Hirst-Auktion in London Schlachtfest mit dem goldenen Kalb

Eine Jahresproduktion für 140 Millionen Euro unter dem Hammer: Die Mega-Auktion des britischen Künstlers Damien Hirst war ein fulminanter Erfolg. Finanziell und konzeptionell: Der Künstler darf sich rühmen, die Perversionen des Kunstmarktes vorgeführt zu haben.


Der Tanz um das "Goldene Kalb" des Damien Hirst begann am Montag um Punkt 19 Uhr bei Sotheby’s in der New Bond Street in London. Einlass zur Auktion mit dem Titel "Beautiful Inside My Head Forever" war um 18 Uhr. Für geladene Gäste natürlich, denn es gab nur 800 Sitzplätze – und ein paar reservierte Räume, damit Megasammler wie Francois Pinault oder Bernard Arnault unsichtbar bleiben konnten. Ob die da waren? Man weiß es nicht. Ist aber auch egal.

Denn die erste Auktion, bei der ein Künstler jemals direkt seine ganze Jahresproduktion eingeliefert hatte, ist so oder so zu einem fulminanten Erfolg geworden. Von einem "historischen Ereignis" schwärmte Sotheby’s. Und der Künstler selbst? Er sprach von der "Demokratisierung der Verteilung".

Damien Hirst meint das ernst, und dass er diesen Schritt gerade jetzt macht, ist für ihn eine Performance, ein gewagtes Abenteuer, mit dem er die elitären Verteilungsstrategien des Marktes vorführen will. Das ist ihm gelungen.

Und der Protest der Galerien, die sich übergangen fühlten? Ist scheinheilig. Die Auktionshäuser haben längst Allianzen mit den Galerien geschlossen; die Galerie "Haunch of Venison" etwa gehört zu Christie's, Saatchi hat sich mit dem Auktionshaus Phillips de Pury zusammengetan.

Am Montag kam sie also, die so herbeigesehnte Meldung, dass alle Lots des ersten Auktionstages verkauft sind, zu einer Summe von 70,5 Millionen Pfund. Ein Hai in Formaldehyd brachte 9,5 Millionen Pfund, rund das Doppelte des Schätzpreises.

Und es gab andere Sensationen: Ein kleines Objekt mit Zigarettenkippen, aufgerufen mit 10.000 Pfund, brachte schließlich 90.000 Pfund, Schmetterlinge, blau und rot, in schmalen, hohen, ellipsenförmigen Rahmen gingen weit über Schätzpreis weg.

Alles, was nicht so teuer aufgerufen wurde, hatte viele Bieter – und stieg im Preis. Die sogenannte "Flachware" für die Wand kletterte mühelos über dem Schätzpreis.

So ging es am Dienstag weiter. Gesamterlös: 111 Millionen Pfund, umgerechnet 140 Millionen Euro. Noch nie zuvor brachte die Auktion von Arbeiten eines einzelnen Künstlers so viel ein. Den bisherigen Rekord hielt Pablo Picasso: 1983 wurden 88 seiner Werke für insgesamt 14 Millionen Euro versteigert.

Junge, attraktive Käuferinnen

Für den deutschen Kunsthändler Heiner Bastian bot dessen Sohn Aeneas Bastian im Saal, Hirsts New Yorker Händler Larry Gagasion wurde von seinem Londoner Mitarbeiter Stefan Ratibor vertreten, neben ihm saß Jay Joplin, Hirsts erster Londoner Galerist.

Beide trieben nicht die Preise hoch, sondern kauften eher zurückhaltend. Nur für ein großes Bild legte Joplin sich richtig ins Zeug und bekam den Zuschlag bei 900.000 Pfund. Es zeigt das Porträt des Künstlers, fast noch als Kind, neben dem Kopf eines alten Mannes und existierte bisher bereits als kleineres Foto.

"Dafür hat er richtig gekämpft", sagt eine Kölner Privatsammlerin, die im Saal saß. Viele junge, attraktive Mädchen seien ihr aufgefallen, erstaunlicherweise ohne Herrenbegleitung, die gezielt auf einige Bilder boten. Anscheinend für sich selbst, denn welche Vermittlerin flüstert ihrer unbekannten Stuhlnachbarin schon "wish me luck" zu, ehe sie die Hand hebt und auf ein Schmetterlingsbild bietet?

Der Finanzmarkt bricht ein, der Kunstmarkt feiert

Nachdem die ersten zwölf Lots verkauft waren, löste sich die Spannung sowohl beim Versteigerer, bei den mindestens 30 Mitarbeiterinnen am Telefon - und auch im Saal. Denn ganz ignorieren konnte man die Bankenkrise und den tiefgrauen Montag an der Wall Street dann doch nicht.

Schon bei der Besichtigung war sie ein Thema, dem allgemein der Glaubenssatz "zurück in die Sachwerte" entgegengesetzt wurde - was sich auch zu bestätigen scheint. Denn während der Finanzmarkt einbricht, registriert der Kunstmarkt immer neue Rekorde; so bei dieser Auktion.

Wallstreet-Krise hin oder her, am Abend vor der Versteigerung hatte Sotheby’s zur Party geladen, natürlich mit dem Künstler, und es wurde so wild getanzt, dass ein Zigarettenbild am nächsten Tag restauriert werden musste.

Hirst, der Montag den ganzen Tag während der Besichtigung im Auktionshaus gewesen war, feierte gleich weiter. Mit Freunden, die meist aus der Musikszene kommen und ein paar alten Kumpels aus seiner Berliner DAAD-Stipendiaten-Zeit, die er nach London eingeladen hatte.

In seiner Arbeit geht es um die Kälte, den Beweis, dass das Inhumane über das Humane gesiegt hat, um die "Brutalität der Verlorenheit und der Verlogenheit".

Aber vielleicht bringt seine inszenierte Performance "Beautiful Inside My Head Forever", die andere "Sotheby’s Auktion" nennen, ihm so viel Spaß und Hoffnung auf Zukunft, dass demnächst seine Arbeiten ganz anders aussehen werden.

Wer weiß.



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