Heute in den Feuilletons "Hallo, Herr Schimmerlos"

In der "Welt" beschreibt Hassan Dawud einen kulturellen Bruch in der arabischen Welt. In der "taz" liefert Franz Xaver Kroetz zeitgemäße Betrachtungen über Herrn Schimmerlos. Die "SZ" erklärt, warum in Deutschland lebende Muslime sich nicht eindeutig vom fundamentalistischen Terror distanzieren. Die "FAZ" erinnert an vergangene Buchmessen.


Die Welt, 06.10.2004

Einen kulturellen Bruch innerhalb der arabischen Welt beschreibt Hassan Dawud, Feuilletonchef der libanesischen Zeitung Al-Mustaqbal. Die islamistische Kultur boomt, doch bei diesem Aufschwung "fällt auf, dass sie sich völlig unabhängig von dem mehr als ein Jahrhundert alten Strom der arabischen Kultur entwickelt. Damit ist nicht gesagt, dass wir mit einem kulturellen Umsturz konfrontiert sind, etwa von der Art, wie ihn die arabischen Intellektuellen beim Wechsel vom Nationalismus zum Marxismus erlebten. Bei der aktuellen islamischen Kultur können wir etwas beobachten, das man als Profilierung eines neuen Typs von Intellektuellen beschreiben kann. Diese kehren allem den Rücken zu, was sie bis dahin unter Kultur verstanden haben. Das betrifft nicht nur die geistige Elite, sondern spielt sich auch in Schulen und Universitäten ab. Und die säkularen Intellektuellen wiederum halten gegenüber der islamischen Kultur auf Distanz. Sie überlassen sie sich selbst und zeigen keinerlei Interesse, sich damit bekannt zu machen. Etliche kennen weder die Titel der neuen Zeitschriften, noch neu erschienene Bücher, noch die Verlage oder gar die Institute, die bisweilen diese verschiedenartigen Bereiche zusammenbringen."



Viele Warnungen vor Putin haben wir jetzt gelesen. Doch so mächtig ist er gar nicht, glaubt Anders Aslund, Direktor des Russland- und Eurasien-Programms der Carnegie-Stiftung für Internationalen Frieden, auf den Forumsseiten der Welt. Gerade weil er so autoritär regiere, würden Putins Einfluss und seine Machtbasis immer kleiner.



Die Tageszeitung, 06.10.2004

Cornelius Tittel berichtet von einer Begegnung mit dem Schriftsteller Joachim "Erfinder der Popliteratur" Lottmann: "So langsam fühlt man sich in Trance genickt, das Lächeln beginnt zu spiegeln. Holm Friebe bringt den nächsten Kaffee und zeigt ein bisschen Mitleid: 'Mit Joachim über seinen Wirklichkeitsbegriff reden?' Er schüttelt den Kopf: 'Das ist, als wolle man ein Interview mit Tom Kummer faken. Alles Teil der Lottmannschen Verschleierungstaktik.'" Sehr am Rande wird dabei auch Lottmanns neuer Roman "Die Jugend von heute" besprochen.



Weitere Artikel: Schlimmes ist nach dem Bericht Karin Kruses vom Beginn der Pariser Pret-a-porter-Saison für den Herbst zu befürchten: "Viel zitiert der Ausspruch des amerikanischen Modedesigners Marc Jacobs: Es gehe darum, Margaret Thatcher sexy zu finden." In seiner "Buchmesser"-Kolumne vermisst Gerrit Bartels bei Dieter Forte, Wilhelm Genazino & Co den "Willen zum Großschriftsteller". "Erschreckend brav" findet Cristina Nord Steven Spielbergs "Terminal". Auf der Tagesthemen-Seite gibt es eine Reportage von Dorothea Hahn über das noch immer im Flughafen gefangene Vorbild von Spielbergs Filmhelden.



Zur taz-Kampagne "extrablatt" schreibt heute Franz Xaver Kroetz zeitgemäße Betrachtungen über Herrn Schimmerlos. Das beginnt so: "'hallo, herr schimmerlos, ja da schau her, des is aber nett, da schimmerlos, wie war etz da vornam, glei wieda, bebi, gell, bebi schimmerlos. wie gehts dir denn bebi?' - 'leck mich am arsch.'"



In der tazzwei erinnert sich Kirsten Fuchs an ihre DDR-Jugend und den Quelle-Katalog: "In der DDR gab es nicht alles, was ich gar nicht haben wollte. Es gab nicht mal Kataloge, damit ich lernen konnte, was ich zu haben wollte." Im Interview anlässlich der Präsentation ihres Buches "Aufgetaucht" äußert sich Franziska van Almsick auch zu Lance Armstrong: "Das gibts doch gar nicht, der ist ja wirklich sportfanatisch. Ich glaube, wenn man dem das Fahrrad klaut, fällt er tot um." Albert Hefele schickt Angela Merkel zum Friseur. Gemeldet wird, dass Elton John über Madonna lästert und dennoch nicht von ihrer Weihnachtskartenliste gestrichen wird.



Zur Buchmesse heute außerdem die Literataz -Beilage.

Und Tom.



Frankfurter Rundschau, 06.10.2004

Andrea Nüsse informiert über die Schwierigkeiten der Buchproduktion in der arabischen Welt: "Obwohl 22 Länder das Hocharabische als Schrift- und Literatursprache teilen, ist der Vertrieb von Büchern meist national begrenzt. Dafür gibt es mehrere Ursachen: Die wirtschaftliche Kooperation zwischen den politisch zerstrittenen Staaten ist schwach, der Handel unter arabischen Staaten macht lediglich acht Prozent des Gesamthandels der arabischen Welt aus. Handelsbarrieren sind hoch, Zollsysteme kompliziert und protektionistische Mechanismen sollen jeweils den eigenen Markt schützen. Die Kosten für Transport und Kommunikation sind in der Region hoch und die Einkommensunterschieden zwischen den Golfstaaten und Ländern wie Ägypten, Syrien oder Jemen sind enorm."



Harry Nutt betrachtet Christian Wulffs KMK-Kündigung nicht sehr wohlwollend: "Der bürokratischen Institution KMK Bürokratismus vorzuwerfen, hat sich denn auch als leicht durchschaubare Form eines Populismus erwiesen, die danach trachtet, komplizierte demokratische Verfahren rabiat abzukürzen, um sie am Ende auf einen Bierdeckel schreiben zu können."



Weitere Artikel: Von der traditionsbewussten Stadterneuerung in Aleppo im Norden Syriens berichtet Gabriele Hoffmann. In Times mager kommentiert der Nichtraucher Frank Keil die Pläne der Hamburger Schulsenatorin, das Rauchen an den Schulen komplett zu verbieten. Christian Broecking hat das Münchner Symposion und Konzertprojekt "Unforeseen" besucht. Joachim Lange bespricht Katharina Thalbachs Kölner "Salome".



Auch die FR präsentiert heute ihre Literaturbeilage . Im Aufmacher erinnert der libanesische Schriftsteller Abbas Beydoun an die wechselhaften Beziehungen zwischen der arabische Welt und dem Westen. Am Ende hofft er auf Europa: "Zur gleichen Zeit, in der Irak und Palästina im Chaos versinken und es in Ägypten und Saudi-Arabien lediglich verwirrte Regierungen gibt, glaube ich, dass der europäische Standpunkt zu Irak und zu Palästina dazu beitragen kann, ein relatives Gleichgewicht zu schaffen. Indem Europa auf seinem Standpunkt besteht, hilft es den Arabern aufzuatmen. Es hilft den Intellektuellen und den Eliten, nicht wieder in eine ideologische Starre zurück zu verfallen, es hilft den liberalen Bewegungen, ein unverdächtiges Ideal zu finden. Wir brauchen Europa unbedingt, um jenseits unserer manischen Fixierung auf den Westen wieder in die Welt eintreten zu können."



Neue Zürcher Zeitung, 06.10.2004

Joachim Güntner schreibt zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse. Andrea Köhler stellt Philip Roth' neuen Roman "The Plot Against America" vor. Besprochen werden die Ausstellung "ArchiSkulptur" in der Fondation Beyeler und Bücher, darunter Monica Alis Romandebut "Brick Lane" und Paolo Cesarettis Buch über "Theodora, Herrscherin von Byzanz" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).



Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.10.2004

Die ersten vier Seiten und die letzte Seite sind bedruckt mit Kontaktabzügen von Aufnahmen, die Barbara Klemm von 1967 bis 1975 auf der Buchmesse gemacht hat.



Na bitte, geht doch. Annette Zerpner hat beim Berliner Kinderliteraturfestival beobachtet, wie man die Kurzen bei den Büchern hält: "Die Kanadierin Michele Lemieux ... kritzelt in einem Affenzahn große Papierbögen voll und schafft es mühelos, eine Klasse morgendlich müder Achtjähriger zum Zeichnen und Reden über große Themen zu bringen". "Sehr gut" kam auch der Brite Melvin Burgess mit seinem Aufklärungsroman "Doing it" an. "Vor vollem Haus war die Lesung eine große Gaudi und wurde dank Burgess' Talent für Komik zu einer Art Teenager-Version von 'Ich und Er' mit Mann und Zeugungsorgan im Dauerdialog."



Ghassan Tueni, Herausgeber der Beiruter Tageszeitung al Nahar, schildert im Interview den Geschmack des arabischen Lesepublikums: "Nach einer großen Welle arabischer und islamischer Klassiker verkaufen sich heute Bücher über den modernen Islam und islamische Reformer am besten. Es gibt Neudrucke von Reformern des neunzehnten Jahrhunderts, von al Afghani, Abduh, al Kawakibi. Die populärsten Werke sind aber die über Palästina. Die Araber sind besessen von Palästina." Außerdem erfahren wir, dass die Iraker und die Sudanesen am liebsten Lyrik lesen.



Weitere Artikel: Manfred Lindinger stellt die drei amerikanischen Nobelpreisträger für Physik vor: H. David Politzer, Frank Wilczek und David J. Gross, Begründer (oder sagt man Erfinder?) der Quantenchromodynamik. Wiebke Hüster hat beobachtet, wie Wuppertal seine "Göttin" Pina Bausch und deren "dreißigsten Truppengeburtstag" feiert. Josef Oehrlein berichtet über die sechsundzwanzigste Biennale von Sao Paulo. Auf der Medienseite porträtiert Souad Mekhennet den Kriegs- und Reportagefotografen Maher Attar.



Besprochen werden die "Phonorama"-Ausstellung im Karlsruher ZKM und Mahlers Vierte mit David Zinman und dem Tonhallenorchester in einem als Disco aufgemöbelten Konzertsaal - ging gut, wenn man Andreas Obst glauben darf.

Der Aufmacher der Literaturbeilage der FAZ ist Antje Ravic Strubels Roman "Tupolew 134" gewidmet.



Süddeutsche Zeitung, 06.10.2004

Katajun Amirpur antwortet auf die als Vorwurf gemeinte Frage mancher deutschen Politiker, warum sich die in Deutschland lebenden Muslime nicht in eindeutigen Worten vom fundamentalistischen Terror distanzieren: "Von den rund 3,2 Millionen Muslimen in Deutschland stammt der überwiegende Teil aus einfachen, ländlichen Verhältnissen -- vor allem aus Anatolien. Nicht wenige von ihnen können nicht einmal lesen und schreiben. Kann man also unterstellen, dass diese ein ausgeprägtes politisches Bewusstsein haben, ein Bewusstsein, das Grundlage der Überlegung wäre, man müsse etwas tun, um das Image der Muslime und des Islams zu verbessern? Das Bewusstsein davon, was es heißt, ein politisches Zeichen zu setzen? (...) Hinzu kommt, dass gerade diesen Bürgern mit einem einfachen Bildungshintergrund die Idee, der heutige Islam könnte kriegerisch sein, gar terroristisch und das Töten anderer Menschen gutheißen, mehr als absurd erscheint."



Weitere Artikel: Ijoma Mangold kommentiert die Eröffung der Buchmesse. Der Eröffnungsvortrag des 32. Deutschen Soziologentages machte, wie Michael Ott berichtet, den Vorschlag, "den historisch verabschiedeten Klassen-Begriff neu zu diskutieren". Fritz Göttler sieht in Steven Spielbergs neuem Film  "Terminal" Thesen von Baudrillard verwirklicht. Jörg Heiser hat die große Retrospektive der "Wiederholungskünstlerin" Elaine Sturtevant in Frankfurt am Main besucht. Jürgen Berger bespricht eine Bielefelder Inszenierung von Alissa Walsers "100 Millionen Jahre Porn". Von einer realsatirisch ausgegangenen Begegnung von Wirtschaft und Literatur in Berlin berichtet Martin Z. Schröder.



Außerdem: Eva-Elisabeth Fischer informiert über eine Düsseldorfer Pina-Bausch-Gala (Website). Gemeldet wird, dass Deutschland auf der Rückgabe des Gemäldes "Tarquinius und Lukretia" von Peter Paul Rubens aus Moskau beharrt. Besprochen werden Rafik Schamis "großer Roman" "Die dunkle Seite der Liebe" und Alexa Hennig von Langes Jugendbuch "Erste Liebe" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).



Die Schallplatten-Seite: Im Interview erklärt der Dirigent Bertrand de Billy seinen Fünf-Stunden-Don-Karlos an der Wiener Staatsoper. Verblüfft zeigt sich Jörg Königsdorf von Alain Planes' Hammerklavier-Version von Scarlattis "Essercizi". Reinhard J. Brembeck bespricht eine CD-Einspielung mit französischer Barockmusik. In München hat er außerdem eine Aufführung von Schuberts "Winterreise" gehört.



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