Heute in den Feuilletons: "Vom zerknitterten Mann zur blonden Frau"

Die "FR" beschäftigt sich mit Berlusconismus und dem Wandel des Politikerbilds in Europa. Die "SZ" vergleicht den Hamburger Kultursenator mit Shakespeares Richard III. Die "NZZ" berichtet von Versuchen, die konföderierte Seite im amerikanischen Bürgerkrieg weißzuwaschen.


Aus den Blogs, 17.12.2010

Alan Posener wendet sich auf starke-meinungen.de gegen Pascal Bruckners Perlentaucher-Artikel über die "Erfindung der Islamophobie" - und er zieht eine Parallele aus dem Kalten Krieg: "Gegen den Kommunismus zu sein war in den 1950er Jahren nicht nur ehrenhaft; der Antikommunismus war als Ergänzung des Antifaschismus die einzig mögliche aufrechte Haltung für kritische Intellektuelle. McCarthy und seinesgleichen machten aber daraus eine Hysterie und die Begründung für eine Hexenjagd. Ähnliches wird heute mit dem Islam und dem Islamismus versucht, und hier verläuft die Grenze zwischen Religionskritik und Islamophobie."

Vera Lengsfeld erinnert in der Achse des Guten an Jürgen Fuchs, der in diesen Tagen sechzig Jahre alt geworden wäre : "Er wurde von der Staatsicherheit verhaftet und ins Stasi-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen gebracht. Hier wurde er neun Monate verhört, zeitweilig von Zellenspitzeln schikaniert. Das waren verkleidete Stasi-Männer oder Gefangene, denen Hafterleichterungen versprochen worden war als Lohn für ihre Zusammenarbeit mit der Stasi. Der Stasi-inszenierte Zellenkrieg wurde selbst für einen beherrschten Mann wie Fuchs unerträglich. Er schreibt: 'an einem warmen, sonnigen Tag wollte ich töten...Ich sah ihn an… Da sah ich die Angst in seinen Augen. Der Tod war in die Zelle getreten. Da erschrak er, da erschrak ich.'" Fuchsr starb, wahrscheinlich von der Stasi verstrahlt, mit 48 Jahren an Leukämie.

Es gibt auch Opfer des Erfolgs von Google und Facebook - und die verlieren ihren Job bei Yahoo. Yahoo schließt Delicious und andere Social Web-Dienste, meldet Techcrunch.

Ein Traum für Statistiker. Google präsentiert in seinem offiziellen Blog den Books Ngram Viewer. Damit lassen sich in Google Books gespeicherte Bücher nach Begriffshäufigkeit durchsuchen, die in einer Grafik dargestellt wird. Unser Beispiel: der Begriff "Globalisierung" seit 1980:



Der Historiker Timothy Snyder hat sich Lanzmanns Film "Shoah", der in New York zur Zeit wieder läuft, angesehen, und er spart im Blog der New York Review of Books nicht mit harscher Kritik: "There is an undeniable moral and aesthetic power to the scenes in which Polish peasants reveal their anti-Semitic understanding of the world in their very descriptions of the Holocaust: as a catastrophe brought down on Jews by the Jews themselves. But how does Lanzmann direct this power? He flatters us with it, unmistakably separating the western allies from a barbarous Polish countryside where such things as death."

Die Welt, 17.12.2010

Wolf Lepenies hat "De l'esprit de cour", das neueste Buch des Sarkozy-Konkurrenten Dominique de Villepin gelesen, der der französischen Politik und Gesellschaft "höfischen Geist" vorwirft. Der Attacke gegen Sarkozy lautet allerdings wie folgt: "Sarkozy ist alles andere als ein Souverän, er ist nur ein Höfling, 'le premier des courtisans'."

Weitere Artikel: Gemeldet wird, dass Florian Illies das Feuilleton der Zeit verlässt und in die Geschäftsführung des Kunstauktionshauses Villa Grisebach eintritt, wo er für das 19. Jahrhundert zuständig sein wird. Hanns-Georg Rodek gratuliert Armin Müller-Stahl zum Achtzigsten.

Besprochen wird eine große Agnelo Bronzino-Ausstellung in Florenz.

Neue Zürcher Zeitung, 17.12.2010

Der Historiker Ronald D. Gerste berichtet von den bevorstehenden Gedenkfeiern 150 Jahre nach Beginn des amerikanischen Bürgerkriegs und von Tendenzen, die konföderierte Seite im doppelten Sinne "weißzuwaschen": "Eine Tendenz zur selektiven, teilweise schöngefärbten Erinnerung hat sich in letzter Zeit ausgeprägt und beunruhigt neben professionellen Historikern vor allem das linksliberale Segment der geschichtsbewussten Amerikaner und die Sprecher afroamerikanischer Organisationen. Denn die Problematik der Sklaverei wird da und dort schlicht unter den Tisch gekehrt."

Weiteres: Joachim Güntner resümiert die Kritik an der Historikerstudie zum Auswärtigen Amt, wehrt sie aber schließlich mit Christopher Browning ab. Besprochen werden die Ausstellung "Under Destruction" im Museum Tinguely in Basel, eine Schau von Anna Viebrocks Bühnenbilder im Schweizerischen Architekturmuseum in Basel, die neue CD "Entren Los Que Quieren" der revolutionären Band Calle 13 aus Puerto Rico sowie das Album "Mujeres de Agua " des spanischen Musikproduzenten Javier Limon.

Frankfurter Rundschau, 17.12.2010

Bei Avantgarde, Faschismus und Mobiltelefenonen war Italien Vorreiter in Europa, Peter Michalzik fürchtet, dies könnte auch beim Berlusconismus und der zynischen Politik so sein: "Italiens historische Rolle läge dann seit etlichen Jahren darin, allen, die es sehen wollen, die Spielarten der Selbstentmächtigung der Politik vor Augen zu führen. Mit der Rolle eines mit der Politik verschmolzenen Fernsehens (bei uns trägt es den Namen öffentlich-rechtlicher Rundfunk), einer sich um differenziertere Medien und Auseinandersetzung nicht weiter scherenden politischen Klasse, einem Wandel des Politikerbilds vom etwas zerknitterten Mann (bei uns zuletzt Gerhard Schröder) zur jungen blonden Frau (bei uns Kristina Schröder)."

Nur halb passt dazu dann Holger Schmales Eloge auf das gut geölte Afghanistan-Doppel von Guttenberg und Kerner auf der Medienseite: "Noch nie ist im deutschen Fernsehen so intensiv und einfühlsam, wenn nicht für den Einsatz, so doch für die Soldaten geworben worden."

Weiteres: Robert Kaltenbrunner diskutiert in einem hintergründigen Artikel zur Stadtplanung die Konzepte der schönen Stadt. Besprochen werden Sabrina Hölzers Musiktheaterprojekt "Into the dark" im Funkhaus Berlin, die Bühnenadaption von Arthur Schnitzlers Erzählung "Sterben" am Schauspiel Frankfurt, Christoph Peters' Geschichtenband "Sven Hofestedt sucht Geld für Erleuchtung".

Die Tageszeitung, 17.12.2010

Maximilian Probst gratuliert dem Hamburger Szene-Club Golden Pudel zum 21. Geburtstag. "Die 'Elbphilharmonie des Herzens’, wie sich der Club auch nennt, zieht die Stadt mithin als Argument heran, um ihr Geld lieber in Großprojekte wie das Millionengrab der Elbphilharmonie ohne Sinn und Verstand zu schaufeln ... So ist auch die Gala des Pudel-Clubs auf Kampnagel mehr als nur eine Geburtstagsfeier. Sie ist ein Kniff im Hamburger Handgemenge zwischen Ökonomie und Kultur."

Besprochen werden das Debütalbum "Here Today Gone Tomorrow" des DJs und Musikproduzenten Fritz Kalkbrenner, das Album "The Trip" der Sängerin Laetitia Sadier und die DVD von Karlheinz Martins expressionistischem Film "Von morgens bis mitternachts" aus dem Jahr 1920.

Und Tom.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.12.2010

Eindringlich fordern Martina Schulte-Lenzen und Joachim Müller-Jung ein Umdenken in der ärztlichen Behandlung alter Menschen: Angesichts der demografischen Entwicklung brauche es sehr viel mehr Experten für Geriatrie. In der Glosse schildert Karen Krüger das unverhältnismäßig brutale Vorgehen der türkischen Polizei gegen demonstrierende Studenten. Nur zustimmen kann Christian Geyer der von ihm in den zentralen Punkten referierten europapolitischen Mahnrede Helmut Schmidts in der aktuellen Zeit. Gina Thomas vermeldet, dass die 1975 eingestellte Fernsehserie "Das Haus am Eaton Place" (im Original: "Upstairs, downstairs") zu Weihnachten ihre Wiederauferstehung mit neuen Folgen erfährt. In seiner "Links"-Kolumne warnt Raphael Gross vor Volksinitiativen, die sich nur zu oft als "Motor für aggressive populistische Strömungen" erweisen. Jürgen Dollase befasst sich in seiner Serie mit "Adventsminiaturen" diesmal mit dem "Weihnachtsplätzchen". Gerhard Rohde schreibt zum Tod des Schweizer Tenors Hugues Cuenod. Auf der Medienseite schildert David Klaubert das Medienspektakel mit Hindernissen, zu dem sich der Prozess gegen Jörg Kachelmann entwickelt hat.

Besprochen werden eine Giorgio-Morandi-Ausstellung in der Fondazione Ferrero in Alba, Sarah Leonors Film "Au voleur" mit Guillaume Depardieu in seiner letzten Rolle, und Bücher, darunter Ken Folletts neuer Riesenroman "Sturz der Titanen" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr):

Süddeutsche Zeitung, 17.12.2010

In der Debatte um Kulturalismus und Universalität der Menschenrechte sucht der Sinologe Heiner Roetz eine vermittelnde Position. Man müsse China, meint er, gar nicht mit vermeintlich "westlichen Werten" traktieren, da sich in der chinesischen Kultur selbst Ansätze für Menschenrechte und Demokratie finden lassen: "Es gehört zu den Paradoxien der gegenwärtigen Situation, dass sich der Dissident Liu Xiaobo und seine Kritiker in einem einig sind: dass nämlich die modernen Ideen der Demokratie und der Menschenrechte ein der chinesischen Kultur fremdes Element seien - weshalb der eine die 'Verwestlichung' fordert und die anderen den Autoritarismus rechtfertigen. Doch muss man sich in falsche Alternativen erst gar nicht hineinzwingen lassen, wenn man zeigen kann, dass relevante Stränge der chinesischen Geistesgeschichte selbst sich im Sinne einer möglichen Vorgeschichte jener Ideen, auch wenn sie Importe sind, rekonstruieren lassen."

Auf der Medienseite versucht Simon Feldmer den erstaunten Lesern der SZ zu erklären, was es mit dem Leistungsschutzrecht auf sich hat: "Es geht um Copyright-Verletzungen und die gewerbliche Vervielfältigung der nach wie vor meist frei verfügbaren Online-Inhalte der Verlage." (Außer natürlich bei der SZ, die seit Jahren hinter eine Bezahlschranke verschanzt ist, mehr hier.) Und ein Burda-Sprecher schlägt zur Heilung des Problems vor: "Ausschließlich den Presseverlagen steht es zu, ihre Presseerzeugnisse oder Teile davon zu vervielfältigen, zu verbreiten und öffentlich wiederzugeben."

Weitere Artikel: In äußerst scharfem Ton schilt Till Briegleb den noch amtierenden Hamburger Kultursenator Reinhard Stuth, weil dieser in letzter Minute noch möglichst viele Fakten schaffen will: "Sein ganzes Verhalten hat etwas von der ätzenden Impertinenz Richards III., der Lady Anne erst ihren Gatten meuchelt, um sich dann als Ersatz anzupreisen." Burkhard Müller denkt darüber nach, wie auf dem Gebiet des Glücksspiels der Staat und sein Bürger sich in dialektischer Weise einig werden. Peter Laudenbach mokiert sich über falsche Huren (und über die "sittenwidrige" Bezahlung der echten) in Volker Löschs jüngster Authentizitäts-Inszenierung "Lulu". Wie es kam, dass Hape Kerkeling auf seiner neuen CD einen Text der Band Erdmöbel singt, ohne deren Namen zu nennen, schildert Matthias Waha. Kristina Maidt-Zinke berichtet über den Stabwechsel im Münchner Lyrik Kabinett. Dem Schauspieler, Maler und neuerdings Sänger Armin Mueller-Stahl gratuliert Susan Vahabzadeh zum Achtzigsten. Tobias Kniebe schreibt zum Tod des Filmregisseurs Blake Edwards ("Der rosarote Panther", "Frühstück bei Tiffany's"). Den Nachruf auf den Schriftsteller Peter O. Chotjewitz hat Hannelore Schlaffer verfasst.

Besprochen werden eine Inszenierung der "Bakchen" des Euripides in Hannover, die Ausstellung "Napoleon und Europa" in der Bonner Bundeskunsthalle und Bücher, darunter Horst Bredekamps "Theorie des Bildakts" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

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