Im Gespräch erklärt Georg Ringsgwandl, was von geordneter Lebensplanung zu halten ist: "Gutaussehende Menschen treffen sich, zeugen gutaussehende Kinder, machen Karriere, bleiben schön und gesund und mit 95 sterben sie im Schlaf, während die Enkel ums Bett herumstehen. Man hängt sich extrem rein in diese Lebensplanung und zum Teil entgleist das Leben dann auf einmal ganz bizarr."
Für Christian Schlüter ist es ausgemachte Sache und die ganze Debatte um Wulffs Person auch herzlich unerheblich, denn der Hund liegt woanders begraben: "Christian Wulff ist als Bundespräsident von Angela Merkels Gnaden nur der Ohrfeigenmann für die mittelprächtige Politikvorstellung der Bundesregierung. Rechte Wange, linke Wange: Als Mensch, Person, Amts- und Würdenträger büßt er für die letzten Jahre Merkel-Regentschaft."
Besprochen wird Uwe Wilhelms Theater-Farce "Fritz!", die "Anspielung auf Anspielung versammelt", am Hans-Otto-Theater in Potsdam.
Der Pianist Andras Schiff spricht im Interiew über den Antisemitismus und Romafeindlichkeit in Ungarn, den Rechtspopulismus der Regierung und das Versagen der Linken. Warum unternimmt die EU nichts? "Man will das nicht wahrnehmen. Ich verstehe die unglaubliche Toleranz der EU nicht. In meinen Augen ist die EU ein exklusiver Club. In einem solchen Club sollte es Regeln geben für den Fall, dass Mitglieder die Hausregeln nicht einhalten. Aber für die EU gilt offenbar: Wer einmal drin ist, bleibt drin, egal wie schlecht er sich benimmt."
Eine Meldung informiert uns, dass Ian Kershaw für "Das Ende" und Timothy Snyder für "Bloodlands" mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet werden.
Intelligenz ist zum größten Teil erblich, da lässt sich nicht viel machen, schreibt Dieter E. Zimmer in seinem Buch "Ist Intelligenz erblich?", aus dem die Welt auf der Forumsseite vorabdruckt: "Es ist mir immer ein Rätsel gewesen, warum sich um die Mitte des 20. Jahrhunderts so viele Politiker und Sozialwissenschaftler an eine kurzlebige Zeitgeistlaune geklammert haben und seitdem verbissen an der Überzeugung festhalten, die unterschiedlichen intellektuellen Fähigkeiten und Charaktereigenschaften der Menschen könnten und dürften niemals etwas mit ihren Erbanlagen zu tun haben, jeder könnte zu jedem werden."
Fürs Feuilleton ist Alan Posener nach Stuttgart gefahren, wo er zusammen mit Bürgermeister Matthias Hahn die S21-Baustelle besichtigt, die für ihn weit mehr als ein Bahnprojekt, nämlich die längst fällige Reparatur einer zerrissenen Stadt ist. Manuel Brug geht mit dem Solo-Oboisten der Berliner Philharmoniker, Albrecht Mayer, italienisch essen. Matthias Heine plädiert für eine Rückkehr Thornton Wilders auf deutsche Bühnen.
Besprochen wird eine DVD-Box mit Semih Kaplanoglus "Yusuf"-Trilogie.
Für die Literarische Welt unternimmt Theodore Dalrymple eine Tour d'horizon durch das krisengeschüttelte Europa, in der Großbritannien nicht besser abschneidet als die Eurozone. Der Philosoph Volker Gerhardt bespricht Hans Joas' großen Versuch über "Die Sakralität der Person - eine neue Genealogie der Menschenrechte".
Besprochen werden unter anderem Nicholson Bakers neuer Roman "Haus der Löcher", Hans-Joachim Schädlichs Voltaire- und Friedrich-Buch "Sire, ich eile!", Peter Schäfers große Studie über "Die Ursrpünge des jüdischen Mystik" (besprochen von Micha Brumlik) und Esther Slevogts Wolfgang Langhoff-Biografie (mehr hier).
Ulf Erdmann Ziegler, Fotograf und Autor, beschwört in einem schönen Text, was wir verlieren, da wir Kodak verlieren (denn der Konzern droht endgültig pleite zu gehen): "Auf einem Flohmarkt in einem Fotoalbum blättern: quadratische, querformatige, hochformatige, glänzende, nicht glänzende, bläulichschwarze, braunschwarze Fotos, eine Phase lang an den Rändern gezackt. Dann, plötzlich, die Farbe, hektisch und ungenau. Gesichter, die festzuhalten für die Ewigkeit den Knipsern ein hohes Gut war, wichtig genug, um Negative zu prüfen und zu bestellen, die Fotos abzuholen und ins Album einzukleben, welche Mühe!"
Matthias Messmer porträtiert den chinesischen Linguisten und Systemkritiker Zhou Youguang, der am 13. Januar seinen 106. Geburtstag feierte - und immer noch publiziert: "Noch in den letzten fünf Jahren hat Zhou Youguang mehr als zehn Bücher geschrieben, von denen einige in China verboten sind. Längst ist er für die Partei zu einem unbequemen Denker und Stänkerer geworden, und man wird ihm von offizieller Seite wohl keine Träne nachweinen, wenn seine Stimme endgültig verstummt."
Weitere Artikel: Für die Kolumne "When the Music's Over" erinnert sich Kristof Magnusson an die Popmusik seiner Jugend in den Achtzigern. Marc Zitzmann schrebit über die Kampagne "Acheter français! ", mit der französische Politiker die französische Wirtschaft sanieren wollen. Ingrid Galster liest John Gerassis bisher nur auf französisch erschienenen "Entretiens avec Sartre".
In Literatur und Kunst begibt sich Martin Seel mit Bloch und Fried durchs Gewiss von Sein und Haben. Jürgen Brocan erklärt in einem Essay, was es mit der angelsächsischen Tradition des "nature writing" auf sich hat. Und Jeannette Villachica bespricht Laurent Mauvigniers Roman "Die Wunde" über den Algerienkrieg (mehr zu diesem und weiteren Buchbesprechungen der Beilage in der Bücherschau ab 14 Uhr).
Die Tageszeitung, 14.01.2012
Die taz bringt ein tolles, angenehm anlassloses Interview mit dem großartigen Peter Kern über alte und heutige Zeiten: "Heute steht im Zentrum der Ordnungshüter. Neulich in Berlin ging eine Frau mit einem Wägelchen rum und verkaufte Brezeln, für 2 Euro. Sie hatte drei Kinder bei sich! Und dann kommt das Ordnungsamt und nimmt ihr den Wagen und die Brezeln weg und die 6 Euro, die sie gerade verdient hat. Das ist die Zeit. Und zu Hause vor dem Fernseher sitzen Leute, die dazu applaudieren. Reality-TV, Polizeiserien. Wir sind den Fernsehredakteuren ausgeliefert."
Den Themenschwerpunkt bildet dieses Mal der erste Jahrestag der Erhebungen im arabischen Raum und insbesondere die heutige Situation der Frauen in und aus der Region: Rudolf Balmer stellt die tunesische, in Paris lebende Feministin Nadia El Fani vor, die die Jasminrevolution in Tunesien in ihrem Film "Laicite, Inch' Allah!" dokumentierte und dadurch ins Visier islamistischer Fanatiker geraten ist. Hawa Djabali verteidigt in einer flammenden Streitschrift die Nacktfotos der ägyptischen Bloggerin Aliaa Magda Elmahdy und weiß genau, woher die Prüderie, die aus den Skandalisierungen dieser Bilder spricht, herrührt (nämlich, äh, aus dem Westen). Heide Oestreich spricht mit der Politikwissenschaftlerin Hoda Saleh, die für Ägypten eine starke Frauenbewegung einfordert. Ines Kappert besucht die ägyptische Modedesignerin Suzana Kamel in Kairo. Daneben sind Erfahrungen und Einschätzungen der ägyptischen Muslimschwester Sondos Asem, der libyschen Klinikabteilungsleiterin Imam Bugaighis, der syrischen Aktivistin Ritta, der saudi-arabischen Journalistin Hala al-Dossari, der Yemen-Times-Redakteurin Nadia al-Sakkaf und der tunesischen Buchhändlerin Selma Jabbes dokumentiert. Außerdem spricht Ines Kappert mit dem Theaterautor Mohammad al-Attar, dessen Stück "Can you please look into the Camera?" heute im Haus der Kulturen der Welt in Berlin aufgeführt wird.
Weiteres: Martin Zets Kunstaktion "Deutschland schafft es ab", die im Rahmen der Berlin Biennale deutschlandweit Exemplare von Sarrazins Bestseller zum Recyceln einsammeln will, findet Ingo Arend bedenklich. Barbara Schweizerhof fragt sich, wen der Komiker Ricky Gervais diesmal bei der Moderation der am Sonntag zu verleihenden Golden Globes aufs Korn nehmen wird. Frank Schäfer erliegt der "artifiziellen Stimmigkeit" der "White-Trash-Schönheit" Lana Del Rey auf deren Debütalbum "Born to Die" - hier ein Video:
Besprochen werden Clint Eastwoods Film "J. Edgar", das Theaterstück "Fritz!" über Friedrich den Großen am Hans-Otto-Theater in Potsdam und Bücher, darunter Christian Hellers (@) Datenschutzkritik "Post-Privacy. Prima leben ohne Privatsphäre" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).
Mit Rührung erinnert sich Gerhard Stadelmaier daran, wie er als Kind am Radio die Abschiedsrede des Bundespräsidenten Theodor Heuss hörte: "Und plötzlich die Sensation: herzliches, gelöstes Gelächter im Bonner Bundestag. Der Bundespräsident hatte offenbar bei sich eine Gedächtnis- oder auch nur Zitatlücke entdeckt. Er gab zu, dass er das jetzt so genau nicht wisse, und meinte: 'Ab'r daas isch ja auch wurscht.' Eine Unerhörtheit in einem Land, in dem zwar niemand etwas gewusst haben wollte, aber nie jemand zugab, etwas nicht zu wissen."
Weitere Artikel: Jürgen Dollase geht für seine Gastrokolumne beim Brüsseler Koch Gaetan Colin essen, der ihn aber nicht zufriedenstellen kann. Hubert Spiegel berichtet von den jüngsten Protesten gegen Stuttgart 21.
Besprochen wird Edward Elgars Oratorium "The Dream of Gerontius" unter Daniel Barenboim in Berlin, ein "Fritz!"-Spektakel in Potsdam.
Für Bilder und Zeiten stellt Andreas Platthaus das "Black.Light"-Proejekt vor - zehn Illustratoren stellen die Kriege in Westafrika nach 1989 in einer gezeichneten Reportage dar. "Weil sich nur so wenige für dieses Geschehen interessiert haben, ist fast alles, wovon 'Black.Light' erzählt, für uns neu. Es bringt einen Teil der Welt wieder zum Vorschein, der tatsächlich jahrelang wie von Schwarzlicht bestrahlt schienen, unter dem nur Details bizarr erstarahlten." Die Idee dazu hatten der Fotograf Wolf Böwig und der Reporter Pedro Rosa Mendes.
Außerdem begibt sich Mealnie Mühl ins architektonische Elend der Trabantenstadt Cergy-Pontoise bei Paris. Der amerikanisch-chinesische Filmautor Gary Xu hat Zhang Yimous Film "The Flowers of War" über das Massaker von Nanking 1937 gesehen und findet, dass er die Geschcihte trivialisiert. Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht’s unter anderem um eine von Marco Rapetti eingespielte Box mit Klavierwerken Anatolij Liadows und um die Country-Sängerin Kathleen Edwards. Für die letzte Seite unterhält sich Irene Bazinger mit der Theatermacherin Shermin Langhoff, die vom Ballhaus Naunynstraße zu den Wiener Festwochen aufstieg.
Für die SZ am Wochenende hat Eva-Elisabeth Fischer mit Alexander Kluge ein mäanderndes Gespräch über die Liebe geführt. Unter anderem äußert sich Kluge dabei auch über die Zärtlichkeit: "Die meisten Liebespaare in der Literatur sterben an der Liebe. Insofern ist die Zärtlichkeit, also ein Teil der Liebespraxis, eine Eigenschaft von uns Menschen, die wir ererbt haben. Wir sind übrig geblieben, weil wir auch die Zärtlichkeit haben und nicht nur die großen Hassgefühle. Denn die großen Hasserinnen und Hasser, die haben selten Kinder."
Weiteres: Rayk Wieland stattet dem Wannsee, 100 Jahre nachdem der Dichter Georg Heym dort ins Eis einbrach und starb, einen Besuch ab. Jeanne Ruber schreibt über Schönheitsideale im Wandel der Zeit und die Geschichte der plastischen Chirurgie.
Im Feuilleton porträtiert Rudolf Neumaier den einst unter katholischen Traditionalisten gefeierten, heute gegängelten Theologen David Berger nach dessen Coming-Out als Schwuler im April 2010. Zu denken gibt Neumaier, was Berger darüber in seinem Buch "Der heilige Schein" geschrieben hat: "Wenn Berger recht hat, gibt es ziemlich viele schwule Kleriker. Dann würde die Kirche genau das führen, was er selbst überwunden hat - ein heuchlerisches, armseliges Doppelleben. Und noch eine Parallele zwischen dem Makrosystem Kirche und dem Individuum Berger gibt es - wenn Berger recht hat: Er sagt, je tiefer er im Reaktionärensumpf steckte, desto exzessiver habe er seine Sexualität ausleben müssen. Und je weiter man in die traditionalistischen Kreise vordringe, desto mehr homosexuellen Pfarrern begegne man."
Weiteres: Von den revolutionären Kunst- und Gesellschaftsthesen Guy Debords bleibt bei der Occupy-Bewegung nurmehr die bloße Geste übrig, meint Thomas Steinfeld nach ausführlicher Debord-Lektüre. Jörg Häntzschel lässt sich auf dem Weltraumhafen "Gateway to Space" in New Mexico herumführen, von wo aus sich zahlungskräftige Kunden für zweieinhalb Stunden immerhin auf eine Höhe von 120 Kilometern bugsieren lassen können. Eckhart Gillen hat sich in Berlin Okwui Enwezors hier nachhörbaren Vortrag über die aktivierende Funktion politischer Kunst angehört. Sonja Zekri übermittelt diverse Nachrichten aus dem Kulturleben Kairos. Berlin entledigt sich seines Kulturlebens, warnt Laura Weißmüller knapp. Mounia Meiborg stellt den Discopop der israelischen Band Jewrhythmics vor - hier ein Video:
Besprochen werden der Dokumentarfilm "William S. Burroughs - A Man Within" von Yony Leyser, Uwe Wilhelms "Fritz! Ein Schauspiel für den König von Preußen" am Hans-Otto-Theater in Potsdam und Bücher, darunter Florian Felix Weyhs Roman "Toggle" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).
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