Populäre Historikerin Brigitte Hamann ist tot

Sie räumte mit dem "Sissi"-Mythos auf und bewies, dass gründliche historische Untersuchungen auch publikumswirksam formuliert sein können. Jetzt ist die Historikerin Brigitte Hamann gestorben.

Brigitte Hamann
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Brigitte Hamann


Die deutsch-österreichische Historikerin Brigitte Hamann ist am Dienstag im Alter von 76 Jahren gestorben. Das bestätigte ihre Familie. Hamann hatte in den letzten Jahren zurückgezogen gelebt.

Bekannt geworden war die Historikerin 1978 gleich mit ihrem ersten Buch "Rudolf. Kronprinz und Rebell". Ihre 1000 Seiten umfassende Dissertation über den österreichischen Thronfolger, der sich 1889 gemeinsam mit seiner Geliebten erschossen hatte, war um die Hälfte gekürzt in Buchform ein Verkaufsschlager.

Hamann wollte mit ihrer Arbeit beweisen, dass es durchaus möglich ist, populäre Themen auf wissenschaftlich präzise Weise so darzustellen, dass auch interessierte Laien zum Lesen angeregt werden. Damit setzte sie sich gegen die Zweifel ihres Ehemanns, des Historikers und Universitätsprofessors Günther Hamann, durch, dessen Privatassistentin sie zunächst gewesen war.

Damit wurde aus der Hausfrau, die drei Kinder großgezogen hatte, eine populäre freie Historikerin, deren Bücher zu Bestsellern gerieten. Das galt vor allem für das 1981 erschienene Werk "Elisabeth. Kaiserin wider Willen", mit dem sie den kitschigen "Sissi"-Mythos der Filme als ebensolchen entlarvte. Im Vorfeld hatte Hamann in Bern Elisabeths Tagebücher entdeckt. Die Historikerin schilderte sie auf dieser Grundlage einfühlsam als "sehr depressive, sehr müde, ironische und sarkastische Frau", wie sie einmal bemerkte.

Ein weiterer großer Wurf gelang ihr 1996 mit der Schilderung des Lebens des jungen Adolf Hitler: "Hitlers Wien - Lehrjahre eines Diktators". Darin wies sie nach, dass der gescheiterte Künstler in der Zeit von 1908 bis 1913 zwar den Antisemitismus kennenlernte, aber die Juden-Feindschaft noch nicht lebte. Vielmehr zählte er Juden zu seinem Freundeskreis.

Brigitte Hamann wurde in Essen geboren und war gelernte Journalistin. 1965 zog sie nach Wien und heiratete Günther Hamann, ein Professor alten Schlags. Ihre Tastversuche in Richtung Wissenschaft seien ihm aufgrund ihres Vorlebens als Journalistin peinlich gewesen, erzählte Hamann einmal.

Nach den Büchern "Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth" (2002) und "Der Erste Weltkrieg. Wahrheit und Lüge in Bildern und Text" folgte zuletzt ein Band über den Hausarzt von Hitlers Mutter: "Das Leben des Armenarztes Eduard Bloch".

kae/dpa



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