"Hitlers Österreich" Servus Adolf!

Plötzlich war nicht nur der Schlagbaum oben, sondern auch der rechte Arm. Die ebenso aufregende wie nüchterne neue Dokumentation "Hitlers Österreich" liefert Erkenntnisse, wie sehr die NS-Ideologie im Alpenland willkommen war - und einen besonders effizienten Tätertypus gebar.

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Woher nur kommen von einem Tag auf den anderen all diese Hakenkreuzbanner? Der Schauspieler Dietmar Schönherr, der damals mit seiner Familie in Innsbruck gelebt hat, sucht noch heute nach Erklärungen: Anfang März hätten die Leute noch zum rot-weiß-roten Banner "Heil Österreich" gerufen, aber "zwei Tage später wehten von allen Häusern Hakenkreuzfahnen und alle schrien: 'Heil Hitler!'. Eigenartig."

Vor fast genau 70 Jahren, am frühen Morgen des 12. März 1938, landet SS-Reichsführer Heinrich Himmler auf dem Flughafen in Wien, kurz darauf überquert die deutsche Wehrmacht und Polizei mit gut 100.000 Mann die deutsch-österreichische Grenze. Drei Tage später, am 15. März, jubeln bereits 250.000 Menschen auf dem Heldenplatz in Wien ihrem früheren Landsmann Adolf Hitler zu. Der verkündet dort feierlich den "Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich".

Sagen wir mal so: Der "Anschluss", die "Heimkehr", die "Einverleibung" oder wie immer die Anbindung des Alpenlandes ans Hitler-Deutschland vor 70 Jahren schon genannt wurde, war keine große Sache. Nennenswerten Widerstand gab es offenbar nicht. Oder wie es nun in dem Doku-Zweiteiler "Hitlers Österreich" an einer Stelle heißt: "Natürlich haben die Deutschen das Land überrannt. Aber man hat ihnen auch die Schlagbäume hochgehalten."

Jörg Müllner ("Göring – Eine Karriere") untersucht nun für das Fernsehen im großen Stil die Ereignisse. Das Thema ist heikel. Schließlich bezog Österreich seine Nachkriegsidentität zum Großteil aus dem Glauben, Hitlers erstes Opfer gewesen zu sein. Doch heutige Schätzungen legen nahe, dass etwa zwei Drittel der Bevölkerung für den Anschluss waren.

Als eine Art Nazifizierung im Zeitraffer erscheinen deshalb die Entwicklungen im Frühjahr 1938, wie sie von Müllner skizziert werden. Der Filmemacher hat auch privates Farbfilmmaterial zusammengetragen, mit dem er zeigt, dass abseits der inszenierten Nazi-Begrüßungsparaden Hakenkreuz und Braunhemd durchaus als neuer politischer Chic euphorisch genutzt wurden. Der Historiker Gerhard Botz vom Wiener Institut für Zeitgeschichte, der die Doku fachlich begleitet hat, erklärt sich die Begeisterung so: "Hitler wurde als erfolgreicher Auslandsösterreicher wahrgenommen – der jetzt kam und seine Landsleute an seinem Glück teilnehmen ließ."

Besonders drastisch offenbart sich der ideologische Kickstart Österreichs im Verhältnis zur jüdischen Bevölkerung des Landes. Im ZDF-Film erinnert sich der Überlebende Gershon Evan, dessen Familie im März 1938 gerade ein Lebensmittelgeschäft eröffnet hatte: "Was in Deutschland fünf Jahre gedauert hatte, passierte in Österreich nun in fünf Tagen." Der latente Antisemitismus entlud sich in allerkürzester Zeit in Pogromen und Enteignungen.

So gesehen liefert "Hitlers Österreichs" neue Aspekte zur Täterforschung, die mit Jonathan Littells kontrovers diskutiertem Roman "Die Wohlgesinnten" ins breitere öffentliche Bewusstsein gerückt ist. Gebar der Alpenfaschismus doch im gewissen Sinne auch einen besonders effizienten Tätertypus.

Die Gestapo-Behörde in Wien zum Beispiel war bald eine der größten im NS-Reich. In der "Judenfrage" bewiesen die Nazi-Strategen in der Stadt besondere Ambitionen. So entwickelten sie ein Deportationsmodell, dass in alle Ecken des Deutschen Reiches und später in die eroberten Gebiete exportiert wurde. Federführend war dabei ein junger Mann namens Adolf Eichmann, der später mit buchhalterischer Genauigkeit die komplette Logistik zum Völkermord ausarbeiten sollte.

Natürlich gab es das andere Österreich; den katholischen Widerstand zum Beispiel und die vielen Bürger, die verfolgte Juden bei sich versteckten. Auch davon erzählt Jörg Müllners Zeitenporträt. In Zeitzeugenbefragungen und in Spielszenen, die so dezent wie selten in den Geschichtsstunden des Zweiten inszeniert sind, zeigt er Spurenreste von Menschlichkeit im faschistischen System. Er wagt sich aber eben auch an die Aufgabe, zum längst noch nicht aufgearbeiteten NS-Kapitel trockene Fragen zu stellen – zum Beispiel die nach der psychoökonomischen Konditionierung der Täter.

Auch wenn "Hitlers Österreich" längst nicht all diese Fragen beantwortet, vermittelt der Zweiteiler eine wichtige Grunderkenntnis, die in der forcierten Geschichtsmelodramatik des "Gustloff"-Senders ZDF oft verschütt geht: dass Faschismus auch immer Karrieremöglichkeit war. Laut einer in diesem Zusammenhang zitierten statistischen Analyse war der relative Anteil der Österreicher an leitenden Positionen in den KZs besonders hoch.

Der NS-Staat funktionierte so als besonders perfides Managementsystem: Wollte der österreichische Einsteiger nach ganz oben, musste er eben in der großdeutschen Tötungsindustrie besonderen Leistungswillen demonstrieren.


"Hitlers Österreich", heute und Dienstag, 18. März, jeweils 20.15 Uhr, ZDF

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