Heute in den Feuilletons "Ein Stück Literatur"

In der "taz" besteht Reyhan Sahin darauf, dass sie zugleich Professorin und Lady Bitch Ray sein kann. Die "FAZ" träumt vom Anarchismus, die "SZ" beobachtet, wie er totdiskutiert wird. Alle sind beeindruckt von Marcel Reich-Ranickis Rede im Bundestag.



Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung, 28.01.2012

Harry Nutt sah in Marcel Reich-Ranickis gestern gehaltener Rede im Bundestag zum Holocaust-Gedenktag "ein Stück Literatur".

Weiteres: Anke Westphal und Birgit Walter unterhalten sich mit Dieter Kosslick über die in zwei Wochen beginnende Berlinale. Besprochen werden Kim Ki-Duks Tagebuchfilm "Arirang", Sebastian Schugs Inszenierung von "Orpheus steigt herab" am Staatstheater Karlsruhe und Steven Pinkers Studie über die Gewaltgeschichte der Menschheit (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Die Welt, 28.01.2012

Der italienische Künstler Francesco Vezzoli parliert im Interview über seine Schau, die er zusammen mit Rem Kohlhaas entworfen hat und die für 24 Stunden im Pariser Palais d'Iene zu sehen sein wird. Er ist zufrieden: "Kohlhaas ist so cool und ich bin so camp. Das musste explosiv enden."

Außerdem: Lucas Wiegelmann trifft den Intendanten der Hamburger Symphoniker, Daniel Kühnel, zum Tischgespräch in einem Hamburger Restaurant, wo die Pasta 32 Euro kostet und auf den Männertoiletten Pinups von Cameron Diaz in Schokoladenverpackung hängen. Ulf Poschardt ätzt in der Randspalte gegen den "moppeligen Beamtensozialismus" des Francois Holland. Thomas Wagner erinnert an den amerikanischen Maler Jackson Pollock, der vor hundert Jahren geboren wurde. Andreas Rosenfelder war bei einem Vortrag Karl Heinz Bohrers über das Dionysische.

In der Literarischen Welt beschwört der Germanist Bodo Plachta im Interview den Genius loci von Dichterhäusern. Elke Heidenreich preist im Aufmacher Stewart O’Nans Roman "Emily, allein" über eine Frau, die im Alter einen Neuanfang wagt. Besprochen werden unter anderem auch Liao Xiaobos Essays "Ich habe keine Feinde, ich kenne keinen Hass", Zeruya Shalevs Roman "Für den Rest des Lebens" und Georg M. Oswalds Krimi "Unter Feinden".

Neue Zürcher Zeitung, 28.01.2012

In Literatur und Kunst stellt Karl Schögel zwei Bücher vor, die man am besten wohl nebeneinander liest: 1935/36 reisten die sowjetischen Schriftsteller Ilja Ilf und Jewgeni Petrow durch die USA, um "Das eingeschossige Amerika" kennenzulernen. "Komplementär zu diesem Amerika-Buch lässt sich die 'Russische Reise', die John Steinbeck und der Fotograf Robert Capa 1947 unternahmen, lesen. Steinbeck und Capa, Ilf und Petrow waren gewissermaßen Angehörige einer 'Zeitheimat': der Großen Depression, des Faschismus, des Spanischen Bürgerkriegs, des New Deal und der aufkommenden Planwirtschaft. Steinbeck und Capa reisten in die Sowjetunion, die soeben noch der Verbündete im Kampf gegen Hitler gewesen war, nun aber schon in den Anfängen des kommenden Kalten Krieges stand."

Weitere Artikel: Karin Hellwig sucht und findet Hinweise darauf, dass sich Rubens 1601 in Rom mit dem Werk Caravaggios auseinandersetzte. Gabriele Detterer schreibt über "das große Blau des Mittelmeers", das heutige Maler nicht mehr zu interessieren scheint.

Im Feuilleton würdigt der Schriftsteller Georg Klein Waldemar Bonsels' vor hundert Jahren erschienene Biene Maja, die ihren begeisterten "Blick den ganzen Roman lang auf die gepanzerte Endgestalt der Arthropoden, die ihr begegnen, richten" wird. Joachim Güntner ist entsetzt, dass Benno Ohnesorg laut Spiegel wahrscheinlich exekutiert und dies dann von staatlichen Stellen vertuscht wurde.

Besprochen werden die Ausstellung "Architektur atmet" des Singapurer Architekturbüros WOHA im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main und Bücher, darunter Steve Sem-Sandbergs Roman "Die Elenden von Lodz" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Die Tageszeitung, 28.01.2012

Ines Pohl und Enrico Ippolito unterhalten sich ausführlich mit Reyhan Sahin alias Lady Bitch Ray über ihre gerade abgegebene Dissertation zur Bedeutung des muslimischen Kopftuchs und die lange Depression, die dem vorausging: "Meine größte Angst ist, dass ich als Wissenschaftlerin keinen Job bekomme, weil ich Lady Bitch Ray bin. ... Ich bin von Haus aus türkisch-alevitisch sozialisiert und habe während meiner Depression gelernt, dass Lady Bitch Ray ein Gegenentwurf war zu dem, was mir früher während meiner Pubertät verboten worden ist. Ich habe dann ein Konstrukt daraus gemacht: eine Lady Bitch Ray, die stark ist, emanzipiert und eine starke freie Sexualität auslebt."

Mirjam Schmitt unterhält sich mit Selin Keseler und Sonay Onur, die in Istanbul den ersten online-Sexshop für Frauen eröffnet haben (dessen Kundschaft aber zu 60 Prozent aus Männern besteht): "Jungs dürfen über Sex reden, bei Mädchen wird der Wunsch, darüber zu reden, von Kindesbeinen an unterdrückt."

Weitere Artikel: Dirk Knipphals ist von Marcel Reich-Ranickis Rede im Bundestag zum Holocaust-Gedenktag, wie überhaupt von der ganzen Veranstaltung sehr beeindruckt. Tania Martini trifft in Paris Beatriz Preciado, die mit "Pornotopia" gerade ein Buch über den Playboy geschrieben hat. Enrico Ippolito ist so halb zufrieden mit der ersten deutschen Ausgabe des einst von Andy Warhol gegründeten Magazins Interview.

Besprochen werden das Debütalbum der Indieband Kraftklub, die vom Olympiasieger Dieter Baumann in Szene gesetzte Theateradaption von Siegfried Lenz' "Brot und Spiele" am Stuttgarter Theaterhaus und Bücher, darunter Thea Dorns und Richard Wagners Buch über die deutsche Seele (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Und Tom.

Der Tagesspiegel, 28.01.2012

Prägte früher der Militarismus die Deutschen, wie es beispielhaft Carl Zuckmayer im "Hauptmann von Köpenick" beschrieb, so ist es heute eine brutale Ökonomie, die sich als alternativlos präsentiert, schreibt der Autor Uwe Timm: "Carl Zuckmayer (1896-1977) neu lesend, drängt sich dieser Vergleich auf: Die Universalität des damaligen militärischen Diskurses, der alle Lebensbereiche dominierte und letztendlich zur Selbstzerstörung führte, findet heute seine Entsprechung in dem alles bestimmenden ökonomischen Denken, nach der Logik, was sich rechnet und was sich nicht rechnet, was profitabel ist und was nicht. Es mehren sich die kritischen Stimmen, die heute vor einem substantiellen Demokratieverlust warnen. Von Post-Demokratie ist die Rede."

Süddeutsche Zeitung, 28.01.2012

Die SZ am Wochenende fragt sich, was aus der weltweiten Occupy-Bewegung wird. Jörg Häntzschel mischt sich unter die New Yorker Okkupisten, denen es mittlerweile jedoch erheblich an der früheren "anarchischen Freude" zu mangeln scheint: "Das Ideal der direkten Demokratie hat einen riesigen Apparat neben- und übereinander stehender Gruppen hervorgebracht, deren interne Abstimmung viel Energie bindet. Und die oft gehörte Vermutung, man lebe wie in 'The Matrix' in einer Illusionswelt, deren Kulissen es zu erkennen und zu zerstören gelte, scheint lähmendes Selbstmisstrauen zu erzeugen ... [Astra] Taylor verteidigt den umständlichen Prozess: 'Ihrem Ruf zum Trotz ist das korrekte Verfahren für Anarchisten wichtig."

Außerdem berichtet Javier Caceres von den Plänen, die audiovisuellen Erzeugnisse der spanischen Bewegung 15-M digital zu archivieren. Im "Haus des Volkes" in Israel wird Peter Münch Zeuge, wie die Protestwelle beim regelmäßigen Videoabend entspannt ausplätschert. Peter Burghardt spricht mit Camila Vallejo, der Galionsfigur der chilenischen Proteste, die sich für die Zukunft den Sprung von der Empörung zu Vorschlägen wünscht.

Weiteres: Gerhard Matzig erinnert daran, dass am 14. Februar 1887 in der Zeitschrift Le Temps "dreihundert Maler und Schriftsteller, Komponisten und Architekten sowie andere Intellektuelle" gegen den Bau des Eiffelturms protestierten. Und Rebecca Casati führt ein lässiges Interview mit dem großartigen John Hurt.

Im Feuilleton betrachtet der emeritierte Politikwissenschaftler Helmut Wiesenthal die künftigen Herausforderungen für Griechenland im Lichte der Transformationen in den post-sozialistischen Ländern der 90er Jahre. Bernd Graff freut sich, dass fast alle überlebenden Monty Pythons demnächst wieder unter Python-Regisseur Terry Jones zusammenarbeiten werden - als Sprecher für einen Animationsfilm. Georg Imdahl schreibt über Jackson Pollock, der heute 100 Jahre alt geworden wäre. Im Politikteil ist Marcel Reich-Ranickis Rede zum Holocaust-Gedenktag abgedruckt.

Besprochen werden das neue Album vom Leonard Cohen (hier zum Probehören), Nicolas Winding Refns Autofahrerfilm "Drive", das Stück "Rommel - ein deutscher General" am Theater Ulm, das Adrienne Braun ästhetisch nicht überzeugend fand, Kurt Weills "Mahagonny" an der Wiener Staatsoper, eine Ausstellung mit Tierbildern von George Stubbs in der Neuen Pinakothek München und Bücher, darunter der neu übersetzte Roman "Tine" des vor 100 Jahren verstorbenen dänischen Autors Herman Bang (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.01.2012

Abgedruckt ist Marcel Reich-Ranickis Rede im Bundestag zum Gedenken für die Opfer des Nationalsozialismus: "Doch nicht als Historiker spreche ich, sondern als ein Zeitzeuge, genauer: als Überlebender des Warschauer Gettos", der am 22. Juli 1942 die Sitzung protokollieren musste, auf der Hermann Höfle die Auslöschung des Gettos verkündete.

Weitere Artikel: Rainer Schulze lobt das neue Fußballstadion in Warschau. Jürgen Dollase findet Restaurantkritiken von Gästen im Internet überflüssig: "bestenfalls vergleichen sie, aber nur selten demonstrieren sie Kenntnisse und Aufnahme- oder Lernfähigkeit". Olivier Guez befragt einige Franzosen, was sie von Deutschland halten (die meisten sind schlicht nicht interessiert). Auf der Medienseite macht Dietmar Dath dicke Backen und verkündet: "Die Betreiber der Kurztext-Forumsplattform Twitter haben bekanntgegeben, demnächst würden nach Nationen konfigurierte Filter eingesetzt, die Nachrichten nicht freistellen, wenn gewisse Schlüsselworte darin vorkommen." (Mehr Informationen bei Zeit online)

Im Aufmacher von Bilder und Zeiten fragt FAZ-Redakteur Uwe Ebbinghaus in einem sehr ernsten Artikel, ob vielleicht der Anarchismus die linke Utopie der Zukunft sein könnte, und endet mit dem Satz: "Der Grad der Auseinandersetzung einer Gesellschaft mit dem Anarchismus erweist, für wie gerecht sie ihre parlamentarische Demokratie hält." (Was bedeutet es eigentlich, wenn FAZ-Redakteure, also Repräsentanten des Systems, die Vorzüge einer Ideologie preisen, die dieses System stürzen will?)

Außerdem: Felicitas von Lovenberg schreibt zum 200. Geburtstag von Charles Dickens. Bodo Kirchhoff porträtiert den Frankfurter Antiquar Wolfgang Rüger. Der Grafikdesigner und Verleger Franco Maria Ricci spricht im Interview über die Zeitschriften, die er gestaltet hat, und das Labyrinth, das er gerade auf seinem Grundstück anlegen lässt (mehr dazu bei Spiegel online).

Besprochen werden ein Konzert von Lauryn Hill in Berlin, Hochhuths "Stellvertreter" im Münchner Volkstheater und eine "Rommel"-Uraufführung in Ulm (Gerhard Stadelmaier erledigt beide mit einem Schlag), einige CDs, u.a. von den "Sternen" und den "Jewrhythmics", sowie Bücher, darunter Alina Bronskys Roman "Spiegelkind" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

In der Frankfurter Anthologie stellt Mathias Mayer ein Gedicht von Goethe vor:

"Lust und Qual

Knabe saß ich, Fischerknabe,
Auf dem schwarzen Fels im Meer,
Und, bereitend falsche Gabe,
Sang ich lauschend rings umher.
..."



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