Highend-Fleischbällchen Köttbullar doch selbst!

Vom Billy zur Bulette: Nicht jeder, der ein großes Möbelhaus ansteuert, will ein Regal kaufen. Viele haben ja einfach auch nur Hunger. Doch was taugt die Verpflegung zwischen Wurstschnecke und Wiener Schnitzel wirklich?

Von Hobbykoch

Peter Wagner

Was sind die Lieblingsgerichte von Deutschlands Durchschnittsesser? Wer eine Antwort sucht, muss nicht Hunderte Speisekarten von Kneipen und Restaurants studieren - ein Besuch in drei, vier Möbelhäusern genügt: Rindergeschnetzeltes mit Spätzle für 3,90 Euro. Bratwurstschnecke mit Sauerkraut und Kartoffeln für 5,50 Euro. Lasagne Bolognese für 3,40 Euro. Linseneintopf mit Wurst und Semmel für 3,90 Euro. Königsberger Klopse mit Salzkartoffeln und Roter Bete für 2,90 Euro. Schnitzel Wiener Art mit Pommes und Mischgemüse für 4,90 Euro.

Ob die Häuser nun Turflon heißen, Ikea, Möbel Mahler, Höffner, Möbel-Kraft, Zurbrüggen, Dodenhof, Neubert, Poco-Domäne, XXXLutz, Segmüller oder Hiendl - überall wird nicht nur probegesessen, sondern auch sattgegessen. Beim Magenfüllen zwischen Sessel und Regal ist alles egal, solange es nur billig und schnell den Hunger stillt. Wer fragt da schon nach Qualität? Gewissen? Umwelt?

Erst recht nicht in der "Happy Hour ab 16.00 Uhr", in der es laut Reklametafel "Alle frisch gekochten Speisen, Pommes Frites und aktuelle Angebote zum 1/2 Preis!" gibt. "Ausgenommen Schnitzel". Immerhin. Trotzdem: Von welchem Tier kann das Fleisch der Königsberger Klopse für 2,90 Euro stammen? Kann das geschnetzelte Rind für 3,90 ein Leben gehabt haben vor dem Tod? Wie kommt die Lasagne für 3,40 Euro von Bologna nach Osterholz-Scharmbeck?

Dumping-Preise als Lockmittel

Die Sättigungsbetriebe Deutschlands großer Möbelhäuser - manche nennen sich "Bistro", einige gar "Restaurant" - werden zumeist von eigenständigen Pächtern geführt, die nicht gern darüber sprechen, dass sie ihre Dumping-Preise oft nur mit Hilfe direkter oder indirekter Bezuschussung des Kaufhauses halten können.

Denn der Preis ist der Kern des Geschäftsmodells, der eigentliche Publikumsmagnet. In kaum einem anderen europäischen Land geben die Menschen einen so geringen Teil ihres Haushaltseinkommens für ihre Ernährung aus wie in Deutschland. Das spiegelt sich in den Möbelhaus-Futtertrögen perfekt wider: Einen Teil der Billigstangebote ermöglichen die Vermieter, den Rest erledigen die Gastronomen mit Quälfleisch, Matschgemüse und dem beherzten Einsatz von Mononatriumglutamat.

Erstaunlich, dass sich das immer mehr Menschen antun, die eher am Speisesaal denn an den Möbelhauswaren interessiert sind "Das ist ein Trend, der sich erst in den letzten Jahren entwickelt hat", hat Ikea-Sprecherin Silke Stahl der "Bild"-Zeitung gesagt. "Wir haben mittlerweile sogar viele Stammgäste, die nur zum Essen herkommen." Das fängt mit den Rentnern vom Stammtisch "Die Lutzianer" an, die sich beim "XXXL-Schlemmerfrühstück für 2" paarweise die 10,90 Euro teilen, und geht bei durchgehend warmer (im Klartext: warmgehaltener) Küche weiter über das Mittagessen, das die Angestellten benachbarter Firmen hier billiger und wahrscheinlich noch nicht mal schlechter kriegen als in der eigenen Kantine, bis hin zur täglichen Happy Hour.

Folterkeller der Massenspeisung

Qualitativ haben sich einige dieser Küchen in den vergangenen Jahren sogar verbessert und dabei andere Folterkeller der Massenspeisung hinter sich gelassen, etwa jene in Autobahnraststätten und in Bahnhöfen. Immer häufiger wird on demand frisch zubereitet. Bei Ikea haben sie nun neben "RÖKT LAX SMÖRGÅS" und den Schwedenbuletten Köttbullar sogar schon Biopasta - und sind damit ziemlich nah dran an einer vernünftigen Ernährung. Gut, die Pulverfertigsauce "GRÄDDSÅS" hat noch die volle Breitseite Lebensmittelchemie auf der Packung stehen, aber schon die Tiefkühl-Hackbällchen im "Schwedenshop" kommen mit Fleisch, Zwiebeln, Paniermehl, Ei und Gewürzen aus.

Wer dieses Gericht gerne isst, sollte vielleicht mal unsere heutige Highend-Version nachkochen. Dauert ein bisschen, aber dafür ist die Sauce frisch gekocht, statt Preisel- gibt es die urschwedischen Moltebeeren (als Konfitüre, denn roh schmecken sie eher muffig), die Klopse rollen wir aus selbstgewolftem Kalb und sorgen mit frischem Bries und Brät anstelle der darmwindtreibenden Zwiebeln für Fluffigkeit.

Solchermaßen gestärkt baut man sein IVAR in fünf Minuten auf.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 56 Beiträge
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Seite 1
tylerdurdenvolland 15.08.2010
1. ...
Zitat von sysopVom Billy zur Bulette: Nicht jeder, der ein großes Möbelhaus ansteuert, will ein Regal kaufen. Viele haben ja einfach auch nur Hunger. Doch was taugt die Verpflegung zwischen Wurstschnecke und Wiener Schnitzel wirklich? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,711583,00.html
Die übliche primitive Meinungsmache gegen alle Konzerne wie zB auch ALDI und LIDL, die Leuten mit kleinem Geldbeitel das Leben ab und zu erträglich machen. Warum nicht mal ein EHRLICH recherchierter Artikel über die Verflechtungen des den Spiegel besitzenden Konzerns mit der Lebensmittelindustrie? Ihr Heuchler! Ab mit dem Beitrag ins Zensur-Körbchen! Gell?
Peter Sonntag 15.08.2010
2. Abgeschmackt
Wenn es dem Autor des Beitrags möglich ist, in dieser überheblichen, elitären Weise über andere Leute und deren Essgewohnheiten zu schreiben, muss es auch möglich sein, ihn in seine Schranken verweisen zu dürfen. Ab in die Küche, Koch !
JeanLuc7, 15.08.2010
3. Zutatenliste...
Mal ganz abgesehen davon, dass ich Kalbsbries lieber nicht auf meiner Zutatenliste haben möchte. Stand der nicht auch mal auf der Liste der Innereien, die man wegen BSE-Gefahr meiden sollte? Dann lieber die Bio-Zwiebeln samt ihrer Folgeerscheinungen.
Auswahlaxiom, 15.08.2010
4. Der langweilige Sonntagswagner
Zitat von sysopVom Billy zur Bulette: Nicht jeder, der ein großes Möbelhaus ansteuert, will ein Regal kaufen. Viele haben ja einfach auch nur Hunger. Doch was taugt die Verpflegung zwischen Wurstschnecke und Wiener Schnitzel wirklich? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,711583,00.html
Keine Ahnung, ich koche lieber selbst. Aber den Beschreibungen des Möchtegernkochs Wagner nach zu urteilen, kann das Essen dort so schlecht nicht sein. Ich werd's mal ausprobieren. Zum Rezept des Sonntagskochs ist nur zu sagen, dass es gar nicht schmecken kann, weil hier jemand die Reste, die er in seiner Küche fand, zu einem langweiligen Kantinenessen im Retrostyle vermengt hat. Aber das gilt für jeden Beitrag des Herrn Wagner.
omex 15.08.2010
5. Super!
Ach klasse hört sich das an! Da krieg ich schon wieder richtig Hunger! und so billig! da gehe ich doch gerne hin, wo's ordentlich schmeckt, wo's für meinen Single-Haushaltsbeutel im Endeffekt billiger ist als zuhause selbst teuer den ganzen Kram einzukaufen - und sogar noch mit den teuren Elektro- und/oder Gaskosten zu erhitzen!...auch freue ich mich dort doch auf ein wenig Gesellschaft dann und wann - und wenn dann noch vielleicht ein netter Kerzenständer nebenher abfällt für 'nen guten Preis - was will ich mehr? Essen hat für mich nämlich etwas mit Entspannung, mit "den Kopf frei machen" zu tun, ein bisschen ablenken - und natürlich auch satt werden. Und in 99% der Fälle weniger damit, dass ich mich neben ARbeit etc. schon wieder stressen müsste, ob ich vor den vermeintlich ständig prüfenden Blicken der anderen oder meiner selbst denn nun ein guter Esser bin - solche Restaurants machen mir gute Laune!
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