Hitler-Dokumentation "Das fucking größte Monster"

Ein 20 Millionen teures Dokumentarspiel über Adolf Hitler, angekündigt als TV-Ereignis des Jahres, entpuppte sich als Seifenoper. Statt zu erklären, wie der gebürtige Österreicher zum größten Monster der Weltgeschichte wurde, präsentierte der US-Sender CBS ein plattes Melodram mit erfundenen Schlüsselszenen - Hitler für Dumme.

Von , New York


Diktator Hitler: "Er ist sehr sensibel"
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Diktator Hitler: "Er ist sehr sensibel"

New York - Da ist der Tod des Vaters: Im Esszimmer der Familie vom Schlag getroffen, kippt er vor den Augen des jungen Adolf tot aufs Parkett. Oder die Sache mit der Bombe: Nur weil er zufällig gerade sein Feldzelt verlassen hat, um seinen Hund zu verprügeln, entgeht Soldat Hitler dem Tode. Dann die Geschichte mit seinem jüdischen Armee-Vorgesetzten, den Hitler erpresst, um das Eiserne Kreuz verliehen zu bekommen.

Viel sagende Szenen aus Adolf Hitlers Lehr- und Wanderjahren, mit aufwändigem Hollywood-Detail nacherzählt im Doku-Drama "Hitler: The Rise of Evil" ("Hitler: Der Aufstieg des Bösen"), den der US-Fernsehsender CBS als "Fernsehereignis des Jahres" angedroht und jetzt in zwei Teilen zur besten Sendezeit ausgestrahlt hat, am Sonntag und am Dienstagabend.

Das Dumme daran: Die besagten "Dokumentar"-Szenen sind frei erfunden. "Thematische Wahrheit" nennt Produzent Peter Sussman diese nebulöse Nonchalance: fiktive Anekdoten, um Lücken auszufüllen, die das Archiv der Geschichte gelassen habe. Obwohl das Objekt der Begierde in diesem Fall eine der am besten dokumentierten Personen der Menschheit und jede künstlerische Freiheit somit äußerst dubios ist. Andererseits: Dass Hitlers Vater in Wirklichkeit im Gasthaus Wiesinger über einem Glas Wein verschied, ist eben nicht ganz so telegen.

Die dramaturgischen Freiheiten waren nicht das einzig Irritierende an diesem vierstündigen, als authentisch und "lehrreich" (Sussman) verkappten Schmäh, der von Werbepausen auf verdauliche 10-Minuten-Häppchen zugeschnitten worden war. Der Ritt durch Hitlers frühe Jahre, von der Wiege bis zur Kristallnacht, entpuppte sich als bemühte, im Ansatz lobenswerte, in der Ausführung weitgehend unterirdische Seifenoper, die auch auf dem Melodramen-Kabelkanal "Lifetime" ("Television for Women") hätte laufen können. Der Holocaust folgte als Fußnote, im Abspann.

Schauspieler Carlyle (M.) als Hitler: Mr. Spock mit Glasgower Akzent
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Schauspieler Carlyle (M.) als Hitler: Mr. Spock mit Glasgower Akzent

Es war ein wohl bezeichnender Einblick in den Zustand amerikanischer Volksbildung und Kultur unter George W. Bush, dem Cowboy-Präsidenten, der stolz darauf ist, dass er keine Bücher liest. Vorab-Kritiker jedoch, die eine Verharmlosung Hitlers zu einem unverstandenen, auf Abwege geratenen Ideologen befürchtet hatten, durften am Ende beruhigt zu Bett gegangen sein. Dazu war der Quotenköder, den CBS mitten in der "Sweep Season", der werbeträchtigen Straßenfeger-Saison vor dem Sommerpause-Recycling ausstrahlte, ganz einfach zu platt.

Dabei wurde immerhin mittelprächtiger Schauspieladel aufgeboten: Peter O'Toole gab den Reichspräsidenten Hindenburg so grandios, wie vor 41 Jahren seine Lebensrolle "Lawrence von Arabien" - nur halt ein wenig tattriger. Stockard Channing ("Grease") hatte eine Mini-Rolle als Hitlers Mutter. Matthew Modine und Julianna Margulies - der Fritz Wepper und die Gurdun Landgrebe der USA - brachten erst das rechte Flair eines "Made-for-TV"-Spielfilms ein.

Als Hitler schwitzte, starrte, brüllte und bebte der Schotte Robert Carlyle, 42, ("The Full Monty") durch die teils gemalte Kulisse. Eine undankbare Aufgabe, zugegeben - wer kann schon einem Alec Guinness oder Charlie Chaplin das Wasser reichen, den wohl besten Hitlers der Filmgeschichte?

Drei Stunden lang täglich, so prahlte CBS, habe Carlyle in der Maske gesessen und sich zu Hause in der Wanne den "Ring der Nibelungen" angehört, um seiner Rolle näher zu kommen. "Er war das fucking größte Monster, das je gespielt wurde", schauderte Carlyle. Er selbst entschied sich, ihn als Mr. Spock mit Glasgower Akzent zu spielen. Da durfte er dann so tiefsinnige Dinge von sich geben wie: "Die Räder der Geschichte haben sich gedreht." Oder: "Wenn ich falle, hüllt meinen Leichnam ins Hakenkreuz." Oder: "Ich mag keine sterbenden Dinge um mich herum." (Böser Blick auf verblühte Osterglocken, Abblende.)

Massenszene aus "Hitler - The Rise Of Evil": Historische Ungenauigkeiten
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Massenszene aus "Hitler - The Rise Of Evil": Historische Ungenauigkeiten

Schnelle MTV-Schnitte, unheilschwangere Soundtrack-Choräle, Zeitlupe, eine Kamera, die nie still steht: Der kanadische Regisseur Christian Duguay ("Joan of Arc") ließ keinen cineastischen Knüppel und kein Klischee aus: Die Guten klimpern auf dem Klavier Schumann, die Bösen hören Wagner. Die Psyche Hitlers und die des deutschen Volkes, an der sich Bataillone von Historikern aufgerieben haben, presste Duguay in schlichte Schablonen: Hitlers Kindheit, der unbekannte Faktor hier, fand in schnellen Horrorfilm-Flashbacks statt, in denen der arme Bub aussieht wie Linda Blair im "Exorzist". "Er ist sehr sensibel", erläutert Muttern.

Doch, sicher, Hitler ist ein Monster, fällt aber dennoch vor einer Dame auf die Knie, die Mundwinkel zitternd, die Augen feucht. Die Deutschen sind entweder Täter, Mitläufer oder, in einer seltenen Ausnahme, heroische Widerständler - alle trinken jedoch immer und gerne Bier. Zwischentöne? Widersprüche? Duguay, so zeigt sich schnell, ist kein Steven Spielberg, und sein Geschichtsverständnis das der siebziger Jahre.

Trotz 20 Millionen Dollar Drehaufwand nahm es der Regisseur mit historischen Feinheiten ohnehin nicht so genau. Bad Wiessee heißt mitunter Bad Weissee, der Reichstag wird zum "Reischtag", der Obersalzberg ist eine kleine Berghütte. Eva Braun stellt sich als "Eva Brohn" vor, Hindenburg und Hitler nennen einander "Sir". Über einer Straßenszene "in München" thront die Prager Burg, weil die Außenaufnahmen in der tschechischen Hauptstadt stattgefunden hatten. Dafür wurden Szenenwechsel immerhin mit akribischen Ortsmarken gekennzeichnet: "Munich, Germany, December 1924" - nicht zu verwechseln mit Munich, Texas. "Hitler für Dumme", schimpfte zu Recht der TV-Kritiker Scott Feschuk.

Der Zweiteiler, über ein Jahr lang in der Mache, basiert ursprünglich auf dem Buch "Hitler, 1889-1936: Hubris" des britischen Historikers Ian Kershaw. Dessen penibel befußnotete Rekonstruktion der Jugendjahre Hitlers war dem CBS-Präsidenten Leslie Moonves jedoch nicht unterhaltsam genug. Der erste Drehbuchautor Ross Parker wurde gefeuert, sein Skript aufgepeppt. Woraufhin Kershaw entsetzt seinen Namen zurückzog: "Ich habe damit absolut nichts mehr zu tun", ließ er eilig verlauten.

Damit ging das Debakel aber erst los. Von Anfang an hatten es die Kritiker auf CBS und die kanadische Produktionsfirma Alliance Atlantis abgesehen. Während Sussman der Hoffnung Ausdruck verlieh, dieses filmische Werk werde eines Tages "in den Regalen der Historie" landen, fand der "Newsday"-Kolumnist Jimmy Breslin schon die Grundidee "total bekloppt" Als nächstes, empörte sich Rabbi Marvin Hier vom Simon Wiesenthal Center, könne man sich wohl auf den Spielfilm "Der junge Saddam" freuen. KZTV und KVTV, zwei CBS-Tochtersender im tiefsten Texas, weigerten sich sogar, den Film auszustrahlen. "Die Humanisierung Hitlers ist unangemessen", fand Sendeleiter Dale Remy. Zum Ersatz kam "Superman II" ins Programm.

Auch intern gab es Zoff. Einer der Produzenten wurde gefeuert, weil er das Klima in Deutschland vor dem zweiten Weltkrieg öffentlich mit dem in den USA vor dem Irak-Krieg verglichen hatte. CBS-Boss Moonves selbst war auch nicht viel diplomatischer. Zuerst siedelte er den Film in der demografischen Werbezielgruppe der 17- bis 34-Jährigen an - in einem Atemzug mit der Unterwäsche-Modenschau von "Victoria's Secret." Und dann freute er sich vor der Presse: "Wir sind sehr stolz auf Hitler..." - Schreckpause, Räuspern, Erröten - "...die Serie."

Aber am Ende war alles dann wohl doch nur ein Sturm im Wasserglas. 13,6 Millionen Amerikaner sahen den ersten Teil am Sonntag. Das waren nur fast halb so viele Interessenten wie in der selben Woche fürs Saison-Finale der NBC-Sitcom "Friends" und die Fox-Castingshow "American Idol".



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