Heute in den Feuilletons "Frischfleisch für die nächste Sendung"

Die "Welt" feiert die Tierbilder Jean-Baptiste Oudrys. In der "FAZ" sagt Cecile Wajsbrot eine neue Französische Revolution an. Die "taz" interviewt die italienische Satirikerin Sabina Guzzanti zu Berlusconi III.


Neue Zürcher Zeitung, 18.04.2008

Auf der Medienseite berichtet Stephan Russ-Mohl von der Jahrestagung der amerikanischen Zeitungsverleger und Chefredakteure in Washington, dass die Zeitungen nun mit einer Entbündelung der Presse auf ihre Krise reagieren wollen: "Mit einem Portfolio von Nischen-Publikationen, die - sei es gedruckt, sei es online - um die Tageszeitung herum produziert werden, um alle möglichen Zielgruppen zu erreichen: die hispanische Minderheit mit einer wöchentlichen spanischsprachigen Ausgabe der Zeitung, die Afroamerikaner und die Frauen mit eigenen Zeitschriften, welche - regional fokussiert - alle zwei Monate erscheinen, die jungen Leser sowie die Geschäftsleute mit je einer eigenen Website sowie alle möglichen Gruppen mit Blogs und weiteren Dienstleistungen, etwa für Golfspieler, für Tierfreunde oder zur Gesundheitsvorsorge."

Auf der Fernsehmesse MIP-TV in Cannes hat Tilmann P. Gangloff einen neuen Trend zur Eigenproduktion ausgemacht: Amerikanische Fernsehserien werden den europäischen Sendern allmählich zu teuer. Und "srm" besucht das Newseum in Washington.

Im Feuilleton stellt Stefan Hentz die Musiker des Jazzlabels Cryptogramophone aus Los Angeles vor: "Es geht in ihrer aller Musik um die Balance zwischen Freiheit und Disziplin, Lärm und Stille, Harmonie und Dissonanz, um rau und geschniegelt, simpel und komplex, roh und gekocht."

Weiteres: Walter Schomers schreibt einen Nachruf auf den Negritude-Lyriker aus Martinique, Aime Cesaire. Urs Hafner berichtet von einem Basler Kongress zu den bei Antisemiten so beliebten "Protokollen der Weisen von Zion". Besprochen werden Max Ernsts Zyklus "Une semaine de bonte" in der Wiener Albertina und Luigi Cherubinis Oper "Medee" in der Brüsseler Monnaie.

Aus den Blogs, 18.04.2008

Gestern lief die neueste Sendung von Polylux, die auch auf den von einem Kommando Tito von Hardenberg lancierten Fake in der vorletzten Sendung antwortete. Das Kommando löst sich auf seiner Website auf - und wendet sich gegen eine allzu bequeme "Internetrecherche" (die auch Don Alphono aufspießt): "Egal ob Speed-User, Sektenaussteiger, überforderte Studenten oder Menschen ohne Beziehungserfahrung - stets kommt das 'Frischfleisch' für die nächste Sendung aus der 'lieben Community' im Internet. Ob es sich bei dieser Art der Protagonisten-Akquise überhaupt um Recherche handelt, ist fraglich."

Der Gruner und Jahr-Verlag vergibt den Henri-Nannen-(vormals Kisch)-Preis, neuerdings auch für Fotografie. Aber gibt es überhaupt eine Welt außerhalb von Gruner und Jahr?, fragt Oliver Gehrs: "Wir können hier exklusiv schon mal vorab die Gewinner verkünden, denn in den sechs journalistischen Kategorien sind ausschließlich Arbeiten aus Gruner und Jahr-Zeitschriften nominiert. Es sind: Stern, stern.de, Neon, Living at home, view und Brigitte. Herzlichen Glückwunsch! In der Jury saßen übrigens Bildredakteure und Artdirektoren von: Stern, stern.de, Neon, Living at Home, view und Brigitte." Anmerkung der SPIEGEL-ONLINE-Redaktion: Gruner und Jahr legt Wert auf die Feststellung, dass nicht die genannten Redaktionen ausgezeichnet werden, sondern freie Fotografen bis zum Alter von 35 Jahren, die sich für den Wettbewerb in den von den sechs Redaktionen vorgegebenen Kategorien bewerben konnten. Die Preise würden am Sonntag vergeben - ausgewählt von einer Jury, an der auch externe Experten beteiligt sind.

Wolfgang Blau, chef von zeit.de, wehrt sich gegen die Vorwürfe der Journalistin Susanne Härpfer (mehr hier) - sie hatte gesagt, dass der zeit.de-Redakteur Ludwig Greven sie nach Beschwerden des Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy habe fallen lassen: "In dem Gespräch mit Herrn Greven konnte Frau Härpfer die Vorwürfe Herrn Edathys, ihn falsch zitiert zu haben, nicht widerlegen. Stattdessen bezichtigte sie umgehend Zeit online, sich dem politischem Druck eines Abgeordneten zu beugen."

Die Tageszeitung, 18.04.2008

"Dieses Mal wird alles noch schlimmer werden." Erst hat Satirikerin Sabina Guzzanti über Berlusconis Renaissance gelacht, dann geheult wie ein Schlosshund. Gegenüber Michael Braun teilt sie im Meinungsteil in alle Richtungen aus: "Für mich ist nicht bloß Berlusconi das Problem, und nicht nur in Italien müssen Linke sich Sorgen machen. Der einzige linke Politiker in ganz Europa, der heute eine Politik mit Perspektive macht, ist doch Zapatero in Spanien. Der schafft es, den Einsatz für Bürgerrechte, für einen laizistischen Staat mit wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung zusammenzubringen. In Italien wäre eine solche Politik schwierig. Wir haben hier den Vatikan, wir haben die Mafia, eine völlig im Koma befindliche Kulturszene und wir haben ein auf allen Ebenen präsentes Klientelsystem. Das führt wiederum dazu, dass bei uns die Mächtigen immer die Gleichen bleiben. Ich meine damit nicht bloß die Politiker, sondern auch die Meinungsmacher in den Medien, die Filmregisseure und -produzenten."

Weiteres: Uwe Soukup, Autor von "Wie starb Benno Ohnesorg?", hat in Götz Alys 1968-Buch "Unser Kampf" einen "bemerkenswerten" Fehler entdeckt: Der Polizist Karl-Heinz Kurras, der Ohnesorg erschossen hatte, sei entgegen Alys Behauptungen nie im Gefängnis gewesen. In der zweiten taz verlangt der Sozialpsychologe und Autor Harald Welzer, dass man sich auch die sozialen Folgen des Klimawandels bewusst macht.

Besprechungen widmen sich dem Album "Third" der Band Portishead sowie Jana Hensels und Elisabeth Raethers Selbstporträt "Neue deutsche Mädchen".

Und Tom.

Frankfurter Rundschau, 18.04.2008

Der Pianist Murray Perahia spricht im Interview über seine Bach- und Beethoven-Aufnahmen. Dänemark setzt sich aufs Neue mit der deutschen Besatzung und der eigenen Kollaboration auseinander, berichtet Matthias Müller-Wieferig. Harry Nutt besucht das Museum "Häftlingsküche" im KZ Sachsenhausen. Christian Schlüter widmet die Times Mager dem troposphärischen Hedonismus der Hamburger. Arno Münster schreibt zum Tod von Aime Cesaire. Franziska Exeler berichtet von einer multidisziplinären Tagung über Angst an der Princeton University.

Besprochen werden eine Bernard-Buffet-Retrospektive im Frankfurter Museum für Moderne Kunst, die Uraufführung von Harrison Birtwistles Mythos-Oper "The Minotaur" im London Royal Opera House und Mariolina Venezias Roman "Tausend Jahre, die ich hier bin" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Die Welt, 18.04.2008

Eckhard Fuhr hat die Tierporträts Jean-Baptiste Oudrys gesehen, die einst einst den Herzögen von Mecklenburg gehörten und nun wieder in Schwerin ausgestellt sind. Sie sind im 18. Jahrhundert nach der Natur gemalt worden: Oudrys Kunst "ist das Kontrastprogramm zu den Medienbildern von Knut und Flocke, die nur das Gesetz der billigsten Emotionalisierung kennen. Der Infantilismus ihrer Inszenierung erniedrigt das Tier ebenso wie seinen menschlichen Betrachter. Bei Oudry kann man lernen, wie selbst ein an den Füßen aufgehängter toter Kranich allein durch die Sorgfalt, die der Maler jeder seiner Federn angedeihen lässt, eine Aura der Würde gewinnt."

Weitere Artikel: Peter Dittmar schildert die Krise der Guggenheim-Stiftung und ihrer verschiedenen Museen, nachdem Unregelmäßigkeiten in Bilbao bekannt wurden. Hannes Stein glossiert einen Auftritt des New Yorker Säkularisten Mark Lilla, der sein Buch "The Stillborn God - Religion, Politics, and the Modern West" vorstellte (und dessen Säkularismus ihn zu der Meinung führt, dass allein Tariq Ramadan Europa bei seinem Problem mit dem Islam helfen kann). Hannes Stein beobachtete auch einen Auftritt Joanne K. Rowlings vor einem New Yorker Gericht, wo sie sich gegen ein Harry-Potter-Glossar eines Fans wehrt. Siegfried Tesche unterhält sich mit dem Literaturagenten Peter Janson-Smith, dem der James-Bond-Erfinder Ian Fleming seine posthumen Erfolge verdankt. Johanne Schmeller besuchte ein Krimifestival in München. Und Uta Baier resümiert einen Streit zwischen der Familie von Klemperer und dem Auktionshaus Villa Grisebach um Raubkunst.

Süddeutsche Zeitung, 18.04.2008

Der Schriftsteller Boualem Sansal spricht im Interview über seinen neuen Roman "Le village de l"Allemand" und die Situation eines Schriftstellers in Algerien: "In Algerien bin ich gar kein Schriftsteller. Wie ein marokkanischer Kollege es nennt: Im Maghreb sind wir Schriftsteller nur ein Gerücht, manchmal ein gutes, oft ein böses." Paul-Philipp Hanske feiert einen neuen Trend: cineastische Tanzmusik - nennt es auch "Adult Dance Music" - von Munk (hören), Quiet Village (hören) und Zombie Zombie (mehr, hören). Catrin Lorch hat sich Kunstmarkt-TV angesehen, eine Inszenierung von Christian Jankowski: Profis aus dem Bereich des Tele-Marketing preisen während der Art Cologne "dreimal eine Stunde lang Kunst an, wie sonst Süßwasserperlen oder Küchengeräte" (mehr dazu hier). Jens Bisky ist nicht so recht überzeugt vom Nutzen der Politikberatung durch die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaft. Holger Liebs berichtet von Plänen des Architekten Rem Koolhaas für das Museum der Prada Foundation in Mailand. Alexander Kissler verabschiedet die Zeitschrift Castrum Peregrini. Joachim Kaiser wird Ende des Jahres 80, eine Autobiografie will er nicht schreiben, und darum beleuchtet er jetzt in neun Artikel "Stationen seines Lebens"; im ersten Teil geht's um Bayreuth. Gottfried Knapp schreibt zum Achtzigsten des Zero-Künstlers Otto Piene. Andrian Kreye schreibt zum Tod des Meteorologen Edward Lorenz. Lothar Müller schreibt zum Tod des Poeten und Politikers der "Negritude" Aime Cesaire.

Auf der Medienseite bezweifelt Detlef Esslinger, dass die Journalisten-Gewerkschaft DJV mit einem Streik 7,5 Prozent mehr Lohn durchsetzen wird: "2004 hat dies mal geklappt. Bei Lokalzeitungen quer durchs Land legten Redakteure die Arbeit nieder - für jeweils exakt einen Tag; entsprechend mäßig war der Erfolg. Der letzte Streik davor: 1989. Journalisten geben sich gern kämpferisch, aber nur, solange sie es nicht selber sind, denen der Kampf abverlangt wird".

Besprochen werden zwei Einakter von Edward Albee, die der Meister selbst in New York inszeniert hat, Hindemiths "Cardillac" am Operntheater Augsburg, Mike Marzuks Film-Strandromanze "Sommer" und Bücher, darunter Thomas Otts Comicroman "The Number 73304-23-4153-6-96-8" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.04.2008

Im Interview mit Katharina Narbutovic spricht die französische, in Berlin und Paris lebende Schriftstellerin Cecile Wajsbrot über Nicolas Sarkozy, die französische Kulturszene und die Lage in Frankreich. Es sieht nicht gut aus: "Die Kluft zwischen den Gutausgebildeten und jenen, die keine Perspektive haben wie etwa die jungen Menschen in der Banlieue, wird immer größer. Es sind schon bald Zustände wie vor der Französischen Revolution oder im Mittelalter. Doch es ändert sich nichts. Auch unter Sarkozy nicht. Das finde ich gefährlich. Mein Gefühl ist, dass sich etwas zusammenbraut, und ich fürchte, dass die Rechtsradikalen weiter an Zulauf gewinnen werden. Hinzu kommt, dass Frankreich sich noch immer gerne als Grande Nation begreifen möchte, es aber schon längst nicht mehr ist, sondern ganz einfach ein mittelgroßes Land. Wahrnehmung und Wirklichkeit stimmen bei uns nicht überein."

Im Interview freut sich Marcel Reich-Ranicki, dass mit dem "Roten Baron" Matthias Schweighöfer jetzt ein Darsteller für die Verfilmung seiner Autobiografie "Mein Leben" gefunden ist und meint über den Film: "Vor allem soll er das Publikum überzeugen, dass Unwahrscheinliches möglich war, nämlich, dass wir, meine Frau und ich, auf schrecklichste Weise verfolgt wurden und gleichwohl an Goethe, Schiller und Beethoven keinen Augenblick zweifelten."

Weitere Artikel: In der Glosse schreibt Dirk Schümer über "No Kid"- Pamphlete und "Si Kid!"-Initiativen in Frankreich und Italien. Alexander Cammann berichtet von einer Diskussion im Potsdamer Einsteinforum über Gewalt, an der unter anderem Jan Philipp Reemtsma und Herfried Münkler teilnahmen. Ingeborg Harms war dabei, als bei einem Berliner Podiumsgespräch "die Dichterexistenz mit Glamour aufgeladen" wurde. Dem Affen-Methusalem Cheeta (Rollen), der schon an der Seite von Johnny Weismullers auf Hollywood-Leinwänden zu sehen war und im Guiness-Buch als ältester nicht-menschlicher Primat geführt wird, gratuliert Dieter Bartetzko - mit mehr als einer Woche Verspätung! - zum Sechsundsiebzigsten. Zum Tod des martinikanischen Dichters Aime Cesaire schreibt Joseph Hanimann.

Auf der Medienseite informiert Jörg Bremer darüber, wie gefährlich die Berichterstattung aus dem Gazastreifen geworden ist. In Sachen öffentlich-rechtliche Online-Ausbreitung stellt sich heute, wie ganz kurz gemeldet wird, Christoph Waitz, der medienpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, auf die Seite der Privatanbieter.

Besprochen werden eine große Londoner Ian-Fleming-Ausstellung, eine Bernard-Buffet-Retrospektive im Frankfurter Museum für Moderne Kunst, eine 68-Ausstellung mit Fotografien von Michael Ruetz in der Berliner Akademie der Künste, Sebastian Baumgartens Düsseldorfer Inszenierung einer Theaterversion von Bulgakows "Meister und Margherita" ("logistisch" sehr, "inszenatorisch" nicht ganz gelungen findet Andreas Rossmann das Durcheinander von "Lemuren und Lautmalerei, Trash und Tohuwabohu, Patchwork und Paranoia"), und Bücher, darunter Giwi Margwelaschwilis Meta-Roman "Officer Pembry" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).



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