Heute in den Feuilletons Inspiration mit copy-paste-mäßigen Zügen

Der Blog "Gefühlskonserve" hat herausgefunden, dass Helene Hegemanns Roman "Axolotl Roadkill" ein bisschen arg von einem Untergrundroman inspiriert ist. Große Aufregung! In der "FR" beschreibt ein italienischer Staatsanwalt, wie Zersetzung des Staats und Aufstieg der Mafia zusammenhängen.



Aus den Blogs, 08.02.2010

Eigentlich heißt es ja immer, dass das Netz nicht recherchieren kann, aber in diesem Fall beruhen alle heutigen qualitätsjournalistischen Artikel (siehe unten, FAZ und Welt) auf einem Eintrag von Deef Pirmasens' Blogs Gefühlskonserve. Die Frage lautet nun also: Ist der Sensationserfolg "Axolotl Roadkill", der Debütroman der 17-jährigen Helene Hegemann, ein Plagiat des Techno-Untergrund-Romans "Strobo", den der Autor Airen im Sukultur-Verlag veröffentlicht hatte? Gefühls konserve brachte am Freitag eine Menge Passagen aus den Romanen, die sich ziemlich ähnlich lasen. Anlass war eine einfache Beobachtung: Wie kann ein 16-jähriges Kind so glaubhaft über die Disko Berghain schreiben?, fragte sich Blogautor Deef Pirmasens. "Ins Berghain dürfen dank härtester Türpolitik nicht mal Leute, die auch nur AUSSEHEN wie unter 21jährig. Hegemann schreibt trotzdem glaubhaft darüber, weil sie sich von anderen Autoren inspirieren ließ, was zunächst einmal legitim ist. Doch die Inspiration nimmt copy-paste-mäßige Züge an..." Gestern kam auf demselben Blog die Meldung: "Helene Hegemann entschuldigt sich." Die ganze Entschuldigung und die Reaktion der Verlegerin Siv Bublitz stehen bei buchmarkt.de.

Frankfurter Rundschau, 08.02.2010

Die FR druckt einen Vortrag des Anti-Mafia-Oberstaatsanwalts von Palermo, Roberto Scarpinato, in dem dieser den unregulierten Liberalismus, diese "Schurkenwirtschaft", mitverantwortlich macht für die Globalisierung der Mafia: "Die beschriebene Zersetzung der politischen Macht trägt dazu bei, dass kriminelle Aristokratien eine strukturelle Komponente des neuen globalen Kapitalismus darstellen, an der Neubildung von Staaten beteiligt sind und die Struktur von schwachen Staaten infiltrieren."

Im Times mager erkennt Christian Schlüter ganz unironisch im Zölibat einen Protest gegen "die auf unbedingte, auch sexuelle Verfügbarkeit zielenden Konsumimperative unserer säkularen Gesellschaften". Auf der Medienseite porträtiert Jens Holst die Galionsfigur des chilenischen Journalismus, Juan Pablo Cardenas.

Besprochen werden Roland Schimmelpfennigs Konzept-Aufführung des "Weißen Albums" am Frankfurter Schauspiel, der frühe Roman "Und die Nilpferde kochten in ihren Becken" von William S. Burroughs und Jack Kerouac sowie Arno Geigers Roman "Alles über Sally" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Neue Zürcher Zeitung, 08.02.2010

Barbara Villiger Heilig ist  hingerissen von Andrea Breths Inszenierung des Koltes-Stücks "Quai West" am Wiener Burgtheater: "Opulent, zeremoniell, antirealistisch - Andrea Breth macht aus dem Stück eine Sprechoper, ob deren Grandiosität man allerdings bald voll Bewunderung erstarrt. Die Zumutung hebt den Alltag ins Mythische. Und siehe da: Das, woraus sich der banale Alltag zusammensetzt - nicht nur Finanzbetrügereien -, steht plötzlich in seiner existenziellen Dimension da."

Weiteres: Joachim Güntner sieht in David Chipperfields von der Krupp-Stiftung finanzierten Neubau des Essener Folkwang Museums nicht nur "ein architektonisches Lehrstück", sondern auch ein paternalistisches: "Es ist aufschlussreich, in welchem Maße der einsame Wille eines Industrie-Patriarchen noch immer Geschicke entscheiden kann." Urs Hafner berichtet von den zweiten Schweizerischen Geschichtstagen an der Universität Basel. Besprochen wird Karin Henkels Inszenierung der "Alkestis" nach Euripides am Schauspielhaus Zürich.

Perlentaucher, 08.02.2010

Warum regen sich nicht auch der deutsche PEN-Club oder Günter Grass, so wie der amerikanische oder Herta Müller (hier), um Liu Xiaobos Nominierung für den Friedensnobelpreis zu unterstützen?, fragt Sabine Pamperrien im Perlentaucher: "Der Präsident des deutschen P.E.N., Johano Strasser und andere deutsche Schriftsteller wie Günter Grass hätten eigentlich Anlass, ebenfalls deutliche Zeichen zu setzen. Es ist erst ein gutes Jahr her, dass die beiden den chinesischen Dissidenten bei der Debatte über die China-Redaktion der Deutschen Welle in den Rücken fielen. Die Dissidenten hatten die Deutsche Welle damals für eine viel zu Regime-nahe Berichtertattung kritisiert, darum sammelte eine SPD-nahe Initiative prominente Namen wie die Grass', um die Kritik zurückzuweisen."

Die Tageszeitung, 08.02.2010

Pater Klaus Mertes, Rektor des Berliner Canisius-Kollegs, erklärt im Interview, wie tief ihn die Missbrauchsvorfälle an seiner Schule erschüttert haben. Welche Konsequenzen das für die Täter haben soll, sagt er nicht: "In Bezug auf die Missbrauchsfälle lehne ich es aber ab, Aussagen über sexuelle Identitäten der Täter zu machen. Für mich ist das Thema nicht die Pädophilie. Mir geht es darum, die Gewalt und den Machtmissbrauch der Täter zu benennen, nachdem ich es von den Opfern gehört habe. Die Opfer stehen im Mittelpunkt meiner Aufmerksamkeit, nicht die Täter."

Außerdem: Tim Caspar Boehme resümiert einen Berliner Vortrag des amerikanische Sci-Fi-Autor Bruce Sterling über Atemporalität.  Christiane Müller-Lobeck berichtet über eine "1. Konferenz zur sozialen Spaltung" in Hamburg. Meike Laaff erzählt, wie auf der Transmediale  sechs Leute um den Künstler und Programmierer Adam Hyde in fünf Tagen ein Buch konzipiert und geschrieben haben. Besprochen wird Young Jean Lees Stück "The Shipment" am Hamburger Thalia Theater.

Auf den vorderen Seiten ist eine Protestnote abgedruckt, in der 140 Intellektuelle Meinungsfreiheit und das Ende der staatlichen Gewalt im Iran fordern. Auf der Medienseite berichtet Marcus Bensmann über die Situation usbekischer Journalisten, die von der Staatsanwaltschaft terrorisiert werden und sich jetzt auch noch von ihrem Präsidenten verhöhnen lassen mussten: "Auf einer Sitzung des vom Präsidenten handverlesenen Senats beklagte Karimow am 27. Januar die 'Zahnlosigkeit' der Medienvertreter in dem zentralasiatischen Land an der afghanischen Grenze".

Dorothea Bär (CSU), Katja Dörner (die Grünen) und Katrin Rönicke (vom Blog "Mädchenmannschaft"), alle Anfang 30, diskutieren über Kindererziehung, Gender-Mainstreaming und Feminismus. Dörner: "Ich mach's mal privat. Meine Freundinnen und ich erleben immer wieder, dass auch von emanzipierten Müttern erzogene Partner und Ehemänner keine Fans sind von Haushaltspflichten. Da wirken alte Rollenbilder nach und wir müssen jeden Tag daran arbeiten."

Und Tom.

Die Welt, 08.02.2010

Wieland Freund kompiliert den Blogeintrag von Deef Pirmasens, der in Helene Hegemanns Sensationserfolg "Axolotl Roadkill" zahlreiche plagiierte Passagen nachgewiesen hat. Seine Moral von der Geschicht: Gute Lektion für das Netz. "Zum Beispiel könnte sie die Sharing-Kultur lehren, dass ein angeblich unzeitgemäßes Urheberrecht nicht den Konzernen, sondern in erster Linie etwas Unbezahlbarem diene: der Gerechtigkeit nämlich."

Ulrich Weinzierl ist begeistert von Andrea Breths "Quai West"-Inszenierung am Wiener Burgtheater: "Lauter kleine großartige, großartige Elendsköniginnen und -könige" hat sie ihm vor Augen geführt.

Weitere Artikel: Tilman Krause feiert Martin Walsers komisch-religiöse Novelle "Mein Jenseits" (die erstaunlicherweise nicht bei Rowohlt, sondern bei der Berlin University Press verlegt wurde). Dankwart Guratzsch besucht in Weimar das wiederhergestellte Van-Der-Velde-Haus, einen wichtigen Bau der frühen Moderne. Marko Martin gratuliert der Lyrikerin Eva Strittmatter zum Achtzigsten. Abgedruckt wird Klaus Harpprechts Dankrede zum Erhalt des Lessingpreises.

Besprochen wird eine große Mapplethorpe-Retrospektive in Düsseldorf.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.02.2010

Felicitas von Lovenberg, die ebenfalls Deef Pirmasens' Blog gelesen hat, spricht mit der jungen Starautorin Helene Hegemann über die Vorwürfe, ein Roman des unbekannten Blogger-Autors Airen sei etwas mehr als nur "Inspiration" für ihren (fast) allseits und gerade auch in der FAS (von Maxim Biller, hier) und FAZ gefeierten Debütroman "Axolotl Roadkill" gewesen. Hegemann verteidigt sich mit dem Hinweis auf eine allgemeine Remix-Kultur in der Generation Internet. "Für sie ist die Aufnahme von Bezügen aus Internetforen, Blogs, Liedtexten und Büchern künstlerisches Programm und kein Zeichen von eigener Ideenlosigkeit. Die Autorin vertritt die Auffassung, dass es keine Originalität mehr gibt, 'nur Echtheit'". Von Lovenberg eiert ein wenig herum, entschuldigt die mit mancherlei Theoriewassern gewaschene Autorin ausgerechnet mit deren "Unbedarftheit" und hofft zuletzt im Ton mütterlicher Ermahnung, dass diese Geschichte "einen Reifeprozess gerade in jenem Bereich einläute(t), wo bisher in Urheberrechtsfragen nur Chaos herrscht - im Internet!" (Die offiziellen Entschuldigungen/Statements von Verlag und Autorin finden sich hier.)

Weitere Artikel: Lena Bopp meint zu Nicolas Sarkozys Vorstoß, die französischen Elitehochschulen per Quote für sozial Schwache und Einwanderer zu öffnen: "Wenn man so will, ist sie das Zuckerbrot, das man den Einwanderern bietet. Die Peitsche gibt es aber auch noch." In der Glosse erklärt Jürgen Kaube, warum die Post ein Amazon-Paket mit Thomas-Bernhard-Stücken nur an ihn persönlich herauszurücken bereit war. In französischen Zeitschriften findet Jürg Altwegg mancherlei Artikel über die Freimaurer. Oliver Jungen informiert darüber, dass bedeutende israelische Akademiker sich gegen vor allem Rainer Stachs Behauptung verwahren, der Max-Brod-Nachlass sei in Israel schlicht nicht adäquat beforschbar. Wolfgang Sandner schreibt kurz zum Tod des Jazzmusikers John Dankwort.

Besprochen werden ein Konzert der Band Midlake (Website) in Köln, Andrea Breths Burgtheater-Inszenierung von Bernard-Marie Koltes' "Quai West", Olivery Pys Inszenierung von Alban Bergs "Lulu" in Genf, eine von Roland Schimmelpfennig zwar übersetzte, aber nicht in ein Stück umgesetzte Version des "White Album" der Beatles, von Florian Fiedler am Frankfurter Schauspielhaus auf die Bühne gebracht, und Bücher, darunter Alan Pauls Roman "Die Vergangenheit" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

In der FAZ am Sonntag wundert sich Claudius Seidl in einem Nachtrag zur Islamdebatte über polemische Reaktionen auf Kritik an Islamkritik und versichert, dass er die Begriffe "Islamophobie" und "Fundamentalismus der Aufklärung" (mehr hier) nicht verwenden würde.

Süddeutsche Zeitung, 08.02.2010

Die SZ übernimmt einen Artikel des britischen Regierungsberaters Charles Leadbeater aus Edge (hier das Original) über Potenziale und Gefahren des Cloud Computings. Das Internet hat zur Demokratisierung beigetragen, aber Leadbeater warnt, dass dies nicht automatisch so bleiben muss: "So schnell sich dieser zivilgesellschaftliche Raum öffnete, so raffiniert gingen autoritäre Regierungen dabei vor, ihn wieder zu schließen. Die Vorstellung, dass autoritäre Regierungen immer so schwerfällig sein werden, dass sie vom blitzschnellen Zulauf im Netz überlistet werden, ist ein Irrtum."

Weitere Artikel: Im Aufmacher erzählt Johan Schloemann, mit welchen Tricks die alten Athener Steuern erfanden und eintrieben. Helmut Mauro erzählt, dass der einst von allen Opernhäusern umworbene vermeintliche Milliardär und Sponsor Alberto Vilar wegen Betrügereien neun Jahre ins Gefängnis muss. Henning Klüver stellt Oscar Niemeyers neue Konzert- und Veranstaltungshalle in Ravello vor. Helmut Böttiger gratuliert der Lyrikerin Eva Strittmatter zum Achtzigsten.

Besprochen werden das neue Album der Achtziger-Jahre-Ikone SadeKoltes' "Quai West"  in der Regie von Andrea Breth am Wiener Burgtheater, neue DVDs und Bücher, darunter Peter Probsts Kriminalroman "Blinde Flecken" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr)



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