Heute in den Feuilletons "Eine Welt der Attentate und Selbstmorde"

In der "NZZ" schildert der irakische Schriftsteller Najem Wali die Freuden des ersten Mals. In der "Welt" ermahnt Mario Vargas Llosa den Papst: Das Überleben der katholischen Kirche ist ein Kondom wert. Die "FAZ" lernt in Spanien den Unterschied zwischen richtigen und falschen Terrorismusopfern.


Neue Zürcher Zeitung, 04.02.2005

Der irakische Schriftsteller Najem Wali schildert den ersten Urnengang einer in Deutschland lebenden irakischen Frau. "Am letzten Sonntag nun saßen sie also alle, sie, ihr Mann und ihre Töchter, im Sonntagsstaat in ihrem Auto, als führen sie zu einer Hochzeit. Als ich dann sah, wie sie, freudestrahlender und würdevoller als je zuvor, ihren Stimmzettel in die Urne warf, begriff ich endlich, warum sie so begeistert war: Zum ersten Mal in ihrem Leben empfand sie, dass ihre Stimme, ihre Meinung zählte. Frohlockend meinte sie immer wieder: 'Hängen nicht alle demokratisch gewählten Regierungen von einer einzigen Stimme mehr oder weniger ab?' Sie schien sich gänzlich sicher, dass ihre Stimme ausschlaggebend sei, dass sie damit bestimme, welche Verfassung ihr Land bekomme, das bisher noch nie eine Verfassung hatte. Sie bestimmte das Geschick eines ganzen Landes, dessen Einwohner nie erfahren haben, was es heißt, eine eigene Meinung oder eine eigene Stimme zu haben."

Martino Stierli wundert sich, dass der berüchtigte Ceausescu-Palast, lange Zeit Inbegriff des Staatsterrors, mittlerweile von den Rumänen zum identitätsstiftenden Objekt erhoben wurde: "Gut ein Fünftel der Innenstadt hatte damals dem Größenwahn des Diktators weichen müssen; 40.000 Menschen wurden in Retortensiedlungen am Stadtrand umgesiedelt. Dass ausgerechnet dieses Bauwerk nun als 'Parlamentspalast' das neue, demokratische Rumänien verkörpern soll, erscheint als eine Ironie der Geschichte."

In der Serie "Aus den Anfängen der NZZ" erzählt "uha" von der einstigen Theaterfeindlichkeit Zürichs, die die NZZ schon in der achten Nummer (1780!) kritisierte. Kerstin Stremmel ist beeindruckt von der großen Felix Nussbaum-Restrospektive in Osnabrück. Samuel Herzog schreibt zum Tode der "geometrisch abstrakten" Malerin Aurelie Nemours.

Auf der Medienseite überlegt "har" dar, ob der digitale Jihad tatsächlich eine Bedrohung darstellt, da die meisten Websites mittlerweile schnell aufgespürt und gesperrt werden und die Nachrichten trotz Mailing-Listen und Chatrooms zumeist nur noch einen kleinen Kreis an Personen erreichen. "Anders verhält es sich mit jenen islamistischen Botschaften, die sich an die Öffentlichkeit richten. Die Zahl ihrer Empfänger erhöht sich drastisch, wenn sie von Medien aufgegriffen und verbreitet werden. Diese Potenzierung ist die eigentliche Propagandawaffe der Militanten. Die Website des arabischen Nachrichtensenders al-Jazira ist ein Beispiel: Wenn der Sender eine Mitteilung Osama bin Ladens zugespielt bekommt, wird die Ausstrahlungszeit dort marktschreierisch angekündigt."

Auf der Filmseite beschäftigt sich Andreas Maurer mit Wong Kar-wais "2046", der für ihn eine Suche nach der verlorenen Zeit ist. Diese scheint am Hauptdarsteller seit "In the Mood for Love" nicht spurlos vorübergegangen zu sein: "Damals fotogen vergehend vor Sehnsucht nach seiner verheirateten Nachbarin, ist er jetzt ein öliger Draufgänger mit Strichschnäuzchen."
Besprochen werden außerdem Wim Wenders Roadmovie "Land of Plenty", das Aids-Drama "Ricordare Anna" und Chabrols neuer Film "Die Brautjungfer" mit Benoit Magimel.

Die Tageszeitung, 04.02.2005

Die taz übernimmt einen Artikel des britischen Popjournalisten Simon Reynolds aus dem Observer (hier das Original) über das neueste Ding namens Grime, eine britische Spielart des HipHop, die zwar auch gangstahaft klingen will, dabei aber offensichtlich erfinderischer und bizarrer ist: "Grime ist unser HipHop, die endgültige Ankunft von Britrap als eine Musik, die mehr ist als die blasse Spiegelung des amerikanischen Originals. Stattdessen ist es eine gebrochene Reflexion wie aus einem Spiegelkabinett. Für amerikanische Ohren, die mit dem real thing aufgewachsen sind, hört sich Grime auf eine verstörende Weise falsch an - das Herausplatzen der MCs hat keinen Flow, die asymmetrischen Zahnlückengrooves scheinen halb fertig und defekt." Hier sind die Hörproben.

Weitere Artikel: Jörg Sundermeier berichtet über Scharmützel zwischen der BZ und der Berliner Künstlerszene, die gegen de Berichterstattung des Boulevardblatts über eine Ausstellung mit sexuellen Themen protestierten. Und Tobias Rapp bespricht neue Reggae-Platten.

Auf der Medienseite unterrichtet uns Jörg Schallenberg über eine Renovierung des SZ-Magazins.

Und Tom.

Frankfurter Rundschau, 04.02.2005

"'Oberschweineöde' ist natürlich ein hartes Urteil für einen ganzen Stadtteil. Aber wenn der nun mal Oberschöneweide heißt und in Berlin gelegen ist ..." Doch mit Oberschweineöde soll jetzt bald Schluss sein, berichtet Silke Hohmann. Passieren wird nämlich Folgendes: "Die Reinbeckhallen in Oberschöneweide, eigentlich dem Abriss anheim gegeben, werden sich bis Anfang 2007 in ein Zentrum für internationale Gegenwartskunst verwandeln." (Hier der Plan des Architekturbüros Kahlfeldt.) "Neben über einem Dutzend namhafter Galerien wie Gagosian New York und Privatsammlungen, darunter John Smith und Vicky Hughes, werden auch zwei Dependancen bedeutender Museen einziehen - das New Yorker Whitney Museum of American Art und das MMK Frankfurt."

Weitere Artikel: Matthias Arning lobt Bundespräsident Horst Köhler für seine Rede in der Knesset, mit der er der besonderen Beziehung zwischen Israel und Deutschland Rechnung getragen habe: "Sie steht unter der Maßgabe, die zur Staatsräson der Deutschen gehört: Hitler darf nicht postum in seinem Vernichtungskampf gegen die Juden einen Sieg davon tragen. Horst Köhler bringt die Maxime in die deutsche Staaträson zurück, denn der Gedanke, dass unter den Opfern von Selbstmordattentaten 'auch Überlebende der Shoa sind, ist für mich ein unerträglicher'." In Times Mager wundert sich Ina Hartwig über die Kriterien für die Vergabe der Bücherpreise in Leipzig und Frankfurt: "... einfach nur DAS BESTE?"

Besprochen wird die Robert-Capa- Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau.

Die Welt, 04.02.2005

Auf den Forumsseiten singt Mario Vargas Llosa einige "Variationen auf das Kondom", dessen Benutzung am 18. Januar vom Sprecher des spanischen Episkopats erlaubt und gleich am nächsten Tag "von der pontifikalen Autorität" wieder verboten worden war. "Wenn der Vatikan das Kondom zulässt, muss er etwas zugeben, was er immer bestritten hat: dass nämlich der Hauptantrieb der Sexualität, von den Höhlenmenschen bis zu den komplizierten Liaisons der Moderne, die Suche nach Lust ist, nicht die Erzeugung von Nachkommen. Als die Menschen entdeckten, dass da Ursache und Wirkung im Spiel sind, hatten sie sich schon jahrhundertelang geliebt, und es existiert keine menschliche Spezies, die eine Erektion oder einen Orgasmus hervorbringt, indem sie an die evangelikale Idee der Schwängerung und Zeugung denkt." Die Kirche sollte von den Gläubigen nicht länger das Unmögliche verlangen, meint Vargas Llosa, sonst wird sie untergehen. "Vielleicht ist das Überleben der katholischen Kirche ein Kondom wert."

Süddeutsche Zeitung, 04.02.2005

Henning Klüver berichtet von den Wellen, die Roberto Faenzas neuer Film in Italien schlägt: "Alla Luce del sole" erzählt die Geschichte des sizilianischen Padre Puglise, der der 1993 allein deshalb von der Mafia ermordet, weil er Kinder und Jugendliche von der Straße geholt hatte. Doch eigentlich, meint Klüver, war das Verhältnis zwischen Mafia und Kirche lange Zeit nicht so feindlich. "Erst 1964 findet man einen ersten vorsichtigen Hinweis auf das Problem Mafia in einem Hirtenbrief von Kardinal Ruffini, dem Erzbischof von Palermo. Doch auch Ruffini sah weiter die traditionelle Ordnung Siziliens stärker von einem kritischen Journalisten und Sozialreformer wie Danilo Dolci oder einem Roman wie dem 'Gattopardo' von Giuseppe Tomasi di Lampedusa bedroht."

Im Aufmacher feiert Lothar Müller Orhan Pamuks (mehr hier) neuen Roman "Schnee", der seinen melancholischen Helden, den Dichter Ka, durch ein tief zerrissenes Land führt, in den Osten der Türkei, "eine Welt der Attentate und Selbstmorde, des Putsches und des Verrats, der tiefen Verzweiflung und des unbändigen Glücksverlangens, an der die plane Opposition von Islamismus und säkularer Moderne zerbricht".

Weiteres: Vor elf Monaten wurde Richard Lancelyn Green, der Vorsitzende der Londoner Sherlock Holmes Society, tot aufgefunden, "auf dem Tisch eine halb leere Flasche Gin, neben sich einen Holzlöffel und einen Schnürsenkel". Und wie Sonja Zekri erzählt, ist es bisher weder der britischen Polizei noch den Holmes-Experten gelungen, den Fall zu lösen. Wir empfehlen, bei der Miss-Marple-Gesellschaft um Hilfe zu bitten! Matthias Hennies hat sich ins zentraliranische Hochland begeben, zu den Ausgrabungsstellen von Arisman. Hier haben Archäologen herausgefunden, dass es sich bei den in der Gegend verstreuten Schlackeklumpen um Zeugnisse der Kupfer-Verhüttung handelt, womit die Metallindustrie inzwischen eine fünftausend Jahre alte Geschichte hat.

Andreas Bernard ist von der Umstellung einiger Zeitungen vom Groß- ins Tabloid-Format in einen veritablen Schockzustand versetzt. Reinhard Schulz berichtet vom Stuttgarter Eclat-Festival. Stefan Koldehoff meldet, dass die Stadt Wuppertal nun doch endlich ein Raubkunst-Gemälde an die Erben des in Bergen-Belsen ermordeten Sammler-Paares Ernst und Gertrud Flersheim zurückgeben wird. Jürgen Berger berichtet, dass das Basler Theater nun auch im berüchtigten Gefängnis Schällemätteli zu sehen ist.

Besprochen werden eine Schau bayrischer Architektur der Nachkriegszeit in der Pinakothek der Moderne, James Wans Thriller "Saw" und Bücher, darunter Antonio Munoz Molinas Roman "Sepharad", Bernd Waldenfels' "Phänomenologie der Aufmerksamkeit" und Kinderbücher (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.02.2005

Eine besorgniserregende ideologische Spaltung der spanischen Gesellschaft konstatiert Paul Ingendaay: "Grob formuliert: Wenn es seit dem 11. März 2004 einen richtigen (oder politisch genehmen) und einen falschen (also unprofitablen) Terrorismus gibt, dann muss man spätestens seit dem 22. Januar 2005 auch von richtigen und falschen Terrorismusopfern sprechen - jenen, die einem politisch nützen, und anderen, die nur dem politischen Gegner etwas einbringen. Tatsächlich hat sich die Bekämpfung des Eta-Terrors zur Domäne der spanischen Rechten entwickelt, während die Bekämpfung des islamistischen Terrors zur Aufgabe der spanischen Linken geworden ist. So absurd diese Trennung anmutet, sie folgt zwingend aus dem Freund-Feind-Schema, das reflexhaft hervorspringt, wenn es eigentlich darum ginge, nach neuen Lösungen zu suchen."

Weitere Artikel: Heinrich Wefing freut sich über das neue Studienzentrum der Anna Amalia Bibliothek, das heute eingeweiht wird. Eduard Beaucamp erinnert daran, wie von der CIA finanzierte amerikanische Maler in den fünfziger Jahren Europa eroberten. Jürg Altweg berichtet über einen neuen "ideologischen Kreuzzug gegen die als linkslastig verschrieene Kultur" in der Schweiz: Dort hat man dem "rechtslastigen" Abgeordneten Oskar Freysinger, der auch ein Buch veröffentlicht hat, die Aufnahme in den Schriftstellerverband "Autoren der Schweiz" verweigert. Freysinger will nun einen eigenen Verband gründen und wird dabei offenbar von der Regierung unterstützt. Martin Halter referiert mit so viel Witz wie möglich eine Freiburger Tagung über das Lachen ("Humor ist nicht nur ein probates Anästhetikum, anstrengende Abwehr narzißtischer Kränkungen, sondern auch ein eminent soziales Verhältnis und lustvolles Gleitmittel der Kommunikation.")

Auf der letzten Seite porträtiert Patrick Bahners den israelischen Historiker Michael Toch, der zur Zeit in München an einer auf drei Bände angelegten Wirtschaftsgeschichte der europäischen Juden im Mittelalter arbeitet. Andreas Platthaus ärgert sich, dass der Architekt Rem Koolhaas die Zeche Zollverein in ein Museum umbauen will und dann nicht mal zur Pressekonferenz erscheint. Abgedruckt ist Hans Christoph Buchs Dankesrede für den Preis der Frankfurter Anthologie.

Besprochen werden die Uraufführung von Giorgio Battistellis Shakespeare-Oper "Richard III.", die Uraufführung von Daniel Danis' Stück "e" in Paris, der türkische Film "Uzak" und Bücher, darunter Necla Keleks "Die fremde Braut", ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).



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