Historiker Goldhagen: "Der politische Islam knüpft an die Nazis an"

Europa muss lernen, dem fundamentalistischen Islam die Stirn zu bieten - das fordert der US-Politologe Daniel J. Goldhagen im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Er wirft den politischen Islamisten vor, argumentativ in der Tradition der Nazis zu stehen. Appeasement helfe nicht weiter.

SPIEGEL ONLINE: Herr Goldhagen, auf Ihrer Vortragsreise durch Deutschland warnen Sie vor dem "politischen Islam". Was wollen Sie mit dem Begriff sagen?

Politologe Goldhagen: "Mir geht es um eine Antwort auf die radikale Politik und auf die Bedrohung"
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Politologe Goldhagen: "Mir geht es um eine Antwort auf die radikale Politik und auf die Bedrohung"

Goldhagen: Der politische Islam ist eine Bewegung, die die Trennung zwischen Religion und Politik aufhebt - eine totalitäre Bewegung, die Politik und Gesellschaft nach den Vorstellungen des fundamentalistischen Islam formen will. Sie ist anti-demokratisch, anti-pluralistisch, anti-liberal. Wo immer diese Bewegung an der Macht ist, werden Menschen verfolgt und ermordet.

SPIEGEL ONLINE: Kritiker werfen Ihnen vor, dass Sie Islam und politischen Islam nicht klar voneinander abgrenzen...

Goldhagen: ...eine Unterstellung, die einfach falsch ist. Ich habe wiederholt gesagt, dass der Islam vielfach interpretiert werden kann. Mir geht es aber gar nicht um eine Erklärung, was Islam ist, was Moslems glauben. Mir geht es um eine Antwort auf die radikale Politik und auf die Bedrohung, die manche mit dem Islam begründen. Um zu differenzieren, vermeide ich explizit Begriffe wie "radikaler Islam" oder "Islamofaschismus". Wir dürfen auch nicht nur vom "Islam" reden, denn viele Muslime haben ein modernes, pluralistisches Verständnis von der Religion und ihrem Verhältnis zu Gesellschaft und Politik. Wir sollten deshalb tatsächlich von einer politischen Bewegung sprechen - die sich politisch versteht, politisch handelt, sich politische Ziele setzt. Eben darauf müssen wir politisch antworten.

SPIEGEL ONLINE: Sie meiden den Begriff "Islamofaschismus" - sprechen aber von Gemeinsamkeiten zwischen Nazismus und politischem Islam.

Goldhagen: Ja. Auch wenn beides nicht deckungsgleich ist: Die zentralen Argumente des politischen Islams knüpfen mehr an die Nazis an als an jede andere politische Bewegung unserer Zeit. Beide predigen einen Genozid. Beide drohen damit, ganze Gruppen von Menschen abzuschlachten. Politische Islamisten erlassen Fatwas zur Ermordung von Millionen Amerikanern und rechtfertigen dies mit dem Koran. Sie haben einen Todeskult, für den es mit Ausnahme der Nazis und möglicherweise Japans zur Kaiserzeit keine Parallele gibt. Nazis und Islamisten glorifizieren den Tod - denken Sie zum Beispiel an die Selbstmordattentäter im politischen Islam. Und es gibt Gemeinsamkeiten im Antisemitismus. Was die politische Islamisten über Juden sagen, ist exakt in Nazi-Lehrbüchern nachzulesen. Schauen Sie sich die Charta der Hamas an: Juden sollen verantwortlich sein für die Französische Revolution, die russische Oktoberrevolution, den Ersten Weltkrieg, den Zweiten Weltkrieg - und praktisch alle anderen Kriege.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollen wir uns verhalten?

Goldhagen: Bisher praktiziert Europa Appeasement - inner- und außerhalb seiner Grenzen, zum Beispiel gegenüber Iran. Die Europäer müssen klarmachen, dass sie anti-demokratische Politik und Gewalt nicht länger tolerieren. Wenn wir Drohungen nachgeben, bauen wir die politischen Islamisten nur weiter auf. Es war zutiefst beunruhigend, dass so viele europäische Kommentatoren im Streit um die dänischen Mohammed-Karikaturen gesagt haben, das Problem seien nicht hauptsächlich die Proteste - sondern die Karikaturen selbst.

SPIEGEL ONLINE: Die Europäer verhielten sich passiv, hatten Angst, die Islamisten noch zusätzlich zu provozieren.

Goldhagen: Gewalt und gewalttätiger Protest sind nicht akzeptabel. Politik und Medien hätten das Recht der Karikaturisten auf freie Meinungsäußerung verteidigen müssen. Sie hätten alles dafür tun müssen, dass niemand in Gefahr gerät. Wir müssen mit den härtesten legalen Maßnahmen gegen jede Drohung, jeden Angriff auf die Freiheit vorgehen. Wenn Europa null Toleranz dafür zeigt, wird es der politische Islam dort sehr schwer haben. Die friedlichen Muslime müssen mit mehr Schlagkraft ausgestattet werden, und sie müssen sagen: Wir teilen diese Orientierung nicht. Wir wollen nicht, dass der politische Islam unsere Gemeinschaft so repräsentiert.

SPIEGEL ONLINE: In einem Essay schrieben Sie jüngst recht optimistisch von einem Prozess des Wachrüttelns in Europa. Tatsächlich aber nahm die Deutsche Oper in Berlin aus Angst das Stück "Idomeneo" vom Spielplan. Weichen die Europäer nicht in Wahrheit immer noch zurück?

Goldhagen: Bisher glaubten viele Europäer, alle Probleme mit dem politischen Islamismus würden in der Nahost-Krise wurzeln, in Israel. Aber der Karikaturenstreit, die Operndebatte und die Todesdrohungen gegen den Papst nach seiner Regensburger Rede haben nichts zu tun mit Israel oder den USA. Das gibt Europa jetzt einen klareren Blick auf das Wesen des Konflikts: Es geht nicht um Israel allein - der politische Islam lehnt den Westen grundsätzlich ab. Er sieht unser Lebensmodell als Bedrohung, und er ist davon überzeugt, dass die westliche Kultur auf ihren Untergang zusteuert. Der Karikaturenstreit und die Angriffe auf den Papst sollten Weckrufe für Europa gewesen sein.

SPIEGEL ONLINE: In der kommenden Woche besucht der Papst die Türkei. Auch dort wurde er wegen seiner Rede in Bayern harsch angegriffen...

Goldhagen: ...es wird eine sehr schwierige Reise für ihn. Jeder dort erwartet, dass er sich entschuldigt. Aus politischen Gründen braucht es das auch. Das Oberhaupt der katholischen Kirche sollte nicht eine andere Religion beleidigen. Aber zugleich muss er sehr entschlossen sagen, dass es nicht zu tolerieren ist, wenn das Leben eines Menschen wegen Meinungsäußerungen bedroht wird.

SPIEGEL ONLINE: Der Westen ist sich sicher, dass Iran nach Atombomben strebt - tut sich aber schwer im Umgang mit dem Regime. Was wäre die angemessene Antwort?

Goldhagen: Wenn Menschen Massenmord praktizieren wie die Selbstmordattentäter; wenn Menschen einen Völkermord androhen wie der Iran gegenüber Israel; wenn Menschen Genozid begehen wie das politisch-islamistische Regime im Sudan - dann dürfen Europa, die USA und der Rest der Welt das nicht tolerieren. Der Westen tut viel, um Iran sein sogenanntes friedliches Nuklearprogramm zu ermöglichen. Aber niemand kann doch ernsthaft an ein friedliches Energieprogramm glauben - in einem Land, das über solche Ölreserven verfügt wie Iran. Präsident Ahmadinedschad geht es um die Atombombe. Sie ist der große militärische und strategische Gleichmacher. Wir müssen diese Drohungen ernst nehmen. Wenn Menschen die Sprache von Massenmördern sprechen, meinen sie es auch so. Und wenn solche Leute eine Atombombe bekommen, ist es wahrscheinlich, dass sie sie auch einsetzen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Wahl haben wir jetzt?

Goldhagen: Entweder man erlaubt Iran den Besitz von Atomwaffen - oder man zerstört seine Atomforschungsanlagen. Sollte Iran kurz vor der Bombe stehen, wäre es unverantwortlich, sein Atomprogramm nicht zu zerstören. Erinnern Sie sich an 1981. Die Zerstörung des irakischen Atomreaktors durch die Israelis war die nach dem Zweiten Weltkrieg wichtigste militärische Operation für die Menschheit. Denn sonst wäre es unmöglich gewesen, Saddam 1991 aus Kuwait zu vertreiben, und dann hätte dieser Massenmörder den Ölzufluss zur ganzen Welt kontrolliert.

Das Interview führte Sebastian Fischer

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