Hochhuth-Premiere "McKinsey kommt" Verpufft im sinnfreien Raum

Schon vor der Uraufführung sorgte das neue Werk von Rolf Hochhuth für einen Skandal: Dem Dramatiker war vorgeworfen worden, zum Mord an Deutsche-Bank-Chef Ackermann aufgerufen zu haben. Die Premiere des Revolutionsspektakels geronn zu einer zähen Agitprop-Farce.

Von Karsten Langer


Gnadenlos: Hochhuths Kapitalisten, die Gräfin (Marion Wiegmann) der Präsident (Lutz Blochberger) und sein Medienberater (Ingolf Mueller-Beck)

Gnadenlos: Hochhuths Kapitalisten, die Gräfin (Marion Wiegmann) der Präsident (Lutz Blochberger) und sein Medienberater (Ingolf Mueller-Beck)

Früher schlugen sich die Kapitalisten mit dem Stigma des bösen Ausbeuters herum. Für die Gegenwart hat nun der Dramatiker Rolf Hochhuth den wahren Feind der demokratischen Gesellschaft entlarvt.

Mit Hilfe der Chefideologen von McKinsey kürzt und kündigt und rationalisiert der Superkapitalismus, gedeckt von Staat und Gesetz, damit der Gewinn ins Unermessliche steige. Auf der Strecke bleiben die Heerscharen der Entlassenen. Eine Abrechung mit dem System sollte das neue Hochhuth-Stück "McKinsey kommt" werden, eine Anklage gegen die Leistungsgesellschaft, deren Hauptmerkmale Herzlosigkeit, Kälte und Rücksichtslosigkeit sind.

Einen strategisch günstigen Zeitpunkt hat sich Hochhuth für die Premiere ausgesucht: Klaus Esser muss sich vor Gericht verantworten, Josef Ackermann wird Betrug vorgeworfen, und Jürgen Schrempp muss Schadenersatzzahlungen in Milliardenhöhe fürchten. So hat die Wirtschaftselite in der Öffentlichkeit schnell den Ruf korrupter Desperados.

Trittbrettfahrer der Anarchie

Auch der Ort der Premiere war klug gewählt: Früher gab es in Brandenburg an der Havel ein Stahlwerk. Nach Mauerfall und Schließung wurden 20.000 Menschen entlassen, die aktuelle Arbeitslosenquote liegt bei 20 Prozent. Dem Volk, das nach Gerechtigkeit schreit, kommt ein moralischer Heilsbringer wie Hochhuth gerade recht. Entsprechend hoch schlugen die Wellen schon im Vorwege.



 Das Böse hat einen Namen: Den Zwängen folgend, ruft der Präsident (Lutz Blochberger) nach McKinsey  Verhandlung in der Sache Bundesrepublik versus Hilde Zumbusch: Alle haben ein Recht auf Arbeit  Der Staatssekretär (Lutz Blochberger) stellt auf Durchzug: Schon Bismarck forderte das Recht auf Arbeit ein
 Saufen gegen den Frust: "Wir nehmen den Wodka, nicht die Kalaschnikow"  Träumen von ener besseren Welt: Zwei Arbeitslose Arbeiterinnen (Reante Siegl, Marion Wiegmann) aus dem Stahlwerk  Keine Klagen, damit wenigstens die Rente bleibt: Die Ausgemusterten sind in ihrer Not leicht zu korrumpieren

McKinsey kommt
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Aber was mit einem medialen Sturm begann, setzte sich auf der Bühne als laues Lüftchen fort, das weder frösteln machte noch den feurigen Atem der Anarchie erahnen ließ.

Die Geschichte ist kurz die: Ein reicher Mann opfert viele arme Menschen dem Profit. Die armen Menschen sind ohnmächtig in ihrer Wut ("Wir nehmen den Wodka, nicht die Kalaschnikow"). Der Reiche Mann frohlockt. ("Entlassen!") Die armen Menschen begehren auf und stürzen das System ("Wir fordern Recht auf Arbeit. Brecht die Macht der Banken und Konzerne").

Trotz des utopischen Finales ergeben sich die Figuren bei Hochhuth vor allem in Hilflosigkeit und Resignation ihrem Schicksal. Da räsonieren die Ausgestoßenen der Gesellschaft im trauten Kreis, beweinen ihre Unzulänglichkeit und hecken halbherzig Revolutionspläne aus. Vergeblich mühen sich die Schauspieler, dem drögen Text Leben einzuhauchen. Dem eklektizistischen Sammelsurium aus Zahlen und Zitaten kommt allzu oft die Stringenz abhanden.

DaimlerChrysler kauft das Waggonwerk in Oerlikon: Der Bürgermeister (Harald Arnold) und seine Tochter, die Langzeitstudentin (Heide Domanowski) diskutieren die Lage

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Allein dem mit Leidenschaft gespielten Revolutionsführer Wetzel (Ingolf Mueller-Beck) gelingt es pünktlich zum Finale, dem statischen Agitprop-Geplänkel etwas Leben abzuringen. Ansonsten blieb Hochhuth weit hinter der Brutalität Brechts oder dem Unbehagen Heiner Müllers zurück. Es genügt eben nicht, alten Wein in neuen Schläuchen zu verkaufen und alte Phrasen mit neuen Feindbildern auszustaffieren.

Unverständlich bleibt, warum die Deutsche Bank angeblich versucht haben soll, gegen das biedere Lehrstück gerichtlich vorzugehen. Grund dafür soll der kulturell verbrämte Aufruf zum Mord an Josef Ackermann gewesen sein. Die inzwischen berühmten Zeilen "Tritt A. (Ackermann) nun zurück wie Geßler durch - Tell? / Schleyer, Ponto, Herrhausen warnen" werden auf der Bühne von einem beseelten Herren grimmig deklamiert.

Die als Flirt mit der RAF getarnte Provokation bezieht ihre Wirkung aber nicht aus ihrem Inhalt, sondern spielt schlicht mit dem Stilmittel des Tabubruchs. So verpufft die rhetorische Phrase im sinnfreien Raum.

"Wo bleibt der Mensch?"

Tragisch bleibt, dass Hochhuth die Chance verspielt hat, sich eine gesellschaftsrelevanten Thema über die eindimensional-ideologische Perspektive hinaus zu nähern. "McKinsey kommt" ist ein blutarmes Lehrstück, dem schon vor Ende der ersten Halbzeit die Kräfte schwinden.

Der lange Weg durch die Instanzen: Hilde Zumbusch (Marion Wiegmann) klagt das Recht auf Arbeit ein

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Hochhuth rennt offene Türen ein, wenn er den Sprachlosen eine Stimme gibt und so Balsam auf ihre Wunden gießt. Aber die wichtige Frage "Wo bleibt der Mensch?" kann - oder will - er nicht beantworten.

Statt nach Alternativen zu suchen, schwelgt der Dramatiker in sozialromantischen Revolutionstheorien. Ihm genügt die Binsenweisheit, dass das Einfache wahrhaftig und deswegen gut ist und das Komplizierte böse, weil der Teufel im Detail steckt. Vor allem aber tut Hochhuth, was die alten, saturierten Männer des deutschen Kulturbetriebs zu tun pflegen: Er wiederholt sich. Das ist eitel und schadet seiner Sache mehr als es ihr nützt.



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