Hörspiel-Performance "UNTN": Akustisch abtauchen

Von Tobias Becker

Im Samtsessel sitzen und sich berieseln lassen? Wie langweilig! Eine Münchner Produktion macht da schon mehr Theater: Sie setzt den Besuchern Funkkopfhörer auf und jagt sie durch das U-Bahn-System der Stadt. Eine Reise in den Untergrund.

Hörspiel-Performance "UNTN": Akustisch abtauchen Fotos
Mathias Kestel

Große Kopfhörer greifen in Großstadt-U-Bahnen seit einigen Jahren um sich. Wer sie trägt, signalisiert: Ich mag mitten unter Euch sein, und doch bin ich in meiner eigenen Welt. Reißt mich dort, um Himmels willen, nicht raus! "Kopfhörer sind in der Regel ein Zeichen für Isolation", sagt der Schauspieler und Musiker Christoph Theußl, "wer einen trägt, schließt sich sozial aus". Theußl hingegen hat etwas anderes im Sinn: Gemeinsam mit einem Team Münchner Bühnenkünstler lädt er ein zu der Performance "UNTN", einer Art Live-Hörspiel in Münchens U-Bahn-Tunneln. Die etwa 40 Teilnehmer pro Abend werden Fahrgäste unter Fahrgästen sein, aber sie werden als Gruppe auftreten, alle mit Funkkopfhörern auf den Ohren. "Die Kopfhörer schaffen eine Gemeinschaft", sagt Theußl. "Wer keinen trägt, wird sich sozial ausgeschlossen fühlen."

Mit dem Privatchauffeur zum Wolkenkratzer

Thematisch spielt die Performance mit den Begriffen oben und unten, mit denen nicht nur Orte bezeichnet, sondern auch sozioökonomische Unterschiede zum Ausdruck gebracht werden. Wer oben ist, dem geht es gut. Wer oben ist, hat eine Wohnung mit Dachterrasse. Wer oben ist, hat ein Büro an der Spitze eines Wolkenkratzers. Wer oben ist, lässt sich oberirdisch durch die Stadt fahren, von einem Privatchauffeur oder wenigstens von einem Taxifahrer. Der Rest fährt unten, in der U-Bahn.

Die Performance führt die Teilnehmer von der Station Messestadt Ost bis nach Feldmoching, dem topografisch tiefsten Punkt der Stadt. Unterwegs begegnen sie Figuren, die Aspekte sozialer Ungleichheit in sich tragen und hören über Kopfhörer Geschichten. Wie die von den drei Menschen, die 1994 während des Ausbaus der U-Bahn-Linie 2 ums Leben kamen, als ein sich plötzlich öffnender Krater einen vollbesetzten Linienbus in die Tiefe zog.

Theater in der Grauzone

Wochenlang habe er mit der Münchner Verkehrsgesellschaft MVG verhandelt, berichtet Theußl, aber eine Genehmigung für eine offizielle Veranstaltung habe er nicht bekommen. "Wir haben uns daher für einen Mittelweg entschieden, eine Grauzone: Wir werden uns als normale Fahrgäste durch die U-Bahn bewegen, uns also strikt an die Beförderungsbedingungen halten. Ich hätte gerne ein bisschen mehr ausprobiert, aber nun konzentrieren wir uns eben auf die Ton-Ebene". Für Irritationen werde das Auftreten der Gruppe dennoch sorgen, glaubt er. "Wir verschieben den Fokus der Aufmerksamkeit: Den Menschen wird bewusster, dass sie in einer U-Bahn sitzen. Und ihnen wird bewusster, dass sie Zeuge einer Kunstaktion werden. Die Realität wird also noch realer und die Fiktion noch fiktiver".

Besonders wichtig ist Theußl, dass das Projekt partizipativ ist: "In normalen Theatern kauft man als Zuschauer mit der Eintrittskarte das Recht, sich berieseln zu lassen. Das frustriert mich". Ein Abend könne vielschichtiger gelingen, wenn Akteure und Besucher gemeinsam eine Verantwortung für den Abend übernähmen.


"UNTN - ein musikalisches Untergrundstück": Premiere am Donnerstag, 12. Juli, weitere Performances am 13., 17., 18. und 19. Juli. Beginn jeweils um 20 Uhr in der kalendarischen Sonnenuhr an der Station Messestadt Ost der Münchner U-Bahn-Linie U2, Ende gegen 22.30 Uhr am Walter-Sedlmayr-Platz in Feldmoching. Begrenzte Teilnehmerzahl, Anmeldung unter Mail info.untn@googlemail.com oder Telefon 0176 98232363.

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1. Wau
Evy 11.07.2012
Ich finde das nicht so überraschend, vor zwei Jahren hatten wir das in Dresden - wir wurden mit Kopfhörern durch ein Einkaufszentrum geleitet. Es ist faszinierend,wie gut so etwas funktioniert, wie abgeschlossen man ist. Nixdestotrotz sollten sich die Kommunen nicht gg. Kunst im öffentlichen Raum wehren, sondern sie als Bereicherung betrachten - das fängt bei Straßenmusik an und hört bei Performances auf - ich finde es cool, Kunst als etwas wahrzunehmen, was den Alltag durchbricht.
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