Zeichenkunst von Malerstars Minimale Mittel, maximaler Ausdruck

Malerhelden können auch anders: In Berlin zeigt eine Ausstellung Zeichnungen von sechs großen Künstlern, unter ihnen Baselitz und de Kooning. Ihre kleinen, schnellen Arbeiten können genauso aussagekräftig sein wie große Gemälde.


Die Zeichnung entscheidet. Denn sie unterscheidet: den Meister vom Dilettanten, die wahre Kunst vom Mittelmaß. Davon jedenfalls ist Frieder Burda überzeugt, einer der großen deutschen Privatsammler, Besitzer vieler Gemälde der Großmeister Richter, Polke und Baselitz. Offenbar ist Burda auch ein großer Kenner und obsessiver Sammler zeitgenössischer Zeichnungen - ohne Scheu vor dem flüchtigen und manchmal experimentellen Charakter von Arbeiten auf Papier.

Das zeigt die Ausstellung in der Kunsthalle der Deutschen Bank in Berlin mit einer Auswahl von 113 Zeichnungen, Guachen und Aquarellen aus der rund 450 Papierarbeiten umfassenden Burda-Sammlung. Ausgewählt wurden unter dem Titel "Höhere Wesen befehlen" Werkgruppen von Georg Baselitz, Willem de Kooning, Sigmar Polke, Arnulf Rainer, Neo Rauch und Gerhard Richter, die zum ersten Mal in diesem Umfang zu sehen sind. Dazu ist jeweils ein Gemälde des Künstlers gehängt.

Frieder Burda selbst begründet schlüssig, was ihn am Medium so reizt.

  • Erstens die Flüchtigkeit: Papierarbeiten geben oft erste Einfälle und spontane Entwürfe wieder, deswegen haften ihnen auch meist intuitive Momente an, weniger das Dauerhafte.
  • Zweitens die Empfindlichkeit des Bildträgers, dessen großer Feind das Licht ist.
  • Drittens die Intimität: Zeichnungen gestatten tiefer gehende Einblicke in künstlerische Entstehungsprozesse, sie geben unmittelbar einen Augenblick des individuellen Seelenlebens ihres Autors wieder.
  • Viertens die Authentizität: Kein anderes Medium offenbart die künstlerischen Fähigkeiten und Talente ihres Erfinders so unverfälscht, denn wenige gekonnt gesetzte Linien müssen für eine perfekte Komposition genügen, die trotz minimaler Mittel ein Maximum des Ausdrucks zu gewährleisten hat.
  • Und Fünftens - so möchte man angesichts der Ausstellung ergänzen - scheinen Zeichnungen Freiräume in zwei Richtungen zu eröffnen: hin zum tiefgründigen Humor und bildnerischen Spiel, aber auch zur tiefen Ernsthaftigkeit der Existenz.

Polke als geheimer Held der Schau

Während Gerhard Richter auch in der Zeichnung dem "Stilbruch" als "Stilprinzip" folgt, wie es der Kunsthistoriker Klaus Honnef formuliert, und mit distanzierter Ernsthaftigkeit und technischer Meisterschaft schon in den späten Siebzigerjahren mit Verwischen und Verfremden abstrakt wird, entpuppt sich sein ehemaliger Künstlerfreund Sigmar Polke, der geheime Held der Ausstellung, einmal mehr als Spaßvogel. Vor allem auf der Bild-Text-Ebene seiner "Richter-Bilder" mit Titeln wie "Richter (Damenschuh)", "Richters Kundendienst", "Schlankheit durch Richter". Damit stilisiert Polke seinen früheren Freund, dem er anfangs noch in sportlichem Wettbewerbsdenken verbunden war, zur Allround-Marke, die gegen alles und jeden hilft.

Die Störung gesellschaftlicher Ordnungen ist der Zielpunkt seines bissigen Bildwitzes, zynische Kommentare auf das Zeitgeschehen verschonen nichts und niemanden. Polkes großes Zeichnungen-Konvolut aus der Zeit von 1963 bis 1970 wirke in "seiner Gesamtheit wie eine Denkmaschine: ein flirrendes All-over aus unterschiedlichsten Stilen und Formen", es bewege sich "am Rand der Abstraktion" und wimmele nur so von Fehlern, Leerstellen und Flecken, schreibt der Deutsche-Bank-Kurator Friedhelm Hütte im einleitenden Katalogtext.

Mit einem Bild und Zeichnungen aus dem Spätwerk von Willem de Kooning wird die Ausstellung eröffnet. Ihm gegenüber hängt das Baselitz-Gemälde "Rückenwind" und Zeichnungen zu dessen 1980 entstandenem Malereizyklus "Straßenbild". Beide Künstler gehen mit der Figur aggressiv, bisweilen mit brachialer Wucht um, und sind dabei im traditionellen Sinne weder figurativ noch abstrakt.

Arnulf Rainer, der psychologisch geschulte Wiener, zeigt sich in seinen Zeichnungen trotz aller Expression als Meister des hintergründigen Humors, wenn er in seiner Van-Gogh-Serie von 1977 die unterschiedlichsten Künstlerrollen durchspielt: den Punk, den Heiligen, den Vagabunden, aber auch den "Palettenwurm" und den Oberförster.

Eine Überraschung sind die wenig bekannten frühen Papierarbeiten von Neo Rauch, die zeigen, dass dessen Wurzeln im Comic liegen und dass das Narrative seiner Bilder von diesen Bildgeschichten inspiriert ist. Seine surrealen, oft unter dem Vorzeichen des Konspirativen stehenden Begegnungen rätselhafter Protagonisten sind auch denkbar als Episoden eines Comics, dem nur die Sprechblasen entzogen wurden.

Seit Rauch als Kind in einer Mülltonne ein englischsprachiges Comic-Heft fand, war diese Kunst für ihn wegweisend. "Comics sind für mich natürlich auch große Kunst. Es sind ja auch Zeichner, die mit allen Wassern des akademischen Zeichnens gewaschen sind", so Rauch. Da sitze "einfach jeder Strich", der mimische Ausdruck der Figuren sei einfach "bestechend".

So steht bei Rauch wie bei den anderen Künstlern die Zeichnung auch ein wenig für das Private und weniger Offizielle. Die Ausstellung ist damit auch eine Erholung von großen Gesten im aufgeregten Kunstbetrieb.


Höhere Wesen befehlen. Arbeiten auf Papier aus der Sammlung Frieder Burda, Deutsche Bank KunstHalle, Berlin (5.12.-8.3.2015). Katalog bei Hatje-Cantz.



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articolo 02.12.2014
1.
"Die Zeichnung entscheidet. Denn sie unterscheidet: den Meister vom Dilettanten, die wahre Kunst vom Mittelmaß." Schauen wir uns doch Zeichnungen von echten Meistern an, von Ingres Beispielsweise, er sagte einmal: "Die Zeichnung ist der Prüfstein der Kunst". Mit diesem Meisterschaftskriterium werden diese sogenannten "Malerhelden" nur noch als überbewertete Stümper dastehen. Malerei ist ein Handwerk, dass man beherrschen muss, ehe man sich mit diesem Begriff schmückt, doch Heute ist ja bekanntlich alles Kunst, selbst das Nichts, aber eben keine Malerei. Man sollte für diese Herrschaften eine eigene Kunstrichtung schaffen: den Dilletantismus.
articolo 02.12.2014
2. Malerhelden
"Die Zeichnung entscheidet. Denn sie unterscheidet: den Meister vom Dilettanten, die wahre Kunst vom Mittelmaß." Schauen wir uns doch Zeichnungen von echten Meistern an, von Ingres Beispielsweise, er sagte einmal: "Die Zeichnung ist der Prüfstein der Kunst". Mit diesem Meisterschaftskriterium werden diese sogenannten "Malerhelden" nur noch als überbewertete Stümper dastehen. Malerei ist ein Handwerk, dass man beherrschen muss, ehe man sich mit diesem Begriff schmückt, doch Heute ist ja bekanntlich alles Kunst, selbst das Nichts, aber eben keine Malerei. Man sollte für diese Herrschaften eine eigene Kunstrichtung schaffen: den Dilletantismus.
neanderspezi 04.12.2014
3. Spitzenprodukte zeitgenössischer grafischer Papierbehandlung
Erst rotiert die Hand Linien gebend mit dem Bleistift über das Papier, dann versucht sie mit horizontalen und vertikalen Manövern Orientierungsverlust nachzuzeichnen, schließlich kreist sie noch eine unscheinbare Position ein, wütet mit ein paar Strichen quer über die an verstörender Aussagekraft zunehmende Papierfläche, setzt noch ein paar harte Punkte an unerwartete Stellen und dreht nach Rückgewinnung der Orientierung das zauberische Kunstwerk zur allgemeinen Bewunderung auf den Kopf. Wenn das Ganze aus der Hand eines großen Künstlers in den Papierkorb und von dort wieder ans Tageslicht gefunden haben sollte, dann hätten sich die großen Kenner und obsessiven Sammler zeitgenössischer Kritzeleien geradezu einer ungeheuren Wertschöpfung hingegeben und sollten bei den Koryphäen der Gegenwartskunst noch einmal gründlich die Papierkörbe leeren um die letzten Reserven solcher Prachtstücke hervorzuholen.
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