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Hirnforschung: Typisch Frau? Von wegen!

Von Sigrid Schmitz

Die Frau hat soziale Kompetenz, der Mann kann besser einparken: Die Hirnforschung wird gern als letzte Instanz der Wissenschaft herangezogen, um Geschlechterunterschiede zu untermauern. Was vielfach verschwiegen wird: Ein Beweis für das typisch männliche oder weibliche Wesen wurde bisher nicht gefunden.

"Die Wissenschaft hat festgestellt ..." So beginnen häufig die Argumentationen in populärwissenschaftlichen Büchern, mit denen Klischees über die angeblich natürlichen Unterschiede zwischen Frauen und Männern zu unumstößlichen Wahrheiten deklariert werden. Noch genauer: Die Hirnforschung könne uns jetzt im Detail zeigen, wo die Ursachen dafür liegen, dass die Frau sozial, kommunikativ, emotional und häuslich sei, der Mann dagegen aggressiv, wettbewerbsorientiert und hinausdrängend in die Welt.

Geschlechter-Trennung und -Gemeinsamkeit: Dem Hirn ist's egal
DDP

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Zwei Botschaften werden hiermit vermittelt. Diese Unterschiede seien unser Schicksal, wir könnten sowieso nichts daran ändern. Und diese Unterschiede hätten sich in unserer Evolution entwickelt und körperlich verankert, weil es eben so vorteilhaft für das Fortbestehen unserer Gesellschaft sei, wenn Frauen und Männer für unterschiedliche Arbeitsfelder biologisch prädestiniert sind: die Frau als Beziehungshüterin, der Mann als der Kämpfer um die überlebenswichtigen Ressourcen.

Die heutige Geschlechter- oder Genderforschung kann eine Menge zu dieser Diskussion beitragen. Anders als vielfach in den Medien verbreitet, ist der Feminismus weder tot noch bereiten wir Feministinnen uns darauf vor, mit Hilfe des "Gender Mainstreaming" die Weltherrschaft zu übernehmen, wie Volker Zastrow von der FAZ es gerne als Schreckensbild an die Wand malt. Tatsächlich allerdings verunsichern wir den Glauben an die angeblich so unumstößlichen wissenschaftlichen Wahrheiten zur Naturhaftigkeit der Geschlechterunterschiede. Und das ist nicht bedrohlich, sondern eröffnet ganz neue Möglichkeiten: Feminismus und Geschlechterforschung zeigen Wege auf, wie wir alle mit unseren Körpern oder unseren Gehirnen umgehen können, ohne immer gleich in die Glaubensfalle zu tappen, dass die Biologie uns schicksalhaft auf unveränderliche Verhaltensmuster festlege.

Es war eines der größten Verdienste der Geschlechterforschung, die Kategorien Sex (= biologisches Geschlecht) und Gender (= soziales Geschlecht) zu trennen. So konnte gezeigt werden, dass Weiblichkeit und Männlichkeit eben keine rein natürlichen Bestimmungen sind. Geschlechterzuschreibungen und Geschlechterrollen, ihre Bewertungen und Hierarchien werden in der Gesellschaft ausgehandelt und durch ihre Strukturen verfestigt. Jede und jeder einzelne wächst gewissermaßen in diese Geschlechterrollen – mehr oder weniger – hinein. Das ›Mehr oder weniger‹ ist dabei wichtig, denn glücklicherweise ist dieses Doing Gender, dieses tagtägliche Herstellen von Geschlecht, eben nicht biologisch festgelegt. Mädchen müssen nicht nur mit Puppen spielen, Jungen müssen nicht immer nur raufen. Frauen können sehr wohl die angeblich männlichen Berufe ergreifen und als Managerin, Informatikerin oder Baggerfahrerin erfolgreich sein; Männer sind genauso gute Lehrer, Erzieher oder Krankenpfleger. Und so können wir zumindest für unseren Kulturkreis sagen, dass die angeblich so getrennten Geschlechterrollen zunehmend durchbrochen werden. Auf der Genderebene verschwimmen die Unterschiede zwischen Frauen und Männern immer mehr.

Was machen wir nun aber mit der Kategorie Sex, also dem biologischen Geschlecht? Sicherlich war es lange Zeit so, dass sich die sozialwissenschaftlich geprägte Genderforschung mit den körperlichen Aspekten des Geschlechts wenig befasst hat. Über den Sex zu forschen war eher verpönt, roch es doch nach Biologismus. Doch das hat sich in den letzten Jahren geändert. Heute ist es eine der spannendsten Fragen, wie biologisches und soziales Geschlecht zusammenwirken. Wir alle agieren mit unseren Körpern, wir verändern sie, wir setzen sie in der Interaktion mit anderen oder beispielsweise auf dem Arbeitsmarkt ein. Nicht umsonst hat der Slogan 'Körper als Bioaktie' heute Konjunktur. Unsere gesamte Entwicklung, unser Denken und Handeln spielt sich ständig in einem Netzwerk aus Wechselbeziehungen zwischen Körper und Umwelt, zwischen Natur und Kultur ab. Biologie und Gesellschaft können nur zusammen verstanden werden.

Weil die Genderforschung diese Wechselbeziehungen genauer in den Blick nimmt, kann sie heute zwei Dinge deutlich machen. Sie kann erstens den Blick öffnen, wie vielfältig Geschlechter tatsächlich sind, und zwar sowohl was ihre Körper als auch was ihre gesellschaftlichen Rollen betrifft. Sie kann zweitens zeigen, wie sich gesellschaftliche Vorstellungen und die Wissenschaft, insbesondere die naturwissenschaftliche Forschung, gegenseitig beeinflussen. Denn auch Forscher und Forscherinnen arbeiten nicht im luftleeren Raum. Geleitet von ihren Vorstellungen über angeblich vorhandene oder fehlende Unterschiede zwischen Frauen und Männern entwickeln sie Theorien und Experimente, wählen sie Daten aus und lassen andere weg, publizieren sie bestimmte Interpretationen ihrer Ergebnisse. Das heißt nicht, dass Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen dies mit Absicht oder bewusst tun; vielmehr wirken Geschlechtervorstellungen auf ihre Arbeit ein, eben weil sie versuchen, diese zu ignorieren.

Umgekehrt werden bestimmte Ergebnisse der Wissenschaft, die zu den gängigen Vorstellungen passen, häufiger aufgegriffen als andere. Und damit schließt sich der Kreis. Denn das, was die Wissenschaft angeblich bewiesen hat – folgen wir den populärwissenschaftlichen Zeitschriften, Radio- und Fernsehsendungen oder Büchern –, das beeinflusst nun auch wieder unsere Vorstellungen von Geschlecht. Genau hier können wir ansetzen und näher betrachten, welche wissenschaftlichen Befunde denn überhaupt vorliegen, wie sie entstehen, welche gesellschaftlich wirksam werden und wie wir den Blick für andere Umgangsweisen mit Körper und Geschlecht öffnen können.

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