Heute in den Feuilletons: Leuchttürme ohne Strahlkraft

Die "FR" stellt düstere Prognosen für das Ruhrgebiet auf. In der "FAZ" fordert der CDU-Politiker Jens Spahn ein freiwilliges soziales Jahr für Rentner - und die "taz" sehnt sich nach analoger Schwärze.

Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung, 14.03.2012

Ein düsteres Bild von der Lage der Kultur im Ruhrgebiet zeichnet Michael Kohler. Allenthalben müssen Museen geschlossen werden: "Bislang sind vor allem die kleineren Häuser ins Visier der Kämmerer geraten; in Hagen regte zuletzt den möglichen Verkauf eines zum denkmalgeschützten Hohenhof gehörenden Gemäldes, Ferdinand Hodlers 'Der Auserwählte', die Fantasien an. Doch selbst mit seinen Leuchttürmen wird das Ruhrgebiet nicht glücklich. So nannte Dortmunds Bürgermeister Manfred Sauer den sanierten U-Turm im vergangenen Dezember ein 'schlimmes Danaergeschenk', da sich die Betriebskosen des Kulturzentrums statt wie geplant auf 3,8 Millionen auf rund zehn Millionen Euro pro Jahr summieren."

Anne Burgmer besucht in Stockholm den Nobelpreisträger Tomas Tranströmer, der seit einem Schlaganfall halbseitig gelähmt ist: "An der Wohnungstür heißt es erst einmal: Schuhe ausziehen! Das ist bei einem Literaturnobelpreisträger auch nicht anders als bei jedem anderen Schweden."

Außerdem: Jens Balzer unterhält sich mit dem Musiker Der Graf. Besprochen werden Mark Wahlbergs Thriller "Contraband" und ein Gastspiel des New York City Ballet in Baden-Baden.

Die Welt, 14.03.2012

Im Forum möchte Bernard-Henri Levy in Afghanistan noch nicht alle Hoffnung fahren lassen und setzt auf die winzige demokratische Opposition: "Sie wird auch verkörpert von einem Mann namens Abdullah Abdullah. Dem ehemaligen Leutnant von Kommandant Massoud gelang es, bei den Wahlen von 2009, obwohl sie so heftig gefälscht wurden, mehr als 30 Prozent der Stimmen auf sich zu vereinen. Wir sollten uns klarmachen: Auch wenn das Tragische eines der Gesetze der Geschichte ist, so muss es doch nicht notwendigerweise das letzte Wort haben. Manchmal kommt es vor, dass es mit Mut, allein mit Mut (oder anders gesagt: mit Vorstellungskraft) gelingt, den Schraubstock zu lösen."

Im Feuilleton empfiehlt Eckhard Fuhr Martin Gerners Dokumentarfilm über Afghanistan und die junge "Generation Kunduz": "Wie der junge Filmemacher zum Beispiel in den staubigen Straßen an seinem Bollywood-Traum arbeitet und dabei immer perfekt frisiert ist, das ist schon bewundernswert. Die Uraufführung des Liebesdramas in einem improvisierten Kino mit einem großen weißen Laken als Leinwand wird begleitet von mahnenden Reden, die islamische Identität Afghanistans zu achten und es mit dem Streben nach individuellem Liebesglück nicht zu übertreiben. Der Filmemacher sitzt still in der Ecke. Er macht nicht den Eindruck, dass er nun am Ziel seiner Wünsche sei."

Weiteres: Jan Küveler verreißt Jens Sparschuhs neuen Roman "Im Kasten". Alan Posener kritisiert Joachim Gaucks Vorwort zu Walter Kempowskis wieder aufgelegtem Band "Haben Sie davon gewusst?". Der Rest ist Fernsehen: Lucas Wiegelmann referiert die Vorstellung von Hans Küngs Jesus-Biografie bei Gottschalk ("Auch Küng ist unterhaltsam. Er nennt Gottschalk 'meinen Freund' und lobt ihn dafür, dass er seiner Ehefrau noch treu ist") Ekkehard Kern fragt sich, ob die ARD neben Einsplus wirklich einen zweiten Jugendkanal braucht. Ernst Elitz skizziert fürsorglich die Aufgaben des neuen ZDF-Intendanten Thomas Bellut.

Aus den Blogs, 14.03.2012

Margaret Atwood erzählt im Blog der NYRB von einer Twitter-Unterhaltung mit einem rotierenden Schädel (@rotatingskull): "Then I hesitated. Wait a minute, I thought. You're losing all perspective. You're talking with a skull. You have no idea who this is. Would you let a skull pick you up at a bus stop?"

Im selben Blog stellt Tim Parks folgende Frage: "Is a good book by definition one that we did finish? Or are there occasions when we might choose to leave off a book before the end, or even only half way through, and nevertheless feel that it was good, even excellent, that we were glad we read what we read, but don't feel the need to finish it? I ask the question because this is happening to me more and more often."

Weitere Medien, 14.03.2012

(Via BoingBoing) Wer diesen Tanz lernt, kriegt garantiert nie einen Hexenschuss:



Die Encyclopaedia Britannica stellt ihr Erscheinen in Buchform ein, meldet Julie Bosman im Media Decoder der New York Times: "Those coolly authoritative, gold-lettered reference books that were once sold door-to-door by a fleet of traveling salesmen and displayed as proud fixtures in American homes will be discontinued, company executives said. In an acknowledgment of the realities of the digital age - and of competition from the Web site Wikipedia - Encyclopaedia Britannica will focus primarily on its online encyclopedias and educational curriculum for schools." Mehr dazu auch in der Huffington Post.

Die Tageszeitung, 14.03.2012

In Bela Tarrs Film "Das Turiner Pferd" hat Andreas Busche nicht nur das Ende der Welt erlebt, sondern auch das Ende der analogen Schwärze: "Diese prächtigen Schwärzen mit ihrer Tiefenwirkung, denen Tarr mit jedem seiner Filme ein Denkmal gesetzt hat, sind untrennbar mit dem analogen Kino verbunden, sie werden bald verschwunden sein. Das digitale Schwarz ist flach, tot. Für Tarr stirbt damit eine Autorentradition, für die er wie kein anderer europäischer Filmemacher mit seinem Namen einstand."

Weiteres: Micha Brumlik würdigt die beiden Historiker Ian Kershaw und Timothy Snyder, die heute Abend zum Auftakt der Leipziger Buchmesse den Preis für Europäische Verständigung bekommen: Beide haben es geschafft, "das historische Selbstverständnis der Deutschen im Allgemeinen und der Linken im Speziellen aufzurütteln". Annette Walter besucht die Ausstellung, die das Literaturhaus München Kabarettisten Gerhard Polt zum 70. Geburtstag widmet.

Und Tom.

Neue Zürcher Zeitung, 14.03.2012

Wei Zhang beschreibt, wie sich Chinas Verhältnis zu Korea in den letzten Jahren verändert hat. Seit einiger Zeit spielt die moderne Lebensweise der Südkoreaner eine größere Rolle für den kulturellen Austausch als die ideologischen Gemeinsamkeiten mit dem Norden: "Seit 2000 schwappt eine Welle südkoreanischer Populärkultur über China: von Fernsehserien und Pop-Musik über das Essen und die Sprache bis hin zu Computerspielen und Kleidermode. Dadurch wurde Chinas während vierzig Jahren an Nordkorea orientierte Kenntnis der koreanischen Kultur revolutioniert. Unweigerlich entschieden sich die Chinesen für die Kultur des interessanteren, fortschrittlicheren Südkorea." Und der Einfluss Südkoreas wächst, schreibt Zhang: Inzwischen ist Koreanisch als Fremdsprache an den Universitäten sogar beliebter als Englisch.

Weiter Artikel: Roman Hollenstein begeistert sich für den architektonischen Aufbruch in der Innsbrucker Innenstadt, den Architekten wie Hanno Schlögl und Daniel Süss eingeläutet haben. Martin Zingg drückt dem Alexander-Verlag die Daumen bei dem Versuch, den flämischen Schriftsteller Louis Paul Boon mit einigen Neuübersetzungen endlich einem deutschsprachigen Publikum nahe zu bringen.

Besprochen werden Lukas Hartmanns historischer Roman "Räuberleben", Heike Talkenbergers Buch über Kriminalität in neunzehnten Jahrhundert sowie zwei neu übersetzte Romane von Sherwood Anderson (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)

Süddeutsche Zeitung, 14.03.2012

Amin Farzanefar hat das von propagandistischen Rahmenveranstaltungen flankierte Filmfestival Fajr in Teheran besucht, bei dem es einige Perlen des neuen iranischen Kinos zu sehen gab, obwohl die kritischen Regisseure des Landes das Festival derzeit boykottieren. Das junge Publikum dürstet jedenfalls nach Input: "Die Jugendlichen warten in Scharen vor den Kinos; bei aller Schwärmerei für Hollywood wollen sie iranische Filme sehen. In ausverkauften Vorführungen wird jede leise kritische Anspielung kommentiert, mit tosendem Applaus bedacht. Das iranische Publikum wartet auf Neues. Und Warten ist man hier gewohnt."

Weitere Artikel: Henning Klüver berichtet, dass Italiens Intellektuelle, die sich in der Vereinigung "Libertà e Giustizia" gesammelt haben, zur Wiederbelebung des politischen Lebens "ein neues Wahlgesetz, feste demokratische Regeln für das Innenleben der Parteien und eine transparente Parteienfinanzierung" fordern. Ira Mazzoni referiert eine Dortmunder Tagung über die gesellschaftliche Verantwortung von Denkmalpflege. Franziska Augstein und Jens Bisky porträtieren die Historiker Ian Kershaw und Timothy Snyder, die sich auf der kommenden Leipziger Buchmesse den Buchpreis zur Europäischen Verständigung teilen.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Bildern von Albert Oehlen im Kunstmuseum Bonn, die neue medienhistorische Dauerausstellung des Deutschen Buch- und Schriftmuseums in Leipzig und Davide Longos Zukunftsroman "Der aufrechte Mann" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.03.2012

Es wird zu wenig über das Altern der Gesellschaft diskutiert, findert der CDU-Politiker Jens Spahn, Jahrgang 1980: "Der finanzielle Aspekt ist übrigens nur die eine Seite der Medaille. Die andere, viel wichtigere ist die Frage der Mitmenschlichkeit. Wem keine Familie zur Seite stehen kann, der braucht verlässliche Strukturen im Freundeskreis und in der Nachbarschaft. Wie können wir diese organisieren? Ein Freiwilliger Sozialer Dienst von Senioren scheint mir hier eine spannende Option. Diese Debatte gehört deshalb auf den Tisch und nicht unter den Teppich. Aber wer hebt sie dahin?"

Weitere Artikel: Dirk Schümer berichtet von Gerüchten über ein hinter einer Mauer in Florenz verstecktes Schlachtengemälde Leonardos (mehr dazu im Tagesspiegel ). Marcus Jauer schreibt über die schwierige Trennung zwischen Privatperson und offizieller Funktion bei Politikern. Maximilian Weingartner berichtet, dass die Stelen des Holocaustmahnmals in Berlin anfangen zu zerbröseln (mehr dazu im Tagesspiegel ). Dirk Schümer bringt neue Erkenntnisse über den Tod des Verlegers Giangiacomo Feltrinelli, der im Jahr 1972 möglicherweise doch ermordet wurde. Auf der Medienseite empfiehlt Swantje Karich ein Porträt über Nicolas Berggruen, das heute Abend auf Arte läuft.

Auf den Wissenschaftenseiten berichtet Heinrich Hemme über den von Mathematikern erbrachten Beweis, dass ein Sudoku mindestens 17 vorgegebene Zahlen haben muss, um eindeutig lösbar zu ein: Hier 50.000 Sudokus mit 17 vorgegebenen Zahlen. Alexander Grau berichtet von einer Münchner Tagung über geisteswissenschaftliche Blogs (Programm).

Besprochen werden die "Walküre" unter Kent Nagano in München (die Christian Wildhagen als ein bisschen zahm schildert), neue DVDs, unter anderem ein Dokumentarfilm über den gerade verstorbenen Moebius, und Bücher, darunter Bei Lings "Ausgewiesen - Über China" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

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