Heute in den Feuilletons: "Ohne gegenwartsdiagnostischen Sex-Appeal"

In der "Zeit" widmet sich unter anderem Daniel Kehlmann ausführlich der Kontroverse um Christian Kracht. In der "FR" erklärt die Londoner Rapperin Speech Debelle, welche Musik sie wirklich gerne hört. Die "Welt" erläutert, warum Anna Netrebko, Valery Gergiev und andere Künstler für Putin sind.

Die Welt, 23.02.2012

Anna Netrebko und Valery Gergiev sind nur zwei Beispiele. Russische Künstler sehen sich durchaus unter Druck, Wladimir Putin zu unterstützen, schreibt Julia Smirnova, und erklärt wie's funktioniert. "Das Verhältnis der Künstler und der Machthaber in Russland gleicht den Regeln am Hof eines Monarchen. Der Staat unterstützt kulturelle Projekte, doch nimmt er sich das Recht heraus, die Künstler beizeiten an ihren Teil der Abmachung zu erinnern und eine Gegenleistung zu erbringen. Treue und Dankbarkeit werden belohnt, Unabhängigkeit dagegen bestraft."

Weitere Artikel: Ekkehard Kern berichtet über Streit zwischen ARD-Talkshows um "Sendungsmobiliar" wie Heiner Geißler und andere Yodas. Lucas Wiegelmann berichtet, dass beim Leipziger Festival der Gothics im nächsten Jahr auch Wagners "Parsifal" aufgeführt wird "Aufführungsort soll das Völkerschlachtdenkmal sein." Josef Engels unterhält sich mit dem jungen Jazzpianisten Michael Wollny über die Frage, ob Jazz übehaupt noch lebt. Robert Quitta berichtet über ein Theaterfestival in Teheran.

Im politischen Teil wirbt Bernard-Henri Lévy für Angelina Jolies Film, "In the Land of Blood and Honey".

Besprochen werden Filme, darunter Doris Dörries Komödie "Glück" und Steve McQueens Studie über einen Sexsüchtigen "Shame".

Der Freitag, 23.02.2012

Wenn wir in einer Wissensgesellschaft leben und nur noch Bildung zählt, wie kommt es dann, dass so viele Geisteswissenschaftler in prekären Arbeitsverhältnissen stehen, überlegt Andrea Roedig: "An den Universitäten beispielsweise sind Forschungs- und Lehrstellen immer befristet ausgeschrieben, während es unbefristete Positionen in den neuen Arbeitsbereichen wie 'Qualitätsmanagement' und Forschungsförderungsberatung gibt. Was geschieht da? Nicht Inhalte werden bezahlt, sondern die Verwaltung von Inhalten, nicht Wissen, sondern Wissensmanagement."

Weitere Artikel: Mikael Krogerus unterhält sich mit dem Onkologen Siddhartha Mukherjee, der gerade eine Biografie des Krebs geschrieben hat, über die Krankheit, an der fast jeder zweite Mensch einmal erkrankt. Matthias Dell wendet den Freiheitsbegriff von Joachim Gauck hin und her und tut ihn schließlich als bloßes "Label" ab. Jochen Schmidt stellt Marion Braschs Autobiografie "Ab jetzt ist Ruhe" vor.

Die Tageszeitung, 23.02.2012

Cristina Nord berichtet über die Schau "You Killed Me First" im Berliner KW Institute for Contemporary Art, das aus der Distanz von 30 Jahren auf das "Cinema of Transgression" zurückblickt und ziemlich blutrünstige Undergroundfilme aus dem New York der achtziger Jahre zeigt. "Sex, Blut, offene Wunden, entstellte Körper, sinnlose Gewalt, Blasphemie und Leichenschändung: Damit sind wesentliche Elemente des 'Cinema of Transgression' benannt ... Im Mittelpunkt steht ein radikales Aufbegehren: gegen den guten Geschmack und den saturierten Kunstbetrieb, gegen ein Avantgardekino, das es sich im Strukturalismus bequem gemacht hat."

Besprochen werden Viktor Kossakovskys Naturdokumentation "Vivan las Antipodas", die vom Baikalsee über Patagonien und Neuseeland nach Botswana führt, Jason Reitmans Film "Young Adult", in dem Charlize Theron eine abgehalfterte ehemalige Highschool-Queen spielt, sowie die DVD von John McTiernans Film "Rollerball" von 2002, ein "schwer missratenes Remake", zugleich aber "eines der wenigen bleibenden Werke der weithin verspießerten Hollywood-nuller-Jahre", und der vom Verein metroZones herausgegebene Sammelband "Urban Prayers" über religiöse Bewegungen in den Städten Afrikas, Asiens und Lateinamerikas (mehr hier).

Und Deniz Yücel antwortet ausführlich auf Sascha Lobo, der ihm vorgeworfen hatte, Zitate von Joachim Gauck zu verkürzen.

Und Tom.

Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung, 23.02.2012

Jens Balzer unterhält sich mit der Rapperin Speech Debelle über die Londoner Riots, ihr neues Album "Freedom of Speech", über schwarze Musik und die weißen Rock-Gitarren: "Oh ja, Mann, das war immer mein Traum! Riiiichtig schwere Rock-Gitarren! Und fette Drums! Ich wollte immer, dass meine Musik wie 'Once In A Lifetime' von den Talking Heads klingt!"

Weiteres: Wolfgang Behrens erinnert an Einar Schleef. Besprochen werden die Komödie "Young Adult" mit Charlize Theron, Doris Dörries neuer Film "Glück", Scarlattis "Griselda" in Kassel, und Marion Braschs Familiengeschichte "Ab jetzt ist Ruhe" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Neue Zürcher Zeitung, 23.02.2012

Anlässlich des Filmstarts der "Eisernen Lady" dekliniert Marisa Buovolo die Darstellung mächtiger Frauen im Kino durch. Jörg Becker bilanziert das Forum der Berlinale. Achim Engelberg reist durch das nun endlich auch aufstrebende Südostanatolien: "Immerhin gehörte die Region, ehe sie in den Schatten der Weltgeschichte geriet, zum früh besiedelten fruchtbaren Halbmond."

Besprochen werden eine Ausstellung zu Pierre Bonnard in der Fondation Beyeler in Riehen und Jaume Cabrés Roman "Das Schweigen des Sammlers" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Aus den Blogs, 23.02.2012

Ist jemand, der von einem Ereignis live Tweets sendet ein Journalist?, fragt Mathew Ingram in Gigaom in einem Artikel zur Frage, ob Aggregation Journalismus ist: "Some mainstream journalists would answer no to ... those questions, but by doing so they miss the larger point, which is that in both cases, information is provided that increases our knowledge about an important topic. Isn't that a pretty good definition of journalism."

Süddeutsche Zeitung, 23.02.2012

Acta selbst ist noch recht harmlos, schreibt Heribert Prantl, der dennoch hofft, dass der Europäische Gerichtshof die Acta-Bestimmungen verwirft. Denn das Abkommen ist nur die Lokomotive für kommende Gefahrengüter: "Noch sehr viel bemerkenswerter ist, was noch so alles in Vorbereitung ist: Hinter Acta lauert Ipred (Intellectual Property Rights Enforcement Directive), die EU-Richtlinie zur Durchsetzung der Rechte an immateriellen Gütern. Darin sollen die stumpfen Formulierungen des Acta-Abkommens scharf geschliffen werden. Dort wird wahr, was die Netzgemeinde fürchtet."

Weitere Artikel: Recht zufrieden inspiziert Georg Imdahl den frisch eröffneten, unterirdischen Ausbau des Museums Städel in Frankfurt, wo fortan zeitgenössische Kunst zu sehen sein wird. Jörg Häntzschel skizziert knapp, welche Herausforderungen auf Lonnie Bunch, den Direktor des National Museum of African American History and Culture, das 2015 eröffnen soll, zukommen. Martin Mosebach lobt seitenfüllend die Ästhetik der Lourdes-Madonna, deren anonymer Schöpfer "dieselbe formstiftende Genialität wie der Zeichner der Mickey Mouse und der Entwerfer des Coca-Cola-Schriftzuges" besaß. Jens-Christian Rabe ist sich sicher, dass sich Frank Zappa sehr über den außergewöhnlichen Erfolg der britischen Sängerin Adele gefreut hätte.

Besprochen werden Angelina Jolies Regiedebüt "In the Land of Blood and Honey", der Thriller "Safe House" mit Denzel Washington, der offenbar recht mittelmäßige Holocaustfilm "In Darkness", das Drama "Sergej in der Urne", sowie Jens Sparschuhs Roman "Im Kasten" und George Steiners Buchessay "Gedanken dichten" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Die Zeit, 23.02.2012

Auf zwei Seiten ist Christian Krachts Roman "Imperium" Thema. Iris Radisch gibt den Autoren des Offenen Briefs nur halb Recht, wenn sie Figurenrede und Freiheit der Kunst ins Feld führen: "Sie sind kein ästhetischer Schutzwall, hinter den kein Kritiker mehr einen Blick werfen darf, ohne Angst vor Beschwerden bei seinen Vorgesetzten haben zu müssen. Wenn Literaturkritik so wäre, wie die Absender des Protestbriefes sie sich wünschen - peinlich darauf bedacht, keinen Seitenblick auf die wirkliche Welt hinter den Buchseiten zu wagen-, wäre sie zahnlos, langweilig und ihnen jeden gegenwartsdiagnostischen Sex-Appeal."

In den Augen von Thomas Assheuer "kannibalisiert" sich die Ironie bei Kracht selbst. Thomas E. Schmidt erkennt beim Lesen von Krachts Briefwechsel mit David Woodard "Five Years", dass alles Parodie, aber nicht komisch sein soll. Daniel Kehlmann bekundet im Interview, dass ihm der Roman "sehr gut gefällt".

Hanno Rauterberg feiert das "Wunder von Frankfurt", wo sich die Bürger mit der Erweiterung ihres Städel-Museums eine neue Kunsthalle "mit lauter neuen Kunstwerken" leisten, wo andernorts die "graue Sparwut" nicht einmal einen neuen Seifenspender erlaubt. Die Schuld an Frankfurts Glück gibt Rauterberg Museumsdirektor Max Hollein: "Einer erzählt, er habe einmal 50 Euro gespendet, aus reiner Dankbarkeit, weil seine Tochter eingeschult wurde - und Hollein habe prompt geantwortet, persönlich, mit einem handgeschriebenen Brief."

Weiteres: Mit Joachim Gauck bald in Schloss Bellevue und Angela Merkel seit sieben Jahren im Kanzleramt sieht Alexander Cammann die Ossies nicht mehr in der Opferrolle. Die utopische Luft ist dünn geworden in Europa, konstatiert Thomas E. Schmidt und plädiert für einen Abschied von der Konvergenztheorie. Katja Nicodemus resümiert beglückt die Berlinale, wo sie die "wirklich wahre Wirklichkeit des Films" erlebt hat. Dass sich Hollywood vor seiner eigenen aktuellen Produktionen in Nostalgie flüchtet, kann sie in einem anderen Text aber auch verstehen. Peter Kümmel schreibt den nachruf auf Regisseur Thomas Langhoff.

Besprochen werden unter anderem Javier Marias' neuer Roman "Die sterblich Verliebten" und Joan Didions Elegie "Blaue Stunden" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.02.2012

Christoph Lauer von der Piratenpartei hat ADHS. Mit 27 Jahren! Doch, das gibt es, schreibt er, und es ist in Ordnung, Medikamente dagegen zu nehmen (mehr in Lauers Blog). Die Steuerzahler retten die Banken, nicht Griechenland, dem man die Chance geben sollte, sich vom Klientelismus zum Wohlfahrtsstaat zu entwickeln, meint Waltraud Schelkle von der London School of Economics. Auf der Kinoseite denkt Bert Rebhandl über die Folgen des "Oberhausener Manifests" nach. Und Hans Hütt macht auf einen übersehenen Berlinale-Schwerpunkt aufmerksam: Filme über junge und alte Nazis in Europa.

Besprochen werden die Ausstellung "Dig, Dag und Digedag - DDR-Comic 'Mosaik'" im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig, eine Claes-Oldenburg-Ausstellung im Wiener Museum Moderner Kunst und Bücher, darunter Fritz Breithaupts "Kultur der Ausrede" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

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