Heute in den Feuilletons "Der Vorzug der frauenfeindlichen Eindeutigkeit"

Im "Freitag" spricht Saskia Sassen über ihren Vater, den Nazi Willem Sassen.  Die "FR" staunt: Noch das letzte leerstehende Postgebäude in Neukölln wird heutzutage von Künstlern zwischengenutzt. Die "Zeit" wendet sich gegen die Softpornografisierung beinahe aller Gesellschaftschichten.



Der Freitag, 16.06.2011

Matthias Dell trifft die Globalisierungs- (und selbst auch globalisierte) Soziologin Saskia Sassen und fragt sie nach ihrem Vater, dem holländischen Nazi Willem Sassen, einem Kumpel Adolf Eichmanns, und bezieht sich auch auf Raymond Leys Dokumentation "Eichmanns Ende", wo sie erstmals über ihren Vater sprach: "Sie will gefragt werden. Sie ist nicht oft gefragt worden zu ihrem Vater; vor ein paar Jahren war sie in einer holländischen Fernsehsendung, dann in dem Film. Die Fragen, die ihr gestellt werden, sind die Fragen, die sie sich nicht gestellt hat, Wegweiser zur eigenen Geschichte. 'Da sind Leerstellen. Und jetzt denke ich manchmal, ich wünschte, ich hätte meinem Vater mehr von diesen Fragen gestellt, die ich gestellt bekomme. Wobei 'wünschte' mehr eine rhetorische Formulierung ist als ein reales Gefühl.'"

Die Tageszeitung, 16.06.2011

Gerhard Dilger kommentiert die Verleihung des ersten "Reinhard-Mohn-Preises" der Bertelsmann-Stiftung an die nordostbrasilianische Metropole Recife, die damit für ihren Bürgerhaushalt ausgezeichnet wurde. Rudolf Balmer berichtet aus Paris über den Philosophen Luc Ferry, der nach verschwiemelten Andeutungen im Zusammenhang mit dem Skandal Strauss-Kahn im Fernsehen jetzt Ärger mit seiner alten Uni bekam. Andreas Resch würdigt den verstorbenen Filmemacher Peter Schamoni.

Besprochen werden eine große Retrospektive des ungarischen Fotokünstlers Andre Kertesz im Berliner Martin-Gropius-Bau, der Film "Yuki & Nina" von Nobuhiro Suwa und Hippolyte Girardot, der Dokumentarfilm "Klitschko" von Sebastian Dehnhardt und Cornelia Vismans Buch "Medien der Rechtsprechung" über Fernsehen, Videoüberwachung und Livestream im Gericht (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)

Und Tom.

Die Welt, 16.06.2011

Eine neue "Hilfsflotte" nach Gaza ist unterwegs. Ralph Giordano warnt in einem kleinen Essay, vor der "gespenstischen Drohkulisse", die sich da aufbaut: "Unheimlich, wer die Großmacht dahinter ist, das Rückgrat der Expedition, ihr eigentlicher Mentor - die Türkei. Gerade hat der ränkevolle Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan dieser verlogenen 'Rettet-Gaza-Armada' das Zeugnis einer 'legalen Initiative von regierungsunabhängigen Organisationen' ausgestellt. Unheimlich aber auch die ebenso tückische wie unverbergbare Philosophie hinter allem: 'Je blutiger der Zusammenprall, desto beschädigter Israel.'"

Harald Peters hebt bei Terrence Malicks "Tree of Life" nicht wirklich ab: "Kein anderer Regisseur kann Naturphänomene so bezaubernd in Szene setzen wie er. Man könnte um jede Einstellung einen Rahmen ziehen und sie sich an die Wand hängen. Nur wiedergeben, worum es in Malicks Film eigentlich geht, kann man leider nicht. Was dumm ist, da man das Gefühl hat, dass es dem Regisseur um etwas gehen könnte."

Und Claire-Lise Buis bespricht Kwame Anthony Appiahs Essay "Eine Frage der Ehre - Wie es zu moralischen Revolutionen kommt".

Frankfurter Rundschau, 16.06.2011

Harry Nutt wundert sich über den Boom im einst so was von gar nicht angesagten Neukölln: "Wo immer ein leerstehendes Postgebäude leersteht, klopfen Künstler an und drängen auf Zwischennutzung."

Weitere Artikel: Andreas Herberg-Rothe macht sich recht ausführlich Gedanken zur Frage, wie "bestehende Ethik-Konzeptionen komplexen Problemen" von Atommoratorium bis Sterbehilfe gerecht werden. Wolf Kampmann resümiert das Jazzfestival von Moers, bei dem Ornette Coleman ein überraschendes Abschiedskonzert gab.

Besprochen werden der Trickfilm "Kung Fu Panda 2" und Markus Sehrs Film "Eine Insel namens Udo", außerdem Felix Hartlaubs "Kriegsaufzeichnungen aus Paris", die in der Edition Suhrkamp neu erscheinen.

Neue Zürcher Zeitung, 16.06.2011

Madeleine Donati wirft dem Westen vor, im Kampf gegen die arabischen Diktaturen einseitig auf ihm genehme Cyberdissidenten zu setzen, also säkulare Blogger, aber bitte nicht in Saudi-Arabien. Dass kaum eine Seite so viele Anhänger habe wie die von einem Muslimbruder betriebene Facebook-Seite "The Syrian Revolution 2011" falle dabei unter den Tisch: "Mehr Zurückhaltung bekäme der arabischen Aktivistenszene besser. Nicht zuletzt, weil sie ohne die Foren, die westliche Organe so einseitig für manche ihrer Mitglieder bereitstellen, gezwungen wäre, sich intern intensiver auszutauschen. Im Falle Syriens, bekennt ein einheimischer Blogger, sei die mangelnde Vernetzung - auch ohne Einmischung fremder Förderorganisationen - ohnehin das größte Manko." (mehr zur Diskussion zwischen den syrischen Bloggern hier in der NY Times)

Weiteres: Für Roman Hollenstein beweist die Reurbanisierung des Bahnhofareals von Bozen einmal mehr, dass Südtirol eine Oase der zeitgenössischen Architektur in der italienischen Wüste ist. Besprochen werden auf der Kinoseite Richard Ayoades schräge Wales-Komödie "Submarine", Mahamat-Saleh Harouns Parabel "Un homme qui crie" und Bücher, darunter Kuno Raebers Tagebücher (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Süddeutsche Zeitung, 16.06.2011

"Diese Ausstellung ... ist eine Offenbarung: an Bosheit und Rohheit, an Intriganz und an politischer Ranküne. Wer durch sie gegangen ist, hat das Ende der zeitgenössischen Kunst gesehen, buchstäblich." Junge, Junge, zumindest bei Thomas Steinfeld hat die Provokation von Vittorio Sgarbis Biennale-Pavillon voll ins Schwarze getroffen. Das schlimmste daran ist für Steinfeld: Sgarbi hat den Kurator ausgeschaltet, die auswählende Autorität. Da bleibt nichts mehr übrig. Denn: "Der Kurator macht - unter der modernen Voraussetzung, dass alle Kunst abstrakte Kunst ist, also der Erläuterung bedarf - die Kunst überhaupt erst zur Kunst."

Hier ein kurzes Interview mit Sgarbi bei Monopol, hier Hanno Rauterbergs eher selbstkritischer Artikel in der Zeit. Und hier ein Rundgang mit Sgarbi durch den Pavillon:



Weitere Artikel: Die Kulturhaushaltskürzungen Bonns, die besonders das Theater hart treffen, kommentiert Vasco Boenisch. Im Leben nicht hält Kia Vahland einen Rückenakt für das Werk Michelangelos, als das Christie's ihn bei einer Versteigerung feilbietet. Jonathan Fischer gratuliert dem Songwriter und Produzenten Lamont Dozier zum Siebzigsten. Thomas Höllmann schreibt zum Tod des Sinologen Herbert Franke.

Besprochen werden eine Salzburger Aufführung von Saverio Mercadantes Oper "I due figari" (im Plot eine Fortsetzung des berühmtern Figaro-Gegenstücks Mozarts), Stefan Herheims und Mariss Jansons' Amsterdamer "Eugen Onegin"-Aufführung, neu anlaufende Filme, darunter die "Klitschko"-Doku und Szabolcs Hajdus "Bibliotheque Pascal" (Rainer Gansera dekretiert: "Die Frau ist das Mysterium der Welt - und das Kino ist dazu berufen, dieses Mysterium zu feiern" - und ist glücklich) und Bücher, darunter Ingeborg Bachmanns Soap-Radio-Texte (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.06.2011

"Geradezu surreale Szenen" spielten sich, Paul Ingendaays anonymen Informanten zufolge, an der spanischen Universität Vigo ab, wo eine Affäre um eine Forscherclique, die allen Anzeichen und Gutachten nach einen chinesischen Aufsatz plagiiert hat, mit viel Aufwand kleingeredet, bagatellisiert, jedenfalls aber allen Ankündigungen zum Trotz nicht aufgearbeitet wird. Kurios scheint mit Prof. Juan Carlos Mejuto auch der sichtbarste Kopf der Truppe zu sein: "Man hört bizarre Dinge über diesen Mann. Etwa, er laufe an der Uni in Shorts, T-Shirt und Latschen umher, sei ein Freund sexueller Anspielungen und, wie man sich erzählt, auf dem Campus schon einmal im Darth-Vader-Kostüm aus 'Krieg der Sterne' aufgetreten."

Uneindeutig und vertrackt ist die Situation bei Eichborn, wie Sandra Kegel berichtet. Das vom Berliner Aufbau Verlag übernommene Frankfurter Haus zieht nun vorerst doch nicht in die Hauptstadt, wiewohl den Mitarbeitern am Main bereits gekündigt wurde.

Weitere Artikel: Karol Sauerland referiert eine in Polen bereits kontrovers diskutierte Studie des Journalisten Roman Graczyk, die Zweifel am Selbstbild polnischer katholischer Intellektueller als Widerständler innerhalb des Ostblocks aufkommen lässt (mehr dazu im Blog von Friedemann Kohler). Auf nach Zürich: "Eine einmalige Sternstunde der Kunstgeschichte" hat eine restlos begeisterte Julia Voss dort im Museum Rietberg erlebt, wo derzeit "ohne Übertreibung eine der spektakulärsten und aufwendigsten Ausstellungen zur indischen Malerei" zu sehen sei. Rüdiger Suchsland unterhält sich mit dem Regisseur Ulrich Köhler über dessen neuen, in Afrika im Entwicklungshelfermilieu spielenden Film "Schlafkrankheit" (unsere Berlinale-Kritik hier), der in einer Woche in den Kinos startet.

Besprochen werden neue Schallplatten von Emmylou Harris und Bill Calahan, Stefan Herheims Inszenierung von Tschaikowskys "Eugen Onegin" an der Amsterdamer Oper, der Film "Yuki & Nina", ein Auftritt des irischen Musik- und Tanzspektakels Celtic Woman in der Frankfurter Alten Oper und Bücher, darunter "Weltkonzern und Kriegskartell", eine Studie von Diarmuid Jeffreys über die Rolle der IG Farben im "Dritten Reich" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Die Zeit, 16.06.2011

"Die Softpornografisierung beinahe aller Gesellschaftsschichten darf als abgeschlossen gelten", kommentiert Iris Radisch die neue Playboy-Ausgabe, für die sich deutsche Fußballerinnen nicht mal richtig ausgezogen haben: "Die trügerische Botschaft der emanzipierten und aufgeklärten Pornografie, dass weibliches Selbstbewusstsein und weibliche Unterwerfung unter männliche Körper- und Bildsprachen sich nicht länger ausschließen, ist vielleicht noch niederschmetternder als die alten Schmuddelbilder, die zwar furchtbar waren, aber den Vorzug der frauenfeindlichen Eindeutigkeit hatten." (Irritierend, dass über Radischs Artikel großformatig eines der Playboy-Bilder abgedruckt wird.)

Außerdem zum Thema: Mariam Lau rauft sich die Haare über ihre Tochter, die sich am liebsten mit ihren Freundinnen Heidi Klums "Germany's Next Top Model" ansieht. Özlem Topcu fragt, was eine "Muslimin eigentlich eher zum Sexobjekt macht: der Druck des elterlichen Wohnzimmers, der sie auf eine sexuelle Reinheit reduziert, oder der Gegendruck der sexuell enttabuisierten Mehrheit."

Weiteres: Moritz von Uslar mischt sich in Baden-Baden unter vornehme Kur- und Festspielvolk, das jetzt von den Berliner Philharmonikern beglückt wird. Christoph Dallach unterhält sich mit dem Musiker und Produzenten Brian Eno, der der Krise der Musikindustrie durchaus Positives abgewinnen kann: "Letztlich läuft es darauf hinaus, dass heute eigentlich mehr Geld für Musik ausgegeben wird als jemals zuvor." Stefan Koldehoff und Tobias Timm beleuchten die fatale Rolle des Kunsthistorikers Werner Spies im Kölner Kunstfälscher-Skandal um die Sammlung Jägers. Helmut Schmidt schreibt zum Tod des DDR-Malers Bernhard Heisig, der den Altkanzler 1986 malte. Übernommen wird Bernard-Henri Levys Nachruf auf Jorge Semprun (Hier eine Hommage auf Französisch, hier auf Spanisch)

Besprochen werden Stefan Puchers Inszenierung von Stephen Belbers Stück "Tape" am Deutschen Theater Berlin und Terrence Malicks "Tree of Life".

Auf den Literaturseiten preist Michael Maar sehr grundsätzlich Eduard von Keyserling und seinen Roman "Wellen": "Was für ein kapitaler Wurf, was für ein Meisterwerk! Der Bursche ist ja besser als Fontane!" Thomas Glavinic schreibt über Thomas Bernhard. (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages)



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