Heute in den Feuilletons: "Sarkozys aufdringliche Elysée-Erotik"

Die Presse kritisiert die inszenatorischen Riesenmaschinerie der "FAZ" um Jonathan Littells Roman die "Wohlgesinnten". In der "FAZ" selbst kritisiert der Islamwissenschaftler Tilman Nagel die Absolutheitsansprüche des "Scharia-Islams".

Die Tageszeitung, 05.02.2008

Auf dem Filmfestival von Rotterdam, dessen Stärke seit jeher im asiatischen Film liegt, kann Susanne Messmer die Retrospektive von Werken chinesischer Regisseuren der vierten Generation empfehlen. "Ihre ersten Filme, die sie so oft erst mit Ende Dreißig machen konnten, fallen in eine Umbruchszeit. Nach der Kulturrevolution Ende der siebziger Jahre galt es nicht nur, ein kollektives Trauma zu bewältigen, es herrschte auch Aufbruchstimmung. Vieles schien möglich, was vorher nie und nach der Niederschlagung der Demokratiebewegung 1989 kaum mehr erlaubt war. Es galt, die Suche nach neuen Werten wie Humanismus und Zivilcourage aufzunehmen und den Durst des Publikums nach Unterhaltung zu stillen. Gleichzeitig löste das neu erwachende Interesse für westliche Kultur ungeahnte Experimentierfreude aus."

Weitere Artikel: Wenn alles gut geht, bewirken Politiker wie Clinton und Obama, die beide die Grenzen ihrer gesellschaftlichen Gruppe längst überschritten haben, eine Auflösung eben dieser Grenzen und eine Neuauflage des amerikanischen Traums, hofft Isolde Charim. Daniel Schreiber bemitleidet Tom Cruise und möchte ihn bei George Clooney in die PR-Schule schicken. In der zweiten taz fragt sich Ben Schwan nach der reihenweisen Beschädigung von Unterwasser-Internetkabeln, ob wir nicht schon zu abhängig von derlei fragiler Infrastruktur sind.

Besprechungen widmen sich Volker Löschs "zwiespältiger" Dramatisierung von Matias Faldbakkens Roman "The Cocka Hola Company" am Stuttgarter Staatsschauspiel und David Albaharis Roman "Die Ohrfeige" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Schließlich Tom.

Berliner Zeitung, 05.02.2008

Die legendären Dokumentarfilmer Winfried und Barbara Junge stellen auf der Berlinale ihren allerallerletzten Film über die Leute von Golzow vor, ein Projekt mit dem sie vor fünfzig Jahren begannen, als die Zukunft der DDR noch leuchtete, berichtet Ralf Schenk: "Die ersten Golzow-Filme waren kurz, höchstens eine halbe Stunde. Mit 'Lebensläufe' (1981), dem siebten Film und ersten weltweiten Erfolg, erreichte Winfried Junge dann den stolzen Rekord von 257 Minuten. Heute gibt es zwanzig Filme von fast 44 Stunden Laufzeit. Darin sind achtzehn Leben erzählt. Allein in dem neuesten, letzten Film, der auf stolze 290 Minuten kommt, gibt es fünf Biografien."

Frankfurter Rundschau, 05.02.2008

"Briefkultur vom Feinsten", spottet Ina Hartwig über eine kleine Affäre, in der ein Brief von Peter Handke, der Suhrkamp Verlag und die Sonntags-FAZ eine Rolle spielen. Christian Schlüter stellt "Dumbo" vor, den derzeit noch eher rauen Stadtteil "Down Under the Manhattan Bridge Overpass" in New York, der von einem Immobilienunternehmen en gros zum angesagten Boheme-Treff entwickelt wird. Michael G. Meyer hat erfahren, dass die Weiterentwicklung des digitalen Radios DAB auf der Kippe steht. Das Rauchverbot belebt das Denunziantentum wieder, beklagt Harry Nutt in einer Times mager.

Besprochen wird die Schau zum Schweizer Künstler Max Bill im MARTa Herford und Thomas Struts Fotoband "Familienleben" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Aus den Blogs, 05.02.2008

In der Achse des Guten begrüßt Richard Wagner (unter manchen Spitzen gegen Peter Handke) zwar das Wahlergebnis in Serbien, kritisiert aber auch die allzu freundliche Politik der EU gegenüber dem Kosovo: "Man verteidigt anscheinend, sowohl in den Kanzleien als auch vor Ort, immer noch Minderheitenrechte, obwohl die Albaner de facto die Region längst übernommen und, entgegen aller Beteuerungen, die anderen Gruppen davongejagt oder ghettoisiert haben. Weniger erfolgreich waren sie bei der Organisation der Müllabfuhr und der Elektrizitätsversorgung. Warum eigentlich lautet die Hauptforderung der Kosovoalbaner Unabhängigkeit und nicht stabile Elektrizität?"

Und Burkhard Müller-Ullrich schreibt mit Blick auf Sarkozys Amouren und in Erinnerung an Mitterrand: "Sarkozys aufdringliche Elysee-Erotik verschleißt den Staatsapparat jedenfalls weniger als das Geheimpolizei-Getue früherer Präsidenten."

Die Welt, 05.02.2008

Peter Dittmar erinnert im Kulturaufmacher an den Maler Carl Spitzweg, der vor 200 Jahren geboren wurde. Uwe Schmitt untersucht die Präferenzen von Hollywood-Stars für Präsidentschaftskandidaten, die zumeist Richtung Obama ("Yes We Can"), zuweilen aber auch Richtung McCain gehen. Hendrik Werner stellt im Kommentar die Frage, ob ein Krimipreis ausgerechnet nach Jack the Ripper, also einer realen Figur benannt werden sollte. Hanns-Georg Rodek unterhält sich mit Regisseur Mike Nichols, der unter anderem über seinen deutschen Großvater Gustav Landauer und über seinen neuen Film "Der Krieg des Charlie Wilson" mit Julia Roberts spricht. Norbert Jessen zeichnet neue Diskussionen um angebliche oder tatsächlicher Grabstätten der Familie Jesu in Israel nach. Kai-Hinrich Renner meldet, dass sich der Spiegel und Stefan Aust vor Gericht noch nicht über die Modalitäten seines Abgangs einigen konnten. Uwe Wittstock weist auf die gerade in den USA erschienen Erinnerungen David Rieffs an seine Mutter Susan Sontag hin (erstes Kapitel).

Besprochen werden Andrea Breths Inszenierung von Simon Stephens' Stück "Motortown" in Wien und neue Einspielungen von Haydns "Schöpfung".

Die Presse, 05.02.2008

Frank Schirrmachers "in bescheidenem Majestätsplural" vorgetragene Ankündigung des FAZ-Vorabdrucks von Jonathan Littells Roman "Wohlgesinnten" samt Reading Room und Expertenrat stößt bei Anne-Catherine Simon auf scharfe Ablehnung: "Hat Littells Roman 'Die Wohlgesinnten' auch nur irgendeine Bedeutung für das Verständnis des Holocaust? Die drohende Antwort angesichts der für das Buch in Gang gesetzten inszenatorischen Riesenmaschinerie könnte lauten: Er wird sie bekommen." Auch der Roman selbst scheint ihr recht dubios: "Littell fügt sich in Frankreich in eine altbekannte unbändige Mode: Alles, was mit SS oder Nazis zu tun hat, wird ungeheuer lustvoll rezipiert. Aber eineinhalb Jahre nach Erscheinen ist doch ein wenig Ernüchterung eingekehrt, viele Leser, stellte sich heraus, gaben bei der Lektüre irgendwo an der Ostfront auf."

Neue Zürcher Zeitung, 05.02.2008

Der in Marokko geborene Amsterdamer Schriftsteller Abdelkader Benali schildert die neuesten Wendungen in der niederländischen Islam-Debatte. Der Rechtspopulist Geert Wilders hatte angekündigt, in einem zehnminütigen Video den Koran als faschistisches Werk zu brandmarken, woraufhin einige Muslime schwer empört waren, andere die Kampagne "Knuddel Geert" starteten - "ganz im Stil der Muslime", so Benali spöttisch. "Neben der spielerischen Reaktion der muslimischen Elite scheinen die meisten Muslime vor allem Ermattung zu zeigen angesichts der Entwicklung einer Islam-Debatte, die nirgends in Europa so hart, so konfrontativ und aufwühlend geführt wird wie in den Niederlanden."

Für Matthias Messer zeigt der harte Winter in China, "auf welch buchstäblich glitschigem Boden Chinas 'Wirtschaftswunder' steht. Das Reich der Mitte ist, solange dieses große Gefälle zwischen Arm und Reich besteht, äußerst verwundbar. Ohne Wanderarbeiter kein Strom und kein Fortschritt, zumindest kein so rascher."

Besprochen werden die Ausstellung "Action-Painting" in der Fondation Beyeler bei Basel, die letzten beiden "grimmigen" Regiearbeiten von Massimo Castri, Philip Roth' neuer und wahrscheinlich letzter Zuckerman-Roman "Exit Ghost" und die arabische Anthologie " Tausendundeine Welt" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.02.2008

Für offenkundig unvereinbar hält der Islamwissenschaftler Tilman Nagel in einem auch mit historischem Wissen gründlich unterfütterten Essay die säkularisierte Moderne mit den Lehren des "Scharia-Islam". Von den Vertretern des letzteren solle man sich die Islam-Deutung nicht vorgeben lassen: "Selbstverständlich wissen auch die Vertreter dieser Verbände, dass die meisten Aussagen von Koran und Sunna bei kritischer Prüfung mit Bezug auf ein modernes Gemeinwesen unhaltbar sind; doch richtet sich ihr Streben, ihrer skizzierten Herkunft gemäß, keineswegs auf eine Revision des Inhalts dieser Aussagen, sondern auf die Rettung von deren Autorität, und sei es durch Verunglimpfung und Einschüchterung derjenigen, die ebenjene Unhaltbarkeit aussprechen."

Weitere Artikel: Dietmar Dath findet, dass jeder "altmodische Vernunftmensch, Aufklärer, Hegelianer, Bonapartist, Illuminat und 'New Deal'-Nostalgiker" in Amerika Hillary Clinton vielleicht nicht lieben, aber doch wählen muss. In den Niederlanden gibt es, der liberalen Tradition zum Trotz, recht strenge Maßnahmen gegen straffällige Jugendliche, berichtet Dirk Schümer. In der Glosse gelangt Patrick Bahners mit Hilfe eines "Zitatfalsifikators" zur Erkenntnis, dass Winston Churchill der Schöpfer seiner selbst wie des britischen Volkes gewesen ist. Stefan Heidenreich zeigt sich einigermaßen unzufrieden mit dem, was er auf der Berliner Transmediale gesehen hat. Der Jurist Christian Hillgruber erklärt mit der Autorität und dem Vokabular des Rechtsgelehrten, warum die Verwendung selbst importierter embryonaler Stammzellen aber auch überhaupt gar nicht mit dem Grundgesetz vereinbar sein kann. Niklas Maak schreibt dem Maler Carl Spitzweg einen Geburtstagsartikel zum Zweihundertsten. Kerstin Holm berichtet, dass im lange ziemlich verwaisten Mosfilm-Studio jetzt wieder Hochbetrieb herrscht. Jordan Mejias stellt John Favreau vor, den gerade sechsundzwanzig Jahre alten Redenschreiber von Barack Obama. Gemeldet wird, dass das vom Suhrkamp-Verlag wegen "übler Nachrede "angestrengte Verfahren gegen die Unternehmer Hans Barlach und Claus Grossner gegen eine Strafzahlung eingestellt wurde.

Auf der Medienseite porträtiert Claudia Hangen die für die Pressefreiheit kämpfende russische Journalistin Natalia Nowoshilowa, die jetzt in Oslo den Gerd-Bucerius-Förderpreis erhalten hat.

Besprochen werden zwei Kleist-Inszenierungen in Paris: das "Käthchen" am Odeon, die "Penthesilea" an der Comedie-Francaise, Jan Bosses Baseler Inszenierung von Claudio Monteverdis "Orfeo", Volker Löschs Theater-Version von Mathias Faldbakkens Roman "Cocka Hola Company" (Martin Halter konnte mit darin auftretenden "onanierenden 'Zeit'-Lesern" und dergleichen wenig anfangen), die Wanderausstellung der "Türkischen Bibliothek", die Ausstellung "Comics Made in Germany" in der Frankfurter Nationalbibliothek, ein Frankfurter Konzert von Roger Cicero, die neue "Magnetic Fields"-CD "Distortion" und Ferdinand Bordewijks Roman "Charakter" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Süddeutsche Zeitung, 05.02.2008

Der Karneval in Salvador de Bahia ist nicht nur Unterhaltung, sondern das wichtigste Mittel schwarzer Selbstbestätigung im latent rassistischen Brasilien, berichtet Michaela Metz. "Im Schulunterricht fehlen die schwarzen Helden, doch die Songs von Olodum und die Capoeira-Balladen holen den Nachfahren der Sklaven das Wissen um ihre Wurzeln zurück. Während des neunzehn Kilometer langen Umzugs rezitiert die ganze Stadt die Songs über die schwarze Geschichte Brasiliens, zu denen Olodum trommelt. Jedes Kind kennt etwa 'Zumbi dos Palmares', einen Song über Zumbi, der gegen die portugiesischen Kolonialherren rebelliert hatte und im Jahr 1650 hingerichtet wurde. Bei Olodum heißt das dann: Schwarzer General / kämpfte und starb für die Freiheit seiner Brüder / Wir wurden wie Tiere behandelt, unterdrückt, marginalisiert / Sei gegrüßt König des schwarzen Selbstbewusstseins."

Weiteres: Thomas Steinfeld attestiert der Gewerkschaft verdi, die eine Spende der Telekom für das geplante Beethoven-Festspielhaus in Bonn kritisiert, "ein hohes Maß an bürokratischem Wahn, an Neid und an Niedertracht". Thomas Urban rät den Polen, die Frage um ein Vertriebenenmuseum, die heute Kulturstaatsminister Bernd Neumann in Warschau wieder auf den Tisch bringen wird, nicht auf Gedeih und Verderb mit Erika Steinbach zu verknüpfen. Sowohl der erste Hip-Hop- und Graffiti-Film "Wild Style" von Charlie Ahearn (Interview) als auch der jüngste namens "Wholetrain" von Florian Gaag wurden vom ZDF finanziert, weiß Jonathan Fischer. Der Politikwissenschaftler Oliver Geden rät amerikanischen und anderen Wählern, nicht zu glauben, mit einem neuen Präsidenten würde sich die ganze Politik eines Landes ändern lassen.

Auf der Medienseite grübelt Thomas Schuler über die Tatsache, dass die Nachrichtenagentur AP offenbar bereits einen Nachruf auf die 26-jährige Britney Spears in der Schublade hat.

Besprochen werden die Ausstellung "Max Bill -·Ohne Anfang, ohne Ende" zum hundertsten Geburtstag des Schweizer Künstlers im MARTa Herford, die Schau " . . . 5 minutes later" in den Berliner Kunst-Werken mit Werken, deren Herstellung nicht länger als fünf Minuten in Anspruch nehmen durfte, das Medienkultur-Festival transmediale im Berliner Haus der Kulturen der Welt, Andrea Breths "kühle" Inszenierung von Simon Stephens" Drama "Motortown" am Wiener Burgtheater, ein Auftritt des Dresdner Kreuzchors beim Münchner Musica-Viva-Festival, und Bücher wie Katja Oskamps Roman "Die Staubfängerin" und Richard Sennetts Gedanken über das "Handwerk" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

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