Heute in den Feuilletons "Mach's kurz, Mutti!"

Claus Peymanns Inszenierung von Shakespeares Richard III. stößt auf wenig Begeisterung: "lauwarmes Fußbad-Theater". In der "taz" erzählt der deutschtürkische Journalist Deniz Yücel, warum die Türken bis heute von Solingen und Mölln traumatisiert sind.


Die Tageszeitung, 11.02.2008

In tazzwei erzählt Deniz Yücel, warum Solingen und Mölln für die jüngere deutsch-türkische Generation ein Trauma bedeuten - unter anderem wegen eines bis heute unvergessenen grandiosen Scheiterns der Politik: "Helmut Kohl weigerte sich, die Überlebenden von Mölln zu besuchen. Nach dem Anschlag von Solingen schickte er ein Beileidstelegramm an den türkischen Staatspräsidenten und ließ sich folgerichtig auf der Trauerfeier in Köln von seinem Außenminister Klaus Kinkel vertreten, der dort auf die Kommastelle vorrechnete, wie viele Steuern und Abgaben die hiesigen Türken leisteten. Es war als Argument gemeint, sie nicht totzuschlagen."

Im Kulturteil verkündet Daniel Schreiber, dass das Goethe-Institut in New York einen neuen Galerieraum im kommenden Szeneviertel Lower East Side eröffnet hat. Eine Besprechung widmet sich der Retrospektive mit den New York-Bildern der Fotografin Helen Levitt im Sprengel-Museum Hannover.

Ansonsten herrscht die Berlinale: Ute Hermanns rekapituliert die brasilianische Diskussion über "Tropa de Elite", zu dessen Kinostart im Oktober 2007 sinnigerweise 58 Polizisten von Rio de Janiero wegen Korruption verhaftet wurden. Wolfgang Boors unterhält sich mit dem kanadischen Filmemacher Guy Maddin über dessen ersten Dokumentarfilm "My Winnipeg". Thema sind weiter Natalie Assoulines Dokumentarfilm "Shahida - Die Bräute Allahs" sowie drei Filme zur Vergangenheitsbewältigung in Korea, Singapur und Japan.

Und Tom.

Neue Zürcher Zeitung, 11.02.2008

Joachim Güntner sorgt sich um Geburtshaus und Grab Friedrich Nietzsches, die durch den Braunkohletagebau in Ostdeutschland bedroht sind. Klaus Bartels liefert eine etymologische Abhandlung des Wortes Asyl. Marc Zitzmann stellt den 17-Jahres-Plan zur Entwicklung des Schlosses und des Parks von Versailles vor. Hans Bernhard Schmid berichtet über den Kongress "ScienceFutures" in Zürich. Peter Hagmann gratuliert der Sopranistin Edith Mathis zum Siebzigsten.

Besprochen werden die Ausstellung "Joy of Photography" des polnischen Künstlers Piotr Uklanski in Straßburg und die Uraufführung von Gerard Zinsstags Oper "Gilgamesh" in Zürich.

Die Welt, 11.02.2008

"Einschläferndes, lauwarmes Fußbad-Theater" tituliert Matthias Heine Claus Peymanns Inszenierung von Richard III. am Berliner Ensemble: "Sein wichtigstes Regie-Mittel ist der Kalauer." In der Randspalte verteidigt Heine Peymann zwar gegen das "Komitee gegen deutsche Kultur im Iran und anderswo", hält das geplante Gastspiel mit der "Mutter Courage" in Teheran aber auch nicht gerade für eine Heldentat. Wieland Freund stellt Robert Littell vor, den Thriller-Autor und Vater des "Wohlgesinnten"-Autors Jonathan Littell. Almut Lüder unterhält sich mit dem SPD-Innenpolitiker Dieter Wiefelspütz über dessen Leidenschaft für Thomas Mann. Andre Mielke freut sich auf die heute Abend laufende ZDF-Produktion "Eine Stadt wird erpresst".

Zur Berlinale porträtiert Manuel Brug den indischen Megastar Shah Rukh Khan. Besprochen werden Isabel Coixets Philip-Roth-Verfilmung "Elegy", Erick Zoncas Wettbewerbsfilm "Julia" und die Dokumentation über Patti Smith.

Auf der Forumsseite schildert der Evolutionsbiologe Josef Reichholf überwältigt, wie er vor der mexikanischen Pazifikküste Grauwalen begegnete. Und in einem Gastbeitrag konstatiert Faruk Sen, Direktor der Stiftung Zentrum für Türkeistudien, dass die hysterischen Berichte türkischer Medien zur Ludwigshafener Brandkatastrophe unberechtigt seien, nicht aber die Ängste der Bevölkerung.

Perlentaucher, 11.02.2008

Nächste Woche erscheint Götz Alys neues Buch "Unser Kampf" über 1968, vor allem aber auch über die 68er und die 33er, das schon im Vorfeld für Diskussionen sorgt. Der Perlentaucher bringt in dieser Woche einen Vorabdruck in viert Teilen. Heute: Statt sich wirklich mit den Geschehnissen in China auseinaderzusetzen, bedienten sich die Kursbuch-Herausgeber lieber der Argumentationshilfe alter Nazis, um Maos Kulturrevolution zu feiern. Lesen Sie hier.

Frankfurter Rundschau, 11.02.2008

Daniel Kotheschulte preist in seinem Berlinale-Zwischenbericht das Forum und dessen Leiter Christoph Terhechte als letzte verbliebene Bastion des Avantgarde-Kinos. Hans Jürgen-Linke bezeugt in einer Times mager seine Faszination für universale Vorgänge.

Besprochen werden Claus Peymanns "doch sehr ins Konventionelle" geratende Inszenierung von Shakespeares "Richard III." am Berliner Ensemble und eine Schau zum Stauferkönig Friedrich II. im Landesmuseum für Natur und Mensch in Oldenburg,

Aus den Blogs, 11.02.2008

Im Umblätterer gibt's neuerdings einen Spiegeltaucher, in dem das neueste Heft schon mal "vorgelesen" wird.

Der Tagesspiegel, 11.02.2008

Der Publizist Zafer Senocak beklagt die anhaltende Sprachlosigkeit zwischen Deutschen und Türken: "Wer glaubt, der Hausbrand in Ludwigshafen sei die alleinige Ursache für die gegenwärtigen deutsch-türkischen Spannungen, der irrt. Der Streit um die Moscheebauten, der Fall Marco, die endlosen Debatten um Integration, Zwangsehen und Ehrenmorde: In den letzen Jahren hat man in Deutschland eine stigmatisierte Minderheit geschaffen - die Türken. Und eine deutsche Mehrheit, die sich über eine Distanzierung gegenüber dieser Minderheit definiert.

Süddeutsche Zeitung, 11.02.2008

Claus Peymans "Richard III." am Berliner Ensemble hat etwas von einer Abdankung, meint Lothar Müller. Mit anderen Worten: Claus, es ist Zeit, zurückzutreten. "Dieses Drama bleibt bei Peymann Andeutung, Ornament. Auch deshalb, weil er der 'Richard'-Übersetzung von Thomas Brasch, die 1987 mit Gert Voss ihre Premiere hatte, ein Element beimischt, das Brasch peinlich vermieden hatte; das Flapsige, Lässige. 'Mach's kurz, Mutti, ich hab's eilig' - davon erholt sich Ernst Stötzners Richard nicht mehr."

Weiteres: Chris Dercon, Direktor des Münchner Hauses der Kunst, plaudert in einem auf den Weg in die Mongolei geschriebenen Artikel über den heißen Kunstbetrieb in China ("warum nur finden sich gerade jetzt so viele Sarkozy-Porträts an den Staffeleien der Ateliers, die ich besuchte? Das Öl war oft noch nicht mal getrocknet"), die Olympischen Spiele, Ai Weiwei und seine Kuratorenkumpel. Jens Bisky stößt sich bei dem ersten Bachelor-Lehrbuch für Germanistik an der "gremienfesten" Sprache und vermisst die Frage nach Ziel des ganzen Unternehmens. Helmut Maura unterhält sich mit dem Pianisten Pierre-Laurent Aimard über die "Kunst der Fuge", an der sich Aimard heute abend im Münchner Herkulessaal probiert. Jens Malte Fischer überreicht der Sopranistin Edith Mathis Glückwünsche zum Siebzigsten.

In der Berlinale-Kolumne vergibt Willi Winkler die SZ-Partykrone an die Finnen. Tobias Kniebe verleiht Doris Dörrie für ihre "Kirschblüten", die heute im Wettbewerb laufen, den Schwarzen Gürtel der Filmgilde und positioniert sie im "Stadium der Meisterschaft".

Besprochen werden Jonathan Meeses eineinhalbstündiger Monolog bei den Berliner Lektionen und Bücher, darunter Callie Angells Catalogue Raisonne der Filme von Andy Warhol sowie Ferdinand Bordewijks Roman "Charakter" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.02.2008

Patrick Bahners wendet sich im Aufmacher des Feuilletons gegen den Kandidaten der SPD für das Amt des Vizepräsidenten des Bundesverfassungsgerichts, Horst Dreier, weil dieser in einem Gesetzeskommentar Folter in Extremsituationen gerechtfertigt habe. In der Leitglosse polemisiert Christian Geyer gegen "Wirtschaftsführer", die eine Verkürzung der Schulzeit in Deutschland empfehlen. Mechthild Küpper verfolgte ein Symposion der PDS, in dem die Partei ihr Verhältnis zur Religion klären wollte. Joseph Croitoru legt ein kurzes Porträt des hohen israelischen Polizeifunktionärs Nazim Sabiti vor, eines Angehörigen der schiitischen Sekte der Drusen, der in israelischen Gefängnissen sowohl israelische als auch arabische Gefangene mit der Geschichte des Holocaust vertraut machen will. Gina Thomas wundert sich über das Oberhaupt der anglikanischen Kirche, Rowan Williams, der gerne Elemente der Scharia ins britische Rechtssystem einführen möchte (hier seine Rede). Jürgen Kesting gratuliert der Sopranistin Edith Mathis zum Siebzigsten.

Auf der Medienseite porträtiert Michael Hanfeld den Zeitschriftenverleger Richard Desmond, der sein Klatschblatt OK! nun auch in Deutschland herausbringt. Auf der Berlinale-Seite geht's unter anderem um Isabel Coixets Philip-Roth-Verfilmung "Elegy", die Andreas Kilb nicht wirklich überzeugen konnte. Für die letzten Seite sammelt Kerstin Holm Impressionen aus dem Moskauer Freibad Tschaika am Gorki-Park, das selbstverständlich auch im Winter geöffnet bleibt. Alexander Cammann stellt den französischen Soziologen Jean-Claude Kaufmann vor, der in Berlin las. Und Hubert Spiegel fragt, was Peter Handke in einem Brief an die FAZ am Sonntag über Suhrkamp wirklich schrieb, und was er wirklich zurückzog.

Besprochen werden Claus Peymanns Inszenierung von Shakepeares "Richard III."(Gerhard Stadelmaier konstatiert: "Der Regisseur findet den Henker ganz niedlich"), eine Ausstellung über den mittelalterlichen Kaiser Friedrich II. in Oldenburg, ein Auftritt Patti Smith' in Berlin, eine Ausstellung über neue Schweizer Architektur in Basel und Sachbücher, darunter ein Band von Georges Didi-Huberman über Auschwitz-Fotos (mehr hier).



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