Heute in den Feuilletons: "Eine Flaschenpost aus den Siebzigern"

Die "FR" ist sehr zufrieden mit der Rolle der Medien in der Causa Wulff. Die "NZZ" hingegen fand die deutschen Zeitungen abstoßend selbstgerecht. Über die Berlinale schreiben die Kritiker insgesamt recht positiv, auch wenn jeder Kritiker die Bären im einzelnen anders vergeben hätte.

Neue Zürcher Zeitung, 20.02.2012

Abstoßend selbstgerecht fand Jürg Dedial in einem Kommentar (vom Samstag) die Wulff-Debatte in deutschen Medien: "Persönliche Schwächen und fehlendes Fingerspitzengefühl des Bundespräsidenten mochten stören, aber die Maßstäbe der Reinlichkeit und der politischen Tugend, die man an den bedrängten Amtsinhaber anlegte, hatten bald nichts mehr mit den Verhaltensnormen zu tun, die sich die deutsche Real-Gesellschaft selbst gewährte. ... Und vielleicht könnten jetzt die Moralbuddhas der Medien nach geschlagener Schlacht auch einmal mit ähnlichem Drang darlegen, wie sie sich selbst vom Lockstoff all der Verlockungen und Verführungen betören lassen, denen sie als Journalisten nur allzu oft unterliegen – von Einladungen der tollsten Sorte, Reisen und Rabatten in einem Ausmaß, das bei fast allen andern Erwerbszweigen die Schamröte hochtriebe. Wer derart exponiert im Glashaus der Tugend sitzt, sollte sehr vorsichtig mit Anschuldigungen umgehen."

Im Feuilleton ist Susanne Ostwald nicht überrascht von den Entscheidungen der Berlinale-Jury: "Überraschen sollten die verdienten, aber teilweise unerwarteten Entscheidungen der Jury insofern nicht, als es an diesem Festival eigentlich immer anders kommt, als viele denken - es ist daher eine klassische Berlinale im besten Sinne geworden." (Hier die Preise)

Weitere Artikel: Achim Engelberg porträtiert den Schriftsteller Mario Levi, den "Chronisten des multikulturellen Istanbuls". Marion Löhndorf besucht die Ausstellung von David Hockneys Landschaftsbildern in der Royal Academy of Arts in London.

Die Welt, 20.02.2012

Peter Beddies unterhält sich mit Bence Fliegauf, Regisseur des ungarischen Berlinale-Beitrags (und Gewinner des Silbernen Bären) "Just the Wind". Zur Lage in Ungarn sagt er: "Meine größte Sorge ist, dass wir überall in Europa das Experiment Demokratie für gescheitert erklären und den chinesischen Weg gehen. Eine Gesellschaft, die nach außen kapitalistisch aussieht, im Inneren aber eine Diktatur ist, die keinen Widerspruch zulässt. Das wäre der Tod jeder Kultur."

Weitere Artikel: Marc Reichwein besuchte eine Tagung, die uns innerlich auf Peter Handkes Siebzigsten am Nikolaustag vorbereiten soll (und sah den Meister des Bleistifts mit Handy telefonieren). Hanns-Georg Rodek hätte die Bären anders vergeben, ist aber zufrieden mit der Berlinale. Kai Luehrs-Kaiser schreibt zum Tod von Thomas Langhoff. Besprochen wird Strauss' "Ariadne auf Naxos" unter Christian Thielemann mit Renée Fleming.

Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung, 20.02.2012

Auf der Medienseite versichert Ulrike Simon sich und ihren Kollegen von Bild, FAZ, Spiegel und Stern: Die Medien haben sich in der Sache Wulff nichts vorzuwerfen. "In der Causa Wulff war es jedoch die Leistung der freien Presse als vierter Gewalt im Staat, die nun möglicherweise strafrechtlich relevanten Vorgänge zu Tage gefördert zu haben. Die Staatsanwaltschaft kann sie schließlich erst jetzt verfolgen, da Wulff nicht mehr durch seine Immunität geschützt ist."

Ästhetisch konservativ findet Anke Westphal die Entscheidungen für die Preisträger der Berlinale: "Mit ihrer Wettbewerbsauswahl hat die Berlinale eigentlich alles richtig gemacht. Dass ausgerechnet diese so vielversprechend, so kompetent besetzte Jury eine Dissonanz ins große Rauschen des Abschieds einspeist, damit hatte wohl keiner gerechnet. Mit ihrer Begeisterung für ein Kino von gestern liegt sie jedenfalls voll im Trend der Zeit." Nur die Bären für Petzold und Fliegauf findet sie verdient.

Weitere Artikel: Daniel Kothenschulte umreißt das Lebenswerk der Brüder Taviani, deren Film "Cäsar muss sterben" mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde. Sebastian Preuss berichtet über die Verleihung der Teddy Awards. Ulrich Seidler schreibt den Nachruf auf den Theaterregisseur Thomas Langhoff. Besprochen wird Christoph Mehlers Inszenierung des "Iwanow" am Schauspiel Frankfurt.

Die Tageszeitung, 20.02.2012

Fast zufrieden bilanziert Cristina Nord die Berlinale in diesem Jahr: "Das Festival war anregend, es steckte voller ästhetischer Genüsse und fand endlich wieder Anschluss an das, was Kino heute ist und sein kann. Die nicht ganz so gute Nachricht lautet: Die Jury unter Vorsitz des britischen Regisseurs Mike Leigh hinkt dieser Entwicklung hinterher."

Weiteres: Katrin Bettina Müller begrüßt die Auswahl des Berliner Theatertreffens, die "nicht mehr einfach Stadttheater und Starensembles abfeiert". Esther Slevogt schreibt den Nachruf auf Theaterregisseur Thomas Langhoff. Dietrich Heißenbüttel besucht in der Stuttgarter ifa-Galerie eine Ausstellung zur Moscheenarchitektur "Kubus oder Kuppel".

Die Sache scheint ja schon entschieden: Joachim Gauck wird wohl der neue Bundespräsident. Trotzdem lohnt sich ein Blick auf die Liste mit zehn Frauen, die sich die taz als Bundespräsident vorstellen könnte.

Und Tom.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.02.2012

Im Einzelnen hätte Andreas Kilb die Berlinale- Bären wahrscheinlich anders vergeben (sein Kandidat für den Goldenen Bären war Christian Petzolds "Barbara"), aber insgesamt ist er zufrieden: "Im Prestigekampf der großen Festivals hat die Berlinale Boden gut gemacht. Nicht viel, doch genug, um den üblichen Chor der Nörgler, die sich an der Filmauswahl des Festivalchefs Dieter Kosslick und seiner Berater störten, spürbar herabzustimmen."

Weitere Artikel: Gerhard Stadelmaier würdigt Thomas Langhoff in einem großen Nachruf als "beispielhaften Theatermann und Menschenfreund". Hannes Hintermeier resümiert den Streit um den Ort des Thomas-Bernhard-Archivs, das sich nach Abschluss der Werkausgabe neu orientieren muss. Regina Mönch besuchte eine Tagung an der Freien Universität Berlin zum Thema Vertreibung, die das Wort "Vertreibung" aber in Anführungszeichen setzte.

Besprochen werden ein "Don Carlos" in Stuttgart, Strauss' "Ariadne auf Naxos", eine Ausstellung des Fotografen Chris Killip im Museum Folkwang und die Ausstellung "Breathing Architecture" im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt.

Süddeutsche Zeitung, 20.02.2012

Warum nur küren die Berlinale-Juroren immer solche Filme, die sie selbst als Filmemacher so nie machen würden, wundert sich Susan Vahabzadeh im Abschlusskommentar zum diesjährigen Festivaljahrgang über den unerwarteten Goldenen Bär für die Tavianis, deren "Cesare deve morier" sie für einen "schönen altmodischen Film, auf sehr charmante Art von gestern", hält. Dennoch sei das "eine eher gewöhnungsbedürftige Entscheidung, die einem ein bisschen so vorkommt wie eine Flaschenpost, die Mitte der Siebziger ins Wasser geworfen und leider jetzt erst angeschwemmt wurde. Es ist wahrscheinlich zum Teil eine sentimentale Entscheidung."

Weitere Artikel: Catrin Lorch würdigt den Comic-Pionier Winsor McCay, dem im Bilderbuchmuseum Burg Wissem in Troisdorf gerade eine Ausstellung gewidmet ist. Wolfgang Schreiber rauft sich die Haare wegen der Sparpläne des SWR bei seinen Orchestern in Stuttgart und Freiburg. Dorion Weickmann besuchte in Amsterdam die Festivitäten des niederländischen Nationalballetts zu dessen fünfzigjährigem Bestehen. Peter Laudenbach schreibt den Nachruf auf den Regisseur Thomas Langhoff (dazu online ein weiterer Artikel). Fritz Göttler gratuliert Claude Miller zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden neue DVDs, Armin Petras' offenbar recht heiter geratene Inszenierung von Ibsens "John Gabriel Borkman" an den Münchner Kammerspielen und Bücher, darunter Dominic Lievens Studie über das Verhältnis zwischen Napoleon und Russland (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

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