Heute in den Feuilletons: "Rabattschlachten und Wegwerfartikel"

Alle Zeitungen loten die hundertjährige Vergangenheit des futuristischen Manifests aus. In der "Welt" schreibt Burkhard Spinnen über die Vergangenheit der Marken. Und in der "FAZ" bedauert Andrew Keen die Demokratisierung der Kultur durch das Internet.

Die Welt, 20.02.2009

Märklin geht pleite, und nun auch der schwedische Holzspielhersteller Brio, der ebenfalls eine Modellbahn hergestellt hat. Autor und Eisenbahn-Fan Burkhard Spinnen gibt auch den Konsumenten Schuld, die Qualität verschmähen und immer den billigsten Preis suchten: "Solange neben dem Discounter, bei dem sich 'jeder alles leisten kann', noch die kleinen Geschäfte mit dem Sortiment an guten alten Markenprodukten standen, waren die Rabattschlachten und die Wegwerfartikel gut zu ertragen. Das schlechte Gewissen, das einen manchmal ankommen mochte, wenn man sich für etwas "Made in Sonstwo" zum "Schnäppchenpreis" entschied, es schwieg, solange es die qualitätvolle Alternative noch gab. Ach was, sagten wir uns, heute kaufen wir uns ein letztes Einwegding - und morgen dann sparen wir auf was Anständiges."

Weitere Artikel: Peter Beddies unterhält sich mit Danny Boyle, dessen Film "Slumdog Millionär" (Deutschland-Start im März) beste Chancen für einen Oscar eingeräumt werden. Wolf Lepenies gedenkt noch mal des hundertsten Jahrestags des futuristischen Manifests. Manuel Brug schreibt über die bevorstehende Versteigerung der Sammlung Yves Saint-Laurents. Josef Engels unterhält sich mit dem Kabarattisten Josef Hader über seine Rolle als Kommissar Brenner in der Verfilmung eines Murnberger-Krimis.

Weitere Zeitungen, 20.02.2009

Für die New York Times begleitet Nicholas D. Kristof George Clooney (der laut Ilija Trojanow natürlich nur um sein Image besorgt ist, mehr hier) durch Darfur, und obwohl Clooney den Status eines "Good Will Ambassadors" der Vereinten Nationen hat, verweigerte ihm die UNO jeden Personenschutz - aus Angst, dass er unfreundliche Dinge über den "Genozid" (der laut Trojanow natürlich keiner ist) in Darfur sagen könnte. Kristofs Kommentar: "Das scheint nun ziemlich kleinmütig und gemein von der UNO. Immerhin ist ein Franzose, der für Save the Children arbeitet, auf einer der Straßen hier ermordet worden, und die UN selbst verlangen eine Militäreskorte für ihre eigenen Fahrzeuge. Wenn die UN zu feige sind ihre eigenen Goodwill Ambassadors zu schützen, weil sie den Genozid kritisieren könnten, dann ist es auch nicht überraschend, dass sie und die Völkergemeinschaft Hunderttausende ohnmächtige Darfuris alleine lassen."

Aus den Blogs, 20.02.2009

Stefan Niggemeier setzt sich kritisch mit dem Zeit-Dossier zur mangelnden Qualität der öffentlich-rechtlichen Sender auseinander, in dem er eine Menge Detailfehler findet: "Mich bestätigt das alles eher in meiner These, dass man keinen Artikel über ARD und ZDF zu lesen braucht, in dem die Wörter 'Zwangsgebühren' und 'Staatsfernsehen' vorkommen. Ich hätte übrigens eine These, warum die Zeit alle paar Jahre groß auf Seite 1 den Niedergang von ARD und ZDF beschreibt. Gut, bei Zeitungen nennt man es nicht 'Quote'."

Frankfurter Rundschau, 20.02.2009

Auf der Medienseite berichtet Gred Hohler, dass der größte Zeitungsverlag der Türkei, Dogan Medie, wegen Steuerhinterziehung eine Strafe in Höhe von 826,3 Millionen Türkische Lira (389 Millionen Euro) zahlen soll: "'Medienzar' Aydin Dogan liegt seit Monaten im erbitterten Clinch mit dem islamisch-konservativen Regierungschef Tayyip Erdogan: Dogan-Medien berichteten über angebliche Affären im Umfeld der Regierungspartei AKP, auch im Zusammenhang mit dem deutschen Spendenskandal um die islamische Wohltätigkeitsorganisation Deniz Feneri ('Leuchtturm'). Wegen der Berichterstattung der Dogan-Medien über den Spendenskandal hatte Erdogan vergangenes Jahr öffentlich zu einem Boykott der Dogan-Blätter aufgerufen. Dogan Media produziert mit seinem Flaggschiff Hürriyet, den Zeitungen Milliyet, Radikal, Posta, dem Wirtschaftsblatt Referans und der Sportzeitung Fanatik rund 40 Prozent der türkischen Tageszeitungsauflage und kassiert 60 Prozent aller Anzeigenerlöse."

Weitere Artikel: Christian Thomas liefert einen Stimmungsbericht aus der Frankfurter Zeil, wenige Tage vor Eröffnung eines neuen Abzweigs dieser berüchtigten Fußgängerzone. In Times mager spöttelt Hans-Jürgen Linke über die französische Atommacht, deren drittes U-Boot nach der seltsamen Havarie für längere Zeit aufs Trockendock muss. Judith von Sternburg war bei einer Lesung von Daniel Kehlmann.

Besprochen werden Sibylle Bergs Stück "Die goldenen letzten Jahre" am Theater Bonn, Calixto Bieitos "Lulu"-Inszenierung in Basel, das Album "Slipway Fires" von Razorlight, Susanne Schädlichs Chronik über den Stasi-Verrat in ihrer Familie und Marie N'Diayes Roman "Mein Herz in der Enge" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Neue Zürcher Zeitung, 20.02.2009

Uwe Justus Wenzel erzählt, wie sich in Großbritannien Atheisten und Christen via Omnibus-Werbung duellieren: "Der 'Werbekrieg' ist marktgesellschaftlich gesehen die Fortsetzung des Religionsfriedens mit anderen Mitteln." Gabriele Detterer rekapituliert zum hundertjährigen Jubiläum des Futuristischen Manifests das Wirken des Futurismus und informiert über die Ausstellungsreihe "Futurismo 100". Claus Lochbihler unterhält sich mit dem Jazz-Produzenten Michael Cuscuna über Vergangenheit und Zukunft des Jazz-Labels Blue Note.

Besprochen werden Installationen des Zürcher Künstlerduos Andres Lutz und Anders Guggisberg im Centre culturel suisse de Paris, Volker Löschs Inszenierung "Die Wunde Dresden" im Staatsschauspiel Dresden und ein neuer Band mit Texten des Musikkritikers Lester Bangs.

Auf der Medienseite ist zu erfahren, dass die brasilianische Presse verzerrt über einen angeblich fremdenfeindlich motivierten Angriff auf eine Brasilianierin in der Schweiz berichtete und dafür nun herbe Kritik im eigenen Land einstecken muss. Außerdem wird vermerkt, dass der Radiosender DRS mit neuen Hörspielen "das spartenübergreifende Denken" anregen möchte.

Die Tageszeitung, 20.02.2009

In einem Interview erklärt Grandmaster Flash, Miterfinder des Hiphop, die dienende Funktion des DJ, seinen eigenen Stellenwert in der Geschichte und warum ihn iPods nervös machen. Ehrlich verblüfft hat den inzwischen 51-Jährigen das Überflüssigwerden von Plattenkoffern. "Das war vor drei oder vier Jahren. Ich hatte gerade meinen Soundcheck hinter mir, als der nächste DJ dran kam. Ich fragte ihn: Sohn, wo sind Deine Schallplatten? Er sagte: Grandmaster, meine Platten stecken in meinem Laptop, in dieser kleinen Kiste. Ich dachte, der hält mich für blöde. Aber er blieb dabei, baute seinen Laptop auf und zeigte mir seine Dateien. Das sind MP3s, sagte er. Das hat mich zwar an meinen Sohn erinnert, der schon seit Monaten rumjammerte, ich solle ihm einen MP3-Player kaufen. Aber ich kam mir vor wie ein Zurückgelassener. Ein blödes Gefühl, als wäre man ein Auslaufmodell."

Weiteres: Christian Semler berichtet über die Vorstellung des Buchs "Der vergessene Holocaust" in Berlin, in dem der katholische Priester Patrick Desbois den Massenmord der Nationalsozialisten an den Juden der Ukraine recherchiert hat. Besprochen wird die zweite CD der Indie-Pop-Gruppe The Whitest Boy Alive "Rules". Und in tazzwei informiert Wolf Schmidt über eine Umfrage, wonach von 1.200 befragten deutschen Lehramts-Studierenden jeder siebte nicht an den Darwinismus glaubt.

Mit leichter Verspätung weisen wir noch auf Albrecht von Luckes Polemik gegen den neumodischen Krawalljournalismus hin: "Kein führender Journalist hat die ökonomische Großkrise rechtzeitig erkannt. Trotzdem überbieten sich die breitbeinigen Meinungsmacher weiter in analytischer Haltlosigkeit."

Hier Tom.

Süddeutsche Zeitung, 20.02.2009

Als mutigen Akt der Geschworenen - Dachdeckern und Hausfrauen - feiert Sonja Zekri die Freisprüche für die Angeklagten im Mordfall Anna Politkowskaja. Und als Lichtblick in einem sich verfinsternden Russland, in dem dieser Schauprozess höchstens Randbeteiligte, aber nicht die Auftraggeber des Mordes vorführen sollte: "Der Mord an Anna Politkowskaja, der einsamen Mahnerin, wäre auch ohne dieses überraschende Prozessende zum Symbol für den selbstmörderischen Idealismus russischer Menschenrechtler geworden. Zwei Jahre nach ihrem Tod rollt eine Gewaltwelle durch das Land, die manche bereits wieder mit den Vorkommnissen in den Neunzigern vergleichen. Der Anwalt Stanislaw Markelow und die Journalistin Anastasija Baburowa wurden vor den Toren der Erlöserkathedrale erschossen. Anton Stradymow, Mitglied der verbotenen Nationalbolschewiken, starb Ende Januar, bis zur Unkenntlichkeit zusammengeschlagen. Der inguschetische Publizist Magomed Jewlojew wurde in Polizeigewahrsam erschossen. Es trifft Kreml-Kritiker und Offensiv-Demokraten, Umweltaktivisten und Antifaschisten."

Der Publizist Navid Kermani berichtet aus der Stadt Rom, in der er für ein Jahr gelebt hat. Davon zum Beispiel, wie sehr er die katholische Kirche, obwohl er ihre Lehre als Muslim natürlich noch immer für falsch hält, bewundern gelernt hat. Manches findet er aber trotzdem bigott: "Mir würden auch keine Argumente einfallen für die Rehabilitation eines Holocaust-Leugners. Eine ähnliche Entrüstung hätte ich mir allerdings in den vergangenen Jahren mehrfach gewünscht, zum Beispiel als die katholische Kirche im vergangenen Jahr den Sturz der Regierung eines praktizierenden Katholiken betrieb und sich für den Wahlsieg eines erklärt libidinösen Geschäftsmannes einsetzte, dessen kriminelle Machenschaften zahlreiche Gerichte beschäftigen - beschäftigt haben, muss ich korrekterweise sagen, denn Silvio Berlusconi ist es doch mit den dreistesten Amnestiegesetzen der neueren europäischen Geschichte tatsächlich gelungen, sich der Strafverfolgung zu entziehen."

Weitere Artikel: Burkhard Müller hat sich den Atlas der gefährdeten Sprachen angesehen und warnt recht unsentimental davor, Historisches um des Bewahrens willen mit Gewalt zu bewahren. Tobias Lehmkuhl hat einen Vortrag des Literaturwissenschaftlers Martin von Koppenfels über Jonathan Littell und Celine gehört. "midt." weiß, was der möglicherweise nicht einmal echte Schädel des Indianerhäuptlings Geronimo mit George W. Bush zu tun hat. Lothar Müller erinnert an den vor hundert Jahren geborenen Komiker Heinz Erhardt.

Besprochen werden die große Ausstellung "William Eggleston - Democratic Camera" im Münchner Haus der Kunst, Paul Schraders Yoram-Kaniuk-Verfilmung "Ein Leben für ein Leben" (dazu auch ein Interview mit Schrader), die Bonner Uraufführung von Sibylle Bergs jüngstem Stück "Die goldenen letzten Jahre" und Bücher, darunter Halide Edip Adivars Roman "Die Tochter des Schattenspielers" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.02.2009

Von Dirk Schümer kommt ein Nachruf, und zwar auf die italienische Linke: "Nach dem Rücktritt von Oppositionsführer Walter Veltroni, der mit einer geeinten Linkspartei spektakulär Schiffbruch erlitt, sind von der einstigen Bastion der europäischen Avantgarde nurmehr Brösel übrig... Während hierzulande die Nachfolgepartei der SED in ihrer blühenden politischen Landschaft gedeiht, ist in Italien alles dahin. Die PCI kam schon bei der letzten Wahl nicht mehr über die Vier-Prozent-Hürde; Grüne und Trotzkisten sind inexistent, Kathokommunisten eine Lachnummer."

Der Internet-Kritiker Andrew Keen (Blog) darf im Interview noch einmal seine Argumente zusammenfassen. Sie klingen zum Beispiel so: "Was mir vorerst Sorgen bereitet, ist die Demokratisierung der Kultur, die Amateurisierung der Kultur. Zum einen hat der von Amateuren ins Netz gestellte Inhalt per Definition nicht die Qualität dessen, was Profis machen. Dafür fehlt ihnen meistens die Ausbildung, die Praxis und die Zeit. Zum anderen entzieht all das - die Gratis-Kultur und die des Raubkopierens inbegriffen - dem Spezialistentum die wirtschaftliche Grundlage, zumal es schwer ist, geistiges Eigentum im Internet zu schützen." (Genau, und womit fing diese elende Demokratisierung an? Mit der Einführung des Allgemeinen Wahlrechts! Das und die Abschaffung der lateinischen Messe führt noch zum Untergang der Elite.)

Weitere Artikel: Julia Voss fragt sich, was nach hundert Jahren vom Futurismus bleibt. Nils Minkmar wurde in Berlin Zeuge eines "historischen Moments", als der Historiker Fritz Stern Laudator bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde der New Yorker Exiluniversität an Angela Merkel war. Von der Jerusalemer Buchmesse berichtet Hans-Christian Rössler. Raphael Gross erklärt, warum der linke jüdische Intellektuelle Aurel Kolnai, 1900 geboren, wiederentdeckt werden sollte. Manfred Lindinger hat wichtige Informationen über den Mistkäfer, der ein weit verbreitetes Tier ist. Jörg Thomann erinnert an den vor hundert Jahren geborenen deutschen Komiker Heinz Erhardt. Wolfgang Günter Lerch hat einen Nachruf auf den sudanesischen Dichter Tajjib Salich verfasst.

Besprochen werden die Bonner Uraufführung von Sibylle Bergs neuem Stück "Die goldenen letzten Jahre", Wolfgang Murnbergers Wolf-Haas-Verfilmung "Der Knochenmann" und Bücher, darunter die ersten beiden Bände der Tagebücher von Sandor Marai (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

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