#MeToo-Debatte Hexen, überall Hexen?

Viele sprechen heute von einer "Hexenjagd", um Männer vor Anschuldigungen wegen sexueller Übergriffe zu schützen. Das ist klassische Täter-Opfer-Umkehr - und auf die schlimmste Art geschichtsvergessen.

Traditionelles Hexenfeuer
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Auf nahezu magische Art kommen alle, die eine passende Metapher suchen, um zu zeigen, dass Männer die eigentlichen Leidtragenden der #MeToo-Debatte sind, auf den Begriff der Hexenjagd. Es scheint zurzeit eine akute Hexenjagdsaison zu sein: Schauspielstar Liam Neeson sprach davon, dass die Debatte über #MeToo eine Hexenjagd sei. Die "Augsburger Allgemeine" warnte: "#MeToo darf nicht zur Hexenjagd werden". Der Bürgermeister von Bad Hersfeld hat den Regisseur Dieter Wedel verteidigt: "Im Zusammenhang mit den gegen ihn erhobenen Vorwürfen fühle ich mich an eine Hexenjagd erinnert", sagte er. Der Mitarbeiter eines AfD-Abgeordneten, der wegen Vergewaltigung angezeigt worden war, sprach in diesem Kontext von Hexenjagd. In der "Welt" und in Markus Lanz' Sendung wurde der Hexenjagd-Vergleich ebenfalls gezogen.

Und in Österreich wird gerade über den inzwischen verstorbenen Skifahrer Toni Sailer diskutiert, der 1974 eine Frau schwer verletzt und vergewaltigt haben soll. Der Fall ist besonders brisant, weil die damalige Regierung daran beteiligt gewesen sein soll, das Verfahren gegen Sailer einzustellen. Natürlich schreibt auch hier irgendwer in der Kommentaren: "(Nicht nur) für mich ist das inzwischen eine Art Hexenjagd geworden." Ja, nicht nur für dich.

Es gibt ein reales historisches Vorbild

Eine kleine Verwechslung passierte dabei der "Abendzeitung" aus München. In dem offenen Brief zur #MeToo-Diskussion von Catherine Deneuve und anderen französischen Frauen wurde die Hexen-Metapher anders verwendet, denn da hieß es, Frauen würden - wie Hexen - in der Debatte zu bloßen Objekten gemacht. Die Abendzeitung machte daraus: "Catherine Deneuve warnt vor Hexenjagd", denn inzwischen ist man offensichtlich daran gewöhnt, dass die Hexen in der aktuellen Hexenjagd ausschließlich Männer sein können.

Der Vergleich trifft allerdings bei Weitem nicht nur vermeintliche Belästiger und Vergewaltiger. In der "taz" schrieb Nora Bossong im Zuge der Debatte um Simon Strauß von einer "Hexenjagd auf Nassrasur", Horst Seehofer sah im August eine "Hexenjagd gegen das Auto", die NZZ beklagte eine "Hexenjagd-Atmosphäre" an US-amerikanischen Unis, in der "Welt" imaginierte Birgit Kelle brennende Scheiterhaufen für sich selbst, weil sie als islamfeindlich kritisiert wurde. Bekanntermaßen erklärte auch Donald Trump schon vielfach, es laufe eine Hexenjagd gegen ihn.

Im November hat mein Kollege Sascha Lobo bereits über die Hexenjagd-Metapher als Teil einer beginnenden reaktionären Revolte geschrieben und darauf hingewiesen, dass da so einiges schiefläuft: Immer wieder wird der Begriff "Hexenjagd" benutzt, um eine Täter-Opfer-Umkehr vorzunehmen und Täter als wirkliche Leidtragende darzustellen.

Das ist richtig, aber ich würde sagen, es ist darüber hinaus noch schlimmer. Die Feststellung der Täter-Opfer-Umkehr lässt noch außer Acht, dass nicht nur von irgendeiner Jagd, sondern von "Hexenjagd" die Rede ist und es dafür ein reales historisches Vorbild gab.

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Verrückt genug, dass der Begriff "Hexenjagd" heute ohne jegliche Distanzierung oder Anführungszeichen verwendet wird, so als hätte es jemals wirklich Hexen gegeben und nicht einfach Frauen, die aus dem Rahmen fielen oder für ungeklärte Phänomene als Sündenböcke herhalten mussten: Witwen, alte, arme, behinderte oder kranke Frauen oder Frauen mit Kenntnissen zu Heilung, Verhütung und Abtreibung, Prostituierte oder einfach Frauen, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren.

Aber vor allem ist das, was damals passierte, in keiner Weise vergleichbar mit heutigen Debatten. Wer im Zusammenhang mit der Aufklärung von Verbrechen von "Hexenjagd" spricht, muss entweder zugeben, sich mit der tatsächlichen Hexenverfolgung keine drei Minuten beschäftigt zu haben, oder bewusst schwerste Gewalt gegen Frauen zu bagatellisieren.

Hexenverbrennung zu Dernburg im Jahre 1555
DPA

Hexenverbrennung zu Dernburg im Jahre 1555

Es gab und gibt übrigens auch männliche Opfer in diesen Prozessen, es gibt entsprechend auch den Begriff der Zaubererverfolgung, aber bezeichnenderweise machen sich diejenigen, die den Begriff der "Hexenjagd" benutzen, nicht mal die Mühe, sich so weit zu informieren. Stattdessen instrumentalisieren sie in einer völlig perversen Verdrehung real stattgefundene Gewaltverbrechen, deren Opfer zum Teil heute immer noch nicht als solche anerkannt wurden: Die Rehabilitierung der Opfer dauert an. So hat etwa Bernau bei Berlin erst 2017 die Opfer der Hexenverfolgung gewürdigt - als erste Kommune in Brandenburg.

Trotteliges Nachplappern

Die Häufigkeit der "Hexenjagd"-Metapher steht in eklatantem Widerspruch zum verbreitetem Wissen über die sogenannten Hexenverfolgungen. Die Fehler beginnen dort, wo die Verfolgungen im Mittelalter angesiedelt werden, obwohl sie hauptsächlich später stattfanden, in der frühen Neuzeit. (Als Höhepunkt der Verfolgungen gilt die Zeit um 1560 bis 1630.) Und es geht da weiter, wo Leute, die Angst vor Rufmord haben, sich mit Hexen vergleichen.

Man muss es wohl doch noch mal sagen: Hexenverfolgung bedeutete nicht, dass es da Frauen gab, über die man schlecht redete und die dann womöglich ihren Job verloren. Sondern, dass Frauen gefoltert und grausam ermordet wurden. Viele von ihnen verbrannten bei lebendigem Leib auf Scheiterhaufen. Es gab auch Menschen, die in ihren Häusern eingesperrt und verbrannt wurden. Und Menschen, die ertränkt wurden. In Lateinamerika, Südostasien und Afrika werden bis heute Menschen wegen vermeintlicher Zauberei verfolgt und ermordet. In Brasilien wurde im letzten Herbst eine Puppe, die Judith Butler darstellen sollte, stellvertretend als Hexe verbrannt.

Es mag einer rhetorischen Faulheit und trotteligem Nachplappern geschuldet sein, dass jetzt so viele Menschen, die versuchen, potenzielle Sexualstraftäter zu schützen, ausgerechnet die Hexenjagd-Metapher bemühen. Es ist schlimm genug, wenn Leute ihre Täterschutzreflexe stärker werden lassen als den Wunsch nach Gerechtigkeit für Opfer von Übergriffen. Wenn sie diese Reflexe aber auch noch mit schrägen historischen Vergleichen zu Gewalt gegen Frauen untermalen wollen - dann wird es vollends würdelos.

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insgesamt 110 Beiträge
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Actionscript 23.01.2018
1. Der Begriff "Hexenjagd" als Übertreibung oder falsche Anschuldigung
Der Begriff "Hexenjagd" wird gerne oft benutzt, wenn man von Übertreibung spricht. Das heisst, dass etwas gesucht oder propagiert wird, was es eigentlich nicht gibt oder was nicht geschehen ist. Insofern wird der Begriff vielfach richtig jedoch wie Frau Stokowski bei einigen Beispielen zeigt auch falsch angewandt. Denn Hexen wurde ja auch etwas angedichtet, was sie nicht waren oder nicht getan haben. Wenn also auf Männer Hexenjagd gemacht wird, was sexuelle Belästigung von Frauen angeht, dann ist damit gemeint, dass jede Gestik jetzt interpretiert wird und der sexuelle Missbrauch gesucht wird, um Männer an den Pranger zu stellen. So interpretiert auch Trump, dass die Medien versuchen, alles, was er sagt und tut, gegen ihn zu verwenden auch, wenn es sich herausstellt, dass da nichts war.
Nobody X 23.01.2018
2. Es hat überhaupt keinen Sinn,
mit diesen immer wiederkehrenden Kolumnen seine Zeit zu vertrödeln.
aysnvaust 23.01.2018
3. "Täterschutzreflexe", soso...
...Mal abgesehen davon, dass Frau Storkowski richtig damit liegt, dass der Begriff "Hexenjagd" inflationär und irreführend benutzt wird. Aber jeden Beschuldigten umgehend zum Täter zu erklären, das ist schon ein starkes Stück.
Emal 23.01.2018
4. Sehr geehrte Fr. Stokowski,
sie vergessen leider wieso der Terminus Hexenjagd hier verwendet wird. Es bezieht sich hier nämlich nicht auf die Frauen, die Opfer der Hexenverfolgung wurden, sondern auf die Rechtspraxis, die dies erst ermöglichte. Es reichte die bloße Beschuldigung, die als Beweis diente, um eine Person zu denuzieren. Ein anderer Ausweg als gestehen war oftmals in der Praxis nicht vorgesehen. Die Hochphase der Hexenverbrennung im protestantischen Raum ging oftmals nichteinmal mit der vorhergehenden Rechtspraxis einher, griff aber leider ihre Logik auf: Jeder Zweifel am Hexentum war ein Verbrechen in sich. Trat im ausgehenden Mittelalter noch die Kirche als Ankläger auf (die wiederum den Ankläger ablöste und ihn/sie vor der damaligen Strafverfolgung im Falle einer unrechtmäßigen Strafverfolgung schützte), verschwand dies später. Hexenprozess steht daher auch für einen Schauprozess, bei dem es nicht um die Wahrheit geht, sondern ein angenommer Tatbestand als wahr vorrausgesetzt wird. Diese Problematik findet sich ebenso in der #MeToo-Debatte: Eine Beweisführung ist unnötig und Anschuldigung und Vorwurf reichen als Beweis. Das "Opfer" hat recht, der Täter muss seine Usnchuld beweisen. Das ist eine fast schon mittelalterliche Rechtspraxis. Nur diesmal sind die "Hexen" Männer und nicht Frauen. Wenn sie das Leid der Frauen in den Vordergrund, die damals Opfer wurden, vergessen sie nicht, dass es eine Verfahrensweise verwendete, die in der MeToo-Debatte nun am anderen Geschlecht verwendet wird. Der große Unetrschied ist: Hexen gab es nie, sexuelle Übergriffe gibt es.
Freier.Buerger 23.01.2018
5. Recht
Täter und Opfer stellen in unserem Rechtsstaat die Gerichte fest. Solange das nicht geschehen ist, kann man auch nicht von einer Täter-Opfer-Umkehr sprechen und es besteht die Gefahr, dass manche Menschen Schaden erleiden, auch ohne Folter und Verbrennung, nur weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Wenn es jetzt Menschen gibt, die auf diese Gefahr hinweisen, vor Vorverurteilungen warnen und darum den öffentlichen Pranger kritisieren, so gebührt ihnen ein gewisser Respekt ob ihrer Zivilchouragee.
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