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Hippie-Doku auf Arte: Im VW-Bus zur Erleuchtung

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Mit dem Fünfteiler "High sein, frei sein, überall dabei sein" zeichnet Arte die Hippie-Trails der Sechziger und Siebziger nach. Allerdings fast nur aus Gewinnerperspektive – die missglückten Selbstfindungsversuche der Ära werden weitgehend ausgeklammert.

Ohne den VW-Bus ging gar nichts. Er war die Kapsel, in der sich die jungen Leute in eine fremde Welten tragen ließen. Der berühmte Designer Philippe Starck dreht bewundernd ein buntbemaltes Miniaturmodell des Automobilklassikers in seinen Händen. "Der VW-Bus brachte die Menschen zusammen", spricht der Künstler ehrfurchtsvoll. "Er war das Loft von damals." Starck, der heute auf Formentera residiert und arbeitet, nennt sich selbst Neo-Hippie; er ist eines der einstigen Blumenkinder, das noch immer nach den floristischen Idealen von damals lebt. Zugegeben, heute mit einer etwas luxuriöseren Behausung als einem Volkswagen.

Szene aus dem Uschi-Obermaier-Film "Das wilde Leben": Mit dem VW-Bus in fremde Welten
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Szene aus dem Uschi-Obermaier-Film "Das wilde Leben": Mit dem VW-Bus in fremde Welten

Nein, die Hippie-Trails der späten Sechziger und frühen Siebziger, auf denen erleuchtungswillige junge Westeuropäer in ihren VW-Bussen Richtung Süden und Osten aufbrachen, führten nicht unweigerlich in die Entzauberung der Welt. Der Fünfteiler "High sein, frei sein, überall dabei sein", der die wichtigsten Routen der Glücksritter nach Ibiza und Marokko, nach Afghanistan und Indien nachzeichnet, ist kein Nekrolog auf eine Bewegung geworden. Die Doku-Reihe feiert vielmehr das, was geblieben ist vom "Summer of Love".

Schließlich soll es einigermaßen positiv in den großen Themensommer gehen. Bis Ende August dreht sich das Programm von Arte nämlich schwerpunktmäßig um die Kulturrevolution von 1967; es gibt also Spielfilme und Themenabende en masse zu bewusstseinserweiternden Drogen, entgrenztem Sex und spirituellen Erweckungserlebnissen. Es wird dann auch noch von den weniger sonnigen Seiten des Sommers der Liebe die Rede sein.

In dem Auftakt-Fünfteiler öffnen nun aber eben erstmal erfolgreiche Designer, Weltmusiker, Opernregisseure und Verleger ihre Tagebücher und Fotoalben von damals. Mit dabei ist auch die unvermeidliche Uschi Obermaier, die von ihren Abenteuern in Marokko erzählt. Dafür sucht sie noch einmal die geheiligten Orte Nordafrikas auf. Damals wie heute, das gibt die kunsthandwerkende Stil-Ikone gern zu, geht es aber eigentlich nur ums Shoppen. Damals wollte sie vor allem Haschisch und orientalischen Lederfransen-Nippes einkaufen, heute nur noch Lederfransen-Nippes.

Afrika machte die Grenzen dicht

Doch das Geplapper der Obermaier legt eben auch einige interessante und weiterführende Erinnerungen frei. So erzählt sie zum Beispiel, wie ihre langhaarigen männlichen Begleiter nicht über die Grenze gelassen wurden, weshalb sie dann allein weiter zog. Denn Ende der Sechziger versuchten die marokkanischen Behörden, mit verschärften Einreisevorschriften dem Andrang der Blumenkinder Einhalt zu gebieten. Wie sich die Zeiten ändern: Machte damals Afrika die Grenzen dicht, so tut es heute Europa.

Dabei waren die Hippies, dort wo sie einfielen, keineswegs allesamt unbeliebt. Auf das von Franco-Spanien klein gehaltene Ibiza brachten sie Ende der Sechziger eine gewisse Weltläufigkeit, bald beherbergte jeder Inselbewohner eine kleine Schar von Hippies. Und auch im fernen Kabul nahm man die bunten Vögel wohlwollend auf. "Wir fragten uns natürlich schon, weshalb sie so dreckig und mit so langen Haaren herumliefen", erinnert sich ein Afghane. "Aber sie erzählten uns, sie wollten frei sein. Das verstanden wir."

Die mit Hendrix-, Doors,- und Dylan-Songs arg vollgestopfte Doku zeichnet so zuweilen auch Prozesse echter kultureller Annäherung nach. Sicher, mit der richtigen Zusammenstellung bewusstseinserweiternder Substanzen im Handschuhfach fällt es einem natürlich recht leicht, das Fremde als das Eigene zu akzeptieren. In der Arte-Produktion wird das besonders schön deutlich anhand eines historischen Reportageausschnitts: Da beschwert sich eine Hippieblondine über die "Mohammedaner" in Marokko und lobt dafür die Offenheit der Afghanen. Auf den Einwand des Interviewers, dass seien doch auch "Mohammedaner", erwidert sie mit breitem Lächeln: "Ja, aber die sind hier alle stoned."

Verscharrt in Kabul

Doch der Arte-Film zeigt eben auch Blumenkinder, die tatsächlich jenseits solcher Drogenspaßigkeit die Erweckungserlebnisse von ehedem für ein Leben in der Gegenwart nutzbar machen. So wie eben Designer Starck oder Globetrotter Tony Wheeler, der es seit 1973 mit seinen "Lonely Planet"-Reiseführern zu einem millionenschweren Verleger gebracht hat, die Welt aber immer noch als Rucksacktourist bereist. Auffällig, wie gut, gesund und glücklich die in fluffiges Batik Gehüllten und mit Holzschmuck Behangenen aussehen. So würde man selbst auch gern mit 70 durchs Leben tänzeln.

Aber was ist nun mit den Irren, den Ausgebrannten und den Toten, den diese Befreiungsbewegung ebenfalls hervorgebracht hat? Ihre Gräber werden in dem dokumentarischen Feelgood-Movie eher im Vorbeigehen registriert – und machen doch Eindruck. So wie das des namenlosen Drogentoten, der auf Formentera unter seinem Kneipenspitznamen beerdigt wurde, weil niemand seinen richtigen Namen kannte. Oder so wie die vielen Erdhaufen auf einem christlichen Friedhof im Hindukusch. Die Holzkreuze der hier zur ewigen Ruhe gebetteten Blumenkinder wurden irgendwann in einem kalten Winter von den Einheimischen zum Feuermachen eingesammelt.

Verscharrt in Kabul, auch so ging mancher Hippietraum zu Ende.


"High sein, frei sein, überall dabei sein": Montag bis Freitag, jeweils 20.15 Uhr, Arte

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