Hintergrund Wehrmachtsausstellung in der Historikerkritik


Hamburg - Neben früheren Protesten rechter Gruppierungen hat es vor allem in der jüngsten Zeit zunehmend Kritik seriöser Historiker an der Wehrmachtsausstellung gegeben. Vor allem ein Beitrag des polnischen Historikers Bogdan Musial in den "Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte" (Ausgabe:IV/99) hatte im Oktober die kritische Debatte angeheizt.

Musial wies darauf hin, dass ein in der Ausstellung gezeigtes Bild, auf dem viele Leichen zu sehen sind, nicht eine Massenerschießung der Wehrmacht in Kraljewo (Serbien) dokumentiert. Stattdessen sei die Ermordung von Gefängnisinsassen Ende Juni 1941 durch den sowjetischen Geheimdienst NKWD im galizischen Lemberg zu sehen. Dort ermordeten die Sowjets vor ihrer Flucht vor der anrückenden Wehrmacht 3000 bis 4000 Häftlinge.

Glaubwürdigkeit der Zuordnung erschüttert

Musial versuchte in seinem Zeitschriftenbeitrag zu beweisen, dass wenigstens neun der Fotos der Ausstellung sowjetische Verbrechen zeigen und dass das auch bei weiteren zwei Dutzend vermutet werden kann. Der Historiker sah vor diesem Hintergrund die Glaubwürdigkeit der korrekten Zuordnung auch der übrigen Bilder der Ausstellung erschüttert. Musial unterstellte, dass der "Wahrheit" im Rahmen der Ausstellung "nachgeholfen worden" sei.

Auch der Leiter des Münchener Instituts für Zeitgeschichte, Horst Möller, warf den Organisatoren "Agitation" vor. Der Historiker Rolf-Dieter Müller vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt Potsdam hatte in der Ausstellung eine "Mischung von Aufklärung und Instrumentalisierung für politische Zwecke" gesehen und von einem methodisch fragwürdigen Verfahren gesprochen.

Musials ungarischer Kollege Krisztian Ungvary hatte in der Zeitschrift "Geschichte in Wissenschaft und Unterricht" unter der Zwischenüberschrift "Bilder, die nicht in die Ausstellung gehören" das Beispiel Stari Becej, ein Ort in der heutigen Vojvodina, genannt. Hier habe es zwischen 1941 und 1944 keine deutschen Truppen gegeben, da das ganze Gebiet zu Ungarn gehörte.

Nur ein Zehntel der Bilder ausstellungsgeeignet

Deshalb habe an diesem "Tatort" im Gegensatz zur Ausstellungsdarstellung auch keine Erschießung von elf Personen durch Deutsche stattfinden können. In einer statistischen Auswertung der 801 Fotos des Ausstellungskatalogs kam Ungvary zu dem Ergebnis, dass nur 80 Bilder sich für "das eigentliche Ziel der Ausstellung eignen", nämlich Opfer von Verbrechen mit Wehrmachtssoldaten als Tätern zeigen.

Auch der Historiker Michael Wolffsohn von der Münchener Bundeswehr-Universität kritisierte die Organisatoren der Ausstellung. Sie hätten verheerend gewirkt, sagte Wolffsohn der Zeitschrift "Neue Revue". Die unzähligen Fehler der Ausstellung würden den Ewiggestrigen, die die Verbrechen der Wehrmacht nicht wahrnehmen wollten, als Rechtfertigung dienen.

Der Berliner Antisemitismusforscher Wolfgang Benz verteidigte hingegen die Ausstellung. Er wies darauf hin, dass der Umgang mit der historischen Quelle "Foto" in der zeitgeschichtlichen Forschung erst seit kurzem sensibler geworden sei. Viele Wissenschaftler verließen sich auf die in den Archiven hergestellten Beschriftungen des Bildmaterials. "Die ganze Zeitgeschichte wimmelt von irgendwelchen Bildern, bei denen hinten etwas Falsches draufsteht."



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