Hitlers Kunstmuseum in Linz Der Diktator als Kurator

Er wollte die Crème de la Crème europäischer Kunst in Linz versammeln: Mit teilweise unrechtmäßig erworbenen Gemälden plante Adolf Hitler die Eröffnung eines Kunstmuseums. Zur Ausstellung kam es nie - jetzt ist die Sammlung des Diktators erstmals im Internet zu sehen.

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Ob er von Anfang an auf Kunstraub bei Eroberungszügen hoffte? Nur wenige Wochen vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, im Juni 1939, rief Adolf Hitler den "Sonderauftrag Linz" ins Leben. Nach dem geplanten "Endsieg" wollte der "Führer" ein opulentes Kunstmuseum in seiner Lieblingsstadt Linz im "angeschlossenen" Österreich errichten. Es sollte Werke der großen Meister des 15. bis 19. Jahrhunderts aus Deutschland, Italien und Holland in einem Prachtbau zeigen.

Mehr als ein Dutzend Rembrandt-Bilder, zwei Vermeers, Gemälde von Rubens, Watteau und Canaletto: Die gesammelten Kunstobjekte Hitlers, darunter auch Tapisserien, Skulpturen und Möbel, zeigt das Deutsche Historische Museum (DHM) jetzt im Internet. Insgesamt 4731 Fotos stellten Forscher in zweijähriger Arbeit ins Online-Archiv, dazu gibt es Daten zu Vorbesitzern und Verbleib.

"Bei der Gestaltung hätte Hitler das letzte Wort gehabt"

Das Thema Raubkunst spielt für das Berliner Inventar eine zentrale Rolle. Denn bei vielen Werken konnte bis heute nicht geklärt werden, ob sie unrechtmäßig erworben wurden oder durch Enteignung jüdischer Besitzer oder Zwangsverkäufe in die Sammlung gelangten. "Selbst wenn ein Kunstwerk offiziell gekauft wurde, ist nicht sicher, dass das legal war", sagt Monika Flacke, Sammlungsleiterin des DHM. Denn die Forscher vermuten, dass auch unrechtmäßig durch die Gestapo beschlagnahmte Werke über den Umweg Kunsthandel in die Linzer Sammlung gelangten. Da Hitlers Museumsmacher die Gemälde offiziell auf dem Markt erwarben, konnten so möglicherweise illegale Quellen verschleiert werden. Jetzt soll die Präsentation im Internet auch ein wertvolles Hilfsmittel für die Herkunftsforschung werden.

Dem Online-Projekt kommt zugute, dass die Amerikaner nach Kriegsende knapp 40.000 beschlagnahmte Kunstwerke auf Karteikarten archivierten, darunter auch die Kandidaten für Hitlers Prestigeprojekt an der Donau. Schon zuvor hatten die Mitarbeiter von Dr. Hans Posse, der als Leiter der Gemäldegalerie Dresden unter Hitler für den "Sonderauftrag Linz" verantwortlich war, mit großer Genauigkeit die Werke katalogisiert und fotografiert.

Schließlich sollte der "Führer" zunächst anhand der Abbildungen entscheiden, welche Werke er tatsächlich im Museum zeigen wollte. "Bei der Gestaltung und Hängung hätte Hitler das letzte Wort gehabt", sagt Historiker Hanns Christian Löhr. Für sein Buch "Das braune Haus der Kunst - Hitler und der 'Sonderauftrag Linz'" sichtete er das Archivmaterial aus dem Bundesarchiv, das nun der Weltöffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.

Forscherstreit um den Umfang der Sammlung

Das Forscherteam des DHM brachte nun erstmals Karteikarten und Fotos mit Hilfe der historischen Inventarnummern zusammen. Zwar sind die Werke heute in ganz Europa in staatlichen und privaten Sammlungen verstreut, doch zumindest online ist "nach Aktenstand von 2008 die Sammlung des Sonderauftrages Linz komplett", sagt Flacke. "Das ist eine kleine Sensation."

Dem widerspricht die österreichische Forscherin Birgit Schwarz, Autorin des Buches "Hitlers Museum", das die Pläne eines "Führermuseums" in Linz dokumentiert. "Posse schätzte, dass es allein in Österreich 1500 Objekte gab, die zum Inventar des Führermuseums gehörten", sagt sie. Dabei habe es sich zum Großteil um Raubkunst aus jüdischen Sammlungen in Wien gehandelt, doch diese Gemälde, Porzellanteller, Münzen und Kleinskulpturen seien von den deutschen Forschern nicht erfasst worden. Auch in Frankreich und Polen habe es noch Werke gegeben, die sich nicht in dem Inventar wiederfänden. Löhr entgegnet darauf, dass man nur das präsentiere, von dem man mit Sicherheit wisse, dass es in der Auswahl für Linz war. Dass es noch weitere Werke gebe, will er nicht ausschließen.

Mit einem Budget von 130 Millionen Reichsmark (zum Vergleich: Der durchschnittliche Monatslohn eines Arbeiters lag damals bei etwa 150 Reichsmark) hatte Hitler große Pläne für sein "Führermuseum" in Linz. Er selbst war bei der Aufnahmeprüfung der Wiener Kunstakademie gescheitert, hatte als Postkartenzeichner gearbeitet. Später ließ ihn seine Kunstleidenschaft keine Kosten und Mühen scheuen, um in die Fußstapfen seines Sammlervorbilds Ludwigs I. zu treten.

Nur das Beste war gut genug

Viele der für die Kunstobjekte bezahlten Beträge übertrafen sogar die damals üblichen Preise. Für manchen Kunsthändler wurde das Linzer Projekt dadurch zum finanziellen Glücksfall. "Hitler wollte einfach von allem das Beste haben", sagt Löhr. Der teuerste Erwerb war Vermeers berühmtes Gemälde "Der Maler in seinem Atelier", das damals schon 1,5 Millionen Reichsmark kostete. Ein weiterer Vermeer mit dem Titel "Astronom" kam als Beutekunst aus der Pariser Rothschild-Sammlung dazu. Wäre die Linzer Sammlung je realisiert worden - sie wäre für Löhr in der "Premier League der europäischen Museen" gewesen.

Hitler mochte die Romantik sowie Münchner und Wiener Malerei des 19. Jahrhunderts, bevorzugte ländliche Idylldarstellungen gegenüber der Sozialkritik zeitgenössischer Werke. Knapp 800 Bilder befanden sich in seiner Privatsammlung, der Basis für das Linzer Großprojekt. Trotzdem vertraute er nicht nur seinem eigenen Geschmack, als er den Experten Posse für Linz einsetzte. "Als der Kunstkenner Posse die Leitung übernahm, gewann die Sammlung an kunsthistorischer Relevanz", sagt DHM-Sammlungsleiterin Flacke. Der Architekt Albert Speer schrieb später in seinen Erinnerungen, dass Posse entsetzt gewesen sei, als Hitler ihm die Bilder seiner eigenen Sammlung gezeigt habe - so dilettantisch war die Auswahl des Diktators.

Ein Großteil der von den Nazis beschlagnahmten Bilder konnte mittlerweile den rechtmäßigen Besitzern zurückgegeben werden. Doch in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden bleiben noch manche Fälle ungeklärt. "Meine Vermutung ist, dass in den Beständen, die heute noch in staatlichem Besitz sind, der Anteil unrechtmäßig erworbener Kunst bei etwa zehn Prozent liegt", sagt Historiker Löhr.

Ende des Jahres wird er mit seinen Mitarbeitern auch die mehr als 70.000 Karteikarten und Fotos des amerikanischen Central Collecting Point ins Netz stellen. Darauf ist Raubkunst archiviert, die die Alliierten 1944 ins Salzbergwerk von Altaussee im Salzkammergut brachten. Vieles davon - doch bei weitem nicht alles - konnte bisher restituiert werden. Vielleicht kann so das Internet helfen, ein paar Erben der Opfer von Hitlers Sammelwut zu entschädigen.

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