Höller-Ausstellungen in Berlin Das flackernde Phi-Phänomen

Sinnestäuschung kurz vor Weihnachten: Um Rentiere geht es nicht nur in Carsten Höllers "Soma"-Schau im Berliner "Hamburger Bahnhof", sondern auch in seiner rot-grün flackernden Installation in einem kleinem Kunstraum der Schering-Stiftung Unter den Linden.

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Keine Frage - zwölf lebende Rentiere als "Tableau Vivant" in einem Museum sind ein spektakuläreres Szenario als ein Rentier aus Draht und Glühbirnen in einem Kunstprojektraum. Aber das ist eigentlich die falsche Perspektive. Das Spannende ist, dass beide thematisch verwandten Installationen vom selben Künstler sind und gleichzeitig in derselben Stadt gezeigt werden. Die Rede ist von der medienwirksamen "Soma"-Schau des Künstlers und früheren Agrarwissenschaftlers Carsten Höller, 49, im Berliner Museum "Hamburger Bahnhof", und von seiner zweiten Ausstellung "Rentier im Zöllnerstreifenwald" im Projektraum der Schering Stiftung Berlin - von der kaum jemand Notiz genommen hat.

Seltsam eigentlich. Ohne die kleine Ausstellung hätte es vermutlich die große Museumsschau nicht gegeben, denn erst die Schering Stiftung hat "Soma" gemeinsam mit den Freunden der Nationalgalerie finanziell ermöglicht hat. Und am Ende wird das "Rentier rot-grün" in die Sammlung der Nationalgalerie einziehen und dort bleiben. Als Geschenk der Schering Stiftung, die die Arbeit eigens dafür bei Höller in Auftrag gegeben hat.

Kein Zutritt für Epileptiker

Diese rot-grüne Rentier-Skulptur im etwa 80 Quadratmeter großen Raum an der Straße Unter den Linden hat einiges gemeinsam mit seinen lebenden Genossen in der weitläufigen Museumshalle: Beide Arbeiten beschäftigen sich mit Bildender Kunst an der Schnittstelle zur Wissenschaft, es geht um Wahrnehmung, um den Mechanismus von Illusion, um Glaubwürdigkeit von Wissenschaft und Kunst und um die Befindlichkeit des Betrachters.

Die Stimmung des Besuchers kann beim "Rentier im Zöllnerstreifenwald" schnell kippen. Und zwar ernsthaft. Davor wird schon am Eingang gewarnt. Dort steht auf einem Aufsteller, dass Menschen, die zu Epilepsie neigen, auf keinen Fall die Ausstellung besuchen dürfen. Wer im Raum steht, versteht die Warnung. Die am stählernen Rentier-Gerippe angebrachten roten und grünen Glühbirnen flackern in dem dämmrigen Raum in irrsinniger Geschwindigkeit hin und her, an - aus, an - aus, rot - grün, rot - grün. Zwischen den beiden fixierten Glühbirnengruppen sieht der Betrachter noch einen dritten Lichtpunkt, der zwischen rot und grün zu springen scheint und auf seinem Weg sogar die Farbe wechselt. Besser gesagt, er glaubt, diese Lichtbewegung zu sehen. Denn es gibt sie nicht.

Als Phi-Phänomen beschrieb der Gestaltpsychologe Max Wertheimer diese Täuschung schon 1912 und erklärte, dass die Wahrnehmung einer nicht existierenden Bewegung im Auge durch das in kurzen Frequenzen ein- und wieder ausgeschaltete Licht zweier fest stehender Lichtquellen entsteht. Und 1976 beobachteten die beiden Psychologen Paul A. Koers und Michael von Grünau, dass diese imaginäre Bewegung sogar die Farbe wechselt, wenn die Festpunkte unterschiedlich gefärbt sind. ( Experiment im Netz)

Den Besucher verwundern, skeptisch machen

Schon seit 2001 hat Carsten Höller in mehreren Videos, Installationen und ganzen Lichtwänden das "Phänomen Phi" bearbeitet. Dieses Mal wollte er die Wirkung des flickernden Lichts noch verstärken und hat sie mit einer anderen optischen Täuschung kombiniert. Dafür hat er die Wände des Raumes mit schwarzen diagonalen Linien bemalt, den "Zöllnerstreifen", die streng parallel verlaufen. Trotzdem glaubt man, gekrümmte Streifen zu sehen, die auseinander driften oder sich aufeinander zu bewegen.

Ein paar Minuten in diesem gnadenlos grün-rot flackernden, schwarz-weiß gestreiften Szenario reichen, um den Besucher zu verwirren und ihn in seinem Sicherheits-, Kontroll- und Logiksystem zu verunsichern. Wieso krümmen sich denn nun die Streifen, wenn sie doch gerade sind, was man deutlich sieht, wenn man nahe vor ihnen steht? Und wieso sieht man eine Lichtbewegung, deren Farbe sich von Rot in Grün verwandelt, wenn die grüne Glühbirne, zu der die Bewegung geht, noch gar nicht leuchtet?

Genau das muss es wohl sein, was der zur Kunst konvertierte Wissenschaftler Höller will: Fragen aufwerfen, den Besucher verunsichern, skeptisch und kritisch machen. Was sehe ich denn eigentlich, wenn ich sehe? Und sehe ich es trotzdem, wenn ich weiß, das es gar nichts zu sehen gibt? Ist Wahrnehmung nicht durch Wissen und Logik bestimmt? Siegen die Sinne über den Verstand? Was ist wahr, was kontrollierbar und was nicht? Und kann ich diese subjektive Erfahrung durch Wissen objektivieren?

Damit entlässt der Künstler dann den Betrachter in eine Welt, in der gleich nebenan schon die Weihnachtslichterkette in einem Schaufenster flickert und vorgibt, an die Heilige Nacht erinnern zu wollen. Ja, es gibt tatsächlich noch größere Täuschungen als die im Kunstraum der Schering Stiftung.


"Carsten Höller: Rentier im Zöllnerstreifenwald". Berlin. Schering Stiftung. Unter den Linden 32-34. Bis 8.1.2011; Mo-Sa 11 bis 18 Uhr. Eintritt frei.

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