Heute in den Feuilletons Eine kurze Geschichte des Kulturpessimismus

In der "FR" erzählt der chinesische Verleger Bao Pu von seiner Zusammenarbeit mit Whistleblowern. In der "Welt" attackiert Theodore Dalrymple die "Lumpenintelligentsia" Großbritanniens. In der "SZ" lehnt Peter Glaser den Internet-Kulturpessimismus von Frank Schirrmacher bis Klaus Staeck rundweg ab.



Frankfurter Rundschau, 04.12.2010

In Hongkong gibt es für chinesische Verhältnisse nach wie vor erstaunliche Freiräume. Das nutzt der Verleger Bao Pu, indem er die Erinnerungen teils hochrangiger Ex-Politiker veröffentlicht, die offiziellen Deutungen der jüngeren Geschichte oft entschieden widersprechen. Bernhard Bartsch porträtiert den Verleger: "Pensionierte Kader, die im Interesse der Wahrheit gegen Pekings Schweigegebot verstoßen, gibt es viele. 'Die Partei ist kein homogener Apparat, in dem alle gleichermaßen stillhalten wollen', weiß Bao. 'Ich bekomme zwanzigmal mehr Angebote, als ich drucken kann.' Viele Manuskripte werden ihm heimlich zugespielt, und zum Druck wählt er aus, was Pekings Geschichtskonstrukt am meisten erschüttert. 'Die Partei hat zu allen Geschehnissen ihre eigene Version und hofft, dass die Zeitzeugen sterben, bevor sie diese anfechten können', meint der Verleger. 'Wir wollen verhindern, dass die Regierung damit durchkommt.'"

Weitere Artikel: In einer "Times Mager" sinniert Marie-Sophie Adeoso über Themen, die auf der Straße liegen. Jürgen Otten gratuliert dem Komponisten Paul Heinz Dittrich zum Achtzigsten. Peter Michalzik schreibt zum Tod des Germanisten Walter Müller-Seidel.

Besprochen werden die Uraufführung von Alfons Karl Zwickers Oper "Der Tod und das Mädchen" in Dresden-Hellerau, die Ausstellung "Schrift als Bild" im Berliner Kupferstichkabinett, die Ausstellung "Lenin, Stalin und die Musik" im Museum der Cite de la musique in Paris, eine Ausstellung über Johann Caspar Goethe im Frankfurter Goethehaus und Bücher, darunter gesammelte Kritiken des langjährigen FR-Theaterkritikers Peter Iden unter dem Titel "Der verbrannte Schmetterling" und Franz Josef Wagners "Brief an Deutschland" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Die Tageszeitung, 04.12.2010

Susanne Gannott blickt voraus auf den beginnenden skandalösen Prozess gegen den Schriftsteller Dogan Akhanli und erzählt dessen Lebensgeschichte. Ulrich Gutmair unterhält sich mit dem deutsch-spanischen Postpunk-Musiker Gabi Delgado-Lopez (DAF) über deutsche und europäische Verhältnisse in Zeiten der Krise.  Über die Aufregung, die Nationalmannschaftstorhüterin Nadine Angerer mit ihrem lässigen Bekenntnis zum Bi-Sein hervorgerufen hat, muss Simone Schmollack doch staunen. Steffen Grimberg war dabei, als Mathias Matussek ein soeben erschienenes Buch von Franz Josef Wagner vorstellte. Brigitte Werneburg gratuliert zu "60 Jahre Kunst am Bau". In der "Leuchten der Menschheit"-Kolumne fragt sich Doris Akrap, wen oder was Julian Assange wirklich gefährdet und bringt dann noch das vom Aussterben bedrohte Wachtelsteißhuhn ins Spiel.

Auf den vorderen Seiten stellt Philipp Gessler eine neue Studie von Wilhelm Heitmeyer vor, die auch und gerade im Bürgertum alarmierend hohe Islamophobie-Werte in Deutschland ermittelt hat. Der Journalistikprofessor Bernd Gäbler erklärt, warum Journalismus auch in Zeiten von Wikileaks nicht überflüssig wird.

Besprochen werden neue House-Alben von John Roberts und Christopher Rau und Bücher, darunter Roberto Bolanos nachgelassener "Lumpenroman" und Johann Stenebos Enthüllungsbuch "Die Wahrheit über Ikea" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Und Tom.

Die Welt, 04.12.2010

In einer ausgedünnten Literarischen Welt polemisiert der britische Publizist Theodore Dalrymple gegen New Labour und den Sozialstaat, die die Briten zum "liederlichsten, gewalttätigsten, selbstgefälligsten und unduldsamsten Volk in Europa" gemacht haben. Nicht einmal in der Finanzkrise wollen sie mehr sparen! "Es ist die Lumpenintelligentsia, es sind die Lehrer, die Sozialarbeiter, die Verwaltungsangestellten, die Bürokraten, die Studenten, die selbst Schmarotzer werden wollen, von denen die Gefahr sozialen Unfriedens ausgeht."

Besprochen werden unter anderem Martin Pollacks Geschichte "Kaiser von Amerika" und Wolfgang Petritschs Biografie des schillernden Bruno Kreisky.

Im Feuilleton spricht der Kulturwissenschaftler Helmut Lethen im Interview mit Paul Jandl über die Kälte der Ökonomie, in der Kunst und der Gesellschaft. "Nach jedem Kältebad des Intellekts müssen wir uns wieder warm tanzen. Dann schießen uns die Tränen in die Augen, weil wir glücklich genesen sind."

Weiteres: Nach einem Abendessen mit dem verleger Joachim Unseld revanchiert sich Autorin Harriet Köhler mit einem Porträt: "Der Mann ist eine Art Urviech: riesengroß und lang und so energisch, als hätte er Muskeln nicht nur in den Armen, sondern auch auf der Stirn." Sascha Lehnartz berichtet von der Pariser Übernahmeschlacht zwischen Louis Vuitton und Hermes.

Neue Zürcher Zeitung, 04.12.2010

Das Rotterdamer Museum Boijmans van Beuningen zeigt gerade eine große Ausstellung des holländischen Malers Kees van Dongen, der 1897 bettelarm in Paris ankam und zwanzig Jahre später zum "Darling der Pariser Gesellschaft" avancierte. Heute ist der "Gesellschaftsmaler" fast vergessen. Zu Unrecht, findet Manfred Schwarz: "Der Maler, dem später die Damen der Pariser Hautevolee scharenweise Modell sitzen sollten, von den berühmten Filmstars und Schönheitsköniginnen bis zur sehr mondänen Comtesse de Noailles, hat seine Kunst jahrelang an den billigen Flittchen erprobt und verfeinert (...) Als wahrer Mann von Welt im Sinne Charles Baudelaires hat Kees van Dongen zwischen diesen Sphären, diesen Damen keine Unterschiede gemacht. Sie haben ihn gleichermaßen gefangen und zur Sittenschilderung gereizt, mit ihren spezifischen Schönheiten, ihren Coiffuren und Attitüden, mit der 'hohen Spiritualität ihrer Toilette'." (Bild: "Woman with Blue Eyes" von 1908)

Weitere Artikel: Der Altamerikanist Peter Hassler bezweifelt, dass die Akzteken jemals Menschen geopfert haben: "Das immer noch weit verbreitete Barbaren-Bild von den indigenen Völkern in der westlichen Geschichtsschreibung ist ein Produkt der Ethnozentrik und nicht zuletzt wohl auch des Kulturchauvinismus." Abgedruckt ist Christoph Eggers Laudatio auf den Filmemacher Peter Liechti, dem heute der Zürcher Kunstpreis verliehen wird. Der irische Schriftsteller Colm Toibin plaudert im Interview mit Bernadette Conrad über sein Leben, Auswanderung und seinen gerade auf Deutsch erschienenen Roman "Brooklyn".

Für's Feuilleton schickt Andrea Köhler einen deprimierenden Stimmungsbericht aus Amerika: Die Arbeitslosigkeit ist nach wie vor hoch, die Schulden werden immer drückender und die Einkommenskluft zwischen Arm und Reich immer größer. "Viele rügen Obamas Schmusekurs mit dem politischen Gegner - und zwar nicht nur die Liberalen. Sein größtes Problem aber scheint die Unfähigkeit zu sein, die Stimmung im Land populistisch zu nutzen, um die Notwendigkeit einer Reformpolitik breitenwirksam zu kommunizieren."

Außerdem: Martin R. Dean erzählt von seinem digitalen Alltag. Besprochen werden die Ausstellung über die Tessiner Renaissance im Museo Züst in Rancate und die Ausstellung "WeltWissen" im Berliner Martin-Gropius-Bau.

Weitere Medien, 04.12.2010

Der Guardian hat gestern einen Chat zwischen Wikileaks' Julian Assange und Lesern organisiert. Nachzulesen hier.

Wikileaks ist aber weiterhin unter seiner IP-Nummer zu erreichen.

Gawkers John Cook beschreibt weitere Versuche der amerikanischen Regierung die Leute vom Lesen der Wikileaks-Dokumente abzuhalten: "The federal government seems to have lost its mind in a manic game of internet whack-a-mole aimed at getting the Wikileaks State Department cables thrown down the memory hole: First, Sen. Joe Lieberman successfully nudged Amazon into kicking the site off its servers. Then the Library of Congress blocked the site for all employees and users of its computer terminals. Now we learn that the State Department is warning prospective hires that if they write about Wikileaks on Twitter or Facebook, they might not get that job. And now Gawker has learned that military installations in Iraq are trying to keep soldiers from reading about Wikileaks."

Auf Zeit online beschreibt Christoph Drösser das Projekt Deutsche Digitale Bibliothek, das viel zu dezentral organisiert ist. Google hat mal wieder die Nase vorn - und die Bayerische Staatsbibliothek in München, der einzige Google-Partner in Deutschland: "Der Vertrag mit Google bringt der Münchner Bibliothek nur Vorteile, sie kann die Dateien nach den eigenen bibliothekarischen Kriterien katalogisieren und auf dem eigenen Server lagern. 'Die öffentliche Hand', sagt [Bibliothekssprecher] Peter Schnitzlein, könnte so etwas nie leisten.' In Deutschland ist kein staatlicher Geldgeber in Sicht, der für eine systematische Erfassung der Kulturgüter aufkommen würde. Anders als in Frankreich, wo die Regierung 750 Millionen Euro für eine nationale Digitalisierungsoffensive zur Verfügung gestellt hat, werden in Deutschland nur einzelne Projekte gefördert, vor allem von der DFG. Das ist es, was der Leipziger Bibliotheksdirektor [Ulrich Johannes] Schneider kritisiert: Jeder versucht, solche projektbezogenen Mittel zu bekommen, stellt ein paar Scanner auf und digitalisiert drauflos."

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.12.2010

Alard von Kittlitz beschreibt ausführlich die Möglichkeiten digitaler Angriffe auf Industrieanlagen. Jürgen Dollase informiert über den Stand der spanischen Küche. Christoph Schmälzle berichtet über einen Streit in der Winkelmann-Gesellschaft über antike Kunstwerke, die möglicherweise Fälschungen sind. Jordan Mejias liest amerikanische Zeitschriften, in denen man sich über neue Spielregeln für Banken streitet. Lena Bopp erzählt am Beispiel eines jetzt in die Freiheit entlassenen Mannes, der wegen Vergewaltigung 25 Jahre im Gefängnis und in Sicherheitsverwahrung gesessen hat, wie schwierig diese Situation für Entlassene, die Bevölkerung und Polizei ist.

Besprochen werden eine Retrospektive zu Philipp Otto Runge in der Hamburger Kunsthalle, das Computerspiel "Rapstar", eine CD von Polarkreis 18, eine Aufnahmen von Weinbergs Streichquartetten mit dem Quatuor Danel, Bearbeitungen von Bachs d-Moll-Chaconne mit der Geigerin Mayumi Hirasaki und Bücher, darunter ein Hörbuch über Leben und Werk von Jürgen Fuchs (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

"Lob des Schattens" scheint das unausgesprochene Motto von Bilder und Zeiten zu sein. Michael Stabenow nimmt die Leser in das Brüssel der Lobbyisten mit. Jürg Altwegg besucht das Dorf Grengiols in den Schweizer Alpen, das im Winter im Schatten versinkt. Dieter Bartetzko schreibt in einem sehr neckisch layouteten Artikel (für den man ins Internet gehen muss, um ihn zu Ende zu lesen, dort erhält man dann als Antwort "Authentifizierung fehlgeschlagen!") über den Schatten in der Architektur. Hans-Ulrich Gumbrecht bekommt eine ganze Seite für die Rezension von Jochen Racks Roman "Menschliches Versagen". Und Jan Wiele unterhält sich mit dem Aktivisten Rüdiger Nehberg, der mit seinr Organisation Target seit 2000 gegen weibliche Genitalverstümmelung in Arabien und Afrika kämpft.

In der Frankfurter Anthologie stellt Hans-Ulrich Treichel das Gedicht "An Wagner" von Friedrich Nietzsche vor.

Das Layout der nicht mal in den zahlbaren Bereich des Internets gestellten Ausgabe wurde von Studenten der Weimarer Bauhaus-Universität betreut.

Süddeutsche Zeitung, 04.12.2010

Peter Glaser zitiert im Aufmacher diverse Internet-Kulturpessimisten, von Frank Schirrmacher bis Klaus Staeck, zu sich und schüttelt angesichts ihrer Ansichten dann jeweils sehr pointiert den Kopf. Zu Schirrmacher etwa: "Mit seiner Streitschrift 'Payback' hat der FAZ-Vordenker eine Art Skript für ein intellektuelles B-Movie vorgelegt, in dem sich ähnlich wie bei Carr gehirnfressende Maschinensysteme, verbunden zum Internet, über unser Bewusstsein und unsere Aufmerksamkeit hermachen... Es gibt verschiedene Möglichkeiten, einen Waldspaziergang zu beschreiben. Man kann sich von der Wahrnehmung einer Unzahl von Blättern und Tannennadeln überfordert sehen und eine Rückkehr zur humanistischen Gehölzwahrnehmungstechnologie fordern. Man kann aber auch einen Spaziergang durch einen Wald machen und erholt wieder nach Haus kommen."

Weitere Artikel: Der Politikwissenschaftler Benjamin Barber hält die "lange, zerstörerische Erosion unseres durch die Aufklärung geprägten Glaubens an Vernunft und logisches Denken" für die Wurzel aller politischen und kulturellen Übel in den USA (hier der Artikel im Original). Enver Robelli meldet, dass sich der von Peter Handke als Vermittler seines Gesprächs mit Radovan Karadzic genannte Karrierediplomat Valentin Inzko an nichts dergleichen erinnern will. Von den Proben zu Guy Cassiers "Walküren"-Inszenierung an der Mailänder Scala berichtet Helmut Mauro. Auf der Literaturseite unterhält sich Christopher Schmidt mit dem Schweizer Autor Martin Suter übers Schreiben, aber auch über die Verfilmung seines Romans "Small World" mit Gerard Depardieu. Auf der Medienseite schildert Claudia Tieschky die Proteste der Baseler Bürger gegen die Einflussübernahme des Rechten Christoph Blocher bei der Baseler Zeitung.

In der SZ am Wochenende erzählt Hans Leyendecker aus Anlass der Wikileaks-Veröffentlichungen eine Geschichte des Geheimnisses und des Verrats. Jeanne Rubner trifft in Kopenhagen den zum Klimawandelüberwindungs-Optimisten gewandelten Ex-Klimawandelskeptiker Björn Lomborg. Auf der Historienseite geht es um die Zurückschlagung der Osmanen vor Wien im Jahr 1683. Im Gespräch mit Gabriela Herpell erklärt Jean Reno Interviews wie eben dieses für aus Werbegesichtspunkten sinnlos: "Nichts, rein gar nichts, was ich in einem Interview sagen würde, könnte die Leute dazu bringen, in diesen oder irgendeinen anderen Film zu gehen."

Besprochen werden der erst einmal blamabel gescheiterte rekordteure Broadway-Versuch, ein "Spiderman"-Musical mit Music von Bono und The Edge auf die Bühne zu stemmen, Uwe Eric Laufenbergs Inszenierung von Mozarts "Entführung aus dem Serail" in der ins Gewerbegebiet ausgewichenen Kölner Oper, Tobias Wellemanns Inszenierung von John von Düffels Theaterversion des Tellkampschen "Turms" in Potsdam und die "Goldenes Zeitalter"-Ausstellung mit holländischen Gruppenporträts in der Münchner Alten Pinakothek (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).



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