Highschool-Serie im ZDF Stell dich den Dämonen!

"O.C. California" trifft "Twin Peaks": Im ZDF startet morgen Nachmittag die stilistisch bestechende US-Serie "Veronica Mars" über eine Teenie-Detektivin an einer Kleinstadt-Highschool. Kriminalfälle werden hier allerdings nur vordergründig verhandelt.

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Zum Glück gibt es den Führerschein in den USA schon mit 16. Ansonsten hätte Veronica Mars Schwierigkeiten, den Job auszuüben, der ihr mehr am Herzen liegt als ihre Highschoolausbildung. Mars ist Detektivin. Wie der klassische Schnüffler Marlowe legt sie enorme Strecken per Auto zurück, um in der weitläufig besiedelten Region an der kalifornischen Küste Verbindungen zwischen Verdächtigen herzustellen. Auch lassen sich im Schutz der Karosserie exzellent Gespräche mit Leuten führen, die es auszuhorchen gilt. Und schließlich kann man im Auto, während mild die Seeluft durchs heruntergekurbelte Fenster weht, über das Leben im Allgemeinen und das Verbrechen im Besonderen sinnieren.

Serienheldin Mars (Kristen Bell): Teen-Trauma trifft auf Kleinstadträtsel
ZDF/ Warner 2004

Serienheldin Mars (Kristen Bell): Teen-Trauma trifft auf Kleinstadträtsel

Bei Mars, der zum Sarkasmus neigenden Teendetektivin, wird so ein innerer Monolog schon mal zur Ansprache ans Publikum: "Ihr wollt wissen, wie ich meine Unschuld verloren habe? Das würde ich selber zu gerne."

Kurz gesagt: All die Untersuchungen, in die sie sich stürzt, sind eigentlich eine einzige Selbstvergewisserungsmaßnahme. Ihre Jungfräulichkeit wurde Mars geraubt, nachdem ihr jemand auf einer Party Drogen in den Drink gemischt hatte. Die beste Freundin wurde ermordet, der Freund hat sie abserviert, die Mutter ist durchgebrannt, der Vater hat etwas zu verbergen. Alles hängt irgendwie zusammen.

Man kann sich "Veronica Mars" als Mischung aus "O.C. California" und "Twin Peaks" vorstellen, Teen-Trauma trifft auf Kleinstadträtsel. Die Heldin lebt in dem (fiktiven) Ort Neptune, einer dieser schicken kalifornischen Siedlungen, die sich an die Abhänge am Meer schmiegen und in denen die eine Hälfte der Bewohner reich ist - und die andere Hälfte bei den Reichen putzt.

Es gab Zeiten, da stand Veronica Mars auf der Sonnenseite des Lebens, dann fand man ihre Freundin, Tochter aus wohlhabendem Hause, tot auf dem Luxusanwesen. Mars’ Vater nahm als örtlicher Sheriff einen der Honoratioren zu hart ins Verhör, danach wurde er suspendiert. Die junge Frau muss sich entscheiden: Entweder hält sie zur "In-Group" und stellt sich gegen ihren Vater - oder sie darf ihre Lunchpakete alleine auf dem Schulhof verspeisen. So viel sei gesagt: Sie verbringt ihre Pausen recht einsam.

Eine amerikanische Highschool, man weiß es aus einschlägigen Serien und Filmen, stellt ein kompliziertes soziales Dickicht dar. Es vollkommen zu durchdringen kommt einem kriminologischen Akt gleich. Da erscheint es nur folgerichtig, das Highschooldrama als Film-noir zu erzählen: In Rückblenden schlüsselt "Veronica Mars"-Erfinder Rob Thomas die Geschichte seiner Heroin auf und legt nach und nach die sozialen Arrangements innerhalb des Provinzkosmos’ offen. Es bleibt allerdings stets ein Gefühl der Ungewissheit und der latenten Bedrohung.

Trotzdem muss man die Serie unbedingt pädagogisch wertvoll nennen, filmästhetisch tadellos ist sie sowieso: Heikle Themen werden in der Serie explizit verhandelt, aber niemals spekulativ in Szene gesetzt. Es geht immerhin um date-rape, Transsexualität, den Missbrauch von Psychopharmaka oder den ganz alltäglichen Darwinismus an der Highschool.

In den USA hat der kleine Sender UPN zum Start von "Veronica Mars" begeisterte Kritiken eingefahren, der Publikumszuspruch aber kam eher schleppend. Die Produktion ist das, was man in Fachkreisen einen "Sleeper" nennt: Die Fanschar formierte sich langsam, Hauptdarstellerin Kristen Bell ist inzwischen trotzdem ein Star. In den USA läuft zurzeit mit Erfolg die zweite Staffel.

In Deutschland, da ist Pessimismus angebracht, wird sich dieser schleichende Ruhm noch schleichender einstellen. Denn das ZDF, im Umgang mit US-Highschool-Serien eher unbeleckt, hat die Rechte erworben und versendet die exquisite Serie nun am Samstag zur Mittagszeit, wo bisher der selbstproduzierte Familienschmonzes "Schlosshotel Orth" lief. Die Taktung, mit der sich ansonsten zu dieser Zeit die heile Welt ins Wohnzimmer des Fernsehzuschauers ergießt, will sich bei "Veronica Mars" nicht einstellen. Zwar wird pro Folge ein separater Fall aufgeklärt, die Probleme der halbwüchsigen Hauptfigur sind damit aber noch lange nicht gelöst.

Man hätte sich gewünscht, dass "Veronica Mars" bei ProSieben läuft, irgendwo in jenem Pogrammgroßraum, wo unlängst das Coming-of-age-Dramolett "O.C. California" erfolgreich gedieh und zuvor schon "Buffy - im Bann der Dämonen" zum Fernsehhit hochgepäppelt worden war.

Gerade "Buffy" folgt einer ähnlichen Erzählstrategie: Während man bei dem Serienklassiker die "Teenage Angst" als Fantasy-Horror kanalisierte, treibt sie die Protagonistin in "Veronica Mars" in einen labyrinthischen Krimiplot. In beiden Serien geht es darum, Sinn in die emotional diffuse Adoleszenz zu bringen. In beiden Fällen lautet die Devise: Stell dich den Dämonen!

So wird das relativ komplexe Rückblendengeflecht in "Veronica Mars", in dem nach Art der Schwarzen Serie zurückliegende Ereignisse immer wieder aufs Neue in den Verlauf der Serie integriert kommentiert werden, zum Mittel der Selbstfindung: Wie wurde ich, was ich bin? Und wie kann ich werden, was ich sein will?

Und so dringt durch den pessimistischen Grundton dieses extrem stilsicheren Highschool-Film-noir stets auch ein wenig Hoffnung: Es gibt einen Ausgang aus dem Gefängnis namens Pubertät. Um ihn zu finden, bedarf es aber eben eines enormen detektivischen Gespürs.


Veronica Mars: Ab 1. April, 14.15 Uhr, ZDF


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