Heute in den Feuilletons Päpste als "unwürdige Hirten"

Die "taz" und die "NZZ" konstatieren, dass 25 Jahre nach der Gründung der Solidarnosc in Polen die Solidarität abhanden kam. Die "SZ" kommt nochmal auf die so fruchtbare wie furchtbare Zusammenarbeit zwischen Andrea Breth und Christian Boltanski bei der Ruhrtriennale zurück.


Neue Zürcher Zeitung, 29.08.2005

Vor 25 Jahren wurde die Solidarnosc gegründet, Reinhold Vetters Blick auf die Feierlichkeiten ist ein wenig getrübt: "Polnische Soziologen gehen davon aus, dass die Ziele und Werte, für die Lech Walesa und seine Gewerkschaftskollegen damals gekämpft haben, im heutigen gesellschaftlichen Leben kaum Bedeutung haben. Vorherrschend, meint Pawel Spiewak, seien gesellschaftliche Zersplitterung, Egoismus, extremes Karrieredenken, Abscheu vor der Politik und mangelndes bürgerliches Engagement. Viele Polen fühlten sich fremd im eigenen Land, Emigration habe wieder zugenommen. Der Politikwissenschafter Marcin Krol fasst die Situation mit der Bemerkung zusammen, Polens Tragödie bestehe nicht darin, dass die Politik dilettantisch sei, die Wirtschaft nicht sehr gut funktioniere und Autobahnen fehlten, vielmehr darin, dass gesellschaftliche Solidarität völlig abhanden gekommen sei."

Weiteres: Hannelore Schlaffer warnt vor einem unreflektierten Genuss von Frauenzeitschriften: "Das uneingestandene Erziehungsziel der Modezeitschriften ist eben das gestörte Selbstbewusstsein, der weibliche Masochismus". Jürg Huber hat auf dem Luzern Festival das Cleveland Orchestra mit Franz Welser-Möst gehört. Samuel Herzog verabschiedet den verstorbenen Schweizer "Philosophen-Künstler" Remy Zaugg. Paul Jandl schreibt einen Nachruf auf den österreichischen Schriftsteller Wolfgang Bauer.

Die Tageszeitung, 29.08.2005

Gabriele Goettle taucht in die Abgründe der Arbeitsagenturen ein. Eine Arbeitsvermittlerin hat 958 Zeilen lang Zeit, sich den Frust von der Seele zu reden. "Nein, ich mache nicht zahllose, ich mache vor allem eine grundsätzliche, hässliche Erfahrung, und das ist die der Würdelosigkeit. Die ist quasi schon per Gesetz so angelegt und zusätzlich wird sie dann noch durch schlecht qualifizierte Kollegen verschärft. Dem Arbeitslosen ist seine Würde aberkannt worden … das schlägt natürlich auch auf uns zurück, ich habe eine richtige Wut im Bauch!"

"Es waren Arbeiter, die 1980 mit der Solidarnosc den Polen erst Freiheit, dann den Neoliberalismus brachten", kommentiert der Warschauer Soziologe und Journalist Slawomir Sierakowski im Meinungsteil das Ergebnis der Danziger Proteste vor 25 Jahren. "Im Kommunismus kursierte ein Witz, in dem es um die Heuchelei der Machthaber ging. Die hätten erklärt: 'Die Preise seien im allgemeinen gleich geblieben. Zwar müsse man für Brot, Milch und Fleisch mehr zahlen, aber dafür seien die Lokomotiven billiger geworden.' Der Nutzen, den die Leute aus dem Gewinn der Unabhängigkeit im Jahre 1989 ziehen konnten, erinnert an die Geschichte mit den gesunkenen Preisen der Lokomotiven. Leider wird darüber bei den 25-Jahr-Feiern des polnischen August kaum gesprochen, selten erinnert man an die Millionen unterlegener Sieger."

Weiteres: Zum Auftakt einer neuen Serie über den geistigen Zustand der Republik mag Bettina Gaus in der zweiten taz die kritische Öffentlichkeit nicht beerdigen. Meinungen gebe es nach wie vor, doch ist es "sehr viel schwieriger geworden, sich öffentlich Gehör zu verschaffen". Jan Feddersen verteidigt die Luxusliebe Oskar Lafontaines. Der debattenmüde Peter Unfried möchte den Wahlkampf aus dem Fernsehen verbannen. Jony Eisenberg beschwert sich über den wenig korrekten Umgang der Berliner Polizei mit den Persönlichkeitsrechten ihrer Verhafteten. In den Tagesthemen porträtiert Barbara Bollwahn den Live-Regisseur Volker Weicker, der das Fernsehduell zwischen Gerhard Schröder und Angela Merkel inszenieren wird.

Und Tom.

Frankfurter Rundschau, 29.08.2005

Nach einem Blick auf die Longlist des neuen Deutschen Buchpreises versichert Christoph Schröder der Jury: "Man wird sich nicht blamieren." In die Vorauswahl geschafft haben es: "Daniel Kehlmanns Ende September erscheinender Roman 'Die Vermessung der Welt' (der musste dort unbedingt stehen!), Wilhelm Genazinos 'Liebesblödigkeit' (müsste dort nicht unbedingt stehen; eine Referenz an den Büchnerpreis wohl), Ulrike Draesners 'Spiele' ebenso wie Friederike Mayröckers 'Und ich schüttelte einen Liebling'."

Sascha Michel berichtet von der Verleihung des Goethe-Preises an den israelischen Schriftsteller Amos Oz. Gabriella Vitiello empfiehlt die Ausstellung zum antiken Erfindungsgeist "Eureka" in Neapel. In Times Mager erzählt Hein van der Werft, was ihm letztens in Hamburg an der Bushaltestelle passiert ist.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.08.2005

Mark Siemons kritisiert im Aufmacher die ungenügende Vergangenheitsbewältigung und Selbstkritik der Japaner. Christian Geyer kommentiert die verschnupften Reaktionen auf Paul Kirchhofs doch so harmlos klingenden Satz: "Zu einem erfüllten Leben gehören normalerweise Kinder." Lorenz Jäger mokiert sich in der Leitglosse über die nigerianische Regierung, die ein Weltraumfahrtprogramm ankündigt, wo doch viele Afrikaner noch an Zauberei glauben. Thomas Wagner schreibt zum Tod des Künstlers Remy Zaugg. Eleonore Büning berichtet verzückt vom Eröffnungskonzert der Berliner Philharmoniker, die sogar Beethovens "Eroica" als ziseliertes Virtuosenstückchen darboten. In der Kolumne "Entrümpelung" darf der niedersächsische CDU-Politiker David McAllister über die Wohltaten der von der niedersächsischen CDU vollbrachten Verwaltungsreform berichten. Gerhard Stadelmaier schreibt zum Tod des österreichischen Dramatikers Wolfgang Bauer. Abgedruckt wird Amos Oz' Rede zur Verleihung des Goethe-Preises der Stadt Frankfurt.

Auf der Medienseite schildert Matthias Rüb die komplizierten Regeln für Fernsehduelle von Präsidentschaftskandidaten in den USA

Auf der letzten Seite berichtet Andreas Rosenfelder von der Kölner Elektronikmesse "c/o pop". Kerstin Holm beklagt, dass Baudenkmäler in Moskau entweder dem Verfall preisgegeben oder bei der Renovierung verhunzt werden. Und Paul Ingendaay schreibt eine kleine Hommage auf den spanischen Kolumnisten Juan Jose Millas, der El Pais im Sommer durch seine Betrachtungen zu Pressefotos bereichert.

Besprochen werden eine Retrospektive des Chemnitzer Malers Carlfriedrich Claus, die dem zu Lebzeiten vom DDR-Regime Verfolgten historische Gerechtigkeit widerfahren lässt, der französische Thriller "Das Imperium der Wölfe", eine Dramatisierung von Vladimir Sorokins Roman "Das Eis" bei der Ruhrtriennale und Sachbücher.

Süddeutsche Zeitung, 29.08.2005

Der Auftakt der diesjährigen Ruhrtriennale ist gelungen, in Belangen der Kunst wie der Öffentlichkeitsarbeit, meldet Christine Dössel. Bei der szenischen Installation "Nächte unter Tage" haben in der Kokerei Zollverein in Essen einige bekannte Namen zusammengewirkt, sich aber - wie Regisseurin Andrea Breth und Raumbildner Christian Boltanski - nicht immer verstanden. "Eine weitere Zusammenarbeit zwischen Breth und Boltanski wird es nicht geben. Nicht nach dem Eklat, für den Herr B. sorgte, als er auf dem Empfang nach der Premiere wütend auf einen Stuhl stieg und Frau B. öffentlich als eine schreckliche Person bezeichnete, ganz und gar 'awful' sei die Arbeit mit ihr gewesen, 'and I never want to see her again'. Das betretene Schweigen, das er damit auslöste, und der Unmut der Festivalleitung über das unziemliche Gebaren ihres Gastes ändern freilich nichts an dem Umstand, dass die Zusammenarbeit zwischen B & B, so schwierig sie sich auch gestaltet haben mag, künstlerisch eine sehr fruchtbare war. Als Zuschauer sieht man das ja viel lockerer, weil ergebnisorientiert."

In der Sommerresidenz des Papstes kommt es heute zu einem unerwarteten Showdown, verkündet Alexander Kissler. Das abtrünnige Schaf Fellay trifft den Oberhirten Benedikt. "Bernard Fellay wurde im Juli 1988 exkommuniziert. Zwei Tage zuvor hatte ihn der traditionalistische Kirchenrebell Marcel Lefebvre, ehemals Erzbischof von Dakar, widerrechtlich zum Bischof geweiht. Heute leitet Fellay als Nachfolger Lefebvres die 'Priesterbruderschaft Sankt Pius X.' (deutsche Sektion) - jene sendungsbewusste Vereinigung, die die römische Kurie des Verrats am Glauben zeiht, die Päpste der letzten 40 Jahre für 'unwürdige Hirten' hält, sich selbst aber für die Schar der Aufrechten, denen die 'Gnade der Errettung' zuteil wurde."

Die Krankenkassenprämien können nicht sinken, während gleichzeitig die Leistungen steigen, wie Rainer Erlinger mathematisch einwandfrei nachweist. Abgedruckt werden Auszüge aus der Dankesrede zum Erhalt des Goethe-Preises der Stadt Frankfurt, in der der israelische Schriftsteller Amos Oz auf den Unterschied zwischen "Goethe und Goebbels, Heine und Heydrich" hinweist. Dirk Peitz bemerkt bei der zweiten Ausgabe der c/o pop, des Kölner Festivals für elektronische Popkultur, einen Drang zur Euphorie. Die Krimiautorin Patricia Cornwell hat mit Zeitungsanzeigen für ihre Theorien zur Identität von Jack the Ripper geworben, weiß Alexander Menden (hier ihr Buch dazu). Helmut Schödel schreibt zum Tod des Grazer Dramatikers Wolfgang Bauer. Fritz Göttler würdigt den "einsamen" Filmemacher William Friedkin, der siebzig Jahre alt wird.

Im Medienteil beschreibt Simon Feldmer, wie der Trompeter Stefan Mross sich mit "rustikalem Populismus" als Moderator des Musikantenstadls in der ARD empfiehlt.

Besprochen werden eine Aufführung von Helmut Kraussers Drama "Diptychon, Dienstag - Mittwoch", die bei den diesjährigen Ruhrfestspielen Premiere hatte und jetzt am Deutschen Nationaltheater in Weimar gezeigt wird ("Es reichte nur für einen schönen Abend mit leichten Schauderangeboten", winkt Thomas Thieringer ab.), das von Esa-Pekka Salonen gegründete "hochkarätige" Baltic Sea Festival, das teilweise auf hoher See zwischen Helsinki und Stockholm stattfindet, Gary David Goldbergs romantische Filmkomödie "Must Love Dogs" und Bücher, darunter Agota Kristofs autobiografische Erzählung "Die Analphabetin", die Tagebücher Cosima Wagners in einem Band sowie drei Neuerscheinungen zu Relativitätstheorie und Raumzeit (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

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