Hippies in der DDR Mit Jesuslatschen gegen das Regime

Sie nannten sich Blueser, Tramper oder Kunden - und waren die ostdeutsche Variante der Blumenkinder: Die Hippies der DDR riskierten ständig den Konflikt mit der Staatsmacht. Ein neuer Dokumentarfilm zeigt, dass Spuren der subversiven Jugendszene bis heute überlebt haben.


Sie selbst hätten sich nie als Hippies bezeichnet. Ihre Träume und ihre Outfits ähnelten aber denen der westlichen Vorbilder. Zum Standard gehörten lange Haare, Nickelbrille, Batikkleider und - als Ost-Spezifikum - die "Jesuslatschen" genannten braunen Ledersandalen sowie aus Wandbehängen selbstgenähte "Hirschbeutel". Die Blumenkinder der DDR träumten von Freiheit und wollten der spießigen Enge des Arbeiter- und Bauernstaats entkommen. Die Ideale von "Love & Peace" hielten sie noch bis zum Fall der Mauer hoch, als im Westen die Mythen von "Flower Power" schon längst ad acta gelegt waren.

Fotostrecke

4  Bilder
DDR-Doku: "Wittstock statt Woodstock"
Unter dem Titel "Wittstock statt Woodstock - Hippies in der DDR" haben die beiden TV-Autoren Lutz Rentner und Frank Otto Sperlich ("Mahlzeit DDR") einen Film gedreht, der erstmals eine der vitalsten und langlebigsten Jugendkulturen des real existierenden Sozialismus porträtiert. Publizisten, Musiker, Alltagsforscher und Szene-Aktivisten berichten darin über die bislang kaum beachtete Facette der DDR-Geschichte. Und die Reaktionen der ersten Zuschauer zeigen, dass der Kult bis heute überlebt hat.

"Mir war damals nicht klar, dass ich Teil einer Szene bin", sagt Antje Pfeffer rückblickend. Trotzdem erinnert sich die Mittvierzigerin gern an die Zeit, als sie noch buntgefärbte Nachthemden trug, Wochenende für Wochenende mit Freunden am Straßenrand stand und den Daumen in den Wind hielt - um zum nächsten Konzert zu trampen.

"Gammler" wurden von der Stasi observiert

Ins sozialistische Weltbild passten die Blumenkinder kaum. Für die Staatsmacht galten sie als "Gammler" und Anhänger des Klassenfeinds. Ziel war es, die "subversiven Elemente zu zersetzen" - wie es im Partei-Deutsch hieß. Die Staatssicherheit versuchte die Jugendszene so gut es ging zu überwachen. So ist im Film die Originalstimme eines IMs mit den Worten zu hören: "Hier sind unterschiedlich angetrunkene Leute - eben so richtige Gammler mit amerikanischen Klamotten (...) vielleicht werden wir eingreifen."

Schon der haarige Trend war in den Augen von Staatsmacht und DDR-Bürgertum eine gnadenlose Provokation. "Lange Haare waren ein Zeichen von Aufmüpfigkeit", erinnert sich auch Christoph Dieckmann. Der heutige Autor und "Zeit"-Journalist, der immer noch einen Pferdeschwanz trägt, musste sich als Jugendlicher von seiner Lehrerin anhören: "Mit diesen Haaren, keine Abschlussprüfung".

Wichtiger als Äußerlichkeiten war für die Szene aber die Musik. Gehört wurden DDR-Bands wie "Renft", "Engerling", "Monokel oder "Freygang" - die zwischen den Zeilen der Liedtexte ihre Ablehnung der sozialistischen Moral zum Ausdruck brachten. Auf Konzerten erwarteten die Fans aber auch, dass die Musiker Songs der westlichen Idole wie "Beatles", "The Doors", "Jimi Hendrix" oder "Bob Dylan" nachspielten.

Die Hochburgen dieser ostdeutschen Musikszene lagen in der Provinz im Süden der Republik und an der Peripherie großer Städte. Vor allem in Dorfkneipen und Tanzsälen in Thüringen und Sachsen war in den siebziger Jahren "Party angesagt", erinnert sich Stephan Trepte, Frontmann der Bands "electra", "Lift" und "Reform". Jedes Wochenende kamen Fans zu Hunderten angetrampt, "der Saal tobte" und oft glichen die Lokalitäten nach den Konzerten "einem Scherbenhaufen".

Schnaps statt Hasch

In Ermanglung von Haschisch und anderen bewusstseinserweiternden Mitteln - wie sie zum Repertoire der Hippies im Westen gehörten - berauschten sich die Ost-Blumenkinder literweise an Bier, Wein und Schnaps. Der Alkoholexzess - auch das war ein essentielles Merkmal der Szene. "Wir haben uns schon heftigst die Kante gegeben", sagt Ex-Blueser-Mädchen Pfeffer. Ein anderer Zeitzeuge erinnert sich, dass man nach jedem Konzert "in einem Sud von Bier und Blut" watete. "Da waren dann die im Vorteil, die Arbeitsschuhe statt Jesuslatschen trugen."

Ab 1979 holte die Evangelische Kirche die Szene in die Gotteshäuser. Sogenannte Bluesmessen boten den Ost-Hippies eine Mischung aus Musikevent und politischer Diskussion über Tabuthemen wie Wehrpflicht, Ökologie oder Lebenssinn.

Spiritus Rector dieser Veranstaltungen war der Berliner Pfarrer und spätere CDU-Bundestagsabgeordnete Rainer Eppelmann. Die Kirche war der einzige öffentliche Raum, in dem relativ frei Sozialismuskritik geübt werden konnte. Spätestens jetzt wurde aus der Jugendkultur auch eine politische Bewegung. Die Anhängerschaft war aber inzwischen zu groß, als dass die Stasi noch durchschlagend entgegenwirken konnte. Allein eine Bluesmesse in Ostberlin zog bis zu 7000 trampende Fans aus dem gesamten DDR-Gebiet an.

Ostdeutsche Hippie-Netzwerke immer noch vital

Von Anfang der siebziger Jahre bis zum Fall der Mauer 1989 überlebte die ostdeutsche Hippie-Szene, sagt der Musikwissenschaftler Michael Rauhut. Auch heute gebe es noch vitale Netzwerke der früheren DDR-Blumenkinder. Ute Müller, Spitzname "Citrone", umschreibt ihre Jugendträume mit den Worten: "Wir wollten frei sein, Musik hören und nicht bevormundet werden". Citrone, heute Mitte 40, trifft sich immer noch mit ihren Freunden aus Leipzig, Erfurt und Zwickau, tanzt zur Musik aus alten Zeiten und wird wahrscheinlich auch noch wenn sie Oma ist zwei geflochtene Zöpfchen und knallroten Lippenstift zur Blümchenbluse tragen.

Auch das unerwartet hohe Zuschauerinteresse an dem 45-minütigen Film zeugt von einer immer noch überraschend großen Fangemeinde. Mehrere hundert Menschen wollten gestern Abend die Uraufführung des Films sehen. Zu viele für den Kinosaal des Berliner Zeughauses. Die "Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur", die die RBB-Produktion unterstützte, organisierte außerplanmäßig eine zweite Vorstellung. Unzählige Anhänger mit langen Haaren und Nickelbrille harrten zwei Stunden in eisiger Kälte aus, um den Film doch noch ansehen zu können. Danach sagten viele, "es hat sich gelohnt" und "genauso war es".

Im vergangenen Oktober lief "Wittstock statt Woodstock" bereits im Regionalprogramm des RBB. Vielleicht finden die Filmemacher nun auch noch einen Filmverleih, der die Nischenkultur der DDR auf die große Leinwand bringt. Auf jeden Fall kann der Film demnächst bei der "Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur" zu politischen Bildungszwecken ausgeliehen werden.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.