Hollywood-Streik Bangen um die Oscars

Die Verhandlungen sind gescheitert, der Streik der Drehbuchautoren in Hollywood geht weiter und wirft seine Schatten auf die beginnende Saison der Preisverleihungen. Die US-Filmbranche befürchtet, dass Glamour-Events wie die Oscars unter dem Arbeitskampf leiden werden.


Los Angeles - Es ist nicht mehr so lange hin. Am 13. Dezember werden die Nominierungen für die Golden Globes bekanntgegeben, knapp einen Monat später werden die prestigeträchtigen Preise der Hollywood-Auslandspresse vergeben. Wiederum vier Wochen später sollen die Oscars, die wichtigsten Preise der amerikanischen Filmindustrie feierlich verliehen werden - in einer Glamour-Show.

Nur: Wer schreibt diesmal die Witze für die Oscar-Party? Wer schreibt die Gags für die Moderation der Golden-Globes-Show, wenn die gewerkschaftlich organisierten Drehbuchautoren dauerhaft streiken?

Streikende Autoren vor Kinoplakat (in Los Angeles): Harte Zeiten für Hollywood
AFP

Streikende Autoren vor Kinoplakat (in Los Angeles): Harte Zeiten für Hollywood

Am Freitag saßen die in der WGA, der Writers Guild of America, organisierten Schreiber erneut mit den TV- und Kinoproduzenten zusammen, um über ihren neuen Tarifvertrag zu beraten. Die Verhandlungen scheiterten ebenso wie die vielen Runden zuvor, ein neuer Termin wurde nicht angesetzt.

Während die Amerikaner sich auf die Holiday Season, das Weichnachtsfest und das Neujahrsfeuerwerk vorbereiten, gehen in Hollywoods Kreativlabors langsam die Lichter aus, statt festlicher Stimmung herrscht blanke Angst.

Keine Witzeschreiber, keine Witze

Die Jubelfeiern der Branche sind meist friedfertige Veranstaltungen, jede Menge Schultern werden geklopft. Diesmal indes werden es sich Autoren und Produzenten genau überlegen, ob sie bei einer Verleihung auf den Kontrahenten im Arbeitskampf treffen wollen.

Schauspieler und Regisseure wie Tom Hanks ("Angels & Demons"), Johnny Depp ("Shantaram") oder Oliver Stone ("Pinkville"), deren aktuelle Projekte wegen des Streiks zum Erliegen kommen, dürften nicht gut auf die Autoren zu sprechen sein. Entsprechend gespannt ist die Stimmung in der Branche. Wohl niemand hat große Lust, beim Flanieren auf dem roten Teppich von den Sprechchören streikender Autoren belästigt zu werden.

Dabei gäbe das ganze Spektakel reichlich Stoff für beißende Gags und Kommentare bei den Oscars ab - allein, es ist derzeit niemand bereit, sie zu schreiben. Dass man sich auf das Humorreservoir der besten Spaßmacher der Nation nicht unbedingt verlässt, zeigt die Tatsache, dass die täglichen Talkshows von Jay Leno, David Letterman und Konsorten seit Beginn des Streiks auf Eis gelegt wurden: Keine Witzeschreiber, keine Witze. "Es ist eine gefährliche Zeit für die Industrie", warnt Filmproduzent Richard Zanuck, zehn Jahre lang Chef der Fox-Studios, in der "L.A. Times".

Ein Fest der Wiederholungen

Vom Ausfall der für die Filmbranche so wichtigen Awards-Shows redet derzeit noch niemand, aber schon jetzt muss die Branche schmerzhafte Einbußen hinnehmen, allein dadurch, dass die Stars mangels aktueller Talkshows keine Werbetrommeln für ihre oscarwürdigen Filme rühren können. Als die Drehbuchautoren vor 20 Jahren erstmals länger in den Streik traten, kostete es 500 Millionen Dollar, diesmal wird mit dem Siebenfachen dieser Summe gerechnet. Hauptleidtragende sind hierbei jedoch die großen Fernseh-Networks: Rund 44 TV-Serien und 21 Sitcoms werden derzeit produziert, jede Episode kostet zwischen zwei und drei Millionen Dollar. Bis auf wenige Ausnahmen, darunter vorproduzierte Serien wie "Lost", kommen dieser Tage alle laufenden Produktionen zum Erliegen. Das Weihnachtsprogramm in den USA wird dieses Jahr ein Fest der Wiederholungen sein.

Die TV-Sender besinnen sich auf das, was weniger Geld kostet und vor allem nicht mit gewerkschaftlich organisierten Autoren bestritten wird: Reality-TV. Mit Macht schieben die großen Networks neue realitätsbasierte Formate an, manche altbewährt wie die Überlebensshow "Survivor" oder das DSDS-Pendant "American Idol", manche neu wie die Lügendetektorshow "A Moment of Truth" oder das Benefizspektakel "Oprah's Big Give" mit TV-Superstar Oprah Winfrey. NBC wird sich laut "New York Times" an eine Neuauflage des martialischen Wettkampfformats "American Gladiators" wagen, Konkurrent Fox setzt auf Geschlechterspielchen, indem es in "When Women Rule The World" Männer in eine matriarchalische Welt schickt.

Kein Wunder, dass die "Times" bereits ängstlich eine tiefgreifende Veränderung des Prime-Time-Fernsehens in den USA heraufbeschwört. Rund 40 Millionen TV-Zuschauer, die sich in den vergangenen Jahren an hochqualitative Fiction-Formate wie "CSI", "24" oder "Heroes" zur besten Sendezeit gewöhnt haben, müssen demnächst zum Dinner mit dem Dschungelcamp oder ähnlichem Reality-Unsinn vorlieb nehmen. Dem amerikanischen Fernsehpublikum stehen sehr unfrohe Weihnachten bevor. Ein Ende des Streiks ist mit dem Scheitern der Verhandlungen am Freitag in weite Ferne gerückt.

bor



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