Heute in den Feuilletons: "Die Kalbshaut einer SS-Uniform"

Ivan Nagel äußert in der "SZ" Verständnis für Grass' Zögern. Die "Welt" sieht in Grass einen frühen Taliban. In der "FR" geißelt John Irving das deutsche Feuilleton. In der "FAZ" legt Florian Illies ein klares Bekenntnis zum Toaster seiner Kindheit ab.

Neue Zürcher Zeitung, 18.08.2006

Im neuen Nahostkonflikt ist weder für Moral noch für alteuropäische Vorstellungen von konventionellen Staatenkriegen Platz, bläut der israelische Soziologe Natan Sznaider seinen alteuropäischen Lesern ein. "In Europa täte man gut daran, umzudenken. Es ist nicht genug, an Frieden zu glauben, weil man sicher ist, dass er kommen wird, weil er einfach kommen muss - weil es vernünftig ist und sinnvoll, weil man doch das Leben dem Tod vorzieht. Es ist nicht genug, an die Rationalität der Geschichte zu glauben und im Endeffekt dann doch nur den eigenen Vorlesungen zuzuhören. Selbstzerstörerische Grausamkeit und mörderischer Kampf um Identität gehören nicht einer vergangenen Welt an. Die internationalen Truppen werden das in Libanon schnell lernen."

Weiteres: Die Arbeit sickert nicht nur in immer größerem Umfang in die Freizeit ein, stellt Sieglinde Geisel fest, sondern wird auch vom notwendigen Übel zum gesuchten Imagefaktor. Das Londoner Victoria & Albert Museum kann nun dank der Spende eines saudiarabischen Geschäftsmannes seine 10 000 Objekte islamischer Kunst in angemessenen Räumen präsentieren, berichtet Georges Waser.

Auf der Kinoseite widmet sich Amin Farzanefar dem modernen türkischen Film. Groß besprochen wird auch Florian Henckel von Donnnersmarcks Stasi-Film "Das Leben der Anderen", der jetzt in der Schweiz anläuft. Auf der Medienseite schildert Knut Henkel, wie Kuba versucht, den Empfang amerikanischer Satellitensender zu unterbinden.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken von Martin Kippenberger im Düsseldorfer K21 sowie eine Schau zum Architekten Franz Gustav Forsmann in Hamburg.

Frankfurter Rundschau, 18.08.2006

Der Schriftsteller John Irving wirft sich in einem Brief an die deutsche Presse für den Kollegen Grass in die Bresche und geißelt das deutsche Feuilleton. "Mein Freund und früherer Mentor Kurt Vonnegut würde das nationalistische Geplapper in den deutschen Medien wohl als 'shit storm' bezeichnen. Was ich aus all den Leitartikeln, den pathetischen Bemerkungen meiner Kollegen, der Kritiker und Journalisten aus den verschiedenen politischen Lagern herauslese, ist Folgendes: All dies ist eine vorhersehbar scheinheilige Demontage des Lebens und Werks von Günter Grass, ausgeführt von dem ach-so-feigen Standpunkt der nachträglichen Einsicht. Und von dieser Position aus nehmen jetzt viele der so genannten Intellektuellen sicher ihr Ziel ins Visier. Grass bleibt für mich ein Held - als Schriftsteller und als moralischer Kompass."

Im Interview mit Stephan Hebel nennt Dieter Graumann, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Grass "großartig und kleinmütig zugleich - das tut weh". In einer Times mager kann sich Hans-Jürgen Linke nur schwer mit dem Gedanken an elf Planeten im Sonnensystem anfreunden.

Besprochen werden Inszenierungen aus Polen, New York und Südkorea auf dem Shakespeare-Festival in Neuss.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.08.2006

Gestern forderten Eva Menasse und Michael Kumpfmüller in der SZ, wir möchten uns bitte wichtigeren Dingen zuwenden als den Bekenntnissen alter Herren über "mich und Hitler". Ja gut, dachten wir, machen wir. Heinz Budes Behauptung, die unter Siebzigjährigen hätten eh nix Interessantes zu sagen, taten wir als Propaganda ab. Heute gibt der 1971 geborene Bestsellerautor Florian Illies in der FAZ ein Interview über sein neues Buch. Und widerlegt Bude mit einem eindeutigen Bekenntnis zur Technik der Kindheit, zum "Toaster, von dem man weiß, der springt nicht von alleine hoch, man muss das Brot nach Gefühl rausholen."

Zurück zu Grass. Der Schweizer Adolf Muschg (mehr) hat "als Nichtdeutscher im Jahr 2006 mit dem Gefühl realer Teilnahme" die Zwiebel gehäutet und stellt fest: "Die Scham des Überlebenden ist keine deutsche Spezialität, und da sie bestimmte, auch ehrenhafte Tabus begleitet, habe ich, glaube ich, auch verstanden, warum ein halbes Jahrhundert vergehen musste, bevor ein dem Krieg seines Führers mit genauer Not Entronnener sich herausnahm, von Glück zu reden... Erst als Repräsentant eines andern Deutschlands wagte es der alte Mann, auf jenen Simplizissimus seines Namens zurückzukommen, der sich vor einem halben Jahrhundert in die Kalbshaut einer SS-Uniform hatte stecken lassen. Das Buch ist viel mehr und viel weniger als ein Geständnis. Es hat viel zu erzählen."

Weitere Artikel: Matthias Hannemann ist ins Bundesarchiv-Militärarchiv in Freiburg gefahren und hat nach Dokumenten über die Panzerdivision Frundsberg gesucht: Da müssen wohl die Historiker ran, meint er, "mit einem Telefonat und einem fixen Archivritt jedenfalls ist es nicht getan". Heinz Schindler erklärt, warum er für sein Buch zur Flak auf GG vertraute. Patrick Bahners berichtet von weiteren Reaktionen auf Grass: "Der amerikanische Bestsellerautor John Irving hat sich in einem Elektrobrief an die Nachrichtenagentur Associated Press im Sinne des Denkmalschutzes engagiert. 'Grass bleibt für mich ein Held.'" (zu lesen in der FR) Michael Jeismann hat Rollenspiele für Bundeswehrsoldaten im Ausland beobachtet.

Auf der Medienseite nimmt Michael Borgstede den Hizbullah-Fernsehsender Al Manar aufs Korn: "Seltsamerweise schienen Hizbullah-Kämpfer in diesem Krieg unsterblich zu sein. Selbst die libanesischen Autoritäten sprachen immer nur von 'getöteten Zivilisten' - gegen Kriegsende sollen es "mehr als tausend" gewesen sein. Mittlerweile hat die Hizbullah 68 tote Kämpfer eingeräumt, in Wahrheit dürfte die Zahl wohl um die fünfhundert liegen."

Besprochen werden der Film "The Piano Tuner of Earthquakes" der Brüder Quayle, die Ausstellung "Mathilda is calling" auf der Darmstädter Mathildenhöhe, ein Konzert der Band Massive Attack in Düsseldorf und Bücher, darunter Jeffrey Steingartens "Der Mann, der alles isst" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Die Welt, 18.08.2006

Auch Tilman Krause hat die Zwiebel gehäutet und steht leicht fassungslos vor Grass, dem Teenager: "Wahrlich, es war folgerichtig - und das wird der Stachel im Leib dieses Autors sein, mehr als alle Dokumentation auf Papier, der auch ein langes Schweigen erklären kann -, es war folgerichtig, dass dieser Junge zur Waffen-SS gelangte. Für Naturen wie ihn, die von sexueller Frustration, Sozialneid, Ressentiment und seelischer Unempfänglichkeit geprägt waren, wurde sie erfunden. Die Taliban-Kommandos dürften sich aus ähnlich gearteten Jungmännern rekrutiert haben. Und man wird Grass den Respekt nicht versagen wollen, dies alles so ungeschminkt dargestellt zu haben. Je nachdem, ob man dem Autor wohlgesonnen ist, ihm ein Liebes oder Leides will, wird man entweder die schonungslosen Häutungen seiner Zwiebel in ihrer bohrenden Ehrlichkeit bewundern oder aber dieselben als Entgleisungen verbuchen, die man lieber nicht erfahren hätte."

Weiteres: Was Hamburg fehlt, meint Rainer Haubrich in seinem Kommentar zur Hamburger Debatte um den Neubau am Domplatz, sind modern-dezente Häuser der zweiten Reihe. Gernot Facius erinnert an den Pfarrer Oskar Brüsewitz, der sich vor dreißig Jahren aus Protest gegen das SED-Regime in Zeitz selbst verbrannt hat. Meldungen besagen, dass ein gestohlener Filz-Anzug von Joseph Beuys nach achtzehn Jahren in Düsseldorf aufgetaucht ist, und dass die Londoner National Portrait Gallery in ihrem Archiv das bisher zweite zu Lebzeiten gemalte Porträt von Maria Stuart gefunden hat. Michael Pilz findet schließlich Paris Hiltons "ersten echten Arbeitsnachweis", das Album "Paris", gar nicht so peinlich wie vermutet.

Die Tageszeitung, 18.08.2006

Mark Terkessides schildert im Feuilleton das aktuelle Verhältnis von Pornografie und Kunst unter Zuhilfenahme einschlägiger Metaphern als "gegenseitige Durchdringung" und kommt dabei auch auf "Gonzo-Pornografie" zu sprechen, in der es um die Aufnahme von Körperflüssigkeiten geht. Schuld ist der übliche Verdächtige: "In solchen Filmen werden die Darstellerinnen zur Verkörperung des aktuellen Kapitalismus - eines Kapitalismus, der eben nicht mehr auf der Ausbeutung der Körper beruht, sondern darauf, dass die Menschen ihre 'Seele' hergeben und für Arbeitsplätze und Unternehmensgewinne bis ans Limit gehen."

Weitere Artikel: Peggy Parnass verteidigt Günter Grass: "Günter Grass soll entwertet werden, seine Lebensleistung und Lebenshaltung ausradiert." Und Gerrit Bartels bespricht Philip Roths neuen Roman "Jedermann". In tazzwei unterhalten sich Zonya Dengi und Daniel Bax mit der Popsängerin Joy Denalane. Und Martin Weber schildert die Bedingungen, unter denen Journalisten die neusten Songs von Robbie Williams anhören, aber nicht darüber berichten dürfen.

Auf der Meinungsseite glaubt der israelische Autor und Friedenskämpfer Uri Avnery, die israelische Regierung hätte die Bodenoffensive im Libanon nur gestartet, damit man am Ende "ein Bild des Sieges" hat.

Schließlich Tom.

Süddeutsche Zeitung, 18.08.2006

Ivan Nagel, der sich in Ungarn als jüdisches Kind verstecken musste, während Grass in der Waffen-SS war, äußert in einem kurzen Text viel Verständnis für die Späte von Grass' Bekenntnis: "Ich hatte keinen Grund, mich zu schämen, ich war ja Verfolgter - und trotzdem konnte ich 55 Jahre lang nicht reden. Ich verstehe Günter Grass, der seine Scham, seine Schande erst jetzt aussprechen kann. Das eigene Leben ist kein Nachschlagewerk, in dem man nach Belieben herumblättert, kein fertiges Manuskript, das man jederzeit veröffentlichen kann."

Weitere Artikel Kurt Kister erlebt die Debatte um Grass als Generationenkonflikt zwischen Flakhelfer-, 68er- und Golf-Generation. Constanze von Bullion zeichnet eine Diskussion um Grass' Stasi-Akten nach, die dieser nie sehen, aber auch nicht freigeben wollte, die aber auch enttäuschend banal zu sein scheinen. Merten Worthmann lässt einige Filme der letzten Zeit Revue passieren und sucht eine Antwort auf die Frage, "warum Spaniens Kino nicht aus der nationalen Nische herauskommt". Wolfgang Schuster kommt noch einmal ausführlich auf die Debatte um die Elbtalbrücke in Dresden und den Welterbestatutus der betroffenen Landschaft zurück. Shi Ming, China-Redakteur der Deutschen Welle, schreibt zum 40. Jahrestag der Ausrufung der Kulturrevolution ("Was war die Kulturrevolution eigentlich, ein Massenspuk, ein Gangsterstreich, ein intriganter Putsch von oben, ein endloses Straßenfestival mit schamanisch blutigem Ende?"). chka schreibt über denn Eintrag "Googeln" im neuen Duden, der auf Druck des Internetunternehmens verändert wurde.

Im SZ-Magazin erzählen John Hansen und Kim Hundesvadt, Redakteure der Jyllands Posten, noch einmal, wie es zum Karikaturenstreit kam.

Besprochen werden die große Ausstellung "Das achte Feld" über "Geschlechter, Leben und Begehren in der Kunst seit 1960" im Kölner Museum Ludwig, Sven Taddickens Film "Emmas Glück", eine Installation Olafur Eliassons im Lenbachhaus, München, und Bücher, darunter eine Wiederauflage von Walter Muschgs "Tragischer Literaturgeschichte".

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