"High Fidelity" in Hamburg Lebenshilfe Luftgitarre

Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs: Statt auf der großen Bühne des Hamburger Schauspielhauses inszeniert die junge Regisseurin Katharina Wienecke Nick Hornbys Erfolgsroman "High Fidelity" in einer Kneipe - und trifft dabei den Sound der Mittdreißiger-Generation.

Von Jenny Hoch


Wenn es um Musik geht, versteht Rob keinen Spaß. Die falschen Platten im Regal – zum Beispiel Tina Turner, Chris de Burgh oder Phil Collins – sind seiner Meinung nach nicht nur eine harmlose Geschmacksverirrung, sondern ein veritables Kriegsverbrechen. Mit solchen Leuten will Rob nichts zu tun haben, denn schließlich zählt im Leben nur "das, was man mag". Da drückt er selbst bei Frauen kein Auge zu.

Rob Flemming ist die Hauptfigur in Nick Hornbys Roman "High Fidelity". Er ist Mitte dreißig und führt einen schlecht gehenden, dafür umso snobistischeren Plattenladen. Es ist wohl kaum übertrieben zu behaupten, dass Popmusik sein Leben ist. Mit ihrer Hilfe rekapituliert er seine Biografie, "ohne dafür einen Stift in die Hand nehmen zu müssen", aus ihr zieht er sein Lebensgefühl der Nonkonformität. Erst als ihn seine erfolgreiche Freundin Laura entnervt verlässt, begreift er, dass er sich immer noch auf dem Entwicklungsstand eines pubertierenden Teenagers befindet und dass sein Leben nicht Rock'n'Roll, sondern allenfalls Mittelmaß ist.

Kein anderer hat es in den letzten zehn Jahren geschafft, so umwerfend komisch und treffend wie der britische Erfolgsautor Nick Hornby über das Lebensgefühl einer ganzen Generation zu schreiben. Mit Romanen wie "Fever Pitch", "High Fidelity" oder "About a Boy" qualifizierte sich der ehemalige Lehrer und Journalist aus dem Stand als Spezialist für Männer, die nicht erwachsen werden wollen, sondern sich heillos verfransen in aus ihrer Sicht lebenswichtigen Jungsdingen: Fußball, Popmusik, Frauen.

Um all das geht es auch in Katharina Wieneckes Inszenierung von "High Fidelity" für das Hamburger Schauspielhaus – und noch um einiges mehr. Um den vor Zitaten strotzenden, wenig Theater-geeigneten Roman adäquat auf die Bühne zu bringen, hat sie zunächst drei wichtige Entscheidungen getroffen: Zusammen mit dem Dramaturg Florian Vogel hat sie eine stark gekürzte Zwei-Mann-Fassung erstellt. Als Spielort hat sie nicht eine der Bühnen des Theaters gewählt, sondern mit der "Hamburger Botschaft" ein Mittelding zwischen Club und Lounge mit riesiger Fensterfront auf der einen und der obligatorischen Bar auf der anderen Seite. Womit die Bühne ganz von alleine ausreichend markiert ist. Die Bühnenbildnerin Vanessa Eder hat sie lediglich um ein erhöhtes DJ-Pult und ein paar Platten in Holzkästen erweitert.

In diesem zigarettenqualmigen Reich der Musik regieren Jörn Knebel als Rob und Gernot Grünewald als seine Daueraushilfskraft Barry. Wenn sie sich nicht gerade die Zeit mit Listen-Schreiben vertreiben, und zum Beispiel die besten Filme des Jahres oder die Top Five der unvergesslichen Trennungen von Mädchen auf Schiefertafeln kritzeln, legen sie mit glücklichem Lächeln Scheiben von Marvin Gaye, Shirley Bassey oder Soft Cell auf.

Hoffnungsloser Slacker

Jörn Knebel spielt Rob mit verwuschelten Locken, Lederjacke und Jeans als netten, ein wenig weltfremden Schluffi. Er blickt leger ins Publikum und erzählt wie nebenbei seine Geschichte. Von Anfang an ist klar, dass es hier nicht um theatrale Repräsentation im klassischen Sinn geht, sondern eher um ein lockeres Kneipengespräch beim Bier. Auch wenn Knebel in seinen Text ein bisschen zu viele Orientierungslosigkeit andeutende "Ähs" einfließen lässt, beherrscht er die Rolle des beiläufig redenden Geschichtenerzählers bis zur Perfektion. Dabei gelingt ihm das Kunststück, Spannung zu halten, wo eigentlich keine ist. Denn seine Figur ist ein hoffnungsloser Fall von Slackertum. Zu unreif für eine Beziehung, zu lasch für die Widrigkeiten der Realität. Nur wenn er an den Plattenteller tritt, strömt Leben in seinen Körper. Dann zeigt sich der Connaisseur, seine Luftgitarre kommt jedem einsetzenden Riff zuverlässig eine Millisekunde zuvor.

Die Regisseurin ist mehr als zwanzig Jahre jünger als Nick Hornby und die Leute, von denen sie erzählt. Dennoch bringt sie den Sound der mittlerweile älteren Generation zum Klingen, dem man sich als Zuschauer - egal welcher Altersstufe - nur schwer entziehen kann. Zum einen ganz wörtlich (und denkbar einfach) mit den Songs zum Buch, zum anderen aber durch ihre konsequent reduzierte Inszenierung. Sie lässt alles weg, was betulich wirken könnte, und so kommt es, dass Rob irgendwann in Tränen ausbricht und es nicht peinlich, sondern schlicht ergreifend ist. Überzeugend heulen auf der Bühne – allein das verdient Respekt.

Das viel beschworene Ideal vieler Theatermacher ist die größtmögliche Annäherung an die Realität. Katharina Wieneckes Inszenierung ist ziemlich nah dran. Würde man das Treiben in der "Hamburger Botschaft" nur von außen durch die großen Fensterscheiben betrachten, verrieten lediglich die in ordentlichen Stuhlreihen sitzenden Zuschauer die Theateraufführung. Der Rest – Menschen in Alltagsklamotten, die verhandelten Probleme, Rob, der zum Rauchen vor die Tür geht – ist hier wie überall anders auch. Nicht größer, tragischer oder komischer als das Leben, sondern wie das Leben selbst.



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