Hochsensibilität Es gibt keine normalen Menschen

Wir mögen uns weniger denn je. Das liegt auch daran, dass Außergewöhnlichkeit heute zur Kampfansage geworden ist.

Menschen in einer Fußgängerzone (in München)
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Menschen in einer Fußgängerzone (in München)

Eine Kolumne von


Die Welt teilt sich im Moment nicht nur in links oder rechts, sondern in jene, die sich für normal halten und die anderen, die an etwas leiden und denken, sie müssten daran nicht leiden, wenn sie für ihr Leiden mehr Respekt erführen.

Im Moment sind es besonders viele Hochsensible. Was vielleicht an dem Test liegt, der gerade auf sozialen Medien geteilt wird. "Laute Geräusche bereiten mir Unbehagen" - soso. Nun. Die meisten Menschen geraten ja bei Sirenentests in Kuschellaune. Gut. Dann eben hochsensibel, was bei ungenauem Hinhören mit hochbegabt verwechselt werden kann, was durch Hollywoodfilme und Berichte als Problem im kollektiven Bewusstsein angelangt ist, das unterdessen sensibilisiert ist. Hochsensibilisiert.

All die neuen psychischen Krankheitsbilder, die ja eigentlich nur sagen - es gibt solche und solche, hatten vielleicht einmal den guten Ideenansatz: Menschen, die meinen, nicht der Norm zu entsprechen, es leichter zu machen, mit dem, was der eine oder andere als unnormal empfinden mag, zurechtzukommen. Sich zu verstehen, zu erklären, seinen Frieden mit sich zu machen.

Menschen mit ADHS fanden andere Menschen mit ADHS, Leute mit Asperger merkten, dass sie nicht die einzigen mit gewissen Beeinträchtigungen waren. Das ist wunderbar, denn nichts ist dem Einzelnen, in dieses mühsame Dasein Geworfenen, mehr zu wünschen, als einige andere zu finden, die ihm sagen: Du bist total in Ordnung.

Weitergehend müsste angefügt werden: Du bist total in Ordnung, wie alle Menschen, solange sie nicht bewusst anderen schaden wollen. Du bist in Ordnung, so wie du aussiehst. Ob du schweigst oder zwanghaft Schimpfworte ausstößt, ob du das Gefühl hast, alle starren dich an, ob du extrem schüchtern, schweigsam, unkonzentriert bist.

Es gibt keine normalen Menschen

Das ist alles prima, denn es gibt keine normalen Menschen. Es gibt nur eine gesellschaftliche Verabredung, wie sich ein korrekter Mensch zu verhalten habe, es gibt sozialen Druck, der sich aus kulturellen Vorgaben bildet. Und aus der Werbung. Und aus den Medien. Und so weiter.

Der normale, also nicht existierende Mensch, der versucht, einem Bild zu entsprechen, Anforderungen aller zu erfüllen, um gemocht und akzeptiert zu werden, ist eher einer der unsympathischen Gesellen. Er spricht nicht in Originaltönen, er zieht an, was unauffällig ist und gut zu reinigen, er poliert seinen Gartenzaun und beißt sich die Knöchel passiv-aggressiv wund.

So. Nun sind also alle hochsensibel, um elegant den Anschluss an den Beginn des Textes wiederzufinden. Das wäre so weit in Ordnung. Der Mensch kann sich einordnen. Ups, denkt er, wenn er beim Klang des Martinshorns erschreckt, holla denkt er, wenn ihn die Stimmung seines Gegenübers beeinflusst, warum bin ich so verwirrt? Ah, richtig. Ich bin hochsensibel.

Das Unangenehme in der Zeit der Überbevölkerung ist, dass jeder der acht Milliarden scheinbar eine überbordende Anteilnahme an seinem zugeschriebenen Alleinstellungsschicksal einfordert. Und zwar laut. Und pöbelnd, wie es sich in unserer vulgarisierten Zeit gehört. Hab Respekt du Arschloch, ich bin kontaktgestört, oder anderweitig einer Gruppe angehörig, die aus Millionen besteht.

Permanent steht man auf einer Tretmine

Aggressiv wird die Außergewöhnlichkeit, keinen Alkohol zu trinken oder nur Röcke tragen zu wollen, keinen Spinat zu essen oder bei Pollenflug zu niesen, zu einer Kampfansage. Seht her, seht mich an, lasst mich in Ruhe, begegnet mir mit Bewunderung.

Das Elend beginnt, wenn sich Einzelne über andere erheben, wenn sie besonderen Respekt einfordern, wenn sie sich für wichtiger erachten und einzigartig. Wenn jeder, denn wie gesagt, eine sogenannte Normalität gibt es nicht, aggressiv auf seine Alleinstellung drängt, wird es ein wenig anstrengend, beziehungsweise, das ist es bereits.

Permanent steht man auf einer Tretmine, weil man irgendwen nicht krankheitsbildgerecht behandelt hat. Was irgendwann erdacht war, um Menschen das Leben mit sich zu erleichtern, erschwert es allen anderen im täglichen Umgang mit all den Tausenden an sogenannten Auffälligkeiten. Und - es hat sich nicht bewährt.

Wir mögen uns scheinbar weniger denn je. Was vielleicht damit zusammenhängt, dass jeder sein Schicksal als Maßstab anlegt. Dass jeder, der in einer heterosexuellen Beziehung mit 7 Kindern lebt, meint, das müsse das Modell sein, das bei allen zum Status Quo wird, dass jeder, der außer seinem Herkunftsort nichts findet, auf das er stolz sein kann, dass jeder, der an seiner Kindheit leidet, einfordert, seine Kränkung weitergeben zu können. Ist. Anstrengend.

Ohne den ausgeprägten Hang zur Selbstgerechtigkeit wäre das Zusammenleben vielleicht ein wenig angenehmer. Vermutlich aber auch nicht. Erträglicher wäre es nur, wenn jeder sich an die ungeschriebene Vorgabe hielte, Menschen, die nicht er sind, absolut in Ruhe zu lassen. Das wird wohl nie was.

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insgesamt 66 Beiträge
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Seite 1
sgk43 17.02.2018
1. ganz andere Töne
Sowas hat man hier ja noch selten gehört, und eigentlich keine ganz unsachliche Analyse. Mir fehlt allerdings hier wieder ein bisschen das Gegengewicht: wie viele Menschen wären wohl Vegetarier geworden, wenn es keine Menschen in ihrer Umgebung gegeben hätte, die davon erzählten und das manchmal vielleicht an oder über der grenze zum aggressiven. Ich glaube nicht, dass es mit "Lasst doch einfach jeden machen, wie er will" getan ist. Klar, bei homosexualität, Glauben etc. wäre das wünschenswert, aber bei politischen Ausrichtungen oder eben Feminismus-Bewegungen reicht es nicht, zu sagen "ja, wir lassen den einfach weiter Frauen unterdrücken oder Ausländer verteufeln". Es muss auch mal auf den Putz gehauen werden dürfen. Siehe 68er. Dass sich dieses auf den Putz hauen durch soziale Medien in einen Dauerzustand verwandelt hat, könnte die Gesellschaft natürlich belasten, aber sie ist ja auch 1968 nicht zerbrochen. Eine gewisse Spannung muß schon herrschen, wenn man in Meinungsfreiheit lebt.
YvonneFlückiger 17.02.2018
2. Normalos
Sehr guter Artikel. Genau so ist es. Alle wollen normal sein, aber eben doch ein bisschen anders als alle andern. Besser! Und wenn schon nicht besser, dann eben speziell. Speziell mit einer Diagnose, welche nur Psychologen und allenfalls noch die Pharmafirmen reich macht. Aber dafür ist man speziell. Ohhh! Und weil jeder so speziell ist, braucht er auch mehr Aufmerksamkeit und spezielle Behandlung. Die ganze Gesellschaft ist narzisstisch-plemplem geworden.
YvonneFlückiger 17.02.2018
3. Normalos
Sehr guter Artikel. Genau so ist es. Alle wollen normal sein, aber eben doch ein bisschen anders als alle andern. Besser! Und wenn schon nicht besser, dann eben speziell. Speziell mit einer Diagnose, welche nur Psychologen und allenfalls noch die Pharmafirmen reich macht. Aber dafür ist man speziell. Ohhh! Und weil jeder so speziell ist, braucht er auch mehr Aufmerksamkeit und spezielle Behandlung. Die ganze Gesellschaft ist narzisstisch-plemplem geworden.
GinaBe 17.02.2018
4. Schönes siebte Wochenende 2018!
Als eine kontaktfreudig komminizierende und verbindliche Aufforderung kann Ihre Wochenkolumne ja heute nicht gedeutet werden, Frau Sibylle! Mit Fremden redet doch niemand auf der Straße, auf dem Wochenmarkt oder in der Kneipe sogleich über intimste Wehwehchen, (vermeindlicher) Hochsensiblilität o.ä. und fordert dafür Anerkennung ein,....oder? Oder bin ich schon so weltfremd egozentrisch, daß ich nichts mehr mitkriege? Im Weltwirtschaftssystem, wo ich-ich-ich die meiste Aufmerksamkeit erhält und lediglich scharfe Ellenbogen kombiniert mit vielen Vitaminen eine Zukunft in wohlstand und Sicherheit möglicherweise wenigestens vorläufig zu garantieren vermögen, bleiben natürlich vorgesehenerweise alle schwächeren und ärmeren, die ohne Vitamin B und Vitamit G (Geld) auf der Strecke und finden sich als persona non grata und in irgendwelchen beliebig austauschbaren no name Jobs und in der Niedriglohnschleife wieder- wobei das Ende der fahnenstange keineswegs absehbar ist. Wen wundert es wirklich, wenn Leute sich auf ihr Persönlichstes der achsokleinen Existenz zurückziehen, weil sie dies doch auch quasi müssen.... Ohne Moos nix los und daheim vorm TV und PC tanzt auch kein Bär. die einzige quelle, sich abzureagieren ist der Straßenkampf und Internetschlachten links gegen rechts oder #metoo oder wasderböse Fleischi oder Augstein wieder schreibet oder Sie, Frau Sibylle.;-) Wäre was anders, gäbe es Aussicht auf bessere Zeiten für Millionen, gäbe es sicherlich auch weniger psychisch auffällige Personen, die mit sich und ihrem Leben, den abgelegten Träumen und vertrödelten Talenten einfach nicht mehr klarkommen. Eine ganz klitzekleine Erleichterung könnte hingegen sein, auf der Straße wieder ganz belanglos und freundlich einen kleinen Austausch über das Wetter etwa zu beginnen und gemeinsam zu beklagen, wie dunkel doch der Winter war und zu hoffen, daß bald der Frühling endlich kommt und wieder die Wärme einziehen kann in uns.
hildesheimer2 17.02.2018
5. Menschen
Ja es gibt eigentlich nur Menschen. Schade, dass soviele Ideologie behaftete von ganz rechts und links den Menschen wie er ist ,nicht mehr sehen. Vor lauter Selbsgerechtigkeit wird hier bekämpft, niedergeschrien und "missioniert". Oft fallen die Vorurteile, wenn wir mit Respekt aufeinander zugehn und ein Paar Schritte gemeinsam gehen ..... wenn jeder wieder seines Weges geht, bleibt der Respekt.
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