Hörspiel-Kult John Sinclair jagt die ???

In den sechziger Jahren revolutionierte ein neues, tönendes Medium die Kinderzimmer: die Hörspielplatte. Heute genießen Serien wie "Hui Buh" oder "Fünf Freunde" Kultstatus, während sich Neuproduktionen aus dem Horror- und Krimi-Genre einen festen Platz in der Popkultur erobern und sich vom reinen Audio- zum Multimedia-Spektakel wandeln.

Von Marc Hairapetian


Lübbe-Held John Sinclair: Reifere Zielgruppe erwünscht

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Es gibt Dinge mit denen man aufwächst, die schmeißt man einfach nicht weg: Dazu gehören neben dem Kuschelteddy aus dem Gitterbett in ganz besonderem Maße die ersten Abenteuer- und Märchenschallplatten und -cassetten. Wehe den Eltern, die diese geliebten Heiligtümer ihrer Sprösslinge eines Tages dennoch arglos entsorgen! Ein Familiendrama von unüberschaubaren Dimensionen wäre unvermeidlich. Bis vor kurzem blieb als letzte Hoffnung zur Wiederbeschaffung nur noch der Gang zum Flohmarkt. Heutzutage tut es manchmal schon wieder der Blick in den CD-Backkatalog diverser Plattenfirmen.

"Pumuckl" (Karussell) und "Perry Clifton" (Maritim), "Hui Buh" (Europa) oder "Räuber Hotzenplotz" (Karussell) stehen längst wieder in den Regalen von Kaufhäusern und Plattenläden. In den vergangenen zehn Jahren haben die klassischen Hörspiele der sechziger bis achtziger Jahre - nach einem in den Achtzigern einsetzenden Rückgang der Auflagenzahlen - eine erstaunliche Renaissance erlebt. Der Boom äußerte sich zunächst darin, dass eine wachsende Zahl von Sammlern zwischen 18 und 38 Jahren ihre "alte Liebe" neu entdeckte und bereit war, für gebrauchte Hörspiel-LPs und MCs mehr als das zehnfache des früheren Ladenpreises zu bezahlen.

Während man früher ungern zugab, noch immer zum Einschlafen Heikedine Körtings "Die Hexe Schrumpeldei" oder Gerd von Hasslers "Kasperle ist wieder da: Wer kann den besten Pudding kochen?" (beide Europa) zu hören, solidarisiert sich die riesige Fan-Gemeinde anno 2003 mehr denn je im Internet. Besonders amüsant ist hierbei die "hoerspielhoelle.de," in der "bekloppte Hörspiele" (so die gleichnamige Rubrik) derartig überschwänglich verrissen werden, dass man am liebsten sofort losrennen möchte, um sie sich zu Gemüte bzw. zu Gehör zu führen. Darauf reagierten nun endlich auch die Plattenfirmen nicht nur mit Neu-, sondern auch mit Wiederveröffentlichungen von Kinder-, Jugend- und Erwachsenenhörspielen.

Krimi-Klassiker "Die ???": Ewiger Bestseller

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Im literarischen Bereich boomt der Erfolg von Hörbüchern seit Jahren - von "Oskar Werner liest Rilke" (BMG) bis hin zu "Heike Makatsch liest Mary Poppins" (Kein & Aber). Audiobook-Marktführer im Segment trivialer Unterhaltung ist nach wie vor das in Quickborn bei Hamburg ansässige Europa-Label der ehemals unabhängigen Firma Miller International. Seit Jahren ist man ein Teil der Bertelsmann-Tochter BMG-Ariola und setzte nach einem anfangs breit gefächerten Programm sehr lange fast ausschließlich auf die Fortsetzungen der immens erfolgreichen Kinder-Detektivserien "TKKG" und "Die ???" (allein die erste Folge "Der Superpapagei" aus dem Jahr 1979 verkaufte sich bis heute über 500.000-mal).

Erst 1999 besann man sich auf sein kultträchtiges Repertoire. "Die Rückkehr der Europa-Klassiker" begann mit der Science-Fiction-Serie "Perry Rhodan" und wurde mit der neonfarbenen "Gruselserie" (von H.G. Francis) fortgeführt. Fans der ersten Stunde waren allerdings frustriert: Während die Tonspuren namhafter Sprecher wie Horst Frank oder Günther Ungeheuer unangetastet blieben, wurden auf Grund eines Rechtsstreites in Millionenhöhe die beliebten Titelmelodien des Komponisten Carsten Bohn durch neue Stücke ersetzt. Neben der Kinderreihe "Hui Buh" kam es inzwischen auch zur Wiedergeburt nicht immer jugendfreier Krimi- und Horrorserien wie "Edgar Wallace" oder "Macabros" von Dan Shocker. Ende Januar erschienen zusätzlich zwei neue Folgen des Geister-Agenten "Larry Brent" - produziert im Jahre 2002 mit den Originalsprechern aus den achtziger Jahren.

Sprecher-Legende Halver: "Nichttoter" mit großen Plänen
Konrad Halver

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Die Entstehungsgeschichte von Europa ist so abenteuerlich wie seine akustischen Spannungsgeschichten. Der amerikanische Industrielle Dave Miller war zu Beginn seiner Bilderbuchkarriere 1961 auf die Idee gekommen, in Deutschland Musik für amerikanische Warenhäuser zu produzieren. Die Zielgruppe seiner Firma Miller International bildeten ausgewanderte Europäer. Paradoxerweise wurde der eigentliche Boom jedoch in Deutschland ausgelöst, wo sich Miller rasch zum "Pionier der preiswerten Langspielplatte" entwickelte. Mit fünf Mark pro Vinylscheibe konnte man das Preisgefüge der großen Plattenfirmen schnell erschüttern. Zuerst wurde überwiegend Musik mit dem Mammut-Orchester "101 Strings" produziert, bis dann 1965 die erste Kinderplatte "Der Struwwelpeter" erschien. Die Aufnahmen fanden im Garten der im letzten Jahr verstorbenen Erzähler-Legende Hans Paetsch statt - um ihn herum befanden sich die Kinder der Nachbarschaft.

Europas Erfolgsstory ist abgesehen von Paetsch untrennbar mit einem zweiten Namen verbunden: Konrad Halver. Nach dem frühen Tod von Sieglinde Dziallas, die unter dem Pseudonym Claudius Brac ihre Skripte inszenierte, machte der künstlerische Gesamtleiter Dr. Andreas Beurmann 1968 den damals erst 24-jährigen Schauspieler und Sprecher zum Hausregisseur. Der ungekrönte "Märchenprinz der elektronischen Großmutter", der einen auf der Rückseite des Plattencovers jungenhaft anlächelte, schuf mit geringem Budget, aber viel Herzblut das Hörprogramm und adaptierte neben Märchen und Kindergeschichten auch Weltliteratur wie Dumas' "Der Graf von Monte Christo", Stevensons "Flaschenteufelchen" oder Poes "Der Untergang des Hauses Usher". Als Krönung gab er in der Karl-May-Reihe zusammen mit Michael Poelchau das stimmlich kongeniale Blutsbrüderpaar Winnetou und Old Shatterhand. Allen Fans bleibt unvergesslich, wie Halver zu den Klängen von Dvoraks 9. Symphonie in "Winnetou III, 2. Folge" sein Indianerleben mit folgenden Worten aushauchte: "Charly, ich glaube an den großen weißen Manitu. Ich bin ein Christ".

Hörspiel-Klassiker "Hui-Buh": Mit Hans Clarins Stimme zum Millionenseller

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Immer wieder konnte der neben dem 1990 verstorbenen Berliner Produzenten Kurt Vethake wohl profilierteste deutsche Kinder- und Jugendhörspielmacher Film-, Theater- und TV-Größen ins Tonstudio locken, darunter Will Quadflieg, Hellmut Lange, Wolfgang Kieling, Ingrid Andree und Gisela Trowe. Mit Hans Clarin gab es allerdings bei der ersten "Hui Buh"-Folge Ärger: "Nach der Aufnahme wollte sich der misstrauische Star (auch Stimme des "Pumuckl") auf Grund schlechter Erfahrungen nicht mit dem Hinweis auf die Überweisung der Gage begnügen und schnappte sich die Kartons mit den aufgenommenen Bändern", erzählt Halver. "Erst als Europa-Boss Beurmann mit Bargeld erschien, rückte Clarin das Material wieder heraus." Zum Glück: "Hui Buh", das "einzig amtlich zugelassene Gespenst auf Schloß Burgeck", avancierte mit seinen Fortsetzungen zum Millionenseller.

Halver, der das Europa-Hörspielprogramm mit seinem Partner Peter Folken maßgeblich mitentwickelte, wurde später in einer Hochglanzbroschüre des Hauses schlicht weggelassen, vielleicht weil man nachhaltig entäuscht über seinen Fortgang zur "Wort"-Abteilung der BASF in den siebziger Jahren war. Als Fans später bei Miller, wo ihn Beurmanns Gattin Heikedine Körting längst ersetzt hatte, nach ihm fragten, bekamen sie sogar die Auskunft, er sei tot. Halver hingegen, der mit Charles Regnier und Werner Hinz das erste deutsche "Dracula"-Hörspiel produzierte, legt größten Wert auf die Feststellung, er sei ein "Nichttoter", der noch einiges vorhabe.

Kürzlich legte der junge Dortmunder Medienunternehmer Carsten Hermann vom reaktivierten Maritim-Label, einst Europas größter Konkurrent, Halvers zweite "Dracula"-Adaption "Jagd der Vampire" neu auf. Für den dort ebenfalls erschienenen KZ-Thriller "Zeit der Unübertrefflichkeit" des bayrischen Dichters Wolfsmehl wurde Halver, der nun Ende Februar nach 20-jähriger Karl-May-Abstinenz in "Satan & Ischariot" wieder mit sanftem, aber bestimmten Timbre Winnetou sprechen soll, soeben für den in der Branche hochgeschätzten Hörspiel-Award in den Kategorien "bester Sprecher", "beste Regie" und "bestes Hörspiel" nominiert.

Science-Fiction-Held "Commander Perkins": Erstaunliche Renaissance

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Den Preis als beste Hörspiel-Serie wird im März laut Insidereinschätzungen allerdings eine andere Produktion erhalten: "John Sinclair - Der Anfang", womit erstmals die Dominanz von Europa-Produktionen durchbrochen scheint. Auch kommerziell hat der smarte Geisterjäger gewaltig aufgeholt. 650.000 CDs und MCs der Bastei-eigenen Serie "John Sinclair 2000" sind inzwischen über den Ladentisch gegangen, darunter "Der Anfang", das mit bislang 50.000 verkauften Einheiten das erste Hörspiel in den deutschen Popmusikcharts (zehn Wochen platziert, höchste Notierung Rang 36). Sicherlich eine geringe Zahl gegenüber 270 Millionen verkaufter Heftromane und Taschenbücher der Vorlage von Trivialautor Jason Dark, die seit 1978 den Markt überschwemmen, aber immerhin ein Anfang...

Die Frage, ob Sinclair nun den Publikumsrenner "Die ???" killt, stellt sich nicht von ungefähr. "Ich denke nicht, dass Horror auf längere Sicht den Krimi verdrängt, sondern lediglich ergänzt", glaubt Marc Sieper, Produktions- und Vertriebsleiter von Lübbe-Audio, um allerdings selbstbewusst fortzufahren: "In der Tat haben wir mit Sinclair eine Art Revival losgebrochen. Falls die etablierten Krimi-Reihen rückläufig sein sollten, denke ich eher, dass dies etwas mit der Produktion zu tun haben könnte. Wir haben mit WortArt und Oliver Döring (Buch und Regie) ein sehr junges Team, das keine Altlasten mit sich herumtragen muss." Eine Anspielung auf die alten Sinclair-Hörspiele des geheimnisumwitterten Tonstudios Braun, das nie die Namen der Sprecher abdruckte.

Halver-Hörspiel "Winnetou": "Charly, ich glaube an den großen weißen Manitu"

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Für Sieper funktioniert Sinclair nach dem James-Bond-Erfolgsrezept: "1. Das Böse will die Weltherrschaft an sich reißen. 2. Das Böse und das Gute schleichen auf einander zu und und um einander herum. 3. Showdown mit bunten Knalleffekten und Getöse. 4. Das Gute siegt immer". Sieper verweist gern auf die besonderen Merkmale der neuen Sinclair-Hörspiele: "Im Gegensatz zur Konkurrenz arbeiten wir viel und gerne mit Synchronsprechern. Wir verwenden Geräusche und Sounds, die aus Hollywood kommen und Musik, die durchaus auch als Filmmusik Verwendung findet." Es gibt allerdings nicht wenige Kenner, die den alten Tonstudio-Braun-Aufnahmen mit ihren stummfilmartigen Kinoorgel-Musiken mehr Charme zugestehen.

Die Bastei-Audioproduktion wendet sich nicht mehr vorrangig an Jugendliche, sondern hat mit seinen Geisterjäger-Spektakeln ein reiferes Publikum im Blick: Auf den Covern ist die Altersangabe "ab 16" angegeben, obwohl alle Sinclair-Hefte und Hörspiele von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften als unbedenklich freigegeben worden sind. Da sind die Europa-Hörspiele häufig von anderem Kaliber: Die "Macabros"-Reihe ist viel expliziter in der Gewaltdarstellung. Und schon Konrad Halvers zweiteilige "Schatz im Silbersee"-Adaption von 1968 blieb überraschend unzensiert, was sicherlich zum Faszinosum in unzähligen Kinderzimmern beitrug: So darf man lauschen, wie dem Tierbändiger Venuti (Rolf Jahncke) von seinem nur scheinbar zahmen Panther der Kopf abgerissen und "zu Splittern und Brei" zermalmt wird. Auch der Anführer der bösen "Tramps", der rote Colonel (Peter Folken), muss seine Missetaten teuer bezahlen: Gnadenlos werden ihm vom Schatzhüter Häuptling Großer Bär (Curt Timm) erst beide Ohren abgeschnitten, später endet er schrecklich verstümmelt, "nackt und verkehrt aufgehangen" am Marterpfahl der Utahs.

Michael Schneider von Universal Music möchte gerne vermeiden, "dass Horror-Geschichten Kindern Angst und Albträume bereiten." Er kann - ähnlich wie der Münchener HörVerlag mit "Harry Potter" - auf ein pädagogisch unbedenkliches Repertoire von Bestsellern der Kinderliteratur zurückgreifen, um mit scheinbar einfach erzählten, inhaltlich jedoch tiefergehenden Geschichten von Otfried Preußler ("Krabat"), Michael Ende ("Momo"), Astrid Lindgren ("Pippi Langstrumpf") oder Paul Maar ("Eine Woche voller Samstage") nur die bekanntesten zu nennen.

Vor dem berüchtigten Download der Hörspiele aus dem Internet ist der Branche bisher nicht allzu bange: "Je älter die Zielgruppe eines Produktes ist, desto mehr besteht diese Gefahr. Kinder hingegen wollen den Original-Tonträger mit Original-Cover", sagt Schneider, während "John Sinclair"-Produzent Sieper sogar einen "Vorteil gegenüber der Popmusik" sieht: "Unsere Stücke sind mindestens 45 Minuten lang. Dies in der Relation zum Verkaufspreis von 4.95 Euro für eine MC lässt dann viele lieber zum Original greifen. Ich bin mir sogar sicher, dass Zuwächse möglich sind, da wir noch lange nicht alle potenziellen Fans- und Verkaufsstellen erreicht haben."

Europas Antwort lässt nicht lange auf sich warten. Nach dem großen Erfolg der "??? - Masters of Chess"-Tournee im vergangenen Herbst, bei der sich die Sprecher Oliver Rohrbeck, Jens Wawrczek und Andreas Fröhlich als Hobby-Detektive Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews auf der Bühne als Hörspiel-Stars zum Anfassen entpuppten, hat man mit "Europa on Tour" ein völlig neues Veranstaltungskonzept für Hörspiele entwickelt: "Wir visualisieren zum ersten Mal ein Hörspiel für Erwachsene", begeistert sich die Produktmanagerin Hiltrud Fitzen. "Mit Bild-Projektionen, Lichtstimmungen und Surround-Effekten wird das Hörspiel auf den ganzen Raum ausgedehnt und erlebbar, als wäre der Zuschauer- und Hörer selbst mitten in der Handlung." Zum 25jährigen Jubiläum der Krimiserie "Larry Brent" soll "Das schwarze Palais von Wien" im März eine audiovisuelle Blutspur durch Deutschland ziehen.



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