Heute in den Feuilletons: "Die Angst vor der Gurukratie hat sich gelegt"

In der "Welt" plädiert Peter Sloterdijk für Rudolf Steiner. Bei den Ruhrbaronen plädiert Rudolf Steiner gegen sich selbst. "Vanity Fair" schwärmt von den Herrenschneidern Anderson & Sheppard. Die "SZ" ist fassungslos: Der Pianist Ivo Pogorelich schmeißt Granaten ins Kinderzimmer.


Die Welt, 25.10.2011

Die Welt dokumentiert ein Gespräch zwischen Peter Sloterdijk und Mateo Kries, dem Kurator einer Ausstellung über Rudolf Steiner im Vitra-Museum über eben diesen. Sloterdijk erklärt darin seinen Abschied von der Idee der politischen Veränderung und seine Ankunft bei der "Lebensreform": "Das 20. Jahrhundert hat mit der Erkenntnis geendet, dass die Revolutionäre unrecht und dass die Lebensreformer recht hatten. Die Angst vor der Gurukratie hat sich zudem ein wenig gelegt, seither ist man eher bereit, Steiner nicht mehr als Guru zu sehen, sondern als ganz normales Genie."

Weitere Artikel: Lucas Wiegelmann war dabei, als das Bayerische Staatsorchester vor dem Papst Bruckner spielte. Andreas Rosenfelder macht die Demonstranten in der Wall Street darauf aufmerksam, dass ihre Burberry-Schals nicht ohne das Geld von Investoren zustande gekommen wären.

Besprochen werden eine Hergé-Biografie und Spielbergs "Tim und Struppi"-Verfilmung, die Matthias Heine (trotz Wenders' "Pina"-Film) als "ersten 3D-Film für denkende Menschen" bezeichnet.

Aus den Blogs, 25.10.2011

Andreas Lichte von den Ruhrbaronen ist nicht so einverstanden mit Peter Sloterdijks Rudolf-Steiner-Exhumierung. Zu Sloterdijks Behauptung, Steiner ermögliche eine Koexistenz der Menschen auf dem Planeten, stellt er Steiners Zitat über Menschen in Afrika: "Sehen wir uns zunächst die Schwarzen in Afrika an. Diese Schwarzen in Afrika haben die Eigentümlichkeit, dass sie alles Licht und alle Wärme vom Weltenraum aufsaugen. Sie nehmen das auf. Und dieses Licht und diese Wärme im Weltenraum, die kann nicht durch den ganzen Körper durchgehen, weil ja der Mensch immer ein Mensch ist, selbst wenn er ein Schwarzer ist... Im Neger wird da drinnen fortwährend richtig gekocht, und dasjenige, was dieses Feuer schürt, das ist das Hinterhirn." Und später dann: "Die weiße Rasse ist die zukünftige, ist die am Geiste schaffende Rasse."

(Via ebertchicago). Die Zeitschrift Slant präsentiert die Liste der "25 besten Horrorfilme der nuller Jahre". Nummer 1 ist "Pulse" von Kiyoshi Kurosawa. Mehr hier und hier:



Die Tageszeitung, 25.10.2011

"Wertvollen demokratischen Rohstoff" findet Isolde Charim bei der OWS-Bewegung. Auch wenn Blochers "Volkspartei" die Wahlen in der Schweiz gewonnen hat, hat er gegen die Nichtwähler verloren, meint Rudolf Walther.

Besprochen werden die Ausstellung "The Global Contemporary. Kunstwelten nach 1989" im Karlsruher Museum für neue Kunst, Ursula Bogners CD "Sonne = Blackbox", Bernd Ulrichs Buch "Wofür Deutschland Krieg führen darf. Und muss" und Jeanette Erazo Heufelders Reportage "Drogenkorridor Mexiko" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und Tom.

Weitere Medien, 25.10.2011

Warum rappen Musiker heute nur noch über Bling statt über, ähm, tiefe Dinge, möchte Guardians Decca Aitkenhead von Jarvis Cocker (Pulp) wissen. Seine Antwort: "To look for some kind of insight or meaning in pop songs is not really - well there's plenty of other places where you should probably look first before you start looking for it in a pop song. I guess it was just because I was really into music as a child, and I wanted it to say more. It was the thing, wasn't it? And now it isn't. Music's changed in that way. People still listen to it, but it's not as central, it's more like a scented candle. It sets the mood."

David Kamp singt in Vanity Fair ein kleines Liebeslied auf den englischen Herrenschneider Anderson & Sheppard. Dort ließen sich Fred Astaire, Noel Coward, Gary Cooper und Marlene Dietrich ihre Anzüge schneidern. Männer und Frauen mit Stil, die eine gewisse Bewegungsfreiheit und Lässigkeit bei ihrer Kleidung bevorzugten statt militärischer Schnitte. Die Jacken von Anderson & Sheppard fielen dagegen "weich". Erfunden hat den Schnitt der holländische Schneider Frederick Scholte. "The 'drape' of a coat (to use the traditional Savile Row term for jacket) is the manner in which it hangs from the shoulders. A Scholte coat was roomy over the chest and shoulder blades, resulting in a conspicuous but graceful drape - the fabric not flawlessly smooth and fitted but gently descending from the collarbone in soft vertical ripples. The upper sleeves, too, were generous, allowing for a broad range of motion, but the armholes, cut high and small, held the coat in place, keeping its collar from separating from the wearer's neck when he raised his arms. The shoulders remained unpadded, left to slope along the natural lines of the wearer."

(via bookslut) Dubravka Ugresic wurde einmal in einem Hotel gefragt, ob sie ein Hotelkonto eröffnen wolle. Sie lehnte ab. Kaum war sie auf ihrem Zimmer, kam ein Hoteldiener und schloss die Minibar ab. Gedemütigt rechnet sie in der Paris Review mit Hotel und Minibar ab: "Die Minibar ist das Symbol der totalitäten Welt."

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.10.2011

China diskutiert entsetzt einige im Internet kursierende Videos, die eklatante Fälle mangelnder Hilfsbereitschaft zeigen - reglose, von Autos angefahrene Kinder, die stundenlang liegen gelassen werden, bis sich ein Passant erbarmt. Aber Moral bezieht sich in China immer noch nur aufs Kollektiv, nicht aufs Individuum, schreibt Mark Siemons: "Tatsächlich bekannten bei einer vor einem Monat angestellten Internetumfrage der Parteizeitung Renmin Ribao 87 Prozent der Teilnehmer, sie würden einem am Boden Liegenden nicht zu Hilfe kommen. Zur gleichen Zeit veröffentlichte das Gesundheitsministerium die 'technischen Richtlinien über ein Eingreifen, wenn ein alter Mensch gefallen ist', die es zwei Jahre lang erarbeitet hatte. Das Ministerium warnte davor, zu schnell zu helfen."

Weitere Artikel: Die ETA hat zwar der Gewalt abgeschworen, aber nicht ihrem Wahn, meint Paul Ingendaay in einem längeren Essay. Martin Otto hat in Bochum das ungepflegte Grab Jacob Mayers entdeckt - die Stadt scheint gar nicht mehr zu wissen, dass es Mayer war, der Bochum einst zur berühmten Glockengießerstadt machte.

Besprochen werden unter anderem ein Konzert Mark Knopflers und Bob Dylans in Oberhausen (als Dylan spielte, zogen die Knopfler-Fans ab), Verdis "Don Carlo" an der Deutschen Oper Berlin und das Debüt der Autorin Antonia Baum, "Vollkommen leblos", von Oliver Jungen nach Kräften verrissen.

Süddeutsche Zeitung, 25.10.2011

Wenn Konzerte zum Krieg werden: Körperlich geschafft, schwer drangsaliert wirkt Helmut Mauro nach dem Chopin- und Liszt-Konzert von Ivo Pogorelich, dem einstmals "jugendlichen Genie", das heute ein "schwer zu durchschauender Eigenbrötler" geworden sei: "Pogorelichs Pranke aber zerschmettert spätestens in Liszts Mephisto-Walzer alles Gefällige, verweigert alles Erzählerische oder Bildgebende, zerdehnt und zerreißt auch alle Dramatik. Wirklich böse wird es aber erst in Chopins unschuldigem c-Moll-Nocturne, da fliegen schon mal ein paar Granaten ins Kinderzimmer." Hier eine 2009'er Aufnahme des Pianisten mit Liszts Mephistowalzer:



Weiteres: Willi Winkler blickt auf die Ära des weit vernetzten Staatsterrorismus von Muammar al-Gaddafi ("der Impresario des Terrors") zurück und fordert eine Offenlegung der geheimdienstlichen Archive zu dessen besseren Nachvollzug. Marius Nobach berichtet von einer Münchner Tagung, die sich mit Edward Said in der Hand auf die Suche nach "Ursprüngen heutiger Islamophobie" im 18. und 19. Jahrhundert begeben hat. Bei den Hofer Filmtagen richten sich alle Augen ganz aufgeregt auf "Das unsichtbare Mädchen", den neuen Polizeithriller von Dominik Graf, der dort am Samstag gezeigt wird, berichtet ein sichtlich ebenso freudiger Rainer Gansera. Willi Winkler beleuchtet Hintergründe einer Nutzerbefragung, die gerade im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts durchgeführt wird. Burkhard Müller berichtet von einer Konferenz mit Zygmunt Bauman und Agnes Heller in Jena.

Besprochen werden eine Ausstellung über Kunst und Globalisierung im ZKM Karlsruhe, Annette Pullens Schiller-Interpretation "Die Jugfrau von Orleans" am Schauspiel Stuttgart, Alex Olles Inszenierug von George Enescus einziper "Oedipe" an der Oper Brüssel und das Werkverzeichnis von Max Pechstein (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

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