Reichspräsident Hindenburg: Hitlers wissender Vollstrecker

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Der Mann, der Hitler ins Amt verhalf: Paul von Hindenburg war ein Meister moderner Medienstrategien, zuletzt ermöglichte er die Machtergreifung der Nazis. Dass er dabei trotz seines Alters keineswegs senil war, zeigt ein Film auf Arte - klug, kurzweilig und erstaunlich leichtfüßig.

Hindenburg-Porträt: Wegbereiter des Untergangs Fotos
Arte/ Bundesarchiv

Abgebildet auf Bierkrügen, Schmierölkännchen und Leberwurstpellen, war Paul von Hindenburg ein Superstar seiner Zeit: Im Ersten Weltkrieg "der Held von Tannenberg". In der Weimarer Republik unter dem prägnanten Werbeslogan "Der Retter" als Kandidat der Rechtsparteien 1925 zum Reichspräsidenten gewählt (und als Verzweiflungskandidat der Mitte-Links-Parteien 1932 wiedergewählt). Überhöht zum Ersatzkaiser und Garanten der Stabilität in Wirtschaftskrise und innenpolitischen Wirren, verhalf er schließlich jenem Mann ins Amt des Reichskanzlers, der ihm nach seinem Tod im August 1934 als Staatsoberhaupt des Deutschen Reiches nachfolgte: Adolf Hitler.

Als Lichtgestalt ließ sich Hindenburg nach dem Zweiten Weltkrieg deshalb nicht mehr so recht feiern. Auch wenn bis in die sechziger Jahre noch vereinzelt Monografien erschienen, in denen der einstige Kriegsherr und Politiker als "Persönlichkeit" gewürdigt wurde. Durchgesetzt aber hatte sich da bereits die Deutung, wie sie auch Golo Mann in seiner extrem erfolgreichen "Deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts" wiedergab: Der über 80-jährige Hindenburg als seniler Politiker, dessen Geist im Amt, wie Mann schrieb, "langsam verdämmerte". Noch 1997 folgte der Wiener Historiker Walter Rauscher dieser Sichtweise in seiner Hindenburg-Biografie.

Christoph Weinert bricht in seiner Dokumentation "Hindenburg" mit diesem Bild. Der Autor und Regisseur, der unter anderem für die ARD das Doku-Drama "Geheimsache Mauer" und die große Helmut-Schmidt-Apotheose "Mein Jahrhundert" gedreht hatte, zeigt einen Reichspräsidenten, der trotz seines hohen Alters alle politischen Entscheidungen bei klarem Verstand getroffen habe - und dabei auch politische Morde der Nazis (so während des so genannten Röhm-Putsches) ausdrücklich gutgeheißen habe. Weinert folgt damit den Ergebnissen der neueren Forschung - etwa des Stuttgarter Historikers Wolfram Pyta, der in der Sendung ausführlich zu Wort kommt.

"Wie ein altes Weib"

Geboren 1847, war Hindenburg Inbegriff eines monarchistischen preußischen Adligen: Mit zwölf Jahren kam er auf die Kadettenanstalt, eine Art Militärinternat mit entsprechendem Drill. Als 16-Jähriger wurde er am Berliner Hof Page der Königinwitwe. 1871 war er im Versailler Spiegelsaal dabei, als sich Wilhelm von Preußen nach der Niederlage Frankreichs zum deutschen Kaiser krönen ließ. Seine militärische Karriere allerdings verlief unspektakulär. Als 1914 der Erste Weltkrieg begann, war Hindenburg 66 Jahre alt, bereits in Pension und bettelte in einem Schreiben an den kaiserlichen Generalstab regelrecht darum, einberufen zu werden - er sitze zu Hause "wie ein altes Weib hinter dem Ofen" beklagte er sich.

Der Kriegsverlauf aber entwickelte sich zu Hindenburgs Gunsten: Weil die Deutschen im Westen feststeckten, drohte auf der anderen Seite des Zwei-Fronten-Kriegs eine russische Invasion Ostpreußens. Der als militärisches Genie geltende Erich von Ludendorff entwarf den Schlachtplan zur Verteidigung, stand allerdings im Ruf, menschlich schwierig zu sein und rangierte zudem in der Hierarchie der Armee zu weit unten. Auf der Suche nach einem würdevollen Oberkommandierenden, der eher dekorative Funktion haben sollte, erinnerte sich ein alter Bekannter an den Pensionisten Hindenburg.

Als Kriegsstratege mag Hindenburg nicht das Geschick Ludendorffs besessen habe - als Herr medialer Feldzüge stellte er ihn rasch in den Schatten. Nach einer siegreichen Schlacht in der Nähe des Örtchens Tannenberg schuf Hindenburg im semantischen Rückgriff auf eine historische Schlacht des Deutschen Ritterordens im Jahr 1410 eine der großen Mythen des Ersten Weltkriegs: die Schlacht von Tannenberg. Sie ermöglichte dem längst ausgemustert gewesenen Hindenburg eine märchenhafte Zweitkarriere, die ihn bis an die Spitze der Obersten Heeresleitung (OHL) trug.

Hauptverfechter der Dolchstoßlegende

Trotz der Niederlage des Deutschen Reiches gelang es Hindenburg, dass man seinen Namen in der Öffentlichkeit nicht mit diesem Debakel verknüpfte - mehr noch: Als einer der Erfinder der sogenannten Dolchstoßlegende gehörte der gescheiterte Kriegsherr auch zu den entscheidenden Propagandisten dieser die Jahre nach 1918 prägenden Verschwörungstheorie.

Das deutsche Heer sei "im Felde unbesiegt" gewesen, besagte sie, die Niederlage des Reiches Sozialdemokraten und Kommunisten zuzuschreiben, die den Soldaten an der Heimatfront in den Rücken gefallen seien. In der vom Krieg traumatisierten Gesellschaft der Weimarer Republik gewann diese These zahlreiche Anhänger und zerstörte so langsam die Akzeptanz der jungen Demokratie.

Dass ausgerechnet Paul von Hindenburg 1925 zum Reichspräsidenten gewählt wurde, war einer der Marksteine auf dem Weg in den Untergang der Weimarer Demokratie - auch, wenn sich das Staatsoberhaupt zunächst an die Buchstaben der Verfassung hielt. Als er im Sommer 1934 im Alter von 86 Jahren starb, hinterließ er ein politisches Testament, dessen Echtheit immer wieder in Frage gestellt wurde, auf das sich der Regisseur Weinert und der Historiker Pyta nun aber ohne Zweifel beziehen: "Ich scheide von meinem deutschen Volk in der Hoffnung, dass das, was ich im Jahre 1919 ersehnte und was in langsamer Reife zu dem 30. Januar 1933 führte", schreibt Hindenburg dort in Anspielung aufs Datum der Machtergreifung Hitlers, "zu voller Erfüllung und Vollendung der geschichtlichen Sendung unseres Volkes reifen wird." Das Ergebnis der Mission ist bekannt und hat Millionen von Menschen das Leben gekostet.

Christoph Weinert erzählt die Geschichte Hindenburgs trotz dieser historischen Perspektive mit erstaunlich leichter Hand und ohne jedes Pathos. Sein Film ist ein liebevoll gemachtes, in manchen unverfänglichen Szenen sogar verspielt wirkendes Panorama von neun deutschen Jahrzehnten, zu dessen Kronzeugen auch Hubertus von Hindenburg gehört - der mittlerweile 84-jährige Enkel des Reichspräsidenten. Er sagt, es sei bis heute kein Tag vergangen, an dem er nicht über die Verantwortung seines Großvaters nachdenke.


"Hindenburg", Dienstag, 20.15 Uhr, Arte

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