalische Unbildung der Zuhörer dafür verantwortlich. Demnächst erscheint Walter Moers' Roman "Der Schrecksenmeister", weshalb ein verspielter Andreas Platthaus eine von Moer's' Figuren trifft, den Dinosaurier und Schriftsteller Hildegunst von Mythenmetz. Regina Schilling besucht die menschliche Autorin Rada Biller. Ganz am Schluss gibt es ein Interview mit dem neuen Präsidenten im Bonner Haus der Geschichte, Hans Walter Hütter.

Rezensionen gibt es zum "Bilderbuch des Jahres" von Julia Donaldson und Axel Scheffler, Burkhard Spinnens Roman "Mehrkampf" sowie Arno Geigers "Anna nicht vergessen".

In der Farnkfurter Antholgoe bespricht Hans Christoph Buch Ferdinand Freiligraths Gedicht "Prinz Eugen, der edle Ritter".

"Zelte, Posten, Werda-Rufer!
Lustge Nacht am Donauufer!
Pferde stehn im Kreis umher
Angebunden an den Pflöcken;
An den engen Sattelböcken
Hangen Karabiner schwer."



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