Garage-Band Hinds Wie die Lassie Singers auf Koks

Unfassbar, dass Bands mit Frauenbesetzung im Jahr 2018 noch immer die Ausnahme bilden - finden auch die Garage-Surf-Popperinnen Hinds. Und setzen ihre energetische Rock'n Roll-Attitüde gegen das Stereotyp.

Hinds 2016 bei einem Auftritt in Köln
DPA

Hinds 2016 bei einem Auftritt in Köln


Hinds haben was zu feiern: "Heute vor 4 Jahren haben wir unser erstes Konzert gegeben!" schreit Ana Perrote, Sängerin und Gitarristin der Band, ins Mikrofon. Der Saal kocht. Es wird getanzt, gesungen, eine Handvoll Fans wagen sogar Pogo.

Vor vier Jahren begann der Rock'n'Roll-Siegeszug der vier Mittzwanzigerinnen aus Madrid, die auf ihrem Debütalbum "Leave Me Alone" aus dem Jahr 2016 nichts beweisen, sondern einfach Spaß haben wollten.

Mittlerweile haben Hinds Hunderte Konzerte gegeben und viele Festivalbühnen dieser Welt mit ihrem rumpelnden Garage-Surf-Pop bereichert. Zu Anfang waren Ana Perrote und Carlotta Cosials (Gitarre/Gesang) ein Duo. Weil sie aber lieber E-Gitarren statt Akustikklampfen spielen wollten, holten sie noch Bassistin Ade Martin und Drummerin Amber Grimbergen hinzu. Beim Gespräch im Backstageraum des Molotow erzählt Cosials, dass sie sich bewusst für Frauen entschieden haben: "Wir fingen an, Musik zu machen, weil wir uns komplett frei fühlten, auch von jeglicher Beurteilung."

Cover von "I don't run": "Das ist, weil ihr Frauen seid"

Cover von "I don't run": "Das ist, weil ihr Frauen seid"

Perrote ergänzt: "Niemand sagte 'Das ist doch kein Song' oder 'Das Solo ist Mist'. Das Letzte, was wir wollten, war eine Band mit Jungs an Bass und Drums und mit uns als Sängerinnen. Dann hätte es geheißen 'Die Jungs machen die Songs und die Mädels haben nur hübsche Gesichter'!"

Wer schreibt eigentlich die Songs?

Unfassbar, dass Bands nur mit Mädchen oder Frauen im Jahr 2018, gut 25 Jahre nach der Geburt der Riot Grrrl Bewegung, immer noch nicht als "normal" gelten. Selbst arrivierte Künstlerinnen wie Björk oder Taylor Swift müssen sich mit Vorwürfen herumschlagen, sie würden ihre Songs nicht selbst schreiben oder produzieren - zu Björks letzter Platte "Utopia" hieß es, der Musiker Arca habe sie produziert und die Songs geschrieben, dabei war er nur Co-Produzent.

Derzeit wird auch viel darüber diskutiert, wie viele Frauen eigentlich aufKonzertplakaten von Festivals aufgelistet werden: Die Musikerin Laura Lee von der Band Gurr sagt, dass Frauen zu wenig wahrgenommen würden, und spricht das an, was Musikerinnen immer wieder passiert: "Als wir Erfolg hatten, wurde uns von anderen Bands in Berlin gesagt: 'Das ist, weil ihr Frauen seid.' Das hat mich sehr verletzt. Ich glaube, man kann zu jeder Männerband sagen: 'Ihr habt Erfolg, weil ihr Männer seid.' Aber das tut keiner. Da ist es immer Talent. Wir können uns noch so sehr anstrengen und unsere Instrumente beherrschen - dieser eine dumme Satz kann das alles entkräften."

Selbst der Waschzettel zur neuen Hinds-Platte "I don't run", die sie mit dem "The Strokes"-Produzenten Gordon Raphael aufgenommen haben, posaunt, dass sie ihre Instrumente mittlerweile besser beherrschen, nachdem zuvor von ihrem "charmanten Dilettantismus" die Rede war. Nervt sie das nicht einfach? Perrote: "Wenn wir Männer wären, hieße es: 'Wow, sie sind so Punk, sie sind live super, haben so eine Rockattitüde'. Aber weil wir Mädchen sind, können wir nicht Punk sein und auf der Bühne herumschreien und komische Sachen machen, schiefe Töne raushauen und herumtanzen und schwitzen."

"Wir nehmen uns Zeit"

Genau das machen aber Hinds live. Sie knallen dem Publikum alte und neue Hits wie "The Club", "New For You" und "Finally Floating" um die Ohren und beackern ihre Instrumente dabei mit einer ansteckenden Verve. Kurz vor den Zugaben springt Cosials ins Publikum, geht zur Bar, klettert hoch und singt von oben weiter. Danach springt sie zurück auf die Bühne. Frenetischer Jubel empfängt sie. Was für eine fantastische Show, oder wie es eine begeisterten Besucherin sagte: "Die sind wie die Lassie Singers auf Koks".

"Rock'n'Roll wurde immer von Männern gesteuert, nach dem Motto: Live fast, die young, tonight is the night, there is no tomorrow, don't think twice, und all der Kram, und so sind wir nicht. Wir nehmen uns unsere Zeit, wir rennen nicht. Das macht uns aber nicht weniger Rock'n'Roll. Ich fand es cool, unsere neue Platte deshalb 'I don't run' zu nennen", sagen Hinds.

Nein, Hinds rennen nicht. Und betonen am Schluss, wie sehr sie sich freuen, wenn sie von Mädchen und Frauen angesprochen werden, die Bands gründen, weil sie von ihnen inspiriert wurden. Denn: Nur, wenn es mehr weibliche Bands gibt, gibt es einen Weg aus der Nische, die die Frauen (nicht nur) in der Musik noch immer besetzen. Einfach trauen und loslegen!

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