Heute in den Feuilletons "Die Zahlen sind korrekt"

In der "FAZ" bestätigen die Wissenschaftler Detlef Rost und Heiner Rindermann: Thilo Sarrazin hat uns richtig verstanden. In der "FR" kritisiert Götz Aly Sarrazin, aber auch seine Gegner. In der "taz" bespricht Micha Brumlik die Memoiren von Claude Lanzmann.



Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.09.2010


Gemeldet wird, dass Kurt Westergaard bei einer von Chefredakteuren besetzten Tagung in Potsdam einen Preis für Pressefreiheit bekommt, "weil er trotz Todesdrohungen demokratische Werte verteidige". (Und ihm gegenüber sitzen dann Medienrepräsentanten wie Stefan Aust oder Hans-Werner Kilz, die trotz keiner Todesdrohung die umstrittenen Karikaturen nur klein oder gar nicht abdruckten, mehr hier.)

Folgt auf die politische Kontroverse nun eine Wissenschaftsdebatte? Die Entwicklungspsychologen Detlef Rost und Heiner Rindermann, auf deren Forschungsergebnisse sich Thilo Sarrazin in seinem Buch oft bezieht, prüfen Sarrazins fünf intelligenz- und bildungsbezogene Hauptthesen nach und stellen fest, dass sie "was die psychologischen Aspekte betrifft, im Großen und Ganzen mit dem Kenntnisstand der modernen psychologischen Forschung vereinbar" sind. Das gelte auch für seine Zusammenfassung von Erb- und Umwelteinflüssen auf die Intelligenz: "Aufgrund vieler Zwillings-, Adoptions- und Patchworkfamilienstudien aus unterschiedlichsten Ländern wissen wir, dass sich Intelligenzunterschiede von Menschen zu fünfzig bis achtzig Prozent durch genetische Faktoren aufklären lassen; bei Älteren und unter günstigen Umweltbedingungen ist der Einfluss genetischer Faktoren auf die interindividuelle Variabilität kognitiver Leistungen stärker als bei jüngeren Kindern und unter ungünstigen Umweltbedingungen. Die von Sarrazin angeführten Zahlen, die sich auf die Bedeutung der Genetik für Intelligenzunterschiede beziehen, sind korrekt." (Detlef Rost hat dies auch schon 2007 in einem Interview in der Zeit erklärt, ohne dass es irgendein Aufsehen erregt hätte.)

Weitere Artikel: Paul Ingendaay hat mit dem "bedeutendsten Schriftsteller des Baskenlandes", dem 86jährigen Ramiro Pinilla gesprochen, der eher skeptisch auf die ETA-Erklärung, die Waffen ruhen zu lassen, blickt. Beim Festival von Venedig hat Michael Althen Vincent Gallo als Taliban im Schnee und Wang Bings hartes Spielfilmdebüt über ein chinesisches Straflager der sechziger Jahre gesehen. In der Glosse kolportiert Jürg Altwegg pikante Details aus dem Enthüllungsbuch des Ex-Versailles-Oberaufsehers Christophe Tardieu ("Etwas vorsichtiger geht er mit einem Kabinettschef um, der im Schloss Gruppensexpartys organisierte.") Hannes Hintermeier meldet, dass mit E-Readern von Thalia und Libri nun auch in den deutschen E-Book-Markt Schwung zu kommen scheint. Auf der Medienseite referiert Michael Hanfeld, was er bei carta.info über die Pläne für die neue Rundfunkgebühr gelesen hat und stellt angesichts des sich jetzt schon abzeichnenden Datenhungers der GEZ-Nachfolgebehörde fest: "Der Blockwart feiert fröhliche Wiederauferstehung."

Besprochen werden Alice Buddebergs Frankfurter "Clavigo"-Inszenierung, ein Konzert des "pianistischen Ausnahmetalents" Igor Levit (23) in Frankfurt, die Ausstellung "Archi & BD - La ville dessinée" in der Pariser Cité d'architecture et patrimoine und Bücher, darunter Judith Zanders Romandebüt "Dinge, die wir heute sagten" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages).

Weitere Medien, 07.09.2010

Elke Kühl hat sich für Zeit online einige neue Ebook-Lesegeräte angesehen: "Ob sich die E-Reader durchsetzen, hängt aber nicht nur von der Hardware ab. In Deutschland sind E-Books aufgrund der Buchpreisbindung kaum günstiger als traditionelle Bücher. Weitere Nachteile, wie die nicht vorhandene Möglichkeit zum Weiterverkauf, sind offensichtlich."

Die Tageszeitung, 07.09.2010

Micha Brumlik bespricht Claude Lanzmanns ("von Eitelkeit nicht ganz freie") Memoiren: "Die Kapitel seiner Erinnerungen, die sich mit dem Drehen von 'Shoah' befassen, gehören mit zu den spannendsten. Hier wird deutlich, welch detektivischer Spürsinn und welche List vonnöten waren, um ungestört dahinlebende NS-Massenmörder wie Franz Suchomel, Percy Broad oder Walter Stier ins Gespräch und vor eine - verdeckte - Kamera zu bekommen."

Außerdem schickt Cristina Nord ihre Venedig-Kolumne. Besprochen werden eine neue Platte von Los Lobos (mehr hier), Schorsch Kameruns Inszenierung von "Vor uns die Sintflut" in Hamburg und eine Tagung über den Kalten Krieg in Hamburg.

Und Tom.

Aus den Blogs, 07.09.2010

Wolfgang Clement hat sich in einer Augsburger "Rede zur Freiheit" (Video) für Thilo Sarrazin eingesetzt, meldet die Achse des Guten: "'Bei einer demokratischen Partei muss die Freiheit des anders Denkenden vor allen anderen im Vordergrund stehen', erklärte er weiter, 'eine Partei kann sich abmelden, wenn Sie der Meinungsfreiheit nicht den Spielraum einräumt, der ihr zukommt.'"

Thomas Baader schlüsselt in Achgut auch einige Zahlen der Politologin Naika Foroutan auf, die in zwei Talkshows den Statistiken Thilo Sarrazins Kontra gab.

"Wie kann man eigentlich Sinn und Unsinn im Namen der Wissenschaft unterscheiden? Wie finde ich heraus, ob eine These sinnvoll ist oder mehr in die Kategorie der Pseudowissenschaft gehört?", fragt dagegen der Sarrazin-kritische Blogger Gunnar Ries und zitiert Carl Sagans "Balony Detection Kit", einen Kriterienkatalog zur Bewertung der Seriosität von Debatten. Kriterium 1: "Wenn möglich, Bestätigung der Fakten durch eine unabhängige Quelle suchen." Hier wartet eine Aufgabe auf die Blogger!

Frankfurter Rundschau, 07.09.2010

Die 33 verschütteten Grubenarbeiter in Chile halten sich angesichts der Umstände prächtig. Wundert euch nicht, ruft der chilenische Dramatiker Ariel Dorfman. Ausdauer und Überlebenswille würden seit Generationen von den Vätern an die Söhne verer..., ähm, weitergegeben. "Findigkeit und Durchhaltevermögen sind das Vermächtnis der Salpeter-Arbeiter und all derer, die zur Zeit von Baldomero Lillo im Bergbau schufteten, die ersten Gewerkschaften gründeten, die ersten Lesegruppen veranstalteten und die ersten Zeitungen für die chilenische Arbeiterklasse herausbrachten. Die Erfahrung, was Einigkeit, Standhaftigkeit und Planung bewirken können, wurde vom Vater auf den Sohn, auf den Enkel weitergegeben, wobei jeder männliche Nachkomme lernen musste, wie er unter den katastrophalen Arbeitsbedingungen seiner Zeit überlebte."

Auf der Meinungsseite liefert der Historiker Götz Aly einige geschichtliche Zahlen zur Behauptung, Juden hätten ein spezielles Gen. Dass er sich überhaupt zu Sarrazin äußert, erklärt er so: "Ich fand noch keine Zeit, sein Buch zu lesen. Der kulturpessimistische, an Oswald Spenglers 'Untergang des Abendlandes' gemahnende Titel gefällt mir nicht. Doch stört mich auch der inquisitorische Gestus, mit dem linksliberale Kritiker über den Autor herfallen. Ich lebe in diesen Kreisen und weiß, wie dort darüber gewacht wird, dass die eigenen Kinder oder Enkel die 'richtigen', sprich: migrantenarmen, bürgerlich gehobenen Kindergärten und Schulen besuchen."

Außerdem: Tugan Sokhiev wird neuer Chefdirigent des Deutschen Symphonieorchesters Berlin, meldet Jürgen Otten. Hilal Sezgin berichtet über ihre Hühner.

Besprochen werden die deutsche Erstaufführung von Aribert Reimanns Oper "Medea" in Frankfurt, Alice Buddebergs Inszenierung von Goethes "Clavigo" am Schauspiel Frankfurt und Bücher, darunter Claude Lanzmanns "Erinnerungen" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Neue Zürcher Zeitung, 07.09.2010

Markus Bauer berichtet vom Aufblühen der rumänischen Literatur, das hierzulande aber leider noch nicht wahrgenommen wurde. Bauer listet eine Reihe von Namen auf, darunter Petru Cimpoesu, Gabriela Gavril oder Calin Ciobotari. Andrea Köhler meldet, dass Peter Stein seine Inszenierung von Mussorgskys "Boris Godunow" an der Metropolitan Opera in New York abgesagt hat, weil er sich nicht den Schikanen amerikanischer Grenzbehörden aussetzen will. Ulrich M. Schmid erzählt, wie sich Putin als "Powerman der Nation" in Szene setzt, getreu der Devise: "Keep it simple and stupid". Martin Meyer schreibt über digitalen Wandel.

Besprochen werden Philipp Meyers sozialkritisches Werk "Rost", Yasmina Khadras Roman "Die Schuld des Tages an die Nacht" und die Biografie über den Forscher Carlos Gardel, "Ein Tango für Gardel", von Pedro Orgambide (mehr in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Die Welt, 07.09.2010

In einem umfangreichen Interview mit Wieland Freund spricht Jonathan Franzen über seinen neuen Roman "Freiheit", an dem er insgesamt achteinhalb Jahre laboriert hat: "Die Schwierigkeit besteht darin, eine Gruppe von Charakteren zu entwickeln, die ich genug lieben kann, um sie Qualen auszusetzen, die, ohne Liebe, einfach grausam wären."

Weiteres: Eckhard Fuhr berichtet vom Gezerre um die Istanbuler Villa Tarabya, die nun doch keine Künstlerakademie werden darf. Peter Praschl schreibt zum Achtzigsten des großen Sonny Rollins.

Süddeutsche Zeitung, 07.09.2010

Hausbacken sei das von Kulturbürokraten regierte Kulturhauptstadtjahr in Istanbul gewesen, schreibt Kai Strittmatter über "die Enttäuschung der unabhängigen Künstler, der Intellektuellen, der Zivilgesellschaft. All jener, die am Anfang so große Hoffnungen hatten, um am Ende von den Kulturbürokraten beiseitegefegt zu werden, die mit den umgerechnet 150 Millionen Euro ein Fest für das Fremdenverkehrsamt der Stadt ausrichteten."

Weitere Artikel: Douglas Rushkoff, Träger des "Neil Postman award for Career Achievement in Public Intellectual Activity" (pompöser geht’s wohl nicht mehr!), und Kolumnist bei The Daily Beast macht sich Gedanken über Chancen der Digitalisierung (Der Text liest sich wie eine Rede, die bei den Hamburger Trendtagen gehalten werden könnte, wo der Autor annonciert ist). Laura Weißmüller begutachtet die neue Synagoge in Mainz. Till Briegleb verfolgte eine Tagung über die "Intellektuelle Geschichte des Kalten Kriegs" in Hamburg. Andrian Kreye gratuliert Sonny Rollins zum Achtzigsten.

Besprochen werden das Peter-Hacks-Stück "Die Sorgen und die Macht" am Deutschen Theater, Nicholas Stollers Filmkomödie "Männertrip" mit Russell Brand und Bücher, darunter Claude Lanzmanns Erinnerungen.



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