Im Interview mit Helmut Hartung erklärt der Burda-Manager Robert Schweizer auf Carta, warum er Leistungsschutzrechte für die deutsche Presse für notwendig hält: "Ein Leistungsschutzrecht für Presseverlage ist erforderlich, seitdem die Leistungen der Presseverlage in einem rechtsfreien Raum massenhaft und unkontrolliert kostenlos genutzt werden können. Diese Nutzung nimmt sprunghaft zu." (Er könnte natürlich auch einfach seine Internetseite zumachen!)
(Via Mediadigital) Etwas verspätet verweisen wir auf einen Gastbeitrag in Holger Schmidts FAZ-Blog Netzökonom. Stefan Glänzer, Gründer von Last.fm stellt eine interessante Frage: "Es ist offensichtlich, dass es Deutschland und anderen europäischen Ländern in der digitalen Welt nicht gelingt, international so erfolgreich zu sein wie in vielen traditionellen Branchen. Was ist der Grund, dass der Marktanteil Europas in der digitalen Medienwelt lediglich 1,8 Prozent beträgt? Bei den traditionellen Medien liegt er immerhin bei 28 Prozent."
Männerforscher Gerhard Amendt wendet sich zum 8. März noch einmal entschieden gegen die Aufteilung der Geschlechterwelt in Gut und Böse, ohne und mit Penis: "Darüber hinaus hat feministische Politik den demokratischen Prozess geschwächt. Denn was als Konflikt ausgetragen werden müsste, endet in der Zuschreibung von Wesensmerkmalen. Einmal Täter, immer Täter - eben ein Mann! Männer wie Frauen stehen sich dann nur noch im Wege, Flexibilisierung wird schier unmöglich. Da der Feminismus keine Konfliktlösung anstrebt, soll der Staat zugunsten der Frauen tief in die Privatsphäre und das Geschlechterarrangement eingreifen. Solange diese Opferbesessenheit die Interessen von Frauen einer Ideologie unterordnet, bleibt nur der Ruf nach dem starken Staat. An der Erstarrung der Männer wird sich deshalb nichts ändern. Denn für die männliche Gefühlswelt sind unzufriedene Frauen ein Hinweis auf verfehlte Pflichten."
Weiteres: Der kroatische Schriftsteller Dubravka Ugresic gibt sich den Verlockungen einer Hotel-Minibar hin und erklärt, warum sie so etwas wie ein Erste-Hilfe-Kasten ist. Besprochen werden die Uraufführung des Theaterstückes "Das Begräbnis" des Dogma-Regisseurs Thomas Vinterberg am Wiener Burgtheater, das die Fortsetzung des Films "Das Fest" ist und die Erstaufführung von Messiaens "Poemes pour Mi" des Tonhalle-Orchesters Zürich unter der Leitung des Gastdirigenten Jun Märkl.
2040 wird der Chinese einen doppelt so hohen Lebensstandard haben wie der Franzose, behauptet der Ökonom Robert Fogel und zählt die Gründe dafür auf: die Investitionen der Chinesen in Bildung etwa oder ihr wachsendes Konsumbedürfnis. Europa dagegen wird nicht nur immer älter und innovationsfeindlicher, es "gibt Wirtschaftsexperten noch andere Rätsel auf: Die Einwohner der reichen europäischen Länder wollen scheinbar nicht noch mehr arbeiten, um mehr Geld zu verdienen und mehr Konsumgüter zu kaufen. Lange Urlaube, Frührente und kürzere Wochenarbeitszeiten stehen höher im Kurs als der Kauf von Konsumgütern - zumindest im Vergleich zu vielen anderen entwickelten Ländern, wie zum Beispiel den USA. ... Ein Spaziergang im Jardin du Luxembourg trägt jedenfalls - im Gegensatz zu einer Fahrt ins nächste Einkaufszentrum, um dort einen Flachbildschirmfernseher zu kaufen - nicht dazu bei, die Wirtschaftsleistung der Europäischen Union zu steigern."
Außerdem: In Times Mager grübelt Judith von Sternburg über Mesofacts.
Besprochen werden Thomas Vinterbergs Inszenierung seines Stücks "Das Begräbnis" (zusammen mit Mogens Rukov) am Wiener Burgtheater, eine konzertante Aufführung von Puccinis "La Rondine" in Frankfurt, Stefan Puchers
Musical-Projekt "Andersen" am Hamburger Thalia Theater, die neue CD der Gorillaz und Nicol Ljubics
Liebesgeschichte "Meeresstille" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
Die Tageszeitung, 08.03.2010
Zum Frauentag macht die taz eine Männertaz (Editorial der Chefredakteurin Ines Pohl)
Anlassgemäß legt Christian Füller auf Seite 1 der taz ein Manifest des Maskulinismus vor (auch wenn er es nicht so nennt). Eine der Forderungen: "Die krasse Benachteiligung von Jungen in der Schule ist vielleicht das Exempel für das Unverständnis, das Männern entgegenschlägt. Jungs fallen massenhaft als Verlierer aus dem System. Die einzige Erklärung aber, die eine Pädagogik mit teils vulgär-feministischer Schlagseite dafür findet, ist, dass daran eine Art genetischer Defekt schuld sei, der zu großer Lautstärke und übermäßigem Bewegungsdrang führe. Wir brauchen eine Kraftanstrengung zur Rettung der Jungen."
Auf der Kulturseite berichtet Julian Weber über die Samstagsnacht im Berghain (ist das eine Kolumne?) Und Doris Akrap hat eine Diskussion im Brüsseler EU-Parlament über sexuelle Gewalt als Kriegsverbrechen im Bürgerkrieg von Kongo verfolgt.
Und Tom.
Gerhard Gnauck zitiert einige Stimmen aus der weiterhin in Polen tobenden Debatte um Artur Domoslawskis skandalträchtige Kapuscinski-Biografie, deren Startauflage von 45.000 Exemplaren sich bereits in den ersten Tagen verkauft hat. Zum Beispiel von Andrzej Stasiuk: "Das neue Buch, schreibt er, zeichne 'ein tiefes, mehrdeutiges, anziehendes Bild' des Autors und Menschen Kapuscinski, der seinem eigenen Ruhm verfallen sei. Polen sei vielleicht noch zu infantil, um zu verstehen, wie sehr sich fiction und non-fiction - nicht nur in Kapuscinskis Werk - heute amalgamiert hätten, und ein widersprüchliches Bild seiner Heldenfiguren zu verkraften. 'Nur vor dem Hintergrund von Schwächen, Kompromissen und Stürzen wird wahre Größe sichtbar.'"
Weiteres: Autor Rainer Moritz
glossiert die jüngsten Affären der Fußballwelt, die ihn um Autorität und Unparteilichkeit der Schiedsrichter fürchten lassen. Regisseur Volker Schlöndorff nimmt Jo Baiers Historienepos "Henri 4" gegen seine Kritiker in Schutz, "einen Film, der mich hingerissen hat, zum Lachen, Zittern und Weinen".
Besprochen werden das "meisterhafte" Album der Gorillaz "Plastic Beach", Thomas Vinterbergs Inszenierung seiner "Fest"-Fortsetzung "Das Begräbnis" am Wiener Burgtheater, eine "One-Woman-Klagshow" mit der finnischen Sopranistin Karita Mattila in Lyon, ein Andersen-Abend mit Stefan Pucher im Thalia Theater in Hamburg und Deon Meyers Südafrika-Thriller "Dreizehn Stunden".
Heute noch das politische Kabarett zu erledigen, wie es Burkhard Müller nach dem Starkbieranstich auf dem Nockherberg tut, ist zwar ungefähr so mutig wie eine Satire auf Guido Westerwelle - aber Müller tut es im Aufmacher trotzdem. In den "Nachrichten aus dem Netz" resümiert Niklas Hofmann noch einmal Reaktionen auf das Karlsruher Urteil zur Vorratsdatenspeicherung. Florian Kessler verfolgt ein Symposion über den aktuellen Boom von Klassikerübersetzungen in Berlin. Martin Bauer gratuliert Ernst Tugendhat zum Achtzigsten. Holger Liebs gratuliert dem Maler Franz Gertsch zum Achtzigsten.
Besprochen werden neue DVDs, Rene Polleschs Dramatisierung des Films "Mädchen in Uniform" im Schauspielhaus Hamburg, Roland Rebers neuer Film "Engel mit schmutzigen Flügeln", Thomas Vinterbergs Stück "Das Begräbnis" mit Martin Wuttke in Wien, Richard Wagners "Rheingold", inszeniert von Günter Krämer in Paris und Bücher, darunter Philip Roth' neuer Roman "Die Demütigung" (mehr in der Bücherschau um 14 Uhr).
Begeistert ist Jordan Mejias von der Inszenierung von Dimitrij Schostakowitschs Oper "Die Nase", die an der New Yorker Met der Künstler William Kentridge auf die Bühne gezaubert hat: "Die Met hat endlich ihre visuelle Sensation.... Die gesamte Bühne ist eine einzige Hommage an die sowjetrussischen Konstruktivisten, mit ihrer markanten Grafik, ihren geometrischen Explosionen und ins knallige Rot getauchten Punkten und Ausrufungszeichen. Derart dynamisiert, regnen Libretto, Kommentare, historische Zitate auf die Bühne herab, schwirren und fliegen und sausen über eine Kulissenlandschaft, die ihrerseits aus einer Kollision von Zeitungsartikeln und Bücherseiten beruht." (Mitbesprochen wird auch eine begleitende Kentridge-Ausstellung im New Yorker Museum of Modern Art.)
Weitere Artikel: In der Glosse kommentiert Kerstin Holm bissig die Ankündigungen des Moskauer Bürgermeister Luschkow, bei den kommenden Weltkriegssiegesfeiern werde Stalin mit gleich zehn großen Porträttafeln als "Ehrengast" sehr präsent sein. Patrick Bahners kritisiert das Verhalten des DFB-Präsidenten Theo Zwanziger in der Sex-Affäre um Schiedsrichteraufseher Manfred Amerell und legt ihm den Rücktritt mehr als nur nahe. Tobias Döring macht darauf aufmerksam, dass das viktorianische Durchhaltegedicht "Invictus", das Clint Eastwoods jüngstem Film den Titel gab, auch den Oklahoma-Bomber Timothy McVeigh beeindruckt hat.
Die Geburtstagsglückwünsche der Woche gehen im Doppelpack an die Musiker Bobby McFerrin (60) und Al Jarreau (70), an den Jazzmusiker Ornette Coleman (80), den Künstler Franz Gertsch (80), den Komponisten Dieter Schnebel (80), den Künstler Günther Uecker (80) und den Philosophen Ernst Tugendhat (80).
Besprochen werden Thomas Vinterbergs von ihm selbst auch gleich am Wiener Burgtheater inszeniertes "Begräbnis", die Fortsetzung des Dogma-Filmerfolgs "Das Fest" ("eine lupenreine Kopie" erkennt Dirk Schümer, die ihn in keiner Hinsicht wirklich überzeugt), die "Rheingold"-Inszenierung im Ring-Zyklus der Pariser Bastille-Oper und Bücher, darunter eine Auswahl aus Stuart Hamples Woody-Allen-Comic Strips mit dem Titel "Der Irrsinn des Lebens" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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