Heute in den Feuilletons: "Zwei Drittel haben keine Ahnung"

Der "Welt" ist schwindelig: Die Berliner Philharmoniker feiern mit Richard Strauss den fünften Jahrestag des Anschlusses Österreichs. In der "FAZ" beklagt Necla Kelek die Einseitigkeit der Migrationsforschung in Deutschland. In der "taz" diskutieren Juli Zeh und Gert G. Wagner über die Volkszählung.


Die Tageszeitung, 09.05.2011

Auf den vorderen Seiten diskutieren Juli Zeh und der oberste Volkszähler Gert G. Wagner über die heutige Volkszählung. Auf die Frage, ob es nicht bedenklich sei, dass zwei Drittel der Bürger ihre Rechte und Pflichten beim Zensus nicht kennen, antwortet Wagner: "Wieso? Wenn Sie die Leute fragen, wie sie ihre Steuererklärung auszufüllen haben, werden Ihnen auch zwei Drittel sagen: Keine Ahnung. Dass breite Teile der Bevölkerung nicht über Details gesetzlicher Regelungen informiert sind, ist leider normal."

Im Kulturteil erklärt Terry Eagleton im Interview über sein Buch "Das Böse", was er sich unter politischer Liebe vorstellt: "Nehmen wir die Genossenschaft. Was bedeutet es, wenn man einander hilft. Wenn das Erfüllen der Aufgabe, die einer hat, zugleich auch zum Vorteil des anderen ist, das ist ja wohl der Grundgedanke der Genossenschaft, wie ihn auch Marx entwickelt hat. Die wechselseitige Erfüllung ist die Vorstellung von einer gerechten Gesellschaft. Ein freies Bündnis von Genossenschaften, die sich selbst regieren, das ist meiner Meinung nach politische Liebe."

Weiteres: Jan Feddersen und Wolfgang Gast treffen sich mit Julia Albrecht, um über Schuld und Verantwortung der RAF zu sprechen. Juliane Streich tanzt auf einem Konzert des amerikanischen Singer-Songwriters Sufjan Stevens in Leipzig.

Und Tom.

Frankfurter Rundschau, 09.05.2011

Werner Girgert warnt vor Kunst und Kultur, die in Großstädten zur Gentrifizierung beitragen könne. Judith von Sternburg berichtet über die Römerberggespräche in Frankfurt, wo über Ingenieure, Technik und Risiko diskutiert wurde.

Besprochen werden Florian Fiedlers Inszenierung von Arthur Millers "Blick von der Brücke" im Schauspiel Frankfurt, die Mussorgski-Oper "Chowanschtschina" in Dessau, Alexander Kluges Band "Das Bohren harter Bretter" und Tony Judts Traktat "Dem Land geht es schlecht" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Die Welt, 09.05.2011

Einen gruseligen Abend mit vielen Siegelringträgern erlebte Manuel Brug mit den Berliner Philharmonikern unter Christian Thielemann. Auf dem Programm standen auch in letzter Zeit seltener gespielte Strauss-Stücke: "Die Rede ist von einem den Abend schmetternd eröffnenden Blechbläserchoral namens 'Festmusik der Stadt Wien', von Strauss offeriert dem Statthalter Baldur von Schirach und uraufgeführt 1943, am 5. Jahrestag des Anschlusses der Stadt (und Österreichs) an 'Großdeutschland'. 'Äußerste Virtuosität fordert die Festmusik mit ihren brillanten Sechzehntelkaskaden den Interpreten in jedem Falle ab, weshalb es dem Werk nutzen und frommen wird, einmal in den heiligen Hallen der Philharmonie zu erklingen', salbadert dazu das Programmheft." Gespielt wurde auch das zu Hitlers Geburtstag komponierte "Festliche Präludium".

Wenig freundlich charakterisiert Henryk M. Broder die deutsche Zerknirschung über den Tod Osama Bin Ladens: "Die 'Exportweltmeister', die 'Weltmeister der Herzen' sind auch Branchenführer im Moralisieren. Aber die Moral, die sie produzieren, ist das reine Gewissen resozialisierter Gewalttäter, die ihre Strafe verbüßt, 'die Lehren aus der Geschichte gelernt' haben und nun einer 'Friedfertigkeit' verfallen sind, die sie in Form unterlassener Hilfeleistung pflegen."

Thomas Schmid revidiert etwas beschämt sein bisheriges Bild von den Italienern als "von sich selbst aufdringlich überzeugte Zeitgenossen". Eine Umfrage des Goethe Instituts zeigte ihm, welch offenes, freundliches und kenntnisreiches Bild sie von den Deutschen haben: "Sicher, gerne gruseln sie sich ein bisschen über Butzenscheiben, Sauerkraut und zuviel Wagner. Aber eigentlich mögen sie die seltsam introvertierten, so erfolgreichen, sich oft selbst im Wege stehenden und inzwischen doch recht aufgeklärten Deutschen. Was aber wäre wohl, wenn Deutsche befragt würden, welche Bücher italienischer Autoren für sie die besten seien? Käme mehr als Camilleri und Eco?"

Weiteres: Filip Ganczak nimmt Einblick in die polnischen Geheimdienstakten zu Roman Polanski, die den ewigen Clinch des Regisseurs mit den Behörden dokumentieren. Marc Reichwein besucht die Max-Frisch-Ausstellung im Zürcher Strauhof-Museum. Ulrich Weinzierl hat sich Johan Simons Aischylos-Inszenierung der "Perser" in München angesehen. Und im Gespräch mit Michael Pilz erklärt Bootsy Collins, der "Jesus des Funk", warum er kein Smartphone will: "Ich will Menschen berühren und kein Telefon."

Aus den Blogs, 09.05.2011

Noam Chomsky überschreibt seine Reaktion auf den Tod Osama Bin Ladens in Guernica mit "My Reaction to Osama bin Laden's Death" und die geht so: "We might ask ourselves how we would be reacting if Iraqi commandos landed at George W. Bush's compound, assassinated him, and dumped his body in the Atlantic. Uncontroversially, his crimes vastly exceed bin Laden's, and he is not a 'suspect' but uncontroversially the 'decider'".

Die Financial Times Deutschland wird zumindest zum Teil kostenpflichtig, meldet turi2. Besonders tiefschürfende Artikel soll man künftig daran erkennen, dass man sie nicht gratis lesen darf: "Für 2,20 Euro ist ein Tagesticket erhältlich, mit dem bis zu zehn kostenpflichtige Inhalte abgerufen werden können. Für 24,90 Euro im Monat gibt es ein Digital-Abo."

Auch die ultraorthodoxe chassidische Zeitung Der Tzitung druckte das inzwischen berühmte Foto aus dem Situation Room. Mit einer kleinen Änderung: Hillary Clinton und Audrey Thomason, die beiden einzigen Frauen, wurden aus dem Foto entfernt, meldet Morning Gloria bei Jezebel. "The religious paper never publishes pictures of women, as they could be considered 'sexually suggestive.' Apparently the presence of a woman, any woman, being all womanly and sexy all over the United States' counterterrorism efforts was too much for the editors of Der Tzitung to handle."

Neue Zürcher Zeitung, 09.05.2011

Der St. Gallener Philosoph Dieter Thomä diagnostiziert eine grassierende Gegenwartsversessenheit, die von Besitzstandswahrung, Vergleichswut und Synchonisierungswahn gleichermaßen genährt werde: "Die Gegenwart soll blind in die Zukunft fortgeschrieben werden. Dass es nichts Neues unter der Sonne mehr geben soll, ist geradezu erwünscht. Wer sich derart auf den Status quo versteift, leidet offenbar unter horror vacui - sei die Leere nun im Kühlschrank oder im Kopf."

Weiteres: Sieglinde Geisel porträtiert den Autor und Theatermann Milo Rau, der mit seinem International Institute of Political Murder die Schrecken der Geschichte auf die Bühne bringt, wie etwa den Prozess gegen Ceausescu oder die Radiohetze gegen die Tutsi in Ruanda. Besprochen werden eine Ausstellung zum Bauingenieur Jürg Conzett im Architekturmuseum Basel und die Ballettreihe "Loops" im Theater Basel.

Weitere Medien, 09.05.2011

Bin Laden war schon tot, bevor ein amerikanisches Militärkommando ihn erschoss, schreibt der französische Islamwissenschaftler Gilles Kepel in der New York Times: "Bin Laden's heirs can still spread havoc, but they have lost the political momentum. Within the field of Islamist militancy, the axis of the battle runs now between Salafists who adhere to a strict, literal version of Shariah and the scattered Muslim Brotherhood, torn between a young generation that finds much in common with its secular contemporaries and the 'old turbans' who still run the show."

Süddeutsche Zeitung, 09.05.2011

Der niederländische, neuerdings in Deutschland lebende Autor Peter Claessens beklagt die deutsche Unsitte, sämtliche fremdsprachlichen Filme zu synchronisieren: "So schön die deutsche Sprache auch sein kann (und ich liebe die deutsche Literatur und Kultur im Allgemeinen), es bedeutet für mich eine Verarmung, keine anderen Sprachen mehr zu hören, seit ich in Deutschland wohne."

Weitere Artikel: Jörg Häntzschel besuchte das "Festival of Ideas for the New City" (mehr hier). In den "Nachrichten aus dem Netz" erzählt Niklas Hofmann, wie im Netz zum Tod Bin Ladens falsche Martin-Luther-King-Zitate zirkulierten, die dann aber auch als solche entlarvt wurden. Rudolf Neumaier liest Jan Grossarths Buch "Vom Aussteigen & Ankommen" über Radikalaussteiger und Plumpsklo-Verfechter. Nur online ein namentlich nicht gezeichneter Nachruf auf Gunter Sachs.

Besprochen werden Tschechows "Platonow" am Wiener Akademietheater (Helmut Schödel winkt ab: "Zu einer Aufführung ist es letztlich nicht gekommen"), die neue Hängung im Museum Kunstpalast in Düsseldorf, neue DVDs, unter anderem von Claire Denis, eine Ausstellung über Walter Benjamin, die Architektur und die Moderne im Architekturmuseum der TU München, der Film "Barfuß auf Nacktschnecken" mit Diane Kruger und Ludivine Sagnier und Bücher, darunter Matthias Matusseks Bekenntnis zum Katholizismus unter dem Titel "'Das katholische Abenteuer - Eine Provokation" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Auf der Medienseite erzählt Christiane Kohl, wie es möglich war, dass der Kinderkanal-Redakteur "Marco K." (warum eigentlich nicht der volle Name?) über Jahre unbemerkt und in bar 8 Millionen Euro Gebührengelder in die eigene Tasche gewirtschaft hat - er stellte einfach fingierte Rechnungen, zum Beispiel für eine Internetadresse zu "Bernd das Brot", die nie zustande kam, und keiner hat's gemerkt. Der Sender wurde erst durch die Selbstanzeige eines Komplizen aufmerksam.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.05.2011

Hat die Migrationsforschung in Deutschland insgesamt eine rosa Brille auf? Necla Kelek meint ja, und andere Brillen lässt sie demnach auch gar nicht zu, wenn man glaubt, was sie gegen den "Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration" (aka "Politbüro") und dessen Sprecher Klaus J. Bade vorbringt: "Anträge oder Personen, die nicht das Wohlwollen dieser Institution oder seiner Mitglieder erlangt haben, haben in der institutionalisierten Migrationsforschung in Deutschland keine Chance auf Förderung oder Karriere. Ein Mitglied des Sachverständigenrats war sich nicht einmal zu schade, meinen Verlag in einem Brief aufzufordern, doch bitte keine Bücher mehr von mir zu verlegen. Ich weiß von Professoren, Doktoranden und Studenten, dass in den Instituten bestimmte kritische Fragestellungen, Bücher und Personen tabu sind, dass auf Medien und Politik und Institutionen informeller Druck ausgeübt wird."

Weitere Artikel: Einen heftigen französischen Kunsttheoretikerstreit zwischen dem Philosophen Jacques Rancière und dem Kurator mit Theorieanspruch Nicolas Bourriaud referiert Antje Stahl: Er dreht sich sehr grundsätzlich um die Rolle der Kunst in der Gegenwart. Von den Römerberggesprächen zum Thema (Post-)Fukushima berichtet Xaver Oehmen. Britische (Wahlrecht bleibt, wie es ist) und schottische (Sieg der Separatisten) Wahlen glossiert knapp Gina Thomas. Im Namen des "Klareren Denkens" warnt Rolf Dobelli ganz entschieden vor der Teilnahme an Auktionen. Zum Tod von Gunter Sachs schreibt Rose-Maria Gropp. Den Nachruf auf den Dramatiker und Drehbuchautor Arthur Laurents ("West Side Story") hat Jordan Mejias verfasst.

Besprochen werden ein Sufjan-Stevens-Konzert in Berlin, Alvis Hermanis' akustisch unverständlicher Wiener "Platonow", den Gerhard Stadelmeier mit umso lauterem Schweigen bestraft, Nikita Michalkows in Russlands Kinos gerade angelaufenes patriotisches Werk "Die Zitadelle", Haile Gerimas Äthiopien-Epos "Morgentau" (mehr) und Bücher, darunter Rita Cassales Studie "Heideggers Nietzsche" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

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