Heute in den Feuilletons: "Exklusive Kaste der 3400"

In der "FR" kritisiert Guido Möbius die Gema, die 65 Prozent aller Ausschüttungen an 5 Prozent der Mitglieder auszahle. Neal Stephenson trauert auf worldpolicy.com Mondfahrern nach. Im Parteiblog erklären Brigitte Zypries und Lars Klingbeil, warum die SPD ein Leistungsschutzrecht ablehnt.

Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung, 26.06.2012

Online kritisiert Musiker und PR-Agent Guido Möbius die Verteilungspraxis des privaten Vereins Gema: "Man muss sich das mal klar machen: Die ordentlichen Mitglieder, fünf Prozent aller Mitglieder, beziehen knapp 65 Prozent aller Ausschüttungen und haben zudem Anspruch auf Bezüge durch die Sozialkasse. Spricht ein Gema-Oberer von 'den Urhebern', deren Rechte in diesen schwierigen Zeiten gewahrt werden müssen, so meint er die exklusive Kaste der 3400 ordentlichen Mitglieder. Im Gema-Aufsichtsrat sitzen ausschließlich erfolgreiche Komponisten, Textdichter und Verleger."

Außerdem: Daniel Kothenschulte verteidigt den deutschen Film gegen die Kritik von Dominik Graf: alle machen tolle Filme, nur die deutsche Filmbranche erkennt das nicht an. Sebastian Preuss fragt in Times Mager, welcher Teufel den Intendanten der Bundeskunsthalle geritten hat, sich für die Anselm-Kiefer-Ausstellung ausgerechnet mit dem "Klüngler" Walter Smerling zu verbünden.

Die Welt, 26.06.2012

Henryk M. Broder attackiert die Schweizer Supermarktkette Migros, die künftig Produkte aus den israelischen Siedlungen deklarieren will: "Man könnte allenfalls die Frage stellen, ob der mündige Kunde, der frei entscheiden soll, was er kaufen will, nicht auch ein Recht hat zu erfahren, woher die Pistazien kommen, die bei Migros ausliegen. Aus dem Iran, wo Ehebrecherinnen gesteinigt und Homosexuelle an Baukränen aufgehängt werden?"

Weiteres: Hannes Stein jubelt über Aaron Sorkins neue Serie "The Network", die heute auch im deutschen Bezahlfernsehen startet. Miriam Hollstein versucht, den derzeitigen Erfolg des französischen Kinos auch in Deutschland zu erklären.

Besprochen werden die neuaufgelegten Choreografien der Ballets Russes in Dresden, eine Edgar-Degas-Schau im Pariser Musée d'Orsay und eine Ausstellung zur NS-Regierungsmeile Wilhelmstraße in der Topografie des Terrors.

Neue Zürcher Zeitung, 26.06.2012

Wenn Twitter und Facebook Werbung wollen, dann sollen sie auch Haftung bekommen, meint der Schweizer Verleger Norbert Neininger-Schwarz auf der Meinungsseite: "Es ist daher im Sinne gleich langer Spieße für alle Medienunternehmen und vor allem zum Schutze der Gemeinschaft zu fordern, dass die Plattformen letztlich für die auf ihnen veröffentlichten Inhalte die Haftung übernehmen."

Weiteres: Andrea Köhler sieht schwarz für den amerikanischen Buchmarkt und fürchtet, da jetzt sogar Thomas Pynchon sich dem E-Book ergibt, den endgültigen Sieg von Amazon über die Verlage. Der Jurist Daniel Thürer betrachtet Stärken und Schwachen der direkten Demokratie.

Besprochen werden eine Schau der Sammlung von Andreas Züst im Centre culturel suisse Paris, Marcel Beyers Recherchen "Putins Briefkasten" und Lisa-Maria Seydlitz' Debütroman "Sommertöchter".

Aus den Blogs, 26.06.2012

Das Design-Blog Dezeen stellt eine Kamera vor, die den Augen folgt und genau das aufnimmt, was man sieht und auch ihre Objekte wiedererkennt: "The Iris camera uses biometric technology to identify people by looking at their unique iris signatures. If the user's iris is recognised, the camera will automatically load their preferred settings - including aperture, ISO and screen display."

Neal Stephenson, Autor von "Quicksilver", trauert in worldpolicy.org unter dem tragischen Titel "Innovation Starvation" visionären Zeiten nach, die er in seiner Kindheit noch erlebte: "My lifespan encompasses the era when the United States of America was capable of launching human beings into space... I worry that our inability to match the achievements of the 1960s space program might be symptomatic of a general failure of our society to get big things done."

Die SPD lehnt Leistungsschutzrecht ab, melden Meedia und andere Dienste. In der Stellungnahme im Blog der Partei schreiben Brigitte Zypries und Lars Klingbeil: "So ist bis heute unklar, wofür es eines solchen Schutzrechts eigentlich bedarf und es ist auch nicht zu erkennen, welchen Beitrag dieses zur Lösung der unübersehbaren Probleme bei der Durchsetzung des Urheberrechts in der digitalen Welt leisten kann." Die "Initiative gegen ein Leistungsschutzrecht" (IGEL), die auch vom Perlentaucher unterstützt wird, veranstaltet heute um 11 Uhr in der Parlamentarischen Gesellschaft Berlin eine Diskussion zum Thema.

Weitere Medien, 26.06.2012

(Via @hemartin) Eine Folge der Abhöraffäre? Rupert Murdoch erwägt eine Aufspaltung seiner New Corp. Die Film- und Fernsehaktivitäten sollen abgespalten werden, meldet das Wall Street Journal, das selbst zu Murdochs Konzern gehört: "The entertainment assets make up by far the bulk of the company, contributing three-quarters of the $25.34 billion in revenue for the first nine months of the fiscal year. Those assets accounted for roughly 90% of the operating profit in that period. In the nine months through March, News Corp.'s various segments together had operating profit of $4.2 billion, of which the publishing division contributed $458 million."

Die Tageszeitung, 26.06.2012

Die Documenta-Ausstellung in Kabul (mehr), die Carolyn Christov-Bakargiev unter das Motto "Zusammenbruch und Wiederaufbau" gestellt hat, funktioniert erstaunlich gut, notiert Ingo Arend bei einem Besuch: "Es hätte Mariam Ghanis auch in Kabul gezeigte Zweikanalvideo-Installation 'A brief history of collapses' gar nicht gebraucht, um die historischen Analogien, um die es Bakargiev geht, zu illustrieren. Darin durchstreift die amerikanisch-afghanische Künstlerin das Fridericianum und den Dar-ul-Aman-Palast. Ersteres versank 1943 im Bombenhagel der Alliierten. Der riesige Palast, den Reformkönig Amanullah 1920 für das afghanische Parlament errichten ließ, steht heute noch als die monströse Ruine, zu der er im Bürgerkrieg der neunziger Jahre zerschossen wurde. Als der amerikanische Künstler Michael Rakowitz seine Arbeit im Queen's Palace aufbaut, zieht er ein Foto des zerstörten Fridericianums aus der Tasche. Ein einheimischer Helfer fragt ihn sofort: 'Ist das Afghanistan?'"

Weitere Artikel: Isolde Charim denkt über Vertrauen und Währung nach. Arno Frank berichtet über die Caricatura VI in Kassel. Shirin Sojitrawalla sieht Theater bei der Biennale Wiesbaden. Christian Werthschulte berichtet vom c/o Pop Festival in Köln.

Auf der Meinungsseite sieht der libanesische Journalist Abdel Mottaleb El Husseini ein verkalktes Saudi-Arabien durch die Wahlen in Ägypten unter schwerem Druck, sich endlich demokratischen Reformen zu öffnen.

Und Tom.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.06.2012

Regina Mönch verfolgte eine Tagung, die sich mit Oskar Pastiors Securitate-Verwicklung befasste und erste Ergebnisse vorstellte (die im Lauf des Jahres noch publiziert werden). Er scheint als IM unbrauchbar gewesen zu sein. Seine Akte, so zitiert Mönch den Germanisten Ernst Wichner, "versammele auf 214 Seiten nur Material, das gegen den Dichter und seine Familie hätte verwendet werden können. Pastior sei umstellt gewesen von Informanten, darunter seit 1957 einige seiner Lehrer, und er habe zu Recht befürchten müssen, wieder verhaftet zu werden. Eine genaue Skizze seiner Wohnung befindet sich in der Akte, die Namen all seiner Besucher und Kopien der abgefangenen Briefe."

Weitere Artikel: Kerstin Holm berichtet von der Eröffnung des Deutschlandjahrs in Russland mit einer großen Ausstellung im ehemaligen Moskauer Lenin-Museum. Oliver Tolmein kommentiert Neuregelungen von Patientenrechten. Jordan Mejias stellt die radikalen Pläne des Direktors der New York Public Library, Anthony W. Marx, zur Reform der Bibliothek vor.

Besprochen werden die Diane-Arbus-Ausstellung in Berlin, eine Ausstellung über die Kunst der Collage, ebenfalls in Berlin, eine Ausstellung über Arthur Schnitzler in Zürich und Bücher, darunter Denis Bertholets Biografie über Paul Valéry (mehr hier und in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Süddeutsche Zeitung, 26.06.2012

"Uiuiui", staunt Bernd Graff über den immensen Erfolg der Romantrilogie "Fifty Shades of Grey" in den USA, einer insbesondere unter Frauen populären sado-masochistischen und offenbar recht pornografischen Serie. Großen Anteil an diesem Erfolg haben vor allem auch die vergleichsweise hohen E-Book-Absätze, was Graff so deutet: Wieder einmal ist es Pornografie, die neuer Technologie und neuen Medien den Weg ebnet: Gerade befeuert sie den Absatz und die Akzeptanz von elektronischen Lesegeräten wie dem Kindle." Vielleicht auch vor dem Hintergrund hiesiger Debatten erwähnenswert: Das Buch begann seinen Erfolgszug als frei im Netz veröffentliches E-Book, wie man im Guardian erfährt.

Weiteres: Catrin Lorch meldet, dass Robert Fleck seinen Intendantenvertrag bei der Bundeskunsthalle nach der fragwürdig konzipierten Anselm-Kiefer-Ausstellung nicht mehr verlängern wird. Doris Kuhn plaudert mit "Drive"-Autor James Sallis, der verrät, dass Hollywood ihn derzeit zu einer Fortsetzung seines erfolgreich verfilmten Krimis drängt. Lothar Müller skizziert mit Gilbert K. Chesterton ein Lob der Auftragsarbeit. Karl Bruckmaier hört neuen Noise- und Gitarrenpop, wobei es ihm besonders das Album "Carington Street" von Adele & Glenn angetan hat, das man hier probehören kann. Karl Lippegaus gratuliert dem Musiker und brasilianischen Kulturpolitiker Gilberto Gil und Burkhard Müller Sigrid Löffler zum je 70. Geburtstag.

Besprochen werden der Film "Bulb Fiction", der Gerhard Matzig zufolge gut zur "Ära des Wutbürgertums" passe, eine Corbusier-Ausstellung im Architekturmuseum München, eine Ausstellung im Prado über Raffaels Spätwerk, mit der Kia Vahland einen "Neuanfang" in der "Deutungsgeschichte" von Raffaels Spätwerk gekommen sieht, ein dem ersten Auftritt des Ballett Russe vor hundert Jahren gewidmeter Hommage-Abend an der Semperoper, der Dorion Weickmann glänzend gefallen hat, und Bücher, darunter Friederike Wissmanns Monografie über Hanns Eisler (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

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